• Kurt Scheel, eine Erinnerung

    Er war im Leben und Tod einer der mir fremdesten Menschen, die ich kenne und gekannt habe. Oder sollte ich sagen: einer der ungewöhnlichsten? Als wir uns zum ersten Mal trafen, um herauszufinden, ob wir zusammen den Merkur machen könnten, fiel die bejahende Entscheidung meinerseits nicht wegen einer ähnlichen oder sich annähernden Idee zum Projekt. Die ließ noch einige Zeit auf sich warten. Aber ich hatte den Eindruck, einen völlig unabhängigen, originellen, ehrlichen, eben seltenen Charakter vor mir zu haben. Das war im Juni 1983, als ich die Professur in Bielefeld übernommen hatte und die Herausgeberschaft des Merkur vor mir lag. (mehr …)

  • Die Angst vor der Leitkultur

    Ausgerechnet den Begriff »Leitkultur« für etwas an sich richtig Gedachtes zu wählen, hieß dem Pietismus der ideologischen Leisetreterei ein Geschenk zu machen. Daß die häßliche Metapher nun auch noch einhergeht mit dem größten Reizwort für den hiesigen Politmoralismus, nämlich »deutsch«, erklärt die wü- tende, die herablassende oder die moralisch erpresserische Reaktion. Aber auch wenn es nicht das Wort »Leitkultur« gewesen wäre, sondern »kulturelle Norm«, also der Hinweis darauf, daß in komplexen Gesellschaften bei aller privaten Liberalität so etwas wie eine historische und mentale Dominante vorherrschen müsse, wäre die Aufregung nicht minder gewesen. Denn eine solche Norm könnte hier nicht türkisch, arabisch, südamerikanisch oder russisch sein, sondern sie müßte eben deutsch sein. Daß Freundschaft mit Ausländern immer schon zum Reichtum einer Person gehörte, daß Internationalität das Salz einer nationalen Kultur ist, ändert an der Wichtigkeit des Normbegriffs nichts, sollte jedenfalls kein Anlaß sein, die Kategorien, um die es hier geht, zu verwechseln. (mehr …)
  • Provinzialismus

    Zur Einführung eine Szene aus dem Hochschulmilieu: Eine Universität hat Anlaß, ihren namhaftesten Historiker besonders zu ehren. Der Inhaber des Wissenschaftsministeriums überbringt die Grußworte der Landesregierung. Offenbar hat der zuständige, die Ansprache vorbereitende Staatssekretärsich nicht zu informieren gewußt über die besondere methodische und inhaltliche Bewandtnis des wissenschaftlichen Werks des zu Ehrenden. Denn anstatt eben diese eigentlich unübersehbare, in der historischen Fakultät dieser Universität singulä- re geistige Beschaffenheit kurz zu charakterisieren, verfällt der Inhaber des Ministeriums in nichtssagende genormte Sätze, um am Ende den zu Ehrenden der dominierenden Forschungstendenz dieser Fakultät zuzuschlagen, die viel mit der wissenschaftspolitischen Sympathie jener Landesregierung zu tun haben mag, gar nichts jedoch mit dem wissenschaftlichintellektuellen Habitus und Interesse desjenigen, dem diese Sätze gelten sollen. Resignierte Belustigung oder leicht abflachende Empörung bei den Eingeweihten der Zuhörer. Der Skandal bleibt aus. Wie ist eine solche Ahnungslosigkeit beim Wissenschaftsministerium eines Landes möglich? Wie kann dergleichen ohne Eklat über die Festbühne gehen? Der etwas bildungsgeschichtlich Informierte denkt zurück an die Zeiten, als ein preußischer Kultusminister namens Becker für derlei zuständig war. An ihm gemessen blieben nicht nur die an diesem Jubiläumstag verschwendeten Worte peinlich haften, sondern es wurde schmerzlich überdeutlich, daß es in allen bundesdeutschen Ländern, fast ohne Ausnahme, Inhaber des Wissenschaftsministeriums gab und gibt, die ihre Karriere vordergründiger Förderung verdanken, ohne jede geistige Begabung oder gar Leistung als Leitinstanz für ihr Amt zurVerfügung zu haben. Wir ersparen uns die Namen und Potenzen gegeneinander abzuwägen. Unter dem Strich käme überall, ob SPD- oder CDU-regiert, das gleiche klägliche Ergebnis heraus. Der politologisch Beschlagene belehrt einen nun, inwiefern Wissenschaftsministerien heute nach rein opportunen Gesichtspunkten politischer Verwaltung und Proporzinteresse vergeben werden, zumal es inzwischen da mehr um Geld denn um Geist gehe. Dennoch ist der Argwohn nicht einzudämmen, daß die intellektuellen shortcomings der fürWissenschaft und Kultur zuständigen Minister der Landesregierung etwas zu tun haben könnten eben mit dem Tatbestand, daß es sich um bloß regionale Zuständigkeiten handelt, die gewiß sein können, daß ihnen kein höheres kulturelles Gewissen zusieht: In Westdeutschland endete jede Perspektive in der jeweiligen Provinzhauptstadt. Im Unterschied zu den Zeiten eines preußischen Kultusministers Becker existiert nirgends die höhere Zentrifugalkraft eines Bildungs- und Kulturbewußtseins, an dem die Provinz sich ausrichten, ihre unübersehbaren, ganz verständlichen und notwendigen Defekte korrigieren könnte. Schlimmer: Man weiß inzwischen nicht mehr, daß man Provinz ist. Solange der Ministerpräsident eines Landes einer ihm mutlos zuhörenden Runde von Geisteswissenschaftlern erklären kann, Bücher über Bücher zu schreiben, sei nach seiner Ansicht keine zu unterstützende Wissenschaft, solange wird die institutionelle Provinzialisierung der geistigen Landschaft fortschreiten. Provinziell daran ist ein Doppeltes: Die Gewißheit, mit solch bornierter Selbstenthüllung - undenkbar in den Hauptstädten der europäischen Länder - ungestraft davonzukommen; und ihre Ursache: eine mangels geistig-urbaner Perspektive weit fortgeschrittene kleinbürgerliche Verspießerung solcher Amtsträger, die sich besonders in der Begeisterung für technisches Know-how äußert. Nicht nur im Bildungsbereich halten sich provinziale Provinzfürsten und ihre Diener für das Salz der Erde. Politik wird immer mehr verstanden als Landespolitik im Sinne einer kleinkarierten Souveränität, die ihre Beschränktheit nicht weiß, sondern sich mächtig aufbläst wie der König des Duodezfürstenturns in Georg Büchners Leonce und Lena. Irgendwann in den siebziger Jahren geschah es, daß die an sich ja nicht nachteilige föderative Struktur der Republik eine neue Tendenz zur gänzlichen Partialisierung von Regionalinteressen entwickelte. Wer zu diesem Zeitpunkt die Bundesrepublik von außen betrachtete, konnte vor allem den Trend zum hedonistischen Lokalpatriotismus feststellen, den es vorher so nicht gegeben hatte. Nunmehr statteten sich die Regionen, zumal die Landesmetropolen, mit einem neuen Look zwischen aufgehübschter Fußgängerzone, rekonstruierten Altstädten und zum Schlaraffenland umfunktionierten Bahnhöfen aus, so daß den Provinzbewohnern jenes für die Provinz notwendige Fernweh, irgendwo anders sei es irgendwie feiner, reicher, moderner, wichtiger, langsam abhanden kam. Düsseldorf und München sind hierfür die vielleicht sprechendsten Beispiele. Der Irrtum war, die aufgeblähte Provinz für das Urbane, ja die neue Metropole zu halten. Indem in Westdeutschland fünf, sechs, sieben »Metropolen« entstanden, eine reicher als die (lesen ...)