Provinzialismus

Zur Einführung eine Szene aus dem Hochschulmilieu: Eine Universität hat Anlaß, ihren namhaftesten Historiker besonders zu ehren. Der Inhaber des Wissenschaftsministeriums überbringt die Grußworte der Landesregierung. Offenbar hat der zuständige, die Ansprache vorbereitende Staatssekretärsich nicht zu informieren gewußt über die besondere methodische und inhaltliche Bewandtnis des wissenschaftlichen Werks des zu Ehrenden. Denn anstatt eben diese eigentlich unübersehbare, in der historischen Fakultät dieser Universität singulä- re geistige Beschaffenheit kurz zu charakterisieren, verfällt der Inhaber des Ministeriums in nichtssagende genormte Sätze, um am Ende den zu Ehrenden der dominierenden Forschungstendenz dieser Fakultät zuzuschlagen, die viel mit der wissenschaftspolitischen Sympathie jener Landesregierung zu tun haben mag, gar nichts jedoch mit dem wissenschaftlichintellektuellen Habitus und Interesse desjenigen, dem diese Sätze gelten sollen. Resignierte Belustigung oder leicht abflachende Empörung bei den Eingeweihten der Zuhörer. Der Skandal bleibt aus.

Wie ist eine solche Ahnungslosigkeit beim Wissenschaftsministerium eines Landes möglich? Wie kann dergleichen ohne Eklat über die Festbühne gehen? Der etwas bildungsgeschichtlich Informierte denkt zurück an die Zeiten, als ein preußischer Kultusminister namens Becker für derlei zuständig war. An ihm gemessen blieben nicht nur die an diesem Jubiläumstag verschwendeten Worte peinlich haften, sondern es wurde schmerzlich überdeutlich, daß es in allen bundesdeutschen Ländern, fast ohne Ausnahme, Inhaber des Wissenschaftsministeriums gab und gibt, die ihre Karriere vordergründiger Förderung verdanken, ohne jede geistige Begabung oder gar Leistung als Leitinstanz für ihr Amt zurVerfügung zu haben. Wir ersparen uns die Namen und Potenzen gegeneinander abzuwägen. Unter dem Strich käme überall, ob SPD- oder CDU-regiert, das gleiche klägliche Ergebnis heraus.

Der politologisch Beschlagene belehrt einen nun, inwiefern Wissenschaftsministerien heute nach rein opportunen Gesichtspunkten politischer Verwaltung und Proporzinteresse vergeben werden, zumal es inzwischen da mehr um Geld denn um Geist gehe. Dennoch ist der Argwohn nicht einzudämmen, daß die intellektuellen shortcomings der fürWissenschaft und Kultur zuständigen Minister der Landesregierung etwas zu tun haben könnten eben mit dem Tatbestand, daß es sich um bloß regionale Zuständigkeiten handelt, die gewiß sein können, daß ihnen kein höheres kulturelles Gewissen zusieht: In Westdeutschland endete jede Perspektive in der jeweiligen Provinzhauptstadt.

Im Unterschied zu den Zeiten eines preußischen Kultusministers Becker existiert nirgends die höhere Zentrifugalkraft eines Bildungs- und Kulturbewußtseins, an dem die Provinz sich ausrichten, ihre unübersehbaren, ganz verständlichen und notwendigen Defekte korrigieren könnte. Schlimmer: Man weiß inzwischen nicht mehr, daß man Provinz ist. Solange der Ministerpräsident eines Landes einer ihm mutlos zuhörenden Runde von Geisteswissenschaftlern erklären kann, Bücher über Bücher zu schreiben, sei nach seiner Ansicht keine zu unterstützende Wissenschaft, solange wird die institutionelle Provinzialisierung der geistigen Landschaft fortschreiten. Provinziell daran ist ein Doppeltes: Die Gewißheit, mit solch bornierter Selbstenthüllung – undenkbar in den Hauptstädten der europäischen Länder – ungestraft davonzukommen; und ihre Ursache: eine mangels geistig-urbaner Perspektive weit fortgeschrittene kleinbürgerliche Verspießerung solcher Amtsträger, die sich besonders in der Begeisterung für technisches Know-how äußert.

Nicht nur im Bildungsbereich halten sich provinziale Provinzfürsten und ihre Diener für das Salz der Erde. Politik wird immer mehr verstanden als Landespolitik im Sinne einer kleinkarierten Souveränität, die ihre Beschränktheit nicht weiß, sondern sich mächtig aufbläst wie der König des Duodezfürstenturns in Georg Büchners Leonce und Lena. Irgendwann in den siebziger Jahren geschah es, daß die an sich ja nicht nachteilige föderative Struktur der Republik eine neue Tendenz zur gänzlichen Partialisierung von Regionalinteressen entwickelte. Wer zu diesem Zeitpunkt die Bundesrepublik von außen betrachtete, konnte vor allem den Trend zum hedonistischen Lokalpatriotismus feststellen, den es vorher so nicht gegeben hatte. Nunmehr statteten sich die Regionen, zumal die Landesmetropolen, mit einem neuen Look zwischen aufgehübschter Fußgängerzone, rekonstruierten Altstädten und zum Schlaraffenland umfunktionierten Bahnhöfen aus, so daß den Provinzbewohnern jenes für die Provinz notwendige Fernweh, irgendwo anders sei es irgendwie feiner, reicher, moderner, wichtiger, langsam abhanden kam. Düsseldorf und München sind hierfür die vielleicht sprechendsten Beispiele. Der Irrtum war, die aufgeblähte Provinz für das Urbane, ja die neue Metropole zu halten. Indem in Westdeutschland fünf, sechs, sieben »Metropolen« entstanden, eine reicher als die andere, wurde inWirklichkeit alles zur Provinz. Aus jenen Jahren erinnere ich die Szene, daß ein eher wertkonservativer Zeitungsverleger mit 1097 einem gewissen Stolz sagte, seine Kinder hätten keine überregionale Orientierung, sondern entwickelten ein spezifisches Landes- und Stadtbewußtsein. Das war damals als Entdeckung einer interessanten neuen Entwicklung gemeint. Fünfzehn Jahre später spricht ein Träger des Wissenschaftsministeriums selbstverständlich über die eigenen Landesuniversitäten im Sinne einer Souveränität, der gegenüber die anderen Universitäten der Republik wie ausländische Institutionen erscheinen. Und die westdeutschen Landesregierungen sind klammheimlich dazu übergegangen, sich in den europäischen Hauptstädten eigene Vertretungen zu halten, und Botschaften wären ihnen noch lieber.

Diese Verschiebung eines Zentrums oder eines Allgemeinheitsbewußtseins zugunsten des Separaten ist in einem politischen Datum von großer Symbolkraft abzulesen: 1982, der Wahl von Helmut Kohl zum westdeutschen Bundeskanzler. Die Kanzler Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt und Schmidt und deren jeweilige Konkurrenten im Wahlkampf (Schumacher,. Ollenhauer und Strauß) hatten alle nicht bloß zeitweilige abgesicherte, sondern imponierende, der überregionalen Öffentlichkeit bekannt gewordene Karrieren als Bundestagsabgeordnete, Fraktionsvorsitzende , Parlamentsredner und Bundesminister hinter sich. Brandt, die einzige Ausnahme von dieser Regel, war als Regierender Bürgermeister von Berlin diesen Bonner Karrieren an politischer Erfahrung und Prestige gleichzustellen.

Mit dem erfolgreichen Erscheinen Kohls auf dem Bonner Kanzlerterrain hatte sich demgegenüber etwas Grundsätzliches verändert. Gewiß, Kohls Karriere zur Kanzlerschaft enthielt auch den Abschied vom rheinlandpfälzischen Ministerpräsidentenamt und die Übernahme der Bonner CDU-Führung in der Nachfolge des agilen und rhetorisch begabten Barzel. Aber diese Jahre traten bei Kohl nicht als die seine politische Identität schaffenden hervor. Im Schatten des übermächtigen hanseatischen Kanzlers Schmidt sah man in Kohl, den man bis Mitte der siebziger Jahre noch als heimliche liberal-intellektuelle Trumpfkarte der CDU gehandelt hatte, plötzlich den, der er eigentlich war: ein in Heidelberg in Politikwissenschaft mäßig promovierter Landespolitiker, der sich im engen Netz parteipolitischer provinzialer Beziehungen, Abhängigkeiten und Loyalitäten eine unanfechtbare Stellung als Kandidat der Partei für das höchste Amt geschaffen hatte. Kaum war der Mann aus Oggersheim, wie erstmalig ein Kanzler spöttisch nach seiner regionalen Herkunft genannt wurde, so weit, wurden auch die provinzialen Charakteristika deutlicher als je zuvor, bis hin zu den ihn um ein Haar alles politische Prestige kostenden Entgleisungen gegenüber Gorbatschow, in Bitburg und Israel. Kohls sofort als politische Schwäche zutage tretende Provinzialität – nicht bloß im Sinne eines plötzlichen Stilverlusts im Kanzleramt, wie man das nunmehr herunterspielt als nur den»Ästheten« interessierendes Defizit, sondern als Defizit politischer Moral – hier noch einmal auszustellen, ist überflüssig, obwohl einem neuen Feeling zu widersprechen wäre, das den Giganten vom Kaukasus entdeckt hat, eine Sichtweise , die vergessen machen will, wie zufällig, bei allem politischenVerdienst doch ohne innovatorische Leistung das alles zustande kam. Aber dies kann hier nicht mehr die Pointe sein, sondern diese entsteht gerade umgekehrt, wenn man seinen Gegenspieler von gestern ins Auge faßt: den provinzialen hedonistischen Westdeutschen par excellence, den Ministerpräsidenten des Saarlandes. Denn wie Kohl vorher trat nun abermals ein neuer Bewerber ums Kanzleramt auf den Plan, bei dem die Provinz nicht nur eine spezifische politische Perspektive bedingt, sondern – das ist ein weiterer Schritt – eine regelrechte Ideologie entwickelt hat. Und diese Erscheinung hat als politisches Novum offenbar Methode, denn der bislang Marginalien renommierteste CDU-Landesfürst, der Ministerpräsident Baden-Württembergs, war bis zur innen- und außenpolitischen Wende des Herbstes 1989 der einzige ernsthafte Konkurrent Kohls innerhalb seiner Partei: Kein Bundespolitiker war da, um den Ministerpräsidenten auf seinen Platz zu verweisen. Daß es sich um eine Provinzgröße handelt, wurde erst deutlich beim verunglückten Putsch gegen den im Sommer 1989 eigentlich abgewirtschafteten Kanzler. Späth ist nur das herausragende Argument dafür, daß der Fall Lafontaine ein Paradigma für die mit Kohl einsetzende Änderung der politischen Struktur darstellt. Andere ließen sich hinzufügen: Unter den potentiellen zukünftigen SPD-Bewerbern um höchste Ämter gibt es charakteristischerweise keinen herausragenden Parlamentarier, sondern die Enkel Brandts sind Ministerpräsidenten, die das regionale Milieu im Kontext des Antimetropolenressentiments der mit ihnen verbündeten Grünen kultivieren.

Franz Josef Strauß, dem man nachsagen könnte, daß er den provinzialen Widerstand gegen die Bonner Zentrale erfunden und zeitlebens betrieben, daß er die bayerische eigenstaatliche Tradition zu einer Bastion des Widerstands ausgebaut hat, war im Unterschied zu den genannten Provinzgrößen von Anfang an gleichzeitig eine Figur der Zentrale. Selbst der trotzige bayerische Ministerpräsident Strauß hat Provinz und Politik nie verwechselt. Der Unterschied zwischen ihm und seinem Nachfolger liegt genau in diesem stets wachen, alles Provinziale hinter sich lassenden politischen Bewußtsein. Insofern war Strauß‘ Wirkung auch, die Grenzen der politischen Provinz deutlich zu markieren – ein Effekt, der nach seinem Tode nicht mehr wirkt. Sein Nachfolger ist die reine regionale bayerische Größe mit der für sie charakteristischen Neigung zu einer notorischen Überschätzung des opulenten Potentials, was Streibl mit den namhaftesten seiner Amtskollegen verbindet. Daß diese an politischem Einfluß und Publikumswirksamkeit parlamentarische Größen – seien es die jeweiligen Fraktionsführer, seien es die jeweiligen Parteisekretäre – inzwischen in den Schatten stellen, ist alles andere als selbstverständlich; ein neuer, vor einem Jahrzehnt begonnener, vor Jahr und Tag abgeschlossener Prozeß ist damit zu Ende gekommen. Kein Vergleich mit der Zeit, als Parlamentslöwen wie Wehner und Schmidt, Kiesinger und Barzel, zu schweigen von Carlo Schmid und Dehler, die politische Phantasie des Wählers beherrschten, obwohl sie von sonoren Ämtern noch weit entfernt waren. Insofern ist der Aufstieg der politischen Provinz auch ein Symptom für einen gewissen Verfall des westdeutschen Parlamentarismus, ja des Politischen überhaupt, ein Phänomen, dessen strukturelle politische und soziologische Ursachen noch wenig untersucht sind.

Der ursprüngliche Provinzialismus des amtierenden Kanzlers hat das gefährliche Erstarken dieser partikularen Kräfte begünstigt. Kohl, im Unterschied zu seinen Vorgängern, ist von Erscheinung und ursprünglichem Instinkt auch im Amt des Kanzlers bis zum Jahre 1989 ein Provinzfürst geblieben, der seinen Kollegen von einst zu lange nicht die Aura des Staates entgegenhalten konnte, um diesen vor dem Wuchern des Regionalen zu schützen. Daß dies sogar von der neuen SPD – und nicht nur aus wahltaktischen, sondern aus ideologischen Gründen – als verfassungshistorischer Gewinn eher belobigt denn getadelt wird, ist deutlich erkennbar, vor allem seitdem sie Kohls durch die geschichtlichen Ereignisse erzwungene härtere Gangart bei der staatlichen Vereinigung als »Privatpolitik« zu diffamieren versuchte, obwohl Kohl endlich nur tat, was des Kanzlers Sache ist.

Hier soll die provinzielle Konstellation angedeutet werden, die eine pittoreske Erscheinung wie Oskar Lafontaine trotz der abzusehenden Wahlniederlage so politisch relevant macht. Lafontaine versucht, sich gerade auf dem Image-Glacé durch weltläufige Modernität von dem biederen, dem pfälzischen Saumagen zugetanen Kanzler zu unterscheiden. Aber genauer Beobachtung kann es nicht verborgen bleiben: Dieser Besucher südeuropäischer Regionen und Liebhaber französischer Rotweine stellt genau jenen umtriebig informierten westdeutschen Touristentypus dar, bei dem die Koketterie mit genannten feinen Unterschiedsmerkmalen, mit denen sich sein Hedonismus kennerisch schmückt, bloß eine tiefe Ignoranz gegenüber den fremden Ländern verdeckt. Wäre es anders, dann würde der Ausdruck solcher Kennerschaft nicht so laut ausfallen, dann würde man wissen, daß sich die namhaften Vertreter dieser schönen Länder eine solch vollmundige Inanspruchnahme, eine solch blauäugige Behauptung von europäischer Gemeinsamkeit verbitten würden. Das zu verkennen ist eben das spezifisch Provinzielle: Der neue, »weltläufig« gewordene Provinzler verwechselt sein anbiederndes mit urbanem Verhalten, mit einer Mentalität, der er allenfalls bei von Metropolen geprägten bürgerlichen Schichten begegnen könnte. Was bei Lafontaine besonders durchschlägt, ist auch bei seinen Kollegen und politischen Freunden in anderen Ministerpräsidentensitzen zu erkennen: die saubere neue Welt technokratischer Innovation zwischen Meer und Heide, ohne den Ballast bürgerlicher Vergangenheit und Kultur. Diese Provinzialität aufgeräumter, blitzblanker Innenstädte und lukullisch-appetitlicher Angebote, denen jeder Anflug von Geschichtlichkeit ausgetrieben wurde, enthält ein besonderes, manchmal hysterisch wirkendes Gefahrenverbot: Alles soll gesund, übersichtlich, geregelt sein, buchstäblich die staatlich verordnete Idylle jenseits der großen Politik. Politik ist geschrumpft zur Ökologie und technisch-wirtschaftlicher Hygienik, kein Gedanke an politischstrategischeVerantwortlichkeiten jenseits der bundesrepublikanischen Grenzen. Hier beginnt die Tabuzone dessen, der die Welt zur Provinz erklärt hat.

Lafontaine hat diese äußerste Konsequenz des grünen, antiurbanen Provinzialismus zum Kernstück seiner sozialen Utopie gemacht. Wie politisch defizitär diese Saarbrückener Weltsicht ist, war immer schon deutlich genug. Aber erst die plötzlich aufgekommene Aussicht auf die deutsche Frage, die hereinbrechende Problematik eines neuen deutschen Nationalstaates, brachte es an den Tag: Der westdeutsche Provinzialismus, inkarniert in einer politischen Lieblingsgestalt der jüngeren linken Generation, die keinerlei persönliche Erinnerung mehr besitzt an die »Stunde Null« und deren nationales geschichtliches Bewußtsein kaum vorhanden ist, war und ist nicht imstande, die neue eminent politische Situation auch nur annähernd verbal und praktisch zu beantworten. Es ist charakteristisch, daß sich Lafontaine beeilte zu versichern, daß die neue Republik bald aufgehen müsse in einem größerenVerband Europa – der Versuch, die eigentlich politische Konstellation zugunsten eines utopischen Miteinanders zu leugnen. Er hat nicht den doch realpolitischen Gedanken daran verschwendet, daß kein ernstzunehmender westeuropäischer Politiker oder gar Intellektueller solchen Integrationsprozeß wirklich befürwortet. Seine realitätsfremde Sichtweise teilt er nicht nur mit der Mehrheit seiner politischen Gefährten, sondern auch mit dem apolitischen Hedonismus generell, der nicht nur Friseusen, sondern auch Kulturdezernentinnen lieber nach Mailand denn nach Leipzig fahren läßt.

Was ist gegen eine solch notorisch ausländische Blickrichtung einzuwenden? An sich ist sie nur zu begünstigen. Solange hier nämlich eine bewußt historisch und politisch reflektierte Priorität liegt, in der die spezifische Kenntnis des favorisierten fremden Landes und seiner Gesellschaft als Fremde einbeschlossen ist, solange handelt es sich um eine persönlich höchst achtbare Wahl und Lebensentscheidung, die eine Reihe deutscher Nachkriegsintellektueller (ganz zu Marginalien schweigen von politischen Emigranten) immer wieder die fremde Metropole der eigenen Heimat vorziehen ließ. Der Europrovinzialismus a la Lafontaine hat mit derlei nichts zu tun. Er ist das Gegenteil davon: Das Ausscheren aus dem spezifisch Politischen zugunsten einer undeutlich verwaschenen Sphäre zwischen Baguette und Mittelmeerbad. Das provinzielle Politikverständnis sucht nach jenem Geisteszustand, den eine alte Redensart auch als »Ferien vom Ich« umschreibt, die politisch gewendet erst richtig aufschlußreich wird: Solche politischen Ferien vom Ich würden dann bedeuten: eine Flucht vor der Einsicht, daß noch immer und trotz Gorbatschow Probleme entstehen, die mit ökologisch-ökonomischen Antworten nicht lösbar sind. Eine Flucht aus der Weltpolitik in den Märchenwald, wo uns keiner mehr findet, außer der guten Fee, die meldet, daß der Weltfriede ausgebrochen ist. In diesem Lichte erscheinen sogar die westdeutschen sommerlichen Ferien gar nicht mehr so harmlos, denn die Millionen, die sich mit solcher Wucht und unter Ertragung größter Strapazen alljährlich in diese europäischen Ferien stürzen wie kein anderes Volk in der Welt, scheinen ebenfalls auf einer Flucht zu sein. Wovor? Jedenfalls vor einer komplizierterenWelt in eine weniger komplizierte, ein Schlaraffenlanddasein .

Lafontaine ist so etwas wie der Seelsorger dieser ewig Ferienbedürftigen, und er wird es auch bleiben trotz seiner Wahlniederlage. Der politische Eskapismus, den er repräsentiert, ist das Projekt des Schlaraffenlands und des einfachen Lebens. Nicht das bonne vie der älteren Franzosen, weil hierin schon zuviel an zivilisiertem Bewußtsein des metropolenbewußten Menschen steckt. Insofern hat seine persönliche Beliebtheit nichts Überraschendes, denn sie erklärt sich nicht einfach aus relativer Jugend und dem Panaschee seiner Auftritte, sondern aus seiner tiefen Entsprechung gegenüber dem kollektiv verbreiteten Bedürfnis nach den ewigen Ferien im Grünen. In dieser Perspektive erscheint Kohl, der Mann der Einigung, als Gegentypus. Seine Provinzialität enthält ganz im Unterschied zu seinen harten Vorgängern auch ein mütterliches Versprechen auf das Wohlige in der Wohnküche. Aber sie ist defensiver, bleibt verdeckt für die privaten Stunden, während für die Öffentlichkeit doch die Schürze abgetan und der väterliche schwarze Anzug herausgeholt wird und die Staatsmannsrhetorik, wie ungeschickt auch immer. Kohl hat seine Provinzialität zwar gelebt, Nippes und Aquarium in seiner Staatsästhetik verewigt, aber nicht versucht, sie offiziell zum Stil einer neuen Politik zu machen wie sein Gegenüber.

Zum Fokus der fortgeschrittenen Provinzialisierung, des ängstlichen Vermeidens des Zuwachses an politischem Einfluß, ist die Debatte um die zukünftige Hauptstadt geworden. Ausgerechnet angesichts der einmaligen historisch günstigen Situation, die fortgeschrittene politische und geistige Partialisierung Westdeutschlands umzukehren, die einzige wirklich neue Möglichkeit, die die zusammengebrochene DDR dem westdeutschen Staat mitbringt, hat eben diese Partialisierung sich triumphierend selbst erkannt und laut dröhnend auf den Begriff gebracht. Es hat wenig Nachdenkenswertes gegen Berlin zu lesen gegeben. Die besten Plädoyers waren jene für die alte preußische und deutsche Hauptstadt, nicht zuletzt die in der Tat waghalsige, weil allen Westdeutschen ala Lafontaine abholde Berlin-Rede Richard von Weizsäckers. Das war schon imTon so abgehoben von der hedonistischen Provinz, daß man den Eindruck bekam, der Bundespräsident sei im nachhinein selbst erschrocken darüber, daß er in einer hochgemuten Stunde sein den Provinzialdeutschen so absolut überforderndes geistiges Temperament sprechen ließ. Was für Berlin zu sagen wäre, ist schließlich von Christian Meier besonders überzeugend, weil nüchtern, dargelegt worden, ganz abgesehen von der seit Wochen und 1101 Monaten in der FAZ zu lesenden nützlichen Leserbrief-Debatte. Für unsere Thematik ist wichtiger, daß außer dem Berliner Bürgermeister sämtliche Ministerpräsidenten der westdeutschen Länder und einige Oberbürgermeister sich von rechts bis links in ihrer Ablehnung von Berlin als zukünftigem Regierungssitz einig sind.

Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, die einschlägigen Erklärungen der Raus, Wallmanns und Streibls noch einmal nachzulesen. Was in Erinnerung haften bleibt, ist nicht Weisheit welterfahrener, Berlin-skeptischer Leute, sondern ein politisch-kulturelles Niveau von Provinzfürsten, in denen die Mentalität der sich überschätzenden deutschen Kleinstaaten wiederauferstanden ist. Erinnert sei nur an Streibls Warnung vor der Hauptstadtvariante namens Kreuzberg. Das war die reaktionäre, sich sauber haltende Angst vor metropolitaner Dynamik. Harmloser, aber nicht weniger häßlich als Gesicht der Provinz sind die heimlichen Rücksichten ums Eigenheim mit Jägerzaun an Rhein, Main, Neckar und Donau, die Bundestagsabgeordnete, Berlins letzte Hoffnung, gegen jene als Regierungsmetropole mag stimmen lassen. Die Berlin-Furcht entblößt die psychische Bewandtnis des Glücks einer Gesellschaft, die nunmehr politisch und geistig weit überfordert ist. Ihre von vielen Seiten belobigte Bescheidenheit ist falsch, wie ein englischer Beobachter in der Zeit entlarvend über den Versuch schrieb, mächtig ohne Konsequenz sein zu wollen: »Nichts ist frivoler als ein zu klein geratenes Feigenblatt.« Berlin ist nur das negative Codewort für die Aussicht, daß in nicht allzu ferner Zukunft von deutscher Politik etwas mehr verlangt wird als das, was sich Lafontaine so vorstellt und was Kohl wahrscheinlich kann – dessen alte Limitierungen in der schwierigen politischen und intellektuellen Konstellation bald wieder zum Vorschein kommen werden. Auch ohne Lafontaine hat die Provinz ihren Kanzler gefunden.

Wenn es nicht zu Berlin als Haupt- und Regierungsstadt kommt, dann ist absehbar, wie die neuen ostdeutschen Provinzen trotz der zu erwartenden allmählichen wirtschaftlichen Gesundung, ihres wenn nicht geliebten, so doch wirksamen Magnetbergs beraubt und weit entfernt vom politischen Zentrum, vor sich hin dämmern. Auch die Düsseldorfer oder Münchner Provinzialisierung wird dort fortschreiten, aber mit dem unheimlichen Nachgeruch, daß die SED-Provinz weiterhin, zumal in Ost-Berlin, Mecklenburg und Brandenburg, ihr Schäfchen ins trokkene bringt und auf Jahre die Luft verpestet. Herr Diestel hat mit Unterstützung der westdeutschen Konservativen dafür schon alles vorbereitet. Was man etwa über den geistigen Zustand von Professoren und Studenten an der Humboldt-Universität von Gastprofessoren hört, die kein selbstauferlegter Harmonisierungszwang vor solchen Einsichten schützt, verspricht nichts Gutes für die nähere Zukunft. Fehlentwicklungen solcher Art können nachdrücklich nur von einer in Berlin sitzenden Regierungsautorität und ihrer Ausstrahlung auf die ostdeutschen neuen Länder verhindert werden. Das naive oder verlogene Leugnen, daß der ehemalige SED-Staat eine kulturpolitische Aufgabe der neuen deutschen Politik ist – durchaus vergleichbar mit der ehemaligen Verantwortung der Alliierten für das geschlagene Nazi-Deutschland -, gehört in den Kontext des politischen Provinzialisierens. Selbst wenn Berlin als Regierungsstadt – nehmen wir den Münchner Tagtraum einmal ernst – das Ausscheren der Bayern aus dem Bundesverband bedeuten sollte, dann wäre das Votum für Berlin im Sinne des Gesamtwohls die bessere Lösung. Man wünschte sich fast, daß der ruchbar gewordene Scherz des bayerischen Separatismus wirklich jene letzte Konsequenz erführe und das schöne Land zwischen Berg und Wald zur dritten Alpenrepublik geriete. In diesem phantastischen Falle provinzieller Phantasie könnte der Merkur dann Marginalien auch einer Übersiedlung nach Berlin nicht mehr wiederstehen, wollte er seinem Untertitel gerecht bleiben.

P. S. Diese Abkehr vom Politischen schlägt sich inzwischen, wenn auch unschuldig, dort in einer verräterischen Semantik nieder, wo Verdacht sich eigentlich nicht einstellen sollte: beim weltläufigsten unserer Politiker. Wenn der westdeutsche Außenminister vor der UNO-Vollversammlung in feierlicher Form erklärt, vom deutschen Boden werde künftig »nur Frieden ausgehen«, dann ist dies gewiß nur als Verstärkung der Brandtschen Formel gedacht, von deutschem Boden dürfe nie wieder Krieg ausgehen; eine notwendige Beruhigung im internationalen formalen Sprachverkehr. Dennoch drückt sich in dieser Floskel unterschwellig eine Stilisierung von politischer Realität ins Wolkige aus, der sogar das eigentlich gerade zu vermeidende Anma- ßende unterläuft, das bei der lakonischpolitischen Mentalität unserer nächsten westeuropäischen Nachbarn, ganz zu schweigen von den Amerikanern, ein Gemisch von Beunruhigung bis intellektueller Übelkeit verursacht. Denn wenn deutsche Soldaten im Falle eines zukünftigen außenpolitischen Konflikts nicht mehr, wie jetzt bei der Golfkrise, aus der Gefahrenzone herausgehalten werden können, dann klingt die Formel vom Land, von dem nur »Frieden ausgehen« werde, hohl, und ein ideologisch-phraseologischer Kern kommt zum Vorschein. Und der Anspruch, der in solch pompöser Rhetorik aufkommt, war bisher nur der religiösen zugestanden. Keine säkulare Größe sollte in solcher Sprache sprechen. Auch Genschers eigentlich sympathische Bekräftigung, die Politik Deutschlands werde »eine Politik des guten Beispiels« sein, verfällt im Kontext der selbstbezogenen Friedensformel einer irrealen Sprache. Wenn für solche sprachlichen Manipulationen des politisch Wahrscheinlichen und des Realen die Sensibilität aufhört, dann hat auch das etwas zu tun mit dem provinziellen Fluchttraum.


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