Immer Ärger mit Paul. Kino, Rassismus, Diversität (2)

 

In seiner Dokumentation Als Paul über das Meer kam begleitet Jakob Preuss Paul, einen Migranten aus Kamerun, auf seinem Weg nach Deutschland. Sie lernen sich in einem Lager vor Mellila kennen, der spanischen Enklave in Marokko, wo Paul auf die Gelegenheit einer Überfahrt nach Europa wartet. Anfangs filmt Preuss im Lager, dann wechselt er auf die spanische Seite. Preuss zeigt, wie die Migranten an dem Zaun hängen, der Melilla von Marokko trennt, von Polizisten mit Schlagstöcken runtergeprügelt und dann durch die Zäune wieder zurück auf die andere Seite geschafft werden. In diesem Moment dachte ich mir: Irgendetwas stimmt nicht mit der Art, auf die er das filmt. Aber was?

Was, das ist nicht ganz einfach zu sagen. „Heiße Abschiebung nennt man das, juristisch und moralisch hoch umstritten“, kommentiert Preuss im Off. Das ist zwar keine klare Verurteilung dieses Vorgehens, aber dass er nicht gut findet, was er filmt, wird auch irgendwie klar. Man könnte ihm weiter vorwerfen, dass die Aufnahmen von spanischer (europäischer) Seite aus entstehen und er sich durch diese Perspektive automatisch mit der Macht identifiziert, welche diese Leute abzuhalten versucht; aber dann kann man auch sagen, dass er objektiv bleiben, alle Seiten beleuchten will (später filmt er sich, wie er mit den Polizisten Rotwein trinkt und zu ihrem Job befragt), dass er also seine Rolle als Europäer reflektiert, der im Gegensatz zu Paul problemlos zwischen den Grenzen switchen kann. Preuss dokumentiert, was an den Grenzzäunen passiert, das ist ja auch schon mal etwas. Und im Weiteren wird er sowieso Paul begleiten und ihn auf seinem Weg helfen und unterstützen – am Ende zieht Paul sogar bei seinen Eltern in Berlin-Wilmersdorf ein.

Dennoch gibt es mit dieser Szene ein Problem. Und dieses liegt darin, dass Preuss hier seinen Blick auf ein Begehren richtet, das er nicht teilen kann. Die Überwindung der Grenze ist ein Akt des Begehrens: Man will über die Grenze. Preuss antwortet zwar mit seinem Film auf Pauls Begehren, nach Europa zu kommen – aber nicht auf das Begehren vieler anderer, die in diesem Moment an den Zäunen von Melilla hängen und ebenfalls dort hinwollen. Es ist dieses Begehren, das Preuss keineswegs kriminalisiert, aber mit dem er sich auch nicht solidarisiert, indem er allzu nüchtern seine Abwehr dokumentiert – und das er auf diese Weise verpasst.

Dieser Mangel an Emphase wird noch deutlicher, wenn man an einen anderen Dokumentarfilm denkt, Les Sauteurs (2016), der am gleichen Ort (vor Melilla) entstanden ist und fast nur Aufnahmen von Abou Sidibé enthielt, einem Migranten aus Mali. Rekrutiert wurde Sidibé von Moritz Siebert und Estephan Wagner, zwei europäischen Filmemachern, die ihm eine Kamera gegeben hatten; dann filmte Sidibé sich und seine Freunde, die „Springer“, in einem der Camps bei der Vorbereitung auf den „Sprung“ über den Zaun. Siebert und Wagner hatten, als westliche Autoren, die Regie an jemanden abgetreten, der das Begehren hatte, über den Zaun zu „springen“ und nach Europa zu kommen. Und der dabei das Begehren hatte, sich und andere wie ihn zu filmen: die Freunde im Lager, die Körper der „Springer“. Indem sie ihre Kontribution darauf beschränkt hatten, Sidibés Aufnahmen mit den Bildern der Überwachungskameras an den Grenzübergängen gegenzuschneiden, mit diesen entmenschlichten, automatisierten Bildern ohne Begehren, die nichts mehr befriedigt wie die Leere und nichts mehr verstört wie eine Erscheinung (Leute, die auf den Zaun zurennen), hatten sie deutlich gemacht, dass sie (stellvertretend für den Westen) diesem Begehren (zu „springen“, zu filmen) nichts entgegenzusetzen hatten. Dass die Wucht des Films, seine Energie, von jenseits des Zaunes kam. Dass sie sich nicht mit ihren eigenen Bildern solidarisierten, sondern mit denen von Sidibé.

Wer als FilmemacherIn für eine diverse Welt mit offenen Grenzen eintritt (was der Haltung von Jakob Preuss zu entsprechen scheint) kann nicht einfach nur Grenzen filmen und behaupten, man fände sie fragwürdig. Sondern man muss die Grenzen auf die Art öffnen, auf die man das als FilmermacherIn kann: durch Bilder. Durch das Begehren nach Bildern von diversen, migrierenden FilmemacherInnen; nach Bildern, die sich durch das Begehren auszeichnen, den Ort zu wechseln, anderswo zu sein. Durch die Solidarität mit solchen Bildern. Der weiße Blick bleibt zu oft am Zaun hängen, und wenn er auf einen Paul trifft, dann vergisst er oft zu schnell, das es weitere Pauls gibt, die in diesem Augenblick nicht das Glück haben, von ihm getroffen zu werden.


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