• Laudatio auf Navid Kermani

    Am 21. November hat Navid Kermani den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln erhalten (mehr zum Preis hier). Wir veröffentlichen die Laudatio von Diedrich Diederichsen Lieber Navid, liebe Versammelte. Ich werde die zur Begrüßung benutzte zweite Person Du gleich wieder verlassen und in konventioneller Laudatio-Manier vom Geehrten in der dritten Person sprechen. Die Personalpronomina sind wichtig für Navid Kermani, der einmal einen Roman mit der Begegnung von einem reichen und einem armen Mann begann, bei der der angeberische Reiche zu seinem zerlumpten Gegenüber sagt: Na, Du würdest wohl auch gerne ich sein – Worauf der Arme entgegnet: Nein, ich möchte nicht ich sein. Ich wiederum bin nicht sicher, ob ich mich als einen besonders toleranten Menschen bezeichnen würde – eine Frage, die man sich stellt, wenn man die Laudatio für jemanden hält, der für seine Toleranz geehrt wird. Ist das eigentlich meine Expertise? Ich bin nicht einmal sicher, ob ich Toleranz, so wie sie landläufig definiert wird, überhaupt für so erstrebenswert halte. Tolerantes Verhalten anderen gegenüber einzufordern, impliziert ja, dass man die anderen für ein Übel hält, das es auszuhalten gilt, und wenn sie denn wirklich mal von Übel sein sollten, wenn also etwa ein Impfgegner vor einem steht, dann hilft es ja gerade nicht, ihn tolerant gewähren zu lassen. Mit dem zweiten Teil des Preiszweckes tue ich mich leichter: in Denken und Handeln. Nun, das einzige Denken, das ein Handeln ist und das einzige Handeln, das ein Denke ist, ist das Schreiben. Der Sprechakt hat zuviel Schlagseite zum Akt, zur Exekutive, der Tagtraum auf der anderen Seite, der stream of consciousness sind ohne Handlung, nur das Schreiben verbindet die Freiheit des Zeit Habens mit der Gültigkeit und Konsequenzialität von Druck und Deadline. Und Toleranz im Schreiben ist etwas anders als Toleranz im eben dargestellten landläufigen Sinne. Es hat zu tun mit der Choreographie dieses Balletts der numerierten Personalpronomina, die unsere soziale Welt strukturieren, die als Denkgrundlage Handlungswege generieren. Dies ist ein Handeln, das nicht im Vordergrund geschieht, es ist Struktur: Die macht Navid Kermani sichtbar, in vielen und sehr unterschiedlichen Genres: Reportagen, reflexiven Essays, Interventionen und Romanen, die sich gegenständlich mit allem beschäftigen, das zu unserer Welt und ihrer Geschichte gehört, aber dabei immer die Möglichkeiten und die Grenzen andere zu verstehen und einschätzen zu können, mitfühlen zu können bearbeiten. Ich erinnere mich an zwei sehr verschiedene Einstiege in seine Texte, als Anfänge, die beide sofort einleuchtend das Grundproblem der monadischen Eingeschlossenheit des Schreibenden konstatierten, benannten und zu überwinden versuchen. Am Anfang steht die Suche nach einer Sprache für die Fälle, wo es keine gibt. Der Säugling spricht noch nicht, die oder der Tote spricht nicht mehr. Was geht in einem ein Monat alten Säugling vor und was erreicht ihn, was nimmt er wahr, in diesem Falle sie, Kermanis Tochter, die im ersten Text, den ich von ihm gelesen habe, vor ungefähr zwanzig Jahren, während ihrer Dreimonatskoliken entgegen aller Hoffnungslosigkeit dann doch, nämlich von der Musik Neil Youngs erreicht wird. Ein Wunder eigentlich, aber in Kermanis Erzählung: total plausibel. In „Dein Name“, viele Jahre später gelesen, ist ein Ausgangspunkt die Nichterreichbarkeit der Toten. Der Toten, die wir gekannt und mit denen wir vor kurzem noch befreundet waren, die also, meist bis zu ihrem Tod und sogar auch noch im Austausch über diesen, sensationell gut erreichbar waren. Jetzt muss ich kurz an Jimmie Durham und Oswald Wiener erinnern, die gerade gestorben sind, und obwohl mir persönlich nur mehr oder weniger flüchtig bekannt, mir doch auch sehr gut bekannt waren, weil ich sie lesen, rezipieren kann. Auch wenn sie gerade keine Sprach- und Kommunikationsoptimisten waren. Sprache bei Navid Kermani ist weder nur transparent noch grundsätzlich intransparent. Sie ist weder nur Gefängnis noch nur Instrument oder Machtmittel noch erbauliche Erquickung, er findet sie auf eine bestimmte Weise organisiert vor, sie erzielt bestimmte soziale Effekte. Und wie andere Dinge und Bedingungen, die soziale Effekte erzielen, kann man sie auch anders organisieren, auch wenn das noch nicht und schon gar nicht sicher hilft, mit den Toten zu sprechen und den Säugling zu beruhigen. Zwar ist Kermani auch ein religiös geprägter Autor, aber er ist kein Schamane. Allerdings erhöht Religion die Fallhöhe der Toleranz. Wenn ich etwas besonders genau weiß, was andererseits fragil ist, also glaube, habe ich ein besonderes Bedürfnis toleriert zu werden und ich habe es schwerer andere zu tolerieren, die mich nicht tolerieren oder auch nur theoretisch negieren, als ein säkularer (lesen ...)
  • Am Stammtisch der Sachlichkeit: Markiertes Sprechen in Deutschland

    Die Deutschen oder besser die Deutschsprachigen diskutieren, seit sie nicht mehr oder nur eingeschränkt vor die Tür gehen können, das, was sie Identitätspolitik nennen. Vorher hatte es das auch schon gegeben, und es hat ähnlich geklungen, aber es hat nicht so viel bewirkt; denn es gab ja noch die so genannte soziale Realität da draußen, in der jede und jeder sich immer schon irgendwie eingerichtet hatte. In der Covid-Zeit, in der es diesen Sicherheitsanker nicht mehr gab, glaubten all die NZZ- und Welt-Leser tatsächlich, sie dürften ihren Lieblingsbeschäftigungen nicht mehr ungestört nachgehen, weil eine woke Kulturpolizei es ihnen verbietet: etwa dem leidenschaftlichen Übersetzen afroamerikanischer Slampoetry. Anders als in den meisten Kulturen der Welt sind es nicht soziale Medien, universitäre Debatten oder offen politisch geführte Auseinandersetzungen, die das Medium der Deutschsprachigen und ihrer Streits ausmachen. Es ist das, was nur noch in ihrer Kultur einen hohen Wert und gesellschaftlichen Einfluss hat, das Feuilleton. In diesem haben bestimmte Männer das Sagen, die gern im Genre des Machtworts etwas zurechtrücken. Vielleicht irre ich mich, aber ich könnte schwören, dass man Machtworttexte wie die der diversen Chefs von Welt oder FAZ weder in El Pais noch in der New York Times loswerden würde. (mehr …)