• Über das Schreiben als Schriftsteller in der Schweiz

    »Du bist halt ein white rich man!«, sagte mir mal eine Iranerin und meinte weiter: »Du darfst also nicht über die Probleme in vielen Teilen der Welt schreiben, als wären du und die Schweiz für alles zuständig – aber nur über die Wohlstandsprobleme in deiner Heimat zu schreiben, das hat auch keinen Sinn.« In der Tat drückt dies unter anderem genau das aus, was ich mich seit Beginn meines literarischen Schreibens immer wieder gefragt habe: Worüber schreibt ein Schweizer Schriftsteller? Oder anders gefragt: Mit welchem Recht schreibe ich (ganz besonders über die Schweiz), verglichen mit der Situation von Menschen anderer Länder, die nicht diese gute medizinische Grundversorgung haben, kein stabiles politisches System, kein derart hohes Bildungsangebot und keine Infrastruktur, die unverschämt gut ausgebaut ist? Letztlich muss die Antwort natürlich jeder Literaturschaffende für sich selbst finden (oder die Frage als irrelevant ablehnen), und inzwischen trifft das doch, gut zweiundsiebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, zum Teil auch auf Deutschland zu. Was aber, auf das kommt es hier ja an, unterscheidet die Schweiz eigentlich von Deutschland hinsichtlich ihrer Literatur und ihren Schriftstellerinnen und Schriftstellern? Zuerst einmal, wie man überlebt. Ein Schweizer Literaturschaffender gilt im kleinen eigenen Land meist erst etwas, wenn er es auch im großen Ausland geschafft hat (deswegen gibt es auch eine beachtliche Künstlerkolonie von Schweizern in Berlin). Das mag mit der Unwichtigkeit der Schweizer Intellektuellen in den Medien korrespondieren. Im Gegensatz zu Frankreich und selbst Deutschland werden Intellektuelle hier selten öffentlichkeitswirksam in aktuelle Diskurse eingebunden. Die Schweiz sieht sich mehr als ein Land, in dem jeder direktdemokratisch eine Meinung hat, die gleich wichtig ist wie des Nachbars Meinung. Während dieser Gedanke unleugbar nobel ist, ebnet er medial einen effektiv vorhandenen Bildungsvorteil von Intellektuellen ein, die in ihren jeweiligen Spezialgebieten sehr wohl auf Punkte aufmerksam machen könnten, die nicht allen Stimmberechtigten einfallen. Es ist aber leider so, dass Schriftsteller wie Lukas Bärfuss eher in deutschen Blättern veröffentlichen können, was sie Kritisches über die Schweiz zu sagen haben, als in hiesigen. (…)

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  • Die Möwe J.

    Auf ein Töffli oder ein Motorrad kann ich mich nicht mehr setzen. Jedes Mal, wenn ich diese leichten Erschütterungen spüre, die vom Sattel abgegeben werden und in den ganzen Körper übergehen, denke ich an damals – und muss weinen. Damals: Mein zweites Kindergartenjahr hatte begonnen, eine Woche, bevor wir in die neue Wohnung ziehen würden. Von Anfang an wurde ich deshalb dem neuen Ort zugeteilt, der zwar zu weit weg lag von der alten Wohnung, um zu Fuß zu gehen, dafür aber auf dem Arbeitsweg meines Vaters. So kam es, dass er mich jeden Morgen und jeden Nachmittag jeweils hin und zurück mit auf sein Töffli nahm, eines dieser alten Zwei-Gang-Mopeds, die vor allem im ersten Gang schön vibrierten. Da saß ich also, vier Mal täglich, ganz dicht bei meinem Vater, nämlich vorne auf dem breiten Sattel, während er möglichst weit nach hinten rutschte, und mich mit seinen Beinen umschloss. Die Fahrten gefielen mir. Ich war meinem Vater körperlich nahe, das kam sonst selten vor. Dazu taten wir etwas Verbotenes. Mein Vater betonte immer wieder, dass dies eigentlich nicht erlaubt sei. Das gab dem Ganzen einen Hauch von Abenteuer. Etwas Übermütiges keimte in mir auf. Ich sog die vorbeiziehenden Bilder rechts und links in mich hinein, blickte weit voraus und immer wieder rückwärts hoch zu meinem Vater, den Hals verdreht und verbogen. Mein Vater lachte, fuhr aber ruhig weiter. Einmal, am Morgen, die Sonne war wohl erst etwa eine Stunde am Himmel, zeigte er mir einen Vogel, weit in der Ferne, unter ein paar Wölkchen. »Schau«, sagte er, »die Möwe Jonathan.« – Ich sagte nichts. Ich wusste nicht, wer die Möwe Jonathan war. Und obwohl ich im Vorschulalter nur zwei Drittel der normalen Sehstärke besaß, schien es mir vom Flug her eher eine Taube zu sein. Doch das änderte meine Gefühle keinesfalls: Mochte mein Vater sagen, was er wollte, endlich hatte er Zeit für mich allein, und endlich benahm er sich nicht so wie immer, nicht nur spie- ßig, nicht bünzlig. Vermutlich kannte ich diese Ausdrücke damals noch nicht, weil sie in unserer Familie nie benutzt wurden, aber ich wusste von meinen Kollegen, dass mein Vater vergleichsweise langweilig war. Er arbeitete als Primarlehrer, machte sich nichts aus Autorennen und den gerade aufkommenden Computerspielen, bastelte nicht an elektrischen Eisenbahnen oder Seifenkisten, sondern lebte selbst für meine damaligen Begriffe ein sehr angepasstes Leben. Sogar den Sensler Dialekt, die Mundart seiner Heimat, hatte er völlig in das Luzerner Idiom transformiert. Dazu versuchte er fast verzweifelt, eine gewisse Anerkennung zu erlangen: Kaufte sich ein Kollege eine teure Ledermappe, die bestaunt wurde, so kaufte er sich exakt dieselbe. Waren die Männer unseres Mietblocks mehrheitlich in der Feuerwehr, so trat er da auch ein. Nur wenn etwas für uns Kinder Geld kosten sollte, dann geizte er: Eine Glace in einem Restaurant, das gab es nie. So blieben mir diese Fahrten als Momente, in denen mein Vater endlich nicht einfach knauserig und hundsnormal war (...)

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