• Über das Sommerloch und andere unsichere Räume

    Dieser Text ist im Oktoberheft 2018 erschienen. Den Überblick über das Heft finden Sie hier.

    Die Tür fällt ins Schloss. Zurück bleibe ich, allein, einen letzten, erschöpften Kampf mit dem Archiv ausfechtend. Die anderen sind gegangen und schon wird mir unwohl in dieser Wohnung, die mir nicht gehört, genauso wenig wie der Stalker zu mir gehört, von dem eine der anderen belagert wird, dessen potentielle Gegenwart eisig durch die Zimmer weht. Auch zu ihr gehört er nicht, er gehört zum Niederträchtigen und zum Erbärmlichen, er gehört zu jenen, die das Ende ihres goldenen Zeitalters fürchten. Auch der Belagerten – Kampfsportlerin, bewaffnet – ist selbstverständlich unwohl. Sie wird belästigt, ein viel zu schwaches Wort für das, was geschieht. Ich beschließe, nicht lächerlicher zu sein als unbedingt nötig und verlagere meinen Arbeitsplatz auf die Terrasse, unter den wachsamen Augen der Nachbarskatze, die gemeinsam mit mir die Unterlagen studiert.

    Das Archiv hielt mich über Monate in seinem festen Griff. Ich reagierte, indem ich in dunkle Gegenden abdriftete. Es gab wieder Streit im Internet. Der Tatort: eine Facebook-Gruppe mit 20 000 Mitgliedern. Die Protagonisten: Repräsentanten aller möglichen politischen Standpunkte und Fachrichtungen, deren Studium durch staatliche Stellen finanziert wird.

    Einer, Wirtschaftsstudent, nahm den Advocatus-Diaboli-Modus ein, nannte jemanden »Ziegenficker«. Nicht sein erster Ausfall, ein Blick in die Chronik dieser Gruppe verrät, dass er sich schon vor Jahren über schwarze Männer und deren Körper ausließ. Ein anderer, selbst ganz des Teufels Anwalt, droht mit der Dokumentation der Debatte, was wohl sein Arbeitgeber davon hielte? Aufruhr. Zensur! tönt es, Totalitarismus! Anzeige! Der Bedrohte macht sein Recht am eigenen Wort geltend, das in einem privaten, geschützten Rahmen geäußert worden sei. Und da beginnt diese zugegebenermaßen extrem irrelevante Chose auf einmal doch vage interessant zu werden: 20 000 Menschen lesen hier nämlich mit. Das entspricht der Einwohnerzahl von Torgau, oder Annaberg-Buchholz, oder Haßloch, jener deutschen Durchschnittsstadt, in deren Supermärkten neue Produkte ausgiebig getestet werden, bevor sie in den regulären Verkauf gehen.

    Es zeugt doch von einer gewissen Ironie, dass hier ein junger Rechter nach einem geschützten, privaten Raum von der Größe einer deutschen Mittelstadt verlangt, nach einem Raum also, der mit dem vielgeschmähten, von einigen Linken geträumten Traum vom Safe Space oder Safer Space verwandt ist, vom diskriminierungsfreien oder wenigstens -armen Raum also, in dem so etwas wie verhältnismäßige Sicherheit herrscht, beispielsweise für Frauen, Nicht-Weiße oder Queers. Diesem Konzept kann man mit guten Argumenten mehr oder weniger abgewinnen, ich finde, es hat seine Lücken, ganz pragmatisch angefangen bei der Umsetzbarkeit, und die jungen Männer, deren wütende Diskussionen ich seit Jahren in dieser Facebook-Gruppe verfolge, die sind auch keine Fans, so viel habe ich verstanden, zumindest solange nicht, wie es nicht um sie geht.

    Der Safe Space, den dieser junge Mann imaginiert, ist ein Ort, an dem Rassismus gehört und geduldet wird, ansonsten aber ohne Konsequenzen verpufft. Er ist das Versprechen einer untergehenden Ära, ein nostalgisches Relikt, die Fantasie eines room of one’s own , der eigentlich eine world ist.

    (…)

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  • Fragen zur Botanik

    In einem tropischen Gewässer ein Schiff; auf dem Schiff drei Tierschützer: Einer filmt, einer hält eine Riesenschildkröte fest, und der dritte versucht mit einer Pinzette ein rosa Stück Plastik zu packen, das dem Tier im Nasenloch steckt. Es dauert. Die Schildkröte schreit wie ein Schwein. Irgendwann greifen die silbrigen Arme zu, und der Tierschützer zieht, langsam. Aus dem Nasenloch läuft ein rotes Rinnsal. Nach weiteren langen Sekunden die Befreiung, das blutende Tier wird behutsam auf den Boden gesetzt, der Tierschützer hält den ehemals rosafarbenen Strohhalm in die Kamera.

    Ist die blinde Justitia verwandt mit der Heiligen Lucia aus dem sizilianischen Syrakus, dem Mädchen, das sich verweigerte, dem man die Augäpfel ausriss, die sie seitdem stets in einer Schüssel bei sich trägt, der seitdem stets zwei braune Streifen aus den leeren Augenhöhlen rinnen, die über die Straße von Messina hinweg nach Norden schaute, wenn sie denn noch schauen könnte?

    Nach Norden, nach Norden, singen die Mütter ihren flach auf den Boden eines Rettungsboots gepressten Kindern zu, nach Norden, die Passagiere der dritten Klasse werden von der Besatzung in Schach gehalten, nach Norden, weil es nichts anderes mehr gibt, weil die Welt zergeht, nach Norden, der Erbauer des Schiffs stirbt bei dessen Untergang, nach Norden, die Mütter ahnen nichts von Eisbergen.

    (…)

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  • Unterrichtung mit Foundation Bitch

    Eine Freundin – im Nebenberuf Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache an Sekundarschulen – erzählte mir kürzlich Folgendes: Die Vokabel »anhalten« war dran, die Schüler sollten Sätze bilden, ich halte an, du hältst an, das Auto hält an. Ein syrischer Junge aber sagte: Ich hoffe, der Krieg hält an. Wie das erklären?

    Unverständnis im Klassenzimmer. Die Lektion »etwas kann genauso wahr sein wie sein Gegenteil« zieht als Nebel über die Köpfe der Kinder und in sie hinein. Etwas bleibt haften, ein Denksystem, das man Grammatik nennen kann, das alles zu verantworten hat, von dem sie hier, in diesem Klassenzimmer, in diesem Land, umgeben sind; etwas heftet sich an ihre Fersen, aber nur so lange, bis sie die Richtung wechseln und selbst erst Jäger werden, dann Dompteure.

    Dies ist einer von tausend Augenblicken, sagte meine Freundin, in denen die Sprache ihre Schüler verliert oder für immer gewinnt. Als ich meiner Mutter später davon erzähle, macht sie mich auf einen weiteren Fall aufmerksam: umfahren. Sprechbeispiel: Sie sollten das Lübecker Hütchen umfahren. Die Länge des A, des ersten Vokals, den der Säugling mit seinem Mund zu formen vermag, die Länge des Urvokals sozusagen, von der Verschiebung der Silbenbetonung moduliert, macht hier den ganzen Unterschied. Der syrische Junge aber wusste noch nichts von den Begrenzungen des Denkbaren, die an die Sprache gekettet sind, und hoffte, der Krieg könne auf dieselbe Art und Weise anhalten wie ein Zug an seiner Endstation, die Morden heißen kann oder Frohe Zukunft.

    Die Gelassenheit zu den Dingen ist ein Trugschluss, »dein Stolz ist dein Unglück, Medea« offensichtlich die größte Lüge von allen – die Welt ist aus demselben faulen Holz geschnitzt, wie wir es sind, und vermutlich ist die Schule der richtige Ort, um das zu lernen, denn nur Erlerntes kann man anwenden, nur Bekanntes ignorieren, nur Erlittenes ehrlich hassen, und Hass, der hat ja heute, in Zeiten völlig apolitischer, aber dafür »organisierter Liebe« im Internet, da das ebenso hehre wie leere Ideal des Dialogs den Inhalt überwunden hat, ein schlechtes Image, aber es ist nicht der Hass – ein Gefühl wie ein Motor, ein Sinngenerator, eine Sache, die ohne ihr Antonym nicht sein kann –, es ist ja nicht der Hass, der das Problem ist, sondern die Frage, was gehasst wird und warum und wie.

    (...)

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  • Umformungen, unvollständige Liste

    0 – Feedbackschleifen Erika Fischer-Lichte schreibt: »Jeder Übergang, jeder Weg über eine ›Schwelle‹ schafft einen Zustand der Instabilität, aus dem Unvorhergesehenes entstehen kann, der das Risiko des Scheiterns birgt, aber ebenso die Chance einer geglückten Transformation.« (mehr …)
  • Zum Tode Long Huis

    Als wir uns gerade Bad Schandau näherten, blieb er das dritte Mal stehen und starrte ins Abteil. Guck mal, ein Creep, sagte ich, und Pascal: Der ist nur druff. Später, auf dem Rückweg von der Toilette, lugte ich ins Nachbarabteil, alles gut, da saß der Creep in Begleitung, und die trug eine beruhigende rosa Jack-Wolfskin-Jacke. Ich setzte mich wieder, wir fuhren durch die nunmehr tschechische Nacht, fünf Minuten lang. Dann stand plötzlich die Frau mit der rosa Jacke in der Tür, ob sie sich zu uns setzen könne, nein, das sei nicht ihre Begleitung, das sei ein Creep, der sich, wortlos, sprachlos im fast leeren Zug direkt neben sie gesetzt habe, ob sie nicht bei uns und wir: Natürlich. Kommst du aus Wien? Sie sprach zwar breites Rheinländisch, aber irgendwas muss man ja fragen, und schon eine Viertelstunde später, bestimmt hatten wir die Elbe bereits das zweite Mal überquert, erzählte uns die Ornithologin, nach deren Namen wir ebenso zu fragen vergaßen wie sie nach den unsren, vom Schrei des Mauerseglers. Apus apus ähnelt den Schwalben, ist mit ihnen aber nicht näher verwandt. Er kann zehn Monate am Stück fliegen. Im Sturzflug erreicht er zweihundert Stundenkilometer. Der Wien-Berlin-Night-Express schafft neunzig. Die Schreie der Mauersegler können selbst in großen Städten den Verkehrslärm übertönen. Die Frequenz ihrer Rufe liegt zwischen 4000 und 7000 Hertz, in einem hohen, aber für das menschliche Gehör gut wahrnehmbaren Bereich. Als Einheit der Frequenz gibt das Hertz die Anzahl sich wiederholender Vorgänge pro Sekunde in einem periodischen Signal an. (…)

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