• Der Weltbegriff der Philosophie. Philosophiekolumne

    I

    Vor zweihundertfünfzig Jahren wurde Hegel geboren. Die Auseinandersetzung mit seinem Denken war nie nur eine Angelegenheit der Philosophiegeschichtsschreibung. Stets führte sie auf die Frage, wie Vernunft verfasst sei und in welchem Verhältnis sie zur Wirklichkeit stehe. Hegels Satz »Das Vernünftige ist das Wirkliche, und das Wirkliche ist das Vernünftige« erhebt den Anspruch, dass Vernunft ohne Wirklichkeit keine Vernunft und dass Wirklichkeit ohne Vernunft keine Wirklichkeit sei. Der Satz sagt: Es mag in der Welt viel Unvernünftiges geben, wirklich ist es darum noch nicht; und es mag in unseren Köpfen viel Unverwirklichtes entworfen werden, vernünftig ist es darum noch nicht.

    (mehr …)

  • Glauben und Wissen. Philosophiekolumne

    I

    Seit etwa einem Vierteljahrhundert hat sich das Verhältnis der liberalen Gesellschaften zum religiösen Glauben verändert. Eine neue Variante dessen macht sich geltend, was Richard Rorty einen »Posty« nannte: Nach der »posthistorischen«, der »postindustriellen«, der »postmaterialistischen«, der »postmodernen«, der »postdemokratischen«, der »postnationalen« und der »postpolitischen« Gesellschaft ist die »postsäkulare« Gesellschaft ans Licht getreten. »Postsäkular« besagt: Die Herrschaft der säkularen Wissenschaft, des säkularen Rechts, der säkularen Kunst hat ihre Zeit gehabt. Sie ist nun abgelaufen, um einer Rückkehr des Glaubens – oder zumindest der Religion – Platz zu machen. (mehr …)

  • Thymos

    I

    Seit einigen Jahren wird ein Begriff der antiken Seelenlehre zur Diagnose unserer Gegenwart gebraucht: »Thymos«. Übersetzbar im Bedeutungsfeld von Mut, Tatkraft, Zorn, dient er zur Erklärung von Willensbekundungen gegen Flüchtlinge, die politische Linke, die Presse oder die Bundeskanzlerin. Auch die Veränderung der politischen Sprache fällt unter die Ausübung des Thymos. Vom »Zorn der freien Rede« sprach ja schon Ernst Moritz Arndt, und bereits bei ihm ging dieser Zorn mit der Missachtung einher, die heute zu beobachten ist. All das entspringt einem Gefühl des Mangels, genannt »thymotische Unterversorgung«. Es gründet in der Auffassung, dass Mut, Tatkraft und Zorn, notwendige Faktoren unserer seelischen Verfassung, im politischen Raum keinen Ort mehr fänden, so dass eine Unterversorgung eingetreten sei, die sich in jenen Phänomenen Luft verschaffe. Die lange Zeit stillgestellten Bürger wehrten sich endlich. So gesunde der Seelenhaushalt – und mit ihm das Gemeinwesen, das seit alters als ein Bild der Seele verstanden werden kann.

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

    (mehr …)