• Facetten lesen

    Die Skepsis des Literaturwissenschaftlers und Schriftstellers William Empson (1906 bis 1984) gegenüber seinem Fach und dessen Institutionen beruhte von Anfang an auf Gegenseitigkeit. Schon zu Lebzeiten waren seine Studien zur sprachlichen Ambiguität, zur englischen Renaissanceliteratur und zum literarischen Nachleben der Pastoraldichtung umstritten.
  • „Mein Interesse am Hermannplatz ist gering“

    Jakob Nolte im Gespräch mit Wolfgang Hottner über seinen Roman ALFF, Teenager, Bücher und das Großwerden in aufgelösten Formen. *** Die Schüler der High & Low Highschool in Beetaville in Neuengland haben Angst. Einer ihrer Mitschüler wurde von dem sogenannten „Vollstricker“ grausam ermordet. Agent Donna wird vom FBI geschickt, um den Fall zu lösen und Meggy von der Schülerzeitung versucht sich als Privatdetektivin. Zudem gibt es eine „Anachronistische Jugend Beetaville e.V.“, eine Band die „La Deutsche Vita“ heißt und die Olympischen Spiele in Atlanta finden statt: die 90er, das „Genick am Rand des Jahrtausends“. Jakob Noltes Romandebüt ALFF (Fiktion, 2014 / Matthes & Seitz Berlin, 2015) erzählt im Stile eines Highschool-Thrillers von dieser gespenstischen Zeit, von den deutsch-amerikanischen Verwirrungen einer Jugend an der Peripherie des alten Jahrtausends. (mehr …)
  • Undertheorized: Ein Workshop mit Kenneth Goldsmith

    An der Schule, wo ich Abitur gemacht habe, wurde in der Oberstufe der Grundkurs "Darstellendes Spiel" angeboten. Um die fürs gemeinsame Theaterspiel notwendige Lockerheit herzustellen, wurden dort alle Teilnehmer, so hatte ich gehört, zu Beginn des Semesters aufgefordert, ihre Hosen auszuziehen. Für mein Teenager-Ich keine schöne Vorstellung, weshalb ich statt "Darstellendes Spiel" lieber "Kunst" belegt habe. Als Kenneth Goldsmith an einem kühlen Juni-Samstag im Berliner HKW seinen Workshop Wasting Time on the Internet abhält – eine Kurzversion jenes Schreib-Seminars, das er im vergangenen Winter an der University of Pennsylvania unterrichtet hat, mehr dazu hier und hier –, gibt es einen ähnlichen Alle-ziehen-ihre-Hosen-aus-Moment, nur ist er gewissermaßen ins Digitale verschoben: Stellt Eure Laptops ab, sagt Goldsmith, jede/r kann jetzt an jeden Computer gehen und beliebige Dateien oder Programme öffnen. Einzige Regel: nichts löschen, nichts hinzufügen. Alarmiert gehe ich im Kopf alle meine intimen Dokumente durch, finde Beruhigung in der Tatsache, dass die derart in den Tiefen labyrinthartiger Dateistrukturen versunken sind, dass sie wohl keiner finden wird. Zögerlich verlasse ich mein MacBook Pro und steuere wahllos den nächsten Computer an, öffne hastig und zufällig irgendeine Bilddatei auf dem Desktop,  ein grünes Kleid, Zalando, glaube ich. Ich wechsle zum nächsten Gerät, registriere den individualisierten Bildschirmhintergrund, tippe ein Icon an und weiter – jeder Laptop eine Welt für sich, mit eigener Ästhetik und eigener Systematik, die auf die Schnelle kaum zu durchschauen ist. (mehr …)
  • Unter Palmen

      palmen1 I) In der Mittagssonne laufe ich an der neuen BND-Zentrale in der Chausseestraße vorbei und muss daran denken, wie Alexander von Humboldt an die Palmen im Palmenhaus der Pfaueninsel denkt. Man sieht, wenn man zweimal hinsieht, nämlich neben unzähligen Fenstern vor dem Gebäude, zwei eiserne Palmen, grün angestrichen, 22 Meter hoch, ein Werk des Künstlers Ulrich Brüschke. Diese geheimnisvollen "Fürsten der Pflanzenwelt" stehen, wie der Ritter von Linné sie nannte, in der Wüsten-Mitte Berlins, im kalten Frühling, regungslos. Der idyllische Terrassenbereich vor dem Gebäude soll wie ein "Bühnenraum" wirken, die Palmen, so die Begründung der Preisjury, unterstreichen dabei "die seltsame Ortlosigkeit, die irgendwo im Niemandsland zwischen Wüste und Shopping Mall einen Moment der Verschiebung und Dislozierung schafft". Shangheidelberg an der Spree. (mehr …)
  • Birkenstockbodenständigkeit (Raffinement der Bequemlichkeit)

    I Die Neuerfindung des Gesundheitsschuhs in der Moderne lässt sich ziemlich genau datieren. Der Philologe und Archäologe Carl August Böttiger erinnert sich in seinem Artikel Über die Stelzenschuhe der Alten Griechinnen vom Februar 1800 an das antike Wissen vom bequemen Schuh und gesunden Fuß:"Überhaupt folgten die Alten auch in der Beschuhung weit richtiger dem, was die Natur für den freyen Gebrauch der Füße und die angemessene Entwicklung jedes Gliedes verschreibt; und, was man jetzt in Paris und London als ein Raffinement der Bequemlichkeit ansieht, daß jedem Fuße ein nur ihm anpassender Schuh angemessen werde, war bey den Griechen und Römern allgemeine Forderung oder Voraussehung, von welcher sie nur in seltenen Fällen abwichen," so steht es im Weimarer Journal des Luxus und der Moden, für das Böttiger regelmäßige Beiträge schrieb. Die"Modeschuhe" seiner eigenen Zeit, mit ihren "dünnen Pappendeckelsohlen", widersprechen für Böttiger der Anatomie des menschlichen Fußes: ein Fußbett aus leichter und elastischer Korkeiche war und ist die Lösung für gesunde Füße. Böttigers Artikel erzählt zwar hauptsächlich von der Erfindung des Plateauschuhs, doch auch die flache Sandale hat ihre Geschichte und ihren Ort. Böttiger folgt dabei dem römischen Grammatiker Julius Pollux, der 22 verschiedene Art von Schuhen klassifiziert, die sich wiederum in zwei Hauptklassen unterteilen lassen: „starke Solenschuhe zum Ausgehen auf der Straße“ sowie flache Sandalen. Für Böttiger und Pollux ist die offene Sandale stets ein genuiner Hausschuh, eine ausschließlich private Bequemlichkeit. Denn man trägt diese „ganz bequeme[n] leichte[n] Pantoffelsolen, [...] ursprünglich nur in Zimmern“. Im Offenen der Sandale wird die Bühne der Straße im Sommer 1800 besser nicht betreten. (mehr …)
  • Bombastisch oder Die neuen Amazonen

    Der Berliner Herbstwind ist kalt, doch für Winterjacken ist es noch zu warm. Etwas für den Übergang muss her und was diesen Herbst zu tragen ist, scheint klar: "It’s a cold world nigga / bring a bomber jacket", lautet Ice Cubes Empfehlung. Er scheint erhört worden zu sein. Wer jetzt noch keine Bomberjacke hat, sollte sich auch keine mehr kaufen, denn er, oder besser sie, hat längst einen Trend verpasst. In allen Variationen hat es die Bomberjacke unlängst aus dem Lichtenberger Zwielicht in die hippen Viertel der Stadt geschafft. Zwischen Weserstraße und Kastanienallee schimmert das Nylon grell und bunt oder im Camouflage-Print, oft auch schwarz wie die berühmteste aller Bomberjacken MA-1 von 1958. (mehr …)
  • Bodenständigkeitsverblödetheit. Rainald Goetz‘ Deutschland in „Johann Holtrop“

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    Fährt man mit dem ICE von München in sieben langen Stunden nach Berlin, bleibt ausreichend Zeit um einzusehen, wo die „Strafkolonie Krölpa“ liegt, jener fiktive Ort in Rainald Goetz’ Roman Johann Holtrop. Es eröffnen sich dem Betrachter zwischen Erlangen und Jena, Merseburg und Jüterbog „trostlos weggeduckte Flecken, lächerliche Wüsten dazwischen“ – Krölpa, das ist jede kleine bis mittelgroße deutsche Stadt mit angeschlossenem Industriepark, das ist die deutsche Version von David Foster Wallaces Peoria in seinem posthumen Bürokratieroman The Pale King, Krölpa ist Goetz’ apokalyptische Allegorie deutscher „Bodenständigkeitsverblödetheit“: „Die Verhältnisse waren kaputt, aber sie funktionierten.“

    In der Beschreibung Krölpas vereinen sich im Anfangskapitel des Romans die „hysterisch kalt und verblödet konzipierte“ Architektur der Neunziger und der deutsche Wald. Die Natur scheint sich dagegen zu wehren, jene einst von Helmut Kohl heraufbeschworene blühende Landschaft sein zu müssen. Sie rüttelt bedrohlich an den Scheiben der „Büromonolithen“, übertönt die Nichtgespräche der Angestellten der Firma Assperg: „Die Menschen waren stumm, und draußen schlugen Wind und Regen an.“ Diese stürmische Natur diktiert dem Chef und Macher Holtrop seine Daseinsmetapher: „Ein Eiswind sollte von Holtrop her in den Raum hineinfegen.“ Holtrop, eine Naturgewalt, die Leben in die Stille beleuchteter Wiesen und ruhendes Kapital in Bewegung bringt. (mehr …)