Undertheorized: Ein Workshop mit Kenneth Goldsmith

An der Schule, wo ich Abitur gemacht habe, wurde in der Oberstufe der Grundkurs „Darstellendes Spiel“ angeboten. Um die fürs gemeinsame Theaterspiel notwendige Lockerheit herzustellen, wurden dort alle Teilnehmer, so hatte ich gehört, zu Beginn des Semesters aufgefordert, ihre Hosen auszuziehen. Für mein Teenager-Ich keine schöne Vorstellung, weshalb ich statt „Darstellendes Spiel“ lieber „Kunst“ belegt habe. Als Kenneth Goldsmith an einem kühlen Juni-Samstag im Berliner HKW seinen Workshop Wasting Time on the Internet abhält – eine Kurzversion jenes Schreib-Seminars, das er im vergangenen Winter an der University of Pennsylvania unterrichtet hat, mehr dazu hier und hier –, gibt es einen ähnlichen Alle-ziehen-ihre-Hosen-aus-Moment, nur ist er gewissermaßen ins Digitale verschoben: Stellt Eure Laptops ab, sagt Goldsmith, jede/r kann jetzt an jeden Computer gehen und beliebige Dateien oder Programme öffnen. Einzige Regel: nichts löschen, nichts hinzufügen. Alarmiert gehe ich im Kopf alle meine intimen Dokumente durch, finde Beruhigung in der Tatsache, dass die derart in den Tiefen labyrinthartiger Dateistrukturen versunken sind, dass sie wohl keiner finden wird. Zögerlich verlasse ich mein MacBook Pro und steuere wahllos den nächsten Computer an, öffne hastig und zufällig irgendeine Bilddatei auf dem Desktop,  ein grünes Kleid, Zalando, glaube ich. Ich wechsle zum nächsten Gerät, registriere den individualisierten Bildschirmhintergrund, tippe ein Icon an und weiter – jeder Laptop eine Welt für sich, mit eigener Ästhetik und eigener Systematik, die auf die Schnelle kaum zu durchschauen ist.

Nach der kleinen Transgressions-Übung herrschen jubilatorisches Hochgefühl und Erleichterung, gute Voraussetzungen für die gemeinsame Hingabe an den „collective dreamspace“, als welchen Goldsmith das Internet („so fucking interesting!“) begreift. Während Goldsmith plaudert, streift er von Zeit zu Zeit seine Schuhe ab – Slipper aus dunkelblauem Wildleder – und spricht mit nackten Füßen weiter. Der Schriftsteller Ingo Niermann, der den Workshop mitorganisiert hat, verkrümelt sich in eine Ecke, legt sich hin, scheint zu schlafen. Auch die meisten Teilnehmer fläzen sich mittlerweile auf dem moosgrünen Teppichboden oder hocken auf weißen, runden Sitzkissen, wie beim Meditationskurs – es gibt keine Stühle in diesem Raum, der sich unmerklich in eine Art Bühne verwandelt hat, Schauplatz einer Kollektivperformance.

Goldsmith ist gegen jene apokalyptische Rede, derzufolge das Internet Lesen und Schreiben abschafft. Er meint, dass heute dank Internet und social media viel mehr gelesen und geschrieben werde als früher. Allerdings besteht dieses Lesen und Schreiben im Netz aus vielen kleinen, quasi vorbewusst ausgeführten Handlungen, ist „tacit knowledge“, das noch nicht theoretisch expliziert wurde – „undertheorized“ ist das Wort, das Goldsmith während des Workshops am häufigsten gebraucht. Goldsmith will das ändern, sie sichtbar machen, diese unscheinbaren Akte, die er durchaus als proto-literarische begreift. Passwörter zum Beispiel: Wer verrät seine Passwörter, wie erfindet ihr Passwörter, fragt Goldsmith sein Publikum, und für einen kurzen Moment denke ich, es gehe wieder ums Hose-Ausziehen. Aber als dann nacheinander drei Leute ihre erstaunlich elaborierten Methoden zur Passwort-Generierung darstellen, wird klar, dass Goldsmiths Frage auf einen Moment im Netzalltag abzielt, in dem es ganz buchstäblich um Wortschöpfung geht, in dem User zu Erfindern und Sprachkünstlerinnen werden, zu Dichtern, vielleicht – klar auch, dass man beim Meister des „Uncreative writing“ vorgeführt bekommt, dass solche Schöpfungen nicht ex nihilo geschehen, sondern auf Techniken und Regeln aufruhen.

Wir steuern auf den Höhepunkt des Workshops zu: Für zehn Minuten sollen jetzt alle Time on the Internet wasten. Ich öffne einen Artikel im New Yorker, überfliege eine Filmkritik auf hardsensations.com – und finde selbst, dass das eigentlich nicht als Zeitverschwendung gelten kann, weil zu highbrow. Allerdings lese ich nichts zu Ende, springe zwischen den Fenstern hin und her. Goldsmith schlägt vor, während der Zeitverschwendung das Programm „Photo Booth“ zu öffnen, um einen Blick auf sich selbst im Zustand zerstreuter Aufmerksamkeit zu erhaschen. Mit Erstaunen nehme ich wahr, dass ich hochkonzentriert aussehe, das Unfokussiert-Sein extrem fokussiert betreibe. Da ist sie also, die Konzentration, an der es sonst so oft mangelt; man muss nur an den richtigen Stellen suchen.

E.M.

Am Ende bin ich erschöpft und mir ist langweilig. Goldsmith fordert die Teilnehmer auf, den anderen Teilnehmern vorzuführen, wie sie ihre Zeit im Internet verschwenden würden. Das klappt irgendwie nicht, weil alle Vorführenden schlauer als das Medium und die gestellte Aufgabe sein wollen und weil die didaktische Theatralität der Situation sie daran hindert, sich hinzugeben, sich absorbieren zu lassen von diesem oder jenem. Vor den prüfenden Augen Goldsmiths scheint es auf einmal eine Richtigkeit zu geben, von dem, was es heißt, Zeit im Internet zu verschwenden. Diese Zeitverschwendung scheint etwas Einsames zu sein, etwas, was man selber nicht ganz versteht, und wenn man es verstünde, würde man alles verfehlen. Zeit im Internet zu verbringen ist etwas Intimes, nur mit mir alleine kann ich dort und ganz woanders sein, verfließe ich akzentlos. Walter Benjamin schreibt im Passagen-Werk über die Langeweile, sie sei ein „warmes graues Tuch, das innen mit dem glühendsten, farbigsten Seidenfutter ausgeschlagen ist“. In dieses Tuch wickelt sich der Träumende, der beim Aufwachen wieder nur von seiner Langeweile erzählt. Die Beiläufigkeit, das Vergeudete, die vergebliche Bekämpfung der Langeweile vor dem Einschlafen durch traumhaftes Geklicke scheint für Goldsmith nur die Außenseite einer neuen, gar nicht so unproduktiven Produktivität zu sein.

Überhaupt: Benjamins Projekt scheint eine entscheidende Referenz für Goldsmith. So vergleicht er in seiner Einführung in den Kurs die Körperlichkeit des Internets mit der von NYC. Beides sei ein physical place, ein Koordinatensystem und eine linguistische Erfahrung. There is something so physical about it. Alles ein collective dreamspace, dessen textuality es zu fassen gilt. The Internet, with its swift proliferation of memes, is producing more extreme forms of modernism than modernism ever dreamed of. Für Verso Press schreibt Goldsmith Benjamins Passagen-Werk um, er schreibt es mit Benjamins Prämissen für das 20. Jahrhundert, dessen Hauptstadt NYC vielleicht war. Das Buch trägt den Titel Capital und soll im Oktober erscheinen. When we walk the city, we are quoting the walkers who have come before us, and performing communal turns on each quotation, lautet ein Tweet aus dem Projekt. Alles, was sich finden lässt, jedes „Überlebsel“ lässt sich umschreiben: Disjunctive, compressed, decontextualized, and, most important, cut-and-pastable, it’s easily reassembled into works of art, schreibt Goldsmith in einem Essay für den New Yorker.

Goldsmith bittet irgendwann die Teilnehmer, Taylor Swifts Video zu Shake it off bei Youtube zu öffnen. Auf sein Kommando hin sollen dann alle die Play-Taste drücken und aus den Laptops der Teilnehmer erklingt schließlich der Song. Taylor ist zu sehen als R&B-Diva, als Schwanensee-Ballerina, als Cheerleaderin, als Lady Gaga, und natürlich geht sie nicht auf in all diesen Rollen, fällt heraus, but I keep cruising, can’t stop moving, nur um am Ende des Videos mit all den ’normalen‘ Leuten herumzuspringen. Und irgendwie ist dann auch die Stimmung im Raum ganz gut, keiner tanzt, natürlich nicht, aber es wird ein bisschen gelacht, so locker man eben sein kann. Verzerrt durch minimale Abweichungen, Verschiebungen und Verzögerungen tönt der Song durch den Raum. Goldsmith grinst, a bit like Steve Reich? Der individuelle Beitrag zu dieser Erfahrung liegt im zu früh oder zu spät Klicken. I stay up too late / got nothing in my brain, singt Taylor. Es geht um die Austreibung von Kreativität, Authentizität und sophisticatedness. The fakers gonna fake, meint Taylor, was sonst, es scheint der einzige Weg aus der Kreativitätsfalle. Taylor always wins. Wiederholungen, Gemeinplätze, Fehlleistungen und deren Verdichtung als Kunst und Kolportage, um das geht es Goldsmith in dieser Übung, die zugleich auch poetologische Züge trägt: Kreativität, Individualität, authentische Kunst sind langweilig, shake it off.

The Internet is destroying literature and it’s a good thing, hat Goldsmith einmal behauptet. Nach dem Workshop frage ich mich wirklich, wer sich heute noch hinsetzt, um eine Landschaft, ein Gefühl oder Ähnliches ‚einzufangen‘. Greift doch einfach zu, es ist genug für alle da.

W.H.


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