No pasarán! Notizen zur Buchmesse

Der Mond ist aufgegangen in Neuseelands finst’ren Hallen. In schmalen Kojen baumeln ein paar Bücher mit teils irgendeinem Neuseelandbezug, in dunkler Ecke hinter schwarzer Wand tragen Dichterinnen vor und Dichter. Kann sein, dass Menschen fallen, ins flache Wasser nämlich, das weite Teile des Bodens bedeckt. Ansonsten bleibt vieles im Dunklen, vor allem, was das Selbst genau sein soll, als das das Buchmessengastland sich nachtschwarz und dann doch weitgehend buchlos und in Großprojektionen auf Videoleinwänden darstellt. Macht durchaus Eindruck, diese Installation, besser wär’s nur, man wüsste auch welchen. 

Menschenauflauf bedeutet immer, dass Prominente anwesend sind, die man aus dem Fernsehen kennt. (Noch größerer Menschenauflauf bedeutet dann Kino – Schwarzenegger habe ich leider verpasst.) Die Regel gilt auch bei der Zeit. Hier ist Harald Welzer im Gespräch mit Richard David Precht, wobei letzterer Zweitagebart, Dekolleté und gesunden Menschenverstand trägt. Es geht um die Zukunft der Menschheit im future antérieur oder so ähnlich, ich gehe weiter und auf dem Rückweg stehen Precht und Welzer im Gang im privaten Post-Talk-Gespräch und Welzer fragt Precht, ob er den Witz mit dem Anti-Nazi-Opa kennt. Weil ich ein höflicher Mensch bin, bleib’ ich nicht stehen und verpasse darum den halben Witz und die ganze Pointe.

Keinen Menschenauflauf gibt es bei Robert Menasse am Süddeutsche-Stand. Menasse redet und redet, Lothar Müller kommt kaum zum Fragen (Jürgen Kaube, lese ich, ergeht es später nicht besser), Menasse ist auf einer Mission, die heißt Europa. Tags darauf wird er verkünden, er freue sich sehr, das Buch zum Friedensnobelpreis geschrieben zu haben. Am Abend davor stelle ich bei der Verleihung des von Menasse wiedergegründeten (und, full disclosure, von Klett-Cotta getragenen) Jean-Améry-Preises für Essayistik fest, dass ich Menasses Ansicht zum Essay jedenfalls insofern keineswegs teile, als er ganz genau weiß, was ein Essay ist und/oder sein muss: Ideologiekritik, die der Gegenwart die Leviten liest nämlich, oder so ähnlich. Den Preis bekommt Dubravka Ugrešić, die einst aus Kroatien ins Exil ging, weil ihr Heimatland einen kritischen Menschen wie sie nicht ertrug.

Mein erster Suhrkamp-Empfang. Die Verlegerin verliest die Namen der anwesenden Verlagsautorinnen und -autoren. Das ist Ritual, sagt man mir, kommt mir eher vor wie Fahnenappell. Keiner ruft „hier“. Von den großen alten Männern ist nur Alexander Kluge vertreten. Nicht da ist auch Dietmar Dath, der in diesem Herbst ein oder zwei Handvoll Bücher bei allen möglichen Verlagen veröffentlicht, nur nicht bei Suhrkamp. Er wird aber, versichert das Lektorat, in der Pappelallee nach wie vor ästimiert. Annika Scheffel liest aus einem im Frühjahr erscheinenden Buch. Lorenz Jäger wird bei diesem Vortrag in der täglichen FAZ-Buchmessenzeitung – einem People-Magazin von Büchermenschen für Büchermenschen – die Fülle des Wohllauts vermissen. Herum stehen viele, auch Stephan Thome und Clemens Setz, der aktuelle Mitteljung- respektive Jungstar des Verlags, die beide den Buchpreis so wenig bekamen wie Rainald Goetz, der anwesend ist, aber anders als sonst nicht fotografiert und nicht mitschreibt.

Es gibt in den Literatur-und-Sachbuch-Hallen 3 und 4 die großen Stände der großen Verlage, an denen die Fachbesucher sich drängen. Es gibt die kleinen Stände der kleinen Verlage, für die sich keine Sau interessiert. (Außer Horlemann heute, da spricht der Verleger in Mikrofone und Fernsehkameras über Mo Yan.) Es gibt aber auch recht große und außerordentlich unbesuchte Stände mit sehr hässlichen Büchern, das sind die der Book-on-Demand- und Vanity- und Self-Publishing-Verlage. Scheußliche Cover, besser ungeschrieben gebliebene Autobiografien, es ist viel Platz etwa in den Reihen von bod, bei dem Vito von Eichborn auf leider niedrigem Niveau mit einer eigenen Reihe Qualitätskontrolle betreibt, und ein wenig staune ich schon, dass in Zeiten, in denen Self-Publishing zur echten Alternative zu reifen beginnt, die hier entstehenden Bücher in ihrer Gestaltung noch immer so frei sind von jedem Appeal für Auge und Hand. Noch schlimmer allerdings geht es bei der Frankfurter Verlagsgruppe zu. Eine Frau liest mit Mikro etwas, in dem ihre Oma vorkommt, ins Leere, beiseite steht ein wohl zum Verlag gehörendes Scheinpublikum von sediert dreinblickenden Männern in dunklen Anzügen, die aussehen wie Mitglieder eines Vereins, der sich die Abschaffung von Intelligenz, Witz und Humor zum Ziel gesetzt hat. ¡No pasarán! (Will ich hoffen.)


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