Durchverstehen mit Dalí: Pariser Notizen V

Abendliches Winterwetter in Paris, überall liegt Schnee, dicke Schneeflocken fliegen durch die Luft. Die Befestigungspfosten der Vélib-Fahrradleihstationen sind dick zugeschneit, die grünen Lichter der Verfügbarkeits-Dioden scheinen durch die Schneeschicht hindurch. Mit den angenehm abgedämpften Straßengeräuschen und dem marsianisch orange eingefärbten Nachthimmel kommt einem die Stadt surrealistisch heruntergedrosselt vor. Kaum jemand ist unterwegs, nur wenige Autos und Supermarkt-Rentner schleichen auf nicht geräumten Straßen und Wegen ihren Zielen entgegen. Ich schleiche meinerseits, von der Rue Turbigo kommend, die Rue Beaubourg hinunter, auf dem Weg zur Dalí-Ausstellung im Centre Pompidou. Bereits der zweite Versuch. Der erste Versuch, in der Neujahrswoche, scheiterte an der Besucherschlange, die einmal rund um das Centre Pompidou reichte. Damals war ich darüber fast erleichtert, denn meine Lust auf Dalí-Ausstellungen hält sich in Grenzen, seitdem einem im Kunstunterricht moderne Kunst, beziehungsweise das, was man als Frühpubertierender darunter verstand, mit Hilfe des hochpolierten Surrealismus à la Dalí oder Magritte nähergebracht wurde. Was auch funktioniert hat und weshalb man sich heute noch etwas dafür hasst, auf pfannkuchenartig verschmolzene Uhren und Männer mit Hut und grünem Apfel vor dem Gesicht hereingefallen zu sein, in dem festen und überheblichen Glauben, ab sofort moderne Kunst komplett durchverstehen zu können.

Mit noch immer brodelndem Selbsthass also rein ins Centre Pompidou, das man als Bauwerk in seiner runtergeranzten, verblichenen Abgetakeltheit jetzt noch viel toller findet als vor zehn oder zwanzig oder dreißig Jahren. Wie es noch immer wuchtig und klotzig und penetrant in das inzwischen schnuckelig aufgeputzte Marais hineinrülpst, ist nach wie vor ein Quell größter Freude. Vielen Dank, Georges Jean Raymond Pompidou! Wegen der täglich auf 23 Uhr verlängerten Öffnungszeiten und des winterlichen Wetters diesmal also keine Besucherschlange vor der Kasse. Die Ausstellung ist trotzdem voll. Vor den oft recht kleinformatigen Gemälden drängen sich Besuchergruppen und zeigen sich gegenseitig Sachen. Da hinten, der Elefant, wie auf Stelzen! Da unten, die Fliege! Siehst du das Haus, dort am Horizont der Wüste, durch das Skelett hindurch? Das ist doch schon wieder Gala! Ich drehe innerlich ein bisschen durch. Die Leute sind total begeistert – es sei ihnen mehr als gegönnt – und lieben wahrscheinlich zu Recht vor allem Dalís Greatest Hits: Die dunkle Schubladenfrau zum Beispiel oder die Kreuzigungs-Bilder und andere Motive, die man aus Postershops, Postkartenbüchern und Achtziger-Jahre-DuMont-Bildbänden kennt. Mir geht das glatte Fotorealistisch-Surrealistische an Dalís Hauptwerken eher auf die Nerven. Der Detail-Overkill ist so manisch präzise gemalt, Dalí muss mit Lupe und dreihaarigen Pinseln daran gearbeitet haben. Nun ja, Geschmackssache eben.

Interessanter erschienen mir die Gemälde, vor  denen kaum jemand stand. Dalís frühes Frühwerk, Bilder die wie erste Versuche und malerische Orientierungsübungen wirken. Ein graublaues kubistisches Selbstportrait aus dem Jahr 1923 zum Beispiel, mit eingebautem Zeitungsausriss und einem ganz unkubistischen, stark stilisierten und etwas unbeholfenen Dalí-Kopf. Oder das spröde, olivgraubraune Portrait seines Vaters von 1925. Es zeigt einen dicken, alten Mann mit weißem Hemd, Bauchbinde und dunkler Jacke, der auf einem ungemütlichen Stuhl vor einer grauen Ecke sitzt und aus den Augenwinkeln heraus komisch aus dem Bild blickt. Gemalt im uncharmanten, etwas provinziell wirkenden Stil des akademischen Realismus, wie er in Spanien in den Zehner-Jahren des 20. Jahrhunderts Mode war.

Im audiovisuellen Teil der Ausstellung, mit Wochenschau-Ausschnitten und Filmdokumenten seiner Performances und öffentlichen Auftritte, wird ersichtlich, wie früh der weltweite Medienrummel um Dalí eingesetzt hat, nämlich bereits in den frühen vierziger Jahren. Und wie konsequent Dalí, Jahrzehnte vor Warhol, an seiner Selbstinszenierung und Selbstvermarktung gearbeitet hat. Dalí lädt 1941 im kalifornischen Monterrey zum surrealistischen Dinner ein. Die amerikanische Wochenschau filmt mit. Der Hauptgang wird in Damenschuhen serviert, dazu springen Frösche auf dem Tisch herum. Dalí im Pariser Zoo. Einem Nashorn wird ein großer Bogen Papier ins Gehege gelegt. Wie besessen fängt das Nashorn tatsächlich an, das Papier abstrakt-expressionistisch mit Schnauze und Nase vollzusudeln. Wärter müssen ihm mit Stöcken auf den Kopf schlagen, damit es endlich wieder damit aufhört. Dalí ergreift das Blatt, ergänzt die Nashorn-Komposition durch zwei Pinselstriche, setzt seine Signatur darunter und hält das Bild triumphierend in die Höhe. Ein anderer Film dokumentiert eine performance-ähnliche Aktion, die Dalí 1941 in Carolina inszenierte: Effet de Sept Nègres, un Piano Noir et Deux Cochons Noir sur la Neige (Für Freunde der N-Wort-Debatte hier die Übersetzung: Effekt von sieben Negern, einem schwarzen Klavier und zwei schwarzen Schweinen im Schnee). Dalí sitzt hierfür auf einer schneebedeckten Wiese vor einer Staffelei und lässt sich dabei filmen, wie er die von ihm rund um ein Klavier drapierten Menschen und Tiere abmalt. Eine unrassistische Ironie will man ihm dabei allerdings nicht so recht abnehmen.

Kurz vor elf, die Ausstellung schließt. Während der Fahrt auf der Rolltreppe, von ganz oben nach ganz unten, feuert in der Ferne der Eiffelturm seine Glitzershow ab, überall liegt Schnee, dicke Schneeflocken fliegen durch die Luft. Dalí ist fast auf den Tag genau vor 24 Jahren gestorben.


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