Prostitution. Ein Jahr mit den Goncourts (II)

»Ein einziger Mann, ein Monsieur Wailly von der Illustration hat uns durch unsere Bücher genügend durchschaut, um zu behaupten, daß, wenn wir lieben, wir nur zusammen lieben und daß die Gesetze und Sitten für unsere phänomenale Dualität eine Ausnahme machen müssen.« (Bd. II, S. 173)

Der zweite Band des Journals der Brüder Goncourt lässt sich ruhiger an. Es könnte scheinen, dass die doppelte Textpersona der protokollierenden Brüder nun ihren Stil gefunden hat. In den ersten sechs Jahren wurde vieles ausprobiert, die wütenden, misogynen, rassistischen, klassistischen Ausbrüche wurden ausgelebt und als Stilmerkmal dieser eben genau nicht bedacht abgewogenen Indiskretion etabliert; ein Stilmerkmal, das uns beiden widerstrebt. Findet nun eine Art Konzentration statt? Sie schreiben ausführliche, seitenlage Charakterstudien und einzelne Charaktere (etwa der Schriftsteller Mario Uchard, der Kritiker Paul de Saint-Victor oder die Mätresse Gisette Dennery) werden viele Monate lang immer wieder beschrieben, ihre Selbstdarstellung fortlaufend untersucht und ihr Lebenswandel wie ihre Salonekstasen nachgezeichnet:

Bei Uchard stets köstliche Sonntage. Charmante und erhabene Plaudereien, stets von Rabelais’schen Schweinereien und der aktuellen Anekdote bis zur großen Befragung über Seele und Tod ansteigend, zum unsterblichen Monolog: To be or not to be… — Saint-Victor, der nach dem Diner zwei Stunden in der Pose eines seufzenden Watteaus zu Füßen der Röcke der einstigen Ruhmreichen, Maria la Polkeuse, verbracht hat — heute der verschrumpelte Kopf einer alten bösen Hure, und die das Geld hat, ein Möbelstück für 15.000 Francs in Beauvais zu bestellen — Saint-Victor, aufgetaucht aus ihrer Nähe wie ein keuchender Keiler mit geblähten Nüstern, geweitetem Auge, die Möbel umstoßend, die er nicht mehr sieht, Saint-Victor spricht von der Furcht, die ihm Gott einflößt. Auch wir erklären uns für mittelmäßig beruhigt. (Bd. II, S. 19)

Womöglich genießen die beiden Brüder aber auch lediglich ihre ersten merklichen Erfolge, die sie ruhiger schreiben lassen. Ausgedehnt erzählen sie die Interieurs und Möblierungsvarianten ihrer Protagonisten:

Das Arbeitszimmer meines Cousins sieht so aus. Ein Fenster ohne kleine Vorhänge, mit einem kleinen weißen Kaliko ohne Ränder auf einer Stange. Links in einem Rahmen aus Palisander das Porträt Gerdys. Rechts Bücher, die, auf Regalbretter gestellt, die im Paneel befindliche Tür überragen, die dem Kamin gegenüberstehen und eine Art Bücherwand bilden, die das ganze Paneel einnimmt, wobei der untere Teil einen Schrank aus Weichholz, bemalt mit Nußbaummaserung bildet. Sie umfassen Titel von Schicklichkeit. Die Bücher sind der tugendhafte Andrieux, Ducis, Courier, Dupuis: derOrigine des cultes, ein Bulletin des lois etc. Die Bücherwand berührt nicht die untere Füllung: der National von 1840, in Paketen verschnürt, füllt sie aus. Davor steht ein Geigenpult. (Bd. II, S. 149f.)

Noch detaillierter, in der gleichen Passage:

Zwischen diesen Dingen — mein Cousin hebt alles auf — alte leere Streichholzschachteln, alte Tintenflaschen und kleine leere Röhrchen für Digitalinkörner zu 1 Milligramm. (Bd. II, S. 150)

Jedes Detail ist wichtig. Die Goncourts, stolz auf ihr Aristokratentum und alles Demokratische hemmungslos als bourgeois diffamierend, vollziehen die eigentliche demokratische Volte: Geschichte nicht als die res gestæ erhabener Helden mit hierarchisch gestaffeltem Dekor, sondern als die »Ewigkeit einer Rüsche« (Walter Benjamin) am Kleid einer Mätresse. Die materielle Kultur des 19. Jahrhunderts tut sich auf.

In dieser radikalen Blickschärfe, die noch die eigenen Idiosynkrasien mitprotokolliert (derer gibt es zum Überdruss viele), ist nachvollziehbar, dass ausgerechnet sie, die misogynen Paschas, Einblick gewähren in Frauenbiografien, die ihnen unverständlich bleiben müssen: etwa das Porträt einer Frau, die den selbstbewussten, aber doch an Ökonomie und Rollenvorstellungen scheiternden Versuch wagt, aus ihrem Elternhaus in der Provinz auszubrechen:

Ehrgeiz der Frau, etwas zu erreichen, irgendetwas — und vertraut auf ihren Stern. Macht ihre Mutter glauben, daß eine amerikanische Familie sie als Lehrerin haben will, sagt ihr, daß sie ihre Möbel haben möchte. Provinzielle Vorstellungen der Mutter, die zu ihr sagt: ›Wenn du kein gutes Essen bekommst, kein gutes Bett, komm heim.‹ Geht mit einer Frau nach Paris und mietet mit ihr eine Wohnung, Rue Monsieur-le-Prince, für 50 Francs im Monat. Die Frau tritt eine Stelle als Zimmermädchen in England an und läßt sie allein mit der Wohnung sitzen. Sie bekommt eine Brustfellentzündung. Der Arzt verschreibt ihr 50 Aderlässe. Die Möbel aus ihrer Heimat kommen 85 Francs Fracht. Sie läßt nur 25 Aderlässe machen, weil Aderlässe teuer sind. Kann weder ihre Miete noch die Fracht für ihre Möbel bezahlen. (Bd. I, S. 316)

Ähnlich lassen sie Céleste Laveneur selbst erzählen, wie sie Schritt für Schritt in die Seine steigt, nachdem sie von Scholl, dem Freund der Goncourts, fortlaufend gedemütigt wurde:

und als ihr das Wasser bis zu den Knien reicht, wird sie mitgerissen; sie bleibt bei Bewusstsein, spürt genau, wie sich ihr Haar um sie herum ausbreitet; und als sie von der Verberge hört, wie ein Hund ins Wasser springt, hat sie lediglich Angst davor, daß er sie an einer unanständigen Stelle packen könnte. (Bd. I, S. 141)

Mich erinnert dies an das Werk Garry Winogrands, des fotografischen Protokollanten amerikanischen Gesellschaftslebens der fünfziger bis achtziger Jahre — der die Figuren auf seinen Bildern bisweilen mit Schärfe zerlegt (und dabei selbst, meint man, Wunden davonträgt), und der die Bilder aufsplittern lässt, an die Stelle der Augenblickspointe komplexere, an die Grenzen der Erzählung geratende Strukturen setzt, die jederzeit auseinander laufen könnten, bis er — man sieht das auf späteren Kontaktkopien — die Kamera nur noch, ein ums andere Mal, gleichmäßig und ziellos die Straße festhalten lässt, mit dem Klickgeräusch Fallbeil um Fallbeil setzend, auf den Bildern Bordsteinkanten, Straßenecken, Laternenfüße. Er wolle, so ein oft kolportiertes Zitat, bloß wissen, wie die Dinge fotografiert aussehen, fast, wie es die Goncourts über den Zeichner Guys schreiben: »[…] im Zickzackkurs von Idee zu Idee schlingernd, aus dem Gleis geraten, verloren und sich wiederfindend«. (Bd. II, S. 49)

Ein Ausspruch von Blanche, um eine ganze englische Familie zu beschreiben, mit all ihren der Größe nach aufgereihten Kindern: »Eine Familie in Panflötenform.« (Bd. II, S. 144)

An Winogrand würde sich die äußerst ambivalente Konstellation zwischen seinen Figuren, ihm selbst, dem Betrachter seiner Bilder wiederholen: sein bisweilen durchaus chauvinistisch-aggressiver Blick auf Passantinnen, die sich auf der Straße an ihm vorbeidrücken, und denen er sein Buch »Women are beautiful« widmet, zugleich Voyeur als auch selbst Bestandteil der Szenerie, des Rollensystems, das sich für den Betrachter — aber auch für die Betrachterin? — zur herben Ernüchterung transzendiert. Die Bilder kehren sich gegen ihren Schöpfer.

Damrémont, der seiner Mätresse ein Gebiß mitbrachte, wenn er zu ihr ging, und es aus Furcht vor Treulosigkeit wieder mitnahm, wenn er wieder wegging. (Bd. I, S. 168)

Die Lakonie, mit der die Mätressen, die Bordelle, Sexualseilschaften und die Rentenaquise qua Eheschließung erzählt werden, steht dabei ganz im Gegensatz zum aktuell veröffentlichten Sprechen über diese Tagebücher; es fällt auf, wie Michael Angele schreibt, »dass Frauen fast nur als Prostituierte eine Rolle spielen, [das] spielt in der Kritik bis hin zur neuesten FAS keine Rolle, sei es, weil das fraglos zur Zeit gehörte, sei es, weil man sich zu sehr in die großartige Idee dieser Journale verliebt hat.« Gehörte es tatsächlich zu jener Zeit? Genauer gefragt: Zur Lebensformen welcher Menschen gehörte diese Vorstellung eines gelungenen Bürgertums? Sicherlich nicht zu den Wünschen der Tagelöhnerkinder jener Epoche, die dadurch ihre Sippe mit durchbrachten. Die Ausführlichkeit und Selbstverständlichkeit der Beschreibungen des Sexualgeschäftslebens befremdet uns. Warum übergehen dann die allermeisten Rezensenten dieses überbordend auffällige Merkmal der Tagebücher? Gab es deshalb noch keine Rezensionen durch Kritikerinnen, weil die Tagebücher eben auch derart verknarzte Altherrenbücher sind?

Die Goncourts erzählen die Sexualkultur ihrer Zeit vermittels der Orte, Dinge, der Möblierung und Gepflogenheiten. Seitenweise, auf zehn, zwanzig Seiten am Stück werden die Bauwerke, Rituale, die Frauen in ihren Lebensaltern, ihren Nebentätigkeiten, ihren Merkmalen (durchaus mit dem Unterton der Katalogisierung eines Angebots) beschrieben – sowie die Herren und die Clubs, die über sie wachen, sie anstellen, umsorgen und die sie ausgebildet haben, das Dienstpersonal dieser Häuser:

Sie haben eine Köchin, die sich vollkommen auf das Braten für alte Huren versteht, und einen Groom, Bauernsohn aus der Nachbarschaft, dickes Kind, das man nur mit großer Mühe in eine Livree hineinzwängen konnte, dessen Arme wie alte Puppen um den Körper schlenkern, mit offenem Mund, eine Schirmmütze, weiß nie etwas, obendrein ein bißchen taub, eine wimmernde und weinerliche Stimme, ein gefühlsduseliger Bauchredner. (Bd. I, S. 309)

Wer allerdings nicht beschrieben wird (oder nur sehr indirekt, eher als bösartige kleine Spitze in den Portraits dieser Herrschaften an anderer Stelle), das sind die Männer, die diese Frauen und Häuser zur Befriedigung ihrer Geilheit oder als kurzen Wellnessaufenthalt aufsuchen. Klar: Die Goncourts haben eine Lust an diesen Häusern und den Gepflogenheiten der Prostitution. Sie lieben das Zeichnen der Sittengemälde, die nunmehr uns die Alltagskultur jener Zeit überliefern, in kleinsten Episoden:

Wie man mit einer auf der Bühne anbandelt oder in die Offensive geht: der Herr legt sein Programm rittlings auf die Samtrampe; das heißt, daß er eine Frau für die Nacht sucht; hat er einmal die Aufmerksamkeit der Frau erregt, bedeutet er ihr mit seinen Fingern die Zahl der fünf Francs Silberlinge, die er bereit ist rauszurücken. Und der Handel ist perfekt… (Bd.I, S. 172)

Ein bürgerliches Leben, partiarchal-hegemonial natürlich, ist im Paris jener Zeit kaum vorstellbar ohne solche Sexualgeschäfte, die offenbar ganz unbeeindruckt von nebenher bestehenden ehelichen Verträge abgeschlossen werden. Uns beiden ist dieser Lebensstil nicht zueigen. Doch ist er in unserer Kultur tatsächlich abwesend oder nur in die Parallelgesellschaften der Führungskräfte sowie einzelner Berufssparten und Freizeitnetzwerke angewandert?

Die offensiv nichtbeschönigende, gezielt allumfassende und eben persönlich affizierte, idiosynkratische, ungerechte Erzählung der Goncourts lässt sie eben möglichst alle Lebensverhältnisse in den Blick nehmen — Wirklichkeit entsteht: »Das Eßzimmer ist dasForum dieses beschissenen, samenbegossenen Lebens.«  (Bd. I, S. 309) Saufen, Betrügen, Fressen, Ficken, fragwürdige Geschäftemacherei und hingeschluderte Großkunst gehören zum menschlichen Zusammenleben wohl jeder Epoche. Die scharfsichtige Misanthropologie der Goncourts fragt sich: Mit welchen Gesetzen und Ausbeutungsverhältnissen, Machttaktiken und Standesordnungen gelingt es den Menschen, — nein, Unsinn: den Männern dieser Gesellschaft, ihr wohlgeordnetes Genuss-, Familien- und Berufsleben aufrechtzuerhalten, in revolutionären Jahren? Und wie gelingt uns dies heute? Den Machtmenschen und Machtmännern der Gegenwart? Was erzählen sie auf der medialen Vorderbühne und was betreiben sie auf den Hinterbühnen, welche schmierigen Machenschaften? Und entsprechen die lackierten Schuhe, an denen ein Präsident sich trotz Motorradhelm vermeintlich erkennen lässt, nicht den Fußstapfen eben jenes Mätressentheaters, in dem sich ›Männer von Format‹ einander anerkennend zuzwinkern?

Vermutlich ist es genau darum folgerichtig und auch als zivilisatorische Errungenschaft zu begreifen, dass 160 Jahre später eben in Frankreich und auch in Deutschland in den letzten Monaten die Abschaffung und strafrechtliche Verfolgung der Prostitution öffentlich diskutiert wird; eine heikle Debatte, da hier Vorder- und Hinterbühnenleben kollidieren müssen – und wohl kaum ein/e Diskutant/in nicht von Prostitution betroffen wäre: als Nutznießer, Dienstleister/in, Leidtragende. Eine sachliche Klärung ist undenkbar, da das intime Leben diskutiert wird, die Lebensträume, Idealisierungen, Lebenslügen und Selbstbetrügereien einer/s jeden. Die Misanthropologie der Goncourts täte hier gut: Ist nicht davon auszugehen, dass alle sieben Todsünden ausnahmslos das Begehrensleben eines jeden Menschen prägen, unaufhörlich? Der gewohnt partiarchale, gutsherrenartige und selbstgerechte Umgang mit Abhängigen dominierte die Epoche der Goncourts – und er bildet doch immer noch einen sehr unangenehmen Kern anerkannt maskulinen Selbstbewusstseins der Gegenwart. »Gott schuf den Koitus, der Mensch schuf die Liebe.« (Bd.I, S. 241) Ein hübsches Interieur. Ein dreckiges Geschäft, Hass und Selbsthass: »Die Gläubigen sind Gott sehr dankbar, den Genitalien der lebenden Frau den Geruch beschert zu haben, den er der Krabbe erst acht Tage nach ihrem Tod beschert.« (Bd. III, S. 569) Wie riechen die Genitalien der Goncourts?

Zum Schluss noch ein Porträt:

Zwischen dem Schokoladensoufflé und dem Kartäuserlikör lockert Maria ihre Korsage und beginnt ihre Memoiren. (Bd. II, S. 51)

Es ist nicht ganz klar, ob es sich in diesem Zitat um die gleiche Hebamme Marie handelt, die die Goncourts über die Abtreibung ihrer Dienstmagd Rose aufklärt. Es ist eine dieser Stellen, in denen der Text des Tagebuchs zur gespenstischen Kippfigur wird, die sich von ihren Schreibern löst:

So gelangt das kleine Dorfmädchen ins Schloß; und der andere liebt sie, während er sie in ihrem Zimmer einschließt, wenn er aus Paris Huren kommen läßt, die er in seinem Park herumlaufen läßt, nackt, mit Kleidern aus Gaze und Schleifen, die zwei kleine Havaneserhunde zerreißen. (Bd. II, S. 52)

Wie erstaunlich es ist, in einem Textwerk, in dem ungerührt jede Person mit Vor- und Zunamen genannt und noch im Register aufzählbar wird, ausgerechnet jene Hebamme Marie anonym bleibt, die für die Goncourts so wichtig ist. Eine Fußnote der Herausgeber ergänzt den Namen um lediglich einen Buchstaben:

Maria, die Hebamme: Mehr als der Anfangsbuchstabe ihres Nachnamens M*** ist über sie nicht bekannt. Dieser stammt aus einem Kupferstich von Jules »Après Soupers«, 1859, der sie sitzend, den Ellbogen auf den Tisch gestützt und in einem Morgenmantel mit ausdrucksloser Miene zeigt, beschriftet: »Étude d’après Maria M***«.

Das ist eine Anonymität, die bestimmte Unschärfe einer genauen Figur — eineSpur, hinterlassen auf einer Zeichnung, bei deren Anfertigung die Hebamme selbstgegenwärtig war. Zeichnung, Lichtzeichnung, Fotografie: die nonverbale Spur von Marie M., mit dem »M« des Nachnamens als Markierung, die eine Identifikation vorgibt, ohne sie einzulösen: Umriss einer autonomen Figur, die sich für die Goncourts bei aller Akribie nicht gänzlich fassen ließ — weil, bei aller Akribie der Sprache, die Beschriebene am Ende doch unübersetzbar bleibt?

Und dann wird die Geschichte von Maria zur Geschichte aller Frauen, abgesehen davon, daß Frauen im allgemeinen nicht den den Beruf der Hebamme lernen. (Bd. II, S. 52)


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