Synthetisches Symposium. Eine Tagung zu „Evolution in Menschenhand?“ in Berlin

Die Synthetische Biologie hat manche Probleme, das gravierendste ist, dass kaum jemand weiß, was das eigentlich sein soll. Das gilt beispielsweise auch für den transzendentalen Idealismus. Der Unterschied ist allerdings, dass man im Fall des transzendentalen Idealismus etwa 200 Jahre Zeit hatte, sich an das allgemeine Unverständnis und Desinteresse zu gewöhnen. Außerdem ist unwahrscheinlich, dass die Leopoldina. Nationale Akademie der Wissenschaften dem Institut für Demoskopie Allensbach den Auftrag erteilt zu messen, wie groß genau Unverständnis und Desinteresse in der Bevölkerung ausfallen.

Im Fall der Synthetischen Biologie, die „biologische Systeme wesentlich verändert und gegebenenfalls mit chemisch synthetisierten Komponenten zu neuen Einheiten kombiniert“[1], ist genau das passiert. Es stellte sich heraus, das 87 Prozent der 2356 Befragten „Synthetische Biologie“ mit „Eingriffen in die Natur“ verbinden, und 82 Prozent bei dem Begriff an „Risiko, Gefahr“ dachten[2] – schlechtere Zustimmungswerte hat nur die Gentechnologie. Wenn man den Befragten erklärte, dass es sich bei dem Forschungsgebiet um eines handele, das dazu in der Lage sei, nachhaltige Treibstoffe zu erzeugen oder beispielsweise in der Krebsforschung zur Herstellung neuer Medikamente dienen könnte, stieg die positive Einstellung enorm. Auftritt der Schering Stiftung, hervorgegangen aus der Schering AG, die in der Bayer Pharma AG aufgegangen ist. Kerngeschäft von Bayer Pharma ist es unter anderem, im Bereich der Onkologie zu forschen und neue Medikamente für die Therapie zu entwickeln.

Die Schering Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kunst und Wissenschaft miteinander in Kontakt zu bringen, und das am besten so, dass mehr Leute davon erfahren, als diejenigen, die in Kunst und Wissenschaft unterwegs sind. Da das Stiftungsvermögen 35 Millionen Euro beträgt, sitzt hier einiges drin, zum Beispiel eine geschätzt 20 000 Euro teure Tagung zum Thema „Evolution in Menschenhand? Synthetische Biologie aus Labor und Atelier“, die am Freitag, den 13. März im Leibniz-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften stattfand: Die Kellner livriert; die Vorstandsvorsitzende gepudert; das Publikum in Blazer, Jackett und größtenteils ergraut; die Moderatoren mit hautfarbenen Klebemikrofonen an der Backe; am Nachmittag gab es neben drei Sorten Kuchen (undenkbar bei Tagungen aus Universitätsmitteln) auch Obstspießchen (die Qualität ließ sich nicht ermitteln, weil die Reporterin mit einer Heilfasten-Kur kämpfte).

Ein Bild aus der Arbeit Pigeon d’Or (2011) der Künstler Revital Cohen und Tuur van Baal, die zur Zeit in den Räumen der Schering Stiftung in Berlin ausgestellt wird, illustrierte das Faltblatt mit dem Programm der Tagung und verschiedene Powerpoint-Präsentationen. Die Pointe dieser Arbeit ist, dass darin Tauben zu sehen sind, deren Stoffwechsel mit Hilfe eines synthetischen Bakteriums so verändert wurde, dass sie Seife statt Kot ausscheiden. Auf diese plakative Arbeit nahmen viele der Vortragenden und an den Podiumsdiskussionen Beteiligten immer wieder Bezug, was weniger ein Hinweis auf eine besonders gelungene künstlerische Arbeit ist, als auf ein Grundthema dieser Veranstaltung, das wie eine mehr oder weniger unbemerkte Elefantenherde zwischen den Stuhlreihen herumtrampelte. Es schien weniger darum zu gehen, was Kunst (welche denn?) und Wissenschaft (Synthetische Biologie) einander zu sagen haben, als darum, was sie sich von der jeweils anderen Seite sagen lassen. Die Hoffnung, dass man mit der Behauptung weiterkommt, dass beide gleichviel, nur eben auf unterschiedliche Art, zu einem sogenannten Diskurs beitragen, leitet ganze Forschungsprogramme.[3]

Die Konferenz „Evolution in Menschenhand“ zeigte aber vor allem eines: Dass es für diejenigen, die in künstlerischen oder geisteswissenschaftlichen Fächern arbeiten, schwer bis unmöglich ist, diese Behauptung durchzusetzen. Das könnte im Fall dieser Tagung daran liegen, dass es undankbar ist, nach einer so grundentspannten Physikerin wie Petra Schwille zu sprechen, die ganz zu Anfang der Konferenz erst einmal Grundsätzliches zur Synthetischen Biologie sagte, zum Beispiel, wie sich diese „Leben“ überhaupt vorstellen kann (immer nur zellulär), und was daraus für das Forschungsdesign in der Biochemie folgt. Synthetische Biologie beschäftigt sich beispielsweise damit, neue Moleküle zu erschaffen, die Teil von Lebewesen sein können. Und zwar nicht von Seife scheißenden Tauben. Diese sind nur viel leichter zu erkennen, so wie das Kaninchen (GFP Bunny), das von Eduardo Kac mit der DNA von Quallen ausgestattet und so zum Fluoreszieren gebracht worden war. Dadurch avancierte es zusammen mit Kac zum zweithäufigst zitierten Wirbeltier der Veranstaltung. Vielmehr geht es der Synthetischen Biologie darum, erst einmal kleinste Einheiten, wie eben Zellen, zum Leben zu erwecken – oder eben aus bereits lebendem Material zu synthetisieren, wie Alfred Pühler betonte, der das Bielefelder Centrum für Biotechnologie leitet. Pühler präsentierte die „mediale Geburtsstunde der Synthetischen Biologie“, die von einem Artikel der Forschergruppe um Craig Venter ausgelöst wurde. Venter hatte 2010 in Science einen Text veröffentlicht, in dem die Herstellung einer Bakterienzelle mit einem chemisch synthetisierten Genom beschrieben wurde. Das ist das, was momentan mit der Synthetischen Biologie erreicht werden kann, und es ist überhaupt nicht wenig. Es entsteht eben nur kein synthetisches Tier mit Flügeln, Flossen, Geweih und Insektenaugen. Als „take home message“ war es Pühler wichtig zu betonen, dass die Synthetische Biologie kein Leben schaffe – und dass Leben schaffen vor allem die Angst vor Homunkuli oder Frankensteinschen Monstren bedeutet, trug Hans-Christian von Herrmann, Professor für Literaturwissenschaft an der TU Berlin, mit Ernst und Fleiß vor (übrigens las er seinen Text ab, während die anwesenden Naturwissenschaftler alle frei sprachen. Neben, nicht hinter dem Rednerpult stehend).

Es wäre sehr schön gewesen, wenn man von jemandem, der hauptberuflich etwas mit Sprache macht, mehr dazu gehört hätte, wie man mit den heterogenen Verwendungen des Synthese-Begriffs in der Synthetischen Biologie umgeht, der noch dazu der Grund dafür zu sein scheint, dass das ganze Fachgebiet auf so große Skepsis in der Bevölkerung stößt. Ein Vorschlag dazu kam aus dem Publikum: Ob man in Analogie zur Unterscheidung von darstellender und bildender Kunst nicht vielleicht von bildender Biologie sprechen könnte. Schon, ja. Interessant wäre es auch gewesen zu besprechen, warum (bildende) Kunst die Morphologie so schätzt, warum es so viel Leiber gibt, in die sich alles mögliche einschreibt, und so wenig Elementarteilchen, die sich bewegen. Zumindest war zu beobachten, dass sich die Frage offenbar stellt, und mit wem man darüber reden könnte. Alle anwesenden Naturwissenschaftler erklärten große Offenheit für die Idee, auch Künstler in ihre Labore zu lassen, beklagt wurde deren „Koketterie mit der eigenen Ignoranz gegenüber den Naturwissenschaften“ (so Schwille). Verschwiegen wurde das Kompetenzproblem, das sich sofort auftut, wenn Leute, die schon in der Oberstufe lieber Emo gehört haben als Bio-Übungsheft zu machen, zum Thema Synthetische Biologie „arbeiten“ wollen. Geschenkt, dass wohl diejenigen, die schon immer sehr gern Bio-Übungsheft gemacht haben, sich auch besseres vorstellen können, als sich in die Geschichte der Konzeptkunst einzuarbeiten. Aber man trifft sich am Buffet.

Im letzten Block der Veranstaltung tat sich dann noch einmal die Chance auf, wenn schon nicht zum Thema Synthetische Biologie, so doch zumindest zum Verhältnis von Kunst und Wissenschaft strukturelle Fragen zu stellen. Das zeigte sich insbesondere in der Podiumsdiskussion, die dem Vortrag von Rüdiger Trojok folgte, der zwar über „Bedingungen einer gerichteten Evolution“ sprach, vor allem aber erklären und verteidigen musste, was er als Bio-Hacker so macht: beispielsweise versuchen, mithilfe von im Baumarkt erhältlichen Materialien ein einfaches, biotechnisches Labor für 500 € zu bauen und Bürgerwissenschaft (citizen science) zu ermöglichen.

Dass es dabei auch darum geht, eine Laienkultur in der Biologie am Leben zu erhalten, betonte Marcel Weber, Wissenschaftsphilosoph aus Genf. Weber hätte sicherlich noch mehr beizutragen gehabt, er ging aber neben Bernd Müller-Röber unter, dem Präsidenten des Verbandes Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland, dem seine Herablassung insbesondere gegenüber dem deutlich jüngeren und bezopften Trojok aus dem Gesicht troff. Demokratisierung von Wissen, wie sie Trojok anstrebt, sei durch Tage der offenen Tür und die „Lange Nacht der Wissenschaft“ hinreichend gewährleistet. Wer was wissen will, muss offenbar einfach ins nächstgelegene MPI fahren, der Rest findet sich dann sicher. Wissenschaft, so Müller-Röber, sei nur durch den Zugang zu neuester Technik möglich, genauere Unterscheidungen zwischen Wissenschaft, angewandter Forschung und hochtechnisierter Spitzenforschung wurden eher am Rande thematisiert.

Deutlich wurde hier, dass Wissenschaft und Kunst vor allem dadurch miteinander zu tun haben, dass sie über ein Institutions-Kriterium definiert werden können (man mag das zufriedenstellend finden oder nicht): Science is, what scientists do – und zwar in Instituten, Akademien und aus dritter Hand finanzierten Laboren. Als Kunst durchsetzbar ist das, was als solche institutionell anerkannt wird – wie auch Kacs grün leuchtendes Kaninchen. Dass diese über die Institution laufende Definition politische Implikationen und möglicherweise Probleme mit sich bringt, sah man sehr deutlich an der Art und Weise, in der Müller-Röber bestrebt war, Biohacking als erweiterten Verein für Laubsägearbeiten zu behandeln. Was die Institutionen der Kunst und Wissenschaft können und leisten müssen, wann es sinnvoll ist, dass sie sich öffnen und wann unter Umständen nicht, blieb unterbelichtet.

Hans-Jörg Rheinberger, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, war eingeladen, eine Zusammenfassung und ein Schlusswort an die acht Stunden lang ausharrenden Konferenzbesucher zu richten. Er drückte sich vorsichtiger und poetischer aus: Unser Wissen hänge davon ab, welche Formen der Zusammenarbeit und der Partizipation wir auch in Zukunft imaginieren könnten. Imagination (nicht: Kreativität)! Ein Glück! Dafür sind auch die Künste und die Geisteswissenschaften zuständig, beschreibend, handelnd. Ob sie sich dazu in Zukunft stärker der Synthetischen Biologie zuwenden, bleibt abzuwarten. Es wäre gut zu wissen, dass ihre Überlebenschancen nicht davon abhängen.

[1] Jörg Hacker und Renate Köcher; Leopoldina Nationale Akademie der Wissenschaften, Institut für Demoskopie Allensbach (2015): Die Synthetische Biologie in der öffentlichen Meinungsbildung. Überlegungen im Kontext der wissenschaftsbasierten Beratung von Politik und Öffentlichkeit. Diskussion Nr. 3. Berlin. Hier: S. 6.

[2] Ebd., 47.

[3] Bezeichnenderweise ist dies aber vor allem in den Geisteswissenschaften, die an dieser Veranstaltung nur am Rande beteiligt waren. In etwa so: Wer sich in den Literatur- oder Medienwissenschaften beispielsweise mit der Evolutionstheorie auseinandersetzt (so wie ich das selbst gemacht habe), macht eine Prestigeanleihe, wer in den Naturwissenschaften versucht, ein Paper über die Wissensgeschichte der deutschen Philologie zu verfassen, würde bestenfalls etwas Zeit verlieren, schlimmstenfalls aber seine Karriere riskieren. Das liegt daran, dass das Thema nicht als satisfaktionsfähig gilt: hier gibt es kein für das Fach relevantes Problem.


1 Kommentare

  1. Dr.Berthold Rutz sagt:

    Zu : Eckhard Nordhofen, Idolatrie und Grapholatrie…
    Als nicht theologisch oder bibelkundlich vorgebildetem Leser wäre mir eine Erklärung der Zitierweise, z.B. (Deutero) Jesaia 44 oder Ex 32, 16 hilfreich gewesen.
    gez. R u t z.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *