Nicht abklingende Erektionen

Gestern die ersten beiden Teile (und vier Stunden) von Miguel Gomes neuem Film As mil e uma noites gesehen. Ziemlich platt und erschöpft nach der Vorstellung. Aus den Märchen von Tausend und eine Nacht werden eigentlich nur die Lust am Fabulieren und ein paar strukturierende Momente übernommen, inhaltlich geht es um ein von Krise und Troika erschüttertes Portugal.

Gleich zu Beginn rechtfertigt der Regisseur als Stimme aus dem Off seine Vorgehensweise: Er wolle beides, „militantes“ Kino machen und Einblick in fantastische erzählerische Welten bieten, ohne dabei in Politdandyismus abzudriften. Die Troika hat dann auch relativ früh einen denkwürdigen Auftritt. Vor allem hat sie ein Problem. Diese mächtigen (puissant) Mannsbilder sind impotent (impuissant). Sie begegnen einem dunkelhäutigen Magier, der ein Spray dabei hat, das mehr als Abhilfe schafft. Politik als Männerschwachsinn, die portugiesische Finanzministerin ist die einzige Frau bei den Verhandlungen, aus ihrem Gesichtsdruck spricht eine großartige Verwunderung über die Geschehnisse.

Trotzdem: In der Darstellung von Politik macht sich der Film letztlich doch die „la casta“-Rhetorik von Podemos und anderen zu eigen. Die zum Beispiel Toni Negri, der in regelmäßigem Kontakt mit diesen Parteien und Bewegungen steht, absolut unterstützt: Um Massenappeal zu bekommen, muss man ein horizontales – links/rechts – zugunsten eines vertikalen – das Volk/la casta – Koordinatensystems aufgeben. Die da oben sind gefährliche Kasper, nichts an ihrem Verhalten ist für den gesunden Menschenverstand auch nur ansatzweise nachvollziehbar.

Pierre Schoellers Film L’Exercise de l’État (2011, auf deutsch leider Der Aufsteiger) geht da einen ganz anderen Weg. Diese Studie der höheren französischen Ministerialbürokratie zeichnet zwar ebenso ein desillusionierendes Bild des Politbetriebs, aber zumindest wird im Film immer wieder plausibel gemacht, dass staatliche Politik ein durchaus ehrenwertes, ja idealistisches Unterfangen sein könnte. Der Staatssekretär bringt sich jeden Morgen in Form, indem er beim Frühstück die Rede hört, die der Kulturminister André Malraux 1964 gehalten hat, als die sterblichen Überreste des Widerstandskämpfers Jean Moulin ins Panthéon überführt wurden. Dass die Beamtenlaufbahn eingeschlagen wird, um das Unrecht in der Welt zu bekämpfen – für diese Art militanter Bürokratie fehlt heute zumeist das Verständnis. Aber Gomes gibt der Story so irre, unvorhersehbare Twists, dass spätestens dann, wenn die Troikatruppe an ihren nicht abklingenden Erektionen verzweifelt, das Schematische hinter dem Bezaubernden und Verzauberten völlig zurücktritt.

Der Philosoph François Châtelet war gern und oft im Radio und Fernsehen zu Gast. Am liebsten sprach er über das Kino. Von Filmen erhoffe er sich vor allem eine Sache:  l’invu. Wenn ich mich nicht täusche, hat er diesen Neologismus geprägt. Das Französische kennt zwar ein Wort für das Unerhörte (inouï), aber nicht für das Ungesehene, das Filmemacher im besten Fall auf die Leinwand bringen. Und davon gibt es bei Gomes mehr als genug. Bei Science-Fiction-Filmen mag das zum Geschäft gehören. Doch hier trifft man paradoxerweise auf Szenen aus dem Alltag, die ich nie zuvor gesehen habe. Was ist das bloß, magischer Sozialrealismus? Der Gewerkschafter mit Herzrhythmusstörungen. Oder die Richterin, die in einem Amphitheater ein Diebstahlsdelikt aufklären soll und dabei feststellen muss, dass in einem Land, dem es beschissen geht, fast jeder einen triftigen Grund hat, um sich kleine Vorteile zu verschaffen. So entsteht ein feinmaschiges Netz aus schuldhaften Verstrickungen, das radikal im Diesseits angesiedelt ist und für irgendwelche religiösen Ober- und Untertöne (Ursünde, der Mensch ist schlecht etc.) überhaupt keinen Platz mehr lässt.

Am beeindruckendsten fand ich jedoch die Geschichten der Bewohner eines vierzehnstöckigen Plattenbaus im Lissaboner Vorortbezirk Telheiras. Die Szenerie ist erstaunlich idyllisch. Draußen ist es sattgrün und in den Wohnungen verqualmt. Menschen lernen sich kennen, der Zuschauer lernt die Menschen kennen, ohne dass man dadurch weniger einsam würde. Es wimmelt von kleinen Geschichten, wie damals, als Silvester 2003 im 11. Stock eine Party gefeiert wurde und der Aufzug als Toilette benutzt wurde. Eine gute Minute lang kommt Flüssiges den Aufzugschacht runter und nicht eine Sekunde wirkt es runtergekommen.

Das Beziehungsgeflecht der Leute im Haus strukturiert sich um einen Hund herum. Hier bedient sich Gomes großzügig bei Houellebecqs Die Möglichkeit einer Insel, in der Fox, ein Welsh Corgi Pembroke, eine wichtige Rolle spielt und im Verlauf des Romans nicht weniger als drei Mal stirbt. Houellebecq läuft zu Hochform auf, wenn er Hunde, diese „machines à aimer“, beschreibt. Iggy Pop war begeistert und machte daraus den Song „A Machine For Loving“. Und jetzt taucht der Ausdruck bei Gomes auch auf Portugiesisch auf. Die Rasse ist eine andere, aber der Hund heißt ähnlich, zumindest trägt er ein x im Namen: Dixie. Und das Staunen ist genauso groß wie bei Houellebecq. Egal welches Herrchen man Hunden vorsetzt, sie werden ihm unbedingte Liebe entgegenbringen. Zur missratenen Verfilmung von Die Möglichkeit einer Insel steuerte Rosemarie Trockel übrigens eine Skulptur von Fox bei.


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