Je me souviens. Québec erinnert sich

Le Devoir macht mit düsteren Nachrichten auf. Kanada befindet sich offiziell in einer Rezession, die fallenden Ölpreise treffen die Ölsandindustrie in Alberta und die Angestellten des internationalen Filmfestivals drohen zu streiken. Im Oktober, wenn es kalt wird, stehen Unterhauswahlen an. Der seit 2006 regierende konservative Premier Stephen Harper ist unbeliebt, von Skandalen gezeichnet – sein ehemaliger Stabschef hat versucht, Spesenmissbrauch einiger Senatoren zu vertuschen – und könnte doch dank des first-past-the-post-Modus wiedergewählt werden. Justin Trudeau, nach dessen Vater Pierre Elliott der internationale Flughafen von Montréal benannt ist, wird es wohl nicht gelingen, den Familienauftrag zu erfüllen; er ringt mit dem Anti-Austeritäts-Investitionsprogramm seiner Liberal Party zusehends erfolglos mit den Neuen Demokraten, die auf Französisch unvorteilhaft NPD abgekürzt werden, darum, wer die bessere Alternative zu Harper abgäbe.

Die Straßen Montréals sind wie an vielen Orten Nordamerikas schachbrettartig organisiert. Diese Aufteilung ist aber keine Kopie New Yorks, sondern hat ihre Wurzeln in den rangs der Feldern der Normandie und der Bretagne. Von dort nämlich kamen im 17. und 18. Jahrhundert die meisten Siedler nach Nouvelle-France. Vor den Häusern gibt es Veranden, auf denen man sitzt, raucht und auf die baumgesäumte Straße schaut. Die Wohnungen sind langgezogen, eng und gehen auf einen schmalen Plot hin. Diente die Stirnseite einst zur (klein-)bürgerlichen Repräsentation, spielt das Leben, seit es Autos gibt, eher in den Hinterhöfen und den angeschlossenen ruelles, die einen nicht klar definierten Status zwischen Privatbesitz, Allmende und öffentlichen Straßen einnehmen. Manche nutzen sie als Parkplätze, andere für Nachbarschaftsgärten.

Vom Balkon aus ist der schiefe Turm des Olympiastadions zu sehen, der an ein Segel erinnern soll, aber ohne die Leichtigkeit seines Vorgängers, des Münchner Olympiastadions, zu erreichen. Das Stadion hat seinen schlechten Ruf daher, dass es erst vor wenigen Jahren endgültig abgezahlt wurde und fast genauso lange leer steht. Bis 2004 spielten hier die Expos, eine Baseballmannschaft, die erst nach Washington und schließlich nach Florida umzogen, was ziemlich genau der Route vieler älterer snow birds entspricht, die in den Wintermonaten mit ihren Wohnmobilen nach Miami fliehen.

Auf ihren wie auf allen Nummernschildern aus Québec steht Je me souviens. Aber keiner hier kann genau sagen, woran man sich erinnern soll. An die Besiedlung des Landes und den Kampf gegen die rauen Elemente? Daran wie Jacques Cartier 1535 mithilfe von Amérindiens den Hausberg Montréals erklomm und ihn Mont Royal nannte? Das Ungefähre des Mottos scheint beabsichtigt. Beim Bau des Parlaments in Québec in den 1880ern nahm sich der Architekt Eugène-Étienne Taché die Freiheit, Je me souviens über dem Eingang zu platzieren, ohne je anzugeben, was er damit gemeint hatte. Der Bau wurde nötig, nachdem 1849 in einer spontanen Demonstration der überwiegend anglophone Volkszorn auf das Parlament in Montréal übersprang und es niederbrannte. Noch immer liegt dieser kanadische Tahrir Square mitten im alten Stadtzentrum brach. Mehr noch als an dieses Fanal erinnern sich viele frankophone Québecois jedoch an die Niederlage gegen die Engländer im Siebenjährigen Krieg, dem ersten wahren Weltkrieg, und an den Verlust der Souveränität.

Souveränität, nicht Unabhängigkeit, ist auch der Slogan des Bloc Québécois, früher Parti Québécois, der seit den 1970er Jahren für größere politische und kulturelle Autonomie der Region kämpft und auch für den Slogan auf den Autoschildern verantwortlich ist (August Kleinzahler schrieb kürzlich dazu in der LRB). Doch der Lack ist ab, der BQ gilt als Altherrenverein und droht politisch irrelevant zu werden. Die Unabhängigkeitsreferenden 1980 und 1995 gingen verloren und 2011 bei den letzten Wahlen auf nationaler Ebene verlor die Partei fast alle ihre Sitze an die sozialdemokratische NDP/NPD. Nationalistisches Sentiment aber ist ungebrochen. Letztes Jahr schlug Denis Lebel, Minister für Infrastruktur, vor, die nach dem Stammvater Québecs benannte Samuel-de-Champlain-Brücke über den Sankt-Lorenz-Strom nach Maurice Richard, einem berühmten Hockeyspieler der Montréal Canadiens der 1950er Jahre, umzutaufen. Der folgende Shitstorm trieb ihn unter der Brücke hindurch ins offene Meer.

Wir nehmen für unsere Rundreise durch die Provinz den Lafontaine Tunnel. Marianne arbeitet an der Université du Québec à Montréal und fotografiert und dokumentiert die villes de compagnies, die monogorod Québecs, bei denen die Firma, die den raison d’être des Ortes ausmachte, dicht gemacht hat. Auf halbem Weg zwischen Montréal und Québec wohnt Mariannes Großmutter Georgette im winzigen Sainte Françoise de Lotbinière. Georgette hatte neun Geschwister, sie hat vier Kinder, ihre Tochter zwei. Das Schrumpfen der Familien ist in Québec noch drastischer als anderswo im Westen, vor allem da es mit deutlicher Verspätung einsetzte. Noch bis zur Jahrhundertmitte während der grande noirceur, der großen Dunkelheit, riefen die katholischen Ayatollahs von der Kanzel dazu auf, das Land mit guten frankophonen Gläubigen zu bevölkern. Der Erfolg gibt ihnen recht.

Die Cantons de l’Est, vor einem Jahrhundert noch anglophones Territorium, werden heute von Französischsprechern dominiert, mit kleineren Enklaven der Weltsprache Nummer eins. In Richmond, das sich Risch-Mon spricht, ist die graduelle Vertreibung an den Denkmälern für die Gefallenen der Weltkriege abzulesen. Unter überwiegend Englisch klingenden Namen steht: „They saved our heritage and sacrificed their own“. Auf Französisch darunter nur: „Morts au champ d’honneur“ – es war offenbar nicht ihr heritage für das sie starben.

Inzwischen hat die katholische Kirche sich zu Tode gesiegt. Viele der silbern verputzten Kirchen stehen leer und man findet sie im Anzeigenteil der Zeitungen als Investitionsobjekte. Auch im nahen Asbestos steht die Kirche schon seit langem nicht mehr. Das alte Stadtzentrum musste Stück für Stück der Asbestmine weichen, bis nur noch der einstige Stadtrand übrig blieb. Von einer Aussichtsplattform sieht man hinab in den 300 Meter tiefen Krater, der mit türkisem Wasser gefüllt ist. Auf einer mannshohen ausrangierten Schaufel ein hoffnungsfrohes Graffiti: „Chinese will come soon to reopen the mine“.


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