Fundsache: Universitäre Streitkultur 1969 (Habermas)

Bei den Recherchen zu ihrer Dissertation ist Nina Verheyen auf ein Dokument aus dem Herbst 1969 gestoßen, ein Heftchen mit dem Titel „Aktiver Streik. Dokumentation zu einem Jahr Hochschulpolitik am Beispiel der Universität Frankfurt“. Darin enthalten ist die Dokumentation einer Auseinandersetzung am philosophischen Seminar. Der Habermas-Doktorand Gerhard Stamer hatte in einer Seminarsitzung im Wintersemester 1968/9 seinen Doktorvater in der Sache scharf kritisiert. Hier ein paar exemplarische Sätze:

Sowohl die Interpretation Hegels als auch Marxens betreibt Habermas äußerlich… Habermas sieht nicht, daß der die Erkenntniskritik sprengende Ansatz von Hegel, die Reflexion auf die Voraussetzungen derselben, der Gang des Beweises des Absoluten selbst ist…  Habermas spart die Diskussion der konkreten Allgemeinheit aus, d.h. überhaupt die Diskussion des Verhältnisses zwischen Einzelnem und Allgemeinem. Folge dessen ist, daß er selbst im Idealismus befangen bleibt… Für die Subjekte springt bei Habermas nichts raus. Ihm geht es allein darum, den allgemeinen Zusammenhang der Wissenschaft mit der diesem vorgelagerten allgemeinen Gattungsgeschichte zu vermitteln.

Man sieht: eine Auseinandersetzung auf ziemlich hohem Niveau, argumentativ wie begrifflich; kein persönlicher Angriff, sondern nur kritisch scharf in der Sache. Als Reaktion darauf hat Habermas seinen Doktoranden vor dem versammelten Seminar zur Schnecke gemacht. Wie das genau vor sich ging, ist nicht dokumentiert, allerdings dem folgenden Brief, den Gerhard Stamer darauf verfasste, der vernichtenden Tendenz nach gut zu entnehmen:

Brief von Gerhard Stamer an Prof. Habermas; auf Beschluß der Basisgruppe veröffentlicht.

Herr Habermas, ich wähle die Form des Briefes, weil ich nicht in der Lage bin, gegen Sie in der Seminar-Öffentlichkeit Widerstand zu leisten. Ich möchte Ihnen konzedieren, daß mein Papier auf sie provokativ wirken mußte. Aber die Art, wie ich es abfasste, war keineswegs provokativ auf Sie zugeschnitten, sondern folgte den Intentionen, die uns in der Umstrukturierung des Seminars leiteten. Die saloppe Darstellung sollte vormachen, daß schriftlich fixierte Beiträge, die sowohl in der Durchführung insgesamt als auch in der terminologischen Präzision unvollkommen sind, durchaus den Zweck erfüllen, erstarrte Diskussionsformen zu durchbrechen und eine lebendige, angstfreie Kommunikation herzustellen.

Meinen provokativ klingenden Formulierungen (Habermas sieht nicht, Habermas unterschlägt) lag zugrunde, einen Umgangston zu initiieren, der es zuwege bringt, Sie wie einen von uns anzusprechen. Ich wollte exemplarisch vormachen, daß es möglich ist, Sie ohne Scheu etwas lässig anzupacken, ohne daß es Strafe setzt. Ich wollte zeigen, daß man Ihnen gegenüber nicht vorsichtig zu sein braucht, daß man sich ruhig etwas erlauben kann. Ich wollte zeigen, daß es mehr die Projektion der Verängsteten ist, die den Zwang im Seminar bewirkt, als der um seine Autorität besorgte Professor. Naiv setzte ich voraus, daß Sie bereit sein würden, mit dem Abbau Ihrer Autorität einverstanden zu sein, daß es Ihnen nichts ausmachen würde, wenn man sich in den Formen versieht, wenn man die üblichen Spielregeln nicht einhält. Kurzum: Ich wollte demonstrieren, daß es ohne Folgen möglich ist, was Form und Inhalt anbelangt, gewagt gegen Sie zu argumentieren. Ich wollte zeigen, daß nichts zu befürchten ist, wenn man sich aggressiv und unhöflich gegen Sie verhält.

Und dies aus dem Grunde, weil ich die anschauliche exemplarische Destruktion von Autorität für nötig halte, wo – wie in den gegenwärtigen Verhältnissen an der Universität – Autorität, die sich auf Sachkompetenz gründet, bis ins einzelne mit Autorität, die nur auf Herrschaft beruht, verbunden ist, allein dadurch herrschaftsfrei wird, daß Sie in der Situation, in der sie angegriffen wird, sich erweist: indem sie auf Strafe verzichtet, lächelnd die kleine Unverschämtheit als solche bezeichnet und in versöhnlicher Form die mangelnde Triftigkeit der vorgebrachten Gedanken aufzeigt. Ich will es noch präziser sagen: mir scheint, solange Autorität für die, die ihr unterstehen, in einer undurchsichtigen Weise sich auf sowohl Sachkompetenz als auch Herrschaft gründet, der undifferenzierte Angriff auf die Autorität als ganze nötig ist, damit diese die Möglichkeit erhält, sich als eine kenntlich zu machen, die nur die Sachkompetenz für sich in Anspruch nimmt, indem sie darüber hinweggeht, in strafendem Zorn zu vergelten.

Naiv war ich auch darin anzunehmen, Sie hätten mit uns erkannt, daß dieser Angriff auf Ihre Autorität erforderlich sei, um die Veränderungen im Seminar, die wir intendierten, wirklich vorzunehmen. Ich rechnete ganz einfach mit Ihrer Generösität. Ich erwartete überhaupt nicht eine emotionale Reaktion. Gerade diese Generösität und emotionslose Reaktion wollte ich dem Seminar vor Augen führen und damit etwas Emanzipation einleiten. Meine Fehleinschätzung hat – wie es mir scheint – diese Absicht zunichte gemacht. Was stattfand, war eine psychische Regression, eine furchtbare Einschüchterung, Bestätigung dessen, was man schon immer erlebt hatte, Signum dafür, daß mich nach dem Seminar kaum jemand anzusehen wagte und daß man mir am liebsten ausweicht. Mir scheint, daß, wenn von Ihnen in dieser Situation nicht eine deutliche Initiative ausgeht, mehr zu gestatten, Sie in Ihrem Seminar niemals mehr die realen Differenzen zu Ihnen zu Gehör bekommen werden. Die Beurteilung, die ich mir gestern und heute von einigen Seminarteilnehmern einholte – und mir scheint es im Sinne einer Klärung zu sein, Ihnen diese Information zu geben –, sieht mit leichten Abweichungen übereinstimmend so aus: Der provokative Zug meines Papiers wird betont; es werden Zweifel an der Stichhaltigkeit meiner Kritik Ihrer Hegel- und Marxinterpretation vorgebacht; es wird bemängelt, daß, wenn schon Kritik, sie nicht ausführlich genug sei, obwohl zugleich eingestanden wird, daß das den Rahmen eines solchen Papiers gesprengt hätte; und es wird mir taktische Unklugheit vorgeworfen. Andererseits aber wird gesagt, diese Mängel rechtfertigten keineswegs die „Aburteilung“ und es seien neben nicht ganz einsichtigen und wohl auch falschen immerhin doch auch ernstzunehmende Überlegungen in dem Papier, die hätten diskutiert werden müssen.

Außerdem muß ich wohl ein Mißverständnis beiseiteräumen. Es ging mir selbstverständlich nicht um eine Rezension von „Erkenntnis und Interesse“. Meine Kritik bezog sich ausschließlich auf den Ansatz des Themas dieses Seminars. Sie hatten Ihrem Semesterprogramm selbst das erste Kapitel aus „Erkenntnis und Interesse“ als Lektüre angegeben und in der ersten Seminarstunde kurz den Zusammenhang, in den Sie Ihre erkenntnistheoretischen Reflexionen stellen, skizziert. Ich bezog mich auf das erste Kapitel von „Erkenntnis und Interesse“ nicht, um einen Schluß auf das ganze Buch zu ziehen, sondern um einen gesicherten Boden für einen Schluß auf den Gang der Untersuchungen über eine materialistische Erkenntnistheorie zu haben, der von Ihrem Konzept abweicht. Und was das betrifft, so würde ich nach meinem bisherigen Studium in lutherischer Dickfelligkeit auch jetzt noch einen anderen Weg einschlagen. Daher halte ich an den von mir flüchtig bezeichneten inhaltlichen Positionen fest, die diesen Weg in vorläufiger Form markieren. Durch die Heftigkeit Ihres Vorgehens war es mir zudem nicht möglich, Ihre Argumente überhaupt in dem Maße aufzunehmen, daß sie in mir eine kritische Selbstreflexion initiiert hätten. Ich werde, was in meinem Papier nur im Keim und nur schlecht vorhanden ist, in der nächsten Zeit, und zwar in einer Form, die meinem eigenen Anspruch genügt, entfalten.

Für Gerhard Stamer hatte diese Auseinandersetzung gravierende Folgen. Er hat nicht nur seine Dissertation bei Habermas abgebrochen, sondern die Universität für Jahre ganz verlassen und als Schiffbauer auf der Großwerft Blohm und Voss in Hamburg gearbeitet (sein Lebenslauf, der etwa auch noch den Vizeeuropameistertitel im Judo verzeichnet, ist hier nachzulesen). Heute ist Stamer Leiter des von ihm gegründeten Institituts für praktische Philosophie namens Reflex, das Vorträge, Seminare und Studienreisen anbietet.

Per Mail habe ich ihn zu den Ereignissen im Herbst 1968 und ihren Folgen befragt.

Sie haben Ihre Dissertation bei Jürgen Habermas nie beendet. Hatte das direkt mit der Auseinandersetzung zu tun? Und dass Sie dann die Universität erst einmal ganz verlassen haben, um als Schiffbauer zu arbeiten – war das der Unzufriedenheit mit der Lage an den Universitäten geschuldet? Und wie kam es dann zur Promotion bei Oskar Negt?
Dass ich die Dissertation nicht beendet habe, lag an der geballten, schonungslosen Wut, mit der Habermas mich nach einer schriftlichen, öffentlichen Kritik von mir an seinem ersten Kapitel von „Erkenntnis und Interesse“, das er in seinem Hauptseminar behandelte, in der nächsten Sitzung zusammenstauchte. Da war bei mir was gerissen. Als er dann in der nächsten Sitzung eine längere Lobeshymne auf mich vorbrachte, um die Wogen zu glätten, gewissermaßen auch als Antwort auf einen sehr moralischen Brief von mir, war ich emotional so durchgeschüttelt, dass ich mit einer Freundin, die sowieso nach Paris wollte, mich von der bürgerlichen Karriere verabschiedete und ein Jahr vom Dissertationsstipendium in Paris lebte, was biographische Konsequenzen hatte, über die viel zu erzählen wäre, die dann in der langjährigen, unverzichtbaren  Tätigkeit als Schiffbauer mündeten.
Negt war in Frankfurt Assistent von Habermas und kannte mich daher. Das war der Grund zu versuchen, ob ich als bekannter Maoist mit den damals üblichen Verfahren, die ich als radikaler Demonstrant mir zugezogen hatte, an der Universität aufgenommen würde. Es war zu meiner Überraschung der Fall, so dass ich dann doch noch mit summa cum laude zu dem Titel kam, der sich bei der Gründung eines philosophischen Instituts als außerordentlich nützlich erwies.
In der Vorstellung des von Ihnen initiierten außeruniversitären Reflex-Instituts für Philosophie heißt es: „Eine wichtige Voraussetzung für den populären Charakter seines Philosophierens waren die Tätigkeiten, die er außerhalb seiner akademischen Laufbahn, ausübte. Das betrifft den Sport: Stamer war Vizeeuropameister im Judo. Und es betrifft die langjährige Arbeit auf der Hamburger Großwerft Blohm & Voss, wo Stamer als Schiffbauer auch in den Betriebsrat gewählt wurde.“ Ist das indirekt auch eine Kritik an der universitären Philosophie? Oder allgemeiner: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der universitären Philosophie in Deutschland seit den sechziger Jahren?
Man kann den eigenen Lebensweg natürlich nicht zur Grundlage machen für die Einschätzung der universitären Philosophie. Ich weiss, dass viele Aktive der damaligen politischen Bewegung nicht mehr zurückgefunden haben zur Universität. Viele sind gescheitert. Mein Lebensweg außerhalb der Hochschule hat mich natürlich dazu qualifiziert, mit Menschen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen zu philosophieren. Aber das mit Erfolg zu machen, dazu gehört ein geradezu erotisches Verhältnis zur Philosophie, wie es Platon dem Sokrates zuspricht.
Was die gesamte Entwicklung der Philosophie seit den sechziger Jahre betrifft, bin ich mir nicht sicher, ob sich grundlegend was geändert hat. Immer noch ist die Philosophie vor allem Schulphilosophie und nicht Weltweisheit. Solange die Philosophie nur an den Universitäten ihren Ort hat, wird sie Theorie bleiben, die zu Studienabschlüssen zu erlernen ist. Das führt nicht zum lebendigen Philosophieren. Bologna hat das nicht verbessert. Das Studium Generale gibt es weniger. Das Studium ist generell enger auf die zukünftige Berufstätigkeit zugeschnitten und nicht auf Bildung. Deshalb weist solch ein Institut wie REFLEX, 1994 gegründet, mit vielen Formen und verschiedensten Projekten, die ich jetzt nicht aufzählen kann, weil sie diesen Rahmen sprengten, in eine Richtung, in der die Philosophie zu verlebendigen ist – und auch die Gesellschaft, wenn die Logik der Entwicklung nicht der Technik und der Ökonomie überlassen werden soll.

1 Kommentare

  1. Hanna Engelmeier sagt:

    Vielen Dank, vor allem an Nina Verheyen, für die Bereitstellung dieses wichtigen Beitrags.

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