Was war Twitteratur?

Twitter ist am Ende. So verkündete es kürzlich zumindest der New Yorker. Dazu war zuletzt immer wieder zu lesen, die Plattform wolle die ikonische 140-Zeichen-Begrenzung der Posts aufheben oder zumindest lockern. Es scheint also ein geeigneter Zeitpunkt zu sein, um danach zu fragen, was Twitteratur war. Dieser Begriff bezeichnet nämlich kein literarisches Genre, sondern situiert bestimmte literarische Texte im Diskurs über Gegenwartsliteratur.

Bemerkenswert ist zunächst, dass sich der Begriff überhaupt herausgebildet hat. Facebookeratur ist kein stehender Begriff, der „1. Facebookroman“ Zwirbler blieb eher unbeachtet. Auch dass der syrische Autor Aboud Saeed ähnlich wie die österreichische Autorin Stefanie Sprengnagel ihre literarischen Karrieren mit Texten auf Facebook begannen und sie diese in vielfältiger Weise wiederverwendet haben, wird als ein eher nebensächliches Phänomen betrachtet.[1] Florian Meimberg hingegen wurde für seine Kürzestgeschichten auf Twitter im Jahr 2010 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.

Warum also Twitteratur? Prägend für den Begriff und seine Karriere war eine Textsammlung: Twitterature. The World’s Greatest Books Retold Through Twitter von Alexander Aciman und Emmet Rensin, das 2009 erschienen ist. Die Sammlung enthält Palimpseste einiger Werke der Weltliteratur in netzaffiner Jugendsprache. Deren Erzähler_innen trugen wie auf Twitter eine Namensbezeichnung mit At-Zeichen und kommunizierten in Abschnitten von höchstens 140 Zeichen.

Klassiker-Palimpseste sind es jedoch nicht, was dann als Twitteratur bezeichnet wurde. Auch die Nähe zur dramatischen Form hat sich nicht als dauerhaft erwiesen. Wie auch sonst im Literaturbetrieb steht die Prosa im Vordergrund. Zwar gibt es eine hohe lyrische Produktivität – man muss nur einmal auf Twitter nach dem Hashtag #Haiku suchen – auf der Plattform, diese fand jedoch verhältnismäßig geringe Beachtung. Zudem wurde Twitterature die Zugehörigkeit zur Twitteratur häufig abgesprochen, weil die Texte nie auf Twitter veröffentlicht wurden. Ein Meilenstein der Twitteratur war dagegen Jennifer Egans Agentinnenroman Black Box, der 2012 sowohl im New Yorker-Heft als auch auf einem eigens eingerichteten Fiction-Account der Zeitschrift auf Twitter erschien. Egan unterteilte ihren Roman in 47 Kapitel, die jeweils aus mehreren, höchstens 140 Zeichen langen Sätzen bestehen.

Im deutschsprachigen Raum hat es kein Twitter-Roman zu größerer Prominenz gebracht, obschon es sicherlich welche gibt. Mehr Echo fanden die oben schon erwähnten Tiny Tales von Florian Meimberg. Bei ihnen handelt es sich um Kürzestgeschichten, die jeweils höchstens 140 Zeichen lang sind. Bekanntheit erlangten auch einige Accounts, die fiktive Figuren inszenieren wie Jan-Uwe Fitz alias @vergraemer. Der größte literarische Account auf Twitter im deutschsprachigen Raum ist vermutlich der der „Online-Omi“ Renate Bergmann, ein satirischer Account, der aus dem Leben einer älteren Dame berichtet. Bemerkenswert am Prinzip dieser Twitter-Accounts ist, dass weniger die Kürze der einzelnen Posts, sondern eher die potentiell unendliche Fortsetzbarkeit im Zentrum des Erzählens steht.

Als drittes im deutschsprachigen Raum relevantes Textkorpus sind die – siehe den Text von Holger Schulze in Ausgabe 800 des Merkur – Veröffentlichungen im Frohmann Verlag zu nennen. Autorinnen wie Ute Weber, Anousch Mueller, Claudia Vamvas posten kurze Texte zwischen Alltagsbeobachtung und Aphorismus, die jeweils zu Buchveröffentlichungen im Frohmann Verlag führten. Von Mueller erschien zudem der Roman Brandstatt (2013) im Rowohlt Verlag. Wie auch Torsten Rohde, dem Schöpfer der Figur Renate Bergmann, und Meimberg verhalfen die literarischen Aktivitäten auf Twitter zu Buchveröffentlichungen in arrivierten Verlagen.

Aber zurück zur Twitteratur: Aus den sehr verschiedenen Texten – ein Roman, Palimpseste, Kürzestgeschichten – lässt sich keine spezifische Textsorte ableiten. Auch die Reduktion auf die formale Bedingung, Textabschnitte in 140 Zeichen zu verpacken, unterschlägt vieles und ist kein ausreichendes Kriterium für Twitteratur. Die Virulenz dieses Begriffes scheint andere Gründe zu haben.

In Twitterature steht Twitter in der Kontraktion von Twitter und literature für die stilistische und formale Aktualisierung der literarischen Klassiker von Romeo and Juliet bis zu den Leiden des jungen Werther. Twitter ist die Metapher für die Revitalisierung vemeintlich toter Literatur. Viel wichtiger als die Kürze, als die Begrenzung auf 140 Zeichen, war im Begriff der Twitteratur und in der Verbindung von Literatur und Twitter immer die Konnotation des sozialen Netzwerks mit Lebendigkeit, Unmittelbarkeit, Gegenwärtigkeit und Aktualität. Diese Konnotationen lassen sich dann gegen eine vermeintlich tote, vermittelte, vergangenheitsbehaftete – gedruckte – Literatur in Stellung bringen. Insofern ist es kein Zufall, dass Egan ihren Roman Black Box für Twitter geschrieben hat: Die Protagonistin und Erzählerin ist eine Cyborg-Agentin, Black Box ihr Missions-Logbuch, das sie in unmittelbarer Übertragung ihrer Gedanken schreiben kann. So ist die formale Annäherung an Twitter auch auf thematischer Ebene relevant: Twitter wird als Ort einer vermeintlich unmittelbaren Kommunikation aufgerufen.

Dieser spezifische Dualismus von Leben und Tod zeigt sich nicht nur in den literarischen Texten, sondern wird auch in der theoretischen Reflexion des Phänomens immer wieder betont. Christiane Frohmann, Verlegerin und Gründerin des Frohmann Verlags, hat das beispielsweise in einem Text über „instantanes Schreiben“ getan. Schon der Titel hebt wieder die Verbindung von Online-Schreibweisen und Unmittelbarkeit hervor. Deutlicher wird es noch im Text, wenn es heißt: „[D]ieses neue Schreiben, Lesen und Publizieren [wirkt] befreiend, zugänglich und verbindend, mit einem Wort: lebendig“. Und weiter: „Das Netz ist, anders als ein Buch oder Sterbebett, kein passender Ort für letzte Worte, es ist der Raum für ständig zu aktualisierende Statusmeldungen.“  Online tobt das Leben, während im Regal das Buch im Sterben liegt. Auch der Twitter-Apologet und Literaturwissenschaftler Stephan Porombka ist immer wieder mit einer ähnlichen Position hervorgetreten. Ein Beispiel: „Wer wirklich twittert, lebt mit dem Programm. Twitter bietet keine Geschichte mit Anfang und Ende. Es ist eine Erzählmatrix, in der man drin ist und die man fortschreibt“, schreibt er an einer Stelle, um mit diesem Leben auch die einzig Möglichkeit neuer Literatur zu verbinden.

Die Verknüpfung von Twitter und Leben erinnert an das Pathos künstlerischer Avantgarden, die stets die Verbindung von Leben und Kunst als das Aufrichtige und Wahre proklamierten. Aktuell verbindet sich mit dieser Positionierung eine bestimmte Verortung im kulturkritischen Diskurs über die sogenannte Digitalisierung. Die Affirmation von Twitter als Affirmation des Lebens ist auch eine Affirmation der Beschleunigung und der Simultaneität der digitalen Netzwerke. Twitteratur ist also auch die Fantasie einer Form, die als Symptom dessen gelesen werden kann, was sich mit verschiedenen Graden des Alarmismus inszenierende Kulturkritiker wie Manfred Spitzer oder Douglas Rushkoff  als Digitale Demenz (2012) oder als Present Shock (2013) gefasst haben.

Im „Present Shock“ und der „digitalen Demenz“ wird all das, was in Bezug auf die Twitteratur als lebendig überschwänglich gefeiert wird, pathologisiert. Überspitzt könnte man sagen, dass die implizite Botschaft von Rushkoff und Spitzer ist: Lesen Sie doch einmal wieder einen langen Roman von Dostojewski! Erinnern Sie sich doch dieser traditionellen Mnemotechnik, und wenn nicht die Welt gerettet wird, so retten Sie sich doch zumindest selbst!

Ein Effekt dieses kulturkritischen Diskurses ist es, dass kleine Formen – auch wenn Twitteratur dem nicht immer entsprechen mag, ist sie so konnotiert – gegen große Formen in Stellung gebracht werden können. Gegen Twitteratur stehen dann die langen Romane, die in den USA fleißig produziert werden und die es auch im deutschsprachigen Raum genügend gibt, beispielsweise von Clemens J. Setz, Frank Witzel oder Terézia Mora. Dies gilt freilich nur, wenn man literarische Formen unter dem Blickwinkel des Digitalisierungsdiskurses ordnet. Denn natürlich gibt es auch die mittleren Längen – von Romanen von Helene Hegemann, Charlotte Roche oder Christian Kracht bis zu den Essays von Navid Kermani oder von Byung Chul-Han. Deren Aktualitäts- und Zuspitzungspotential in dieser Frage fällt jedoch weitaus geringer aus.

Was war also Twitteratur? Eine neue sprachliche Verdichtung der Fantasie, es gäbe eine literarische Form, die die Gegenwart – das Leben – zu fassen vermöge.

 

[1] Gergely Teglasy TG: Zwirbler. Der 1. Facebook Roman. Freiburg 2014. Aboud Saeed: Der klügste Mensch im Facebook. Statusmeldungen aus Syrien. Berlin 2013. Stefanie Sprengnagel. Auch in Thomas Meineckes Roman Lookalikes (Berlin 2011) spielen Facebook- und Twitterstatusmeldungen eine Rolle.


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