Mehr Tugendfuror wagen: Das Sprachspiel „Politische Korrektheit“

Man kann dieser Tage als Deutschamerikaner mit gewissem Stolz auf sein Land schauen. Jenseits von Pegida und Stammtisch präsentiert sich ein Deutschland, das einerseits kontrovers diskutieren kann, andererseits aber gewisse ethische Grundprinzipien, welche anderswo mit Füßen getreten werden, als hors de combat behandelt – in einem Jahr, in dem Donald Trump Mexikaner jagen will und die Dänen Flüchtlinge auf Eheringe abklopfen, ist das kein Geringes.

Was nicht bedeutet, dass der Diskurs nicht auch Sorgen macht. Der Eindruck ist der einer Gesellschaft, die noch nach dem Vokabular ringt, mit dem den neuen Realitäten beizukommen wäre. Deutsches Handeln, deutsche Impulse sind sehr viel weiter als deutsches Nachdenken, wohl ein Novum in der deutschen Geschichte.

Leider ist Hilfsbereitschaft gepaart mit Denkfaulheit auch gefährlich, weil extrem stimmungsabhängig. Interessant an den Ereignissen in Köln in der Silvesternacht ist nicht, dass es sie gab – man kann, statistisch gesehen, nicht eine Millionen Menschen ins Land lassen und dabei keine Nieten ziehen. Ebenso uninteressant, dass Köln vielen im Lande die langersehnte Möglichkeit gab, einmal über die eigenen Vorbehalte und Ängste reden zu dürfen und sich dabei als Feminist statt als Ausländerfeind präsentieren zu dürfen.

Überraschend und beklemmend fand ich, dass alle wussten, dass ein Köln kommen würde, und schon wussten, wie sie darauf reagieren würden. Das ist, angesichts der Neuartigkeit der Situation, in der das Land sich befindet, enttäuschend. Irgend etwas war gescheitert, so hörte man – eine Willkommenskultur, eine politische Öffnung, die nur ausgenutzt worden war. Und plötzlich, nach einem der traditionell deutschen Sommer-, Herbst- und Wintermärchen, mussten wieder die alten Formeln her.

Eine dieser Formeln, die im Diskurs über Flüchtlinge und Asyl wieder ihr Unwesen treibt, ist die der „politischen Korrektheit.“ Julia Klöckner sprach in der Welt jüngst immerhin noch von „Scheuklappen und falsch verstandene[r] politischer Korrektheit“, die in der Flüchtlingsdebatte gefährlich seien. Andere verdammen sie in Bausch und Bogen, die Linken als Ablenkungsmanöver, das von „echten“ Problemen ablenke, die Rechten wegen der ihnen plötzlich sehr wichtigen Meinungsfreiheit.

Der Blick aus Amerika legt aber nahe: Der Diskurs um die „politische Korrektheit“ in Deutschland ist ein Hütchenspiel – den Gegenstand hat es nie gegeben. Man konstruiert eine von Nietzsche inspirierte Mähr von der Sklavenmoral, in der die, die Macht haben, auch noch das metaphysische Pathos der Ohnmacht auf ihrer Seite wähnen dürfen. Man importiert einen Terminus aus den USA und nimmt dann unverdrossen an, dass das, was er bezeichnet, auch im doch so anders gearteten Deutschland auch existieren müsse.

Das war immer schon verlogen, aber nach Köln ist es gefährlich. Denn so beeindruckend die Hilfsbereitschaft und die Gastfreundschaft im Herbst 2015 auch waren: sie waren vor allem pragmatisch. Sie waren keiner Ideologie geschuldet, sondern der Tatsache, dass eine Millionen hilfsbedürftige Menschen ins Land geströmt waren. Nach Köln wird so getan, als wäre solcher Pragmatismus zutiefst ideologisch, und sadistische Schikanen als von „den Umständen“ erzwungener Pragmatismus.

Das ist der Sinn des Sprachspiels von der „politischen Korrektheit“: es verkehrt Ideologie in Pragmatismus und umgekehrt.  Ich erinnere mich noch gut, dass ich 2013 am Flughafen Frankfurt ankam und mit einem geknebelten Joachim Gauck konfrontiert wurde. Es war auf dem Cover der Zeitschrift Cicero, aber ich erschrak dennoch. Im Heft selber las ich dann, es habe „eine Art virtuelles Dauertribunal“ gegeben während ich weg war, „kaum weniger hysterisch und heuchlerisch … als die Revoultionstribunale“ des achtzehnten Jahrhunderts. Soweit ich es rekonstruieren konnte, hatte dieses Dauertribunal sich zuerst Pipi in Taka-Tuka Land vorgeknöpft und dann Joachim Gauck geknebelt. Ich war fünf Monate nicht im Lande gewesen. Was war passiert?

Die Antwort, so wurde schnell klar, war: nichts. Es war wieder nichts passiert. Aber ich fragte mich: Woher nehmen die Deutschen die Gewissheit, dass sie seit Jahrzehnten unter der Knute der „politischen Korrektheit“ darben? Dem aus Amerika Heimkehrenden fällt insbesondere die inflationäre Verwendung der Phrase „herrlich politisch inkorrekt“ auf – vor wenigen Jahren fiel dieser Ausdruck nie, jetzt ist er schon Klischee.

Und wieso eigentlich „herrlich“? Das vermittelt das Bild von einem, der nach langer Fahrt durch Smog und Stau endlich das Gebirge erreicht, befreit einatmet und sagt: herrlich. Tatsächlich scheinen sich viele Deutsche so zu fühlen. Die Debatte über „politische Korrektheit“ schwappt mit ziemlicher Regelmäßigkeit durch die Feuilletons – zuletzt nach Köln.

Was mit „politischer Korrektheit“ gemeint ist, wird häufig nicht weiter ausgeführt. Der Begriff wird eigentlich nur mit Anekdoten untermauert, was sie verbindet bleibt diffus. Sie werden häufig einfach aufgelistet, zwischen der Empörung irgendwelcher Privatpersonen und den Eingriffen durch Verlage, Medien oder Politik wird nicht unterschieden. Häufig vermischt man Beispiele aus Deutschland wild mit solchen aus den USA. Auch der Begriff selber kommt häufig anglisiert als „political correctness“ daher. Das suggeriert, dass dasselbe Phänomen, das in USA grassiert, sich auch in Deutschland Bahn zu brechen droht.

Versuchen wir uns dennoch an einer Definition, so lässt sich nur in USA eine finden. Der erste Präsident Bush hielt 1991 eine Rede anlässlich der Abschlussfeierlichkeiten der University of Michigan, in der er vor „political correctness“ warnte, und das so begründete: „It declares certain topics off-limits, certain expression off-limits, even certain gestures off-limits.” Es geht also tatsächlich um eine Limitierung, wobei normalerweise nicht das Thema, der Ausdruck, oder die Geste “off-limits” ist – es ist vielmehr ihre Verwendung in bestimmten öffentlichen Diskursen.

Der Begriff der „political correctness“ stammt ursprünglich aus linken Diskursen in den USA, wo er Dogma-konforme Meinungen in kommunistischen Gruppierungen bezeichnete. Er mutierte in den 1980er Jahren zum Kampfbegriff gegen die an den amerikanischen Unis grassierenden identity politics, und sollte suggerieren, dass jene, die offensiv Respekt vor Frauen, Schwarzen, Schwulen, Lesben einforderten, eigentlich nachgeborene Stalinisten seien. Es war ein Geniestreich: Konservative Theoretiker wie Dinesh D’Souza schafften es so, sich als Opfer eines Totalitarismus der Ohnmächtigen darzustellen. Die Gruppen, denen man das Leben schwer machte, waren dank dieses Kunstgriffs zu den eigentlichen Unterdrückern geworden.

Seit den 80ern wird in den USA „political correctness“ eigentlich nur von jenen verwendet, die sie angreifen wollen. Aber: das, was Denker wie D’Souza als „political correctness“ geißelten, existierte zumindest in irgendeiner Form in den USA. Das nannte sich identity politics, multiculturalism oder die Verteidigung und Ausweitung der affirmative action – obwohl D’Souza zuletzt durch bizarre anti-Obama-Dokus (und eine diffuse Spendenaffäre) auffiel, war sein 1995 erschienenes Buch The End of Racism eine vergleichsweise seriöse Auseinandersetzung mit dem Versuch, Ungleichheit vermittels Identität lösen zu wollen. Ob man solche Projekte befürwortete oder sie wie D’Souza für Irrwege hielt: es gab sie. Deutschland hat dergleichen nicht gekannt.

Mit einer bezeichnenden Ausnahme: Identity politics forderte, dass unterprivilegierte Gruppen vermittels ihrer Identität, nicht durch deren Preisgabe, ihre Marginalisierung überwinden müssten. Schwarze sollten nicht auf Kosten ihres Schwarzseins erst erfolgreich werden können. D’Souzas Geniestreich war es, dass er dies einerseits als antidemokratisch und notwendig präferentiell geißelte, aber eine marginalisierte Gruppe zuließ, bei der identity politics legitim war – konservative, christliche Männer, angeblich verfolgt von militanten Linken, Schwarzen und Frauen. Deren Schutz klagte er mit den Jahren immer larmoyanter ein.

Eben das hat in Deutschland zum durchschlagenden Erfolg des Terminus geführt: Dank ihm können sich Gruppierungen, die 90 Prozent aller Chefposten, Bundestagsabgeordneten und Redakteure stellen, als verfolgte Minderheit inszenieren. Es ist diese Geste, keine politische Affinität mit der amerikanischen Rechten, welche die deutsche Medienlandschaft so empfänglich machte. Die melodramatischen Möglichkeiten, die der amerikanische Diskurs bot, waren zu verlockend. Dabei wurde der Terminus entpolitisiert. Er wurde zum Existentiell, eine Einladung, sich zum Unbeugsamen zu stilisieren, obwohl man eigentlich den sensus communis nachbetete. Er wandte sich jetzt an jenen deutschen Prinzipienfanatismus, der den Pragmatismus, der sagt, dass man einem Menschen, dem die Arme fehlen, vielleicht nicht auch noch ein Schimpfwort an den Kopf werfen muss, entrüstet von sich weist.

Gauck hat damals (und darauf spielte der Cicero-Knebel an) bei einer Sexismusdebatte das Wort „Tugendfuror“ verwendet. Dabei sind es die Kritiker der politischen Korrektheit, die rigoristisch argumentieren. Denn das Wort „Tugendfuror“ auf politische Korrektheit anwenden zu wollen, verfälschte bewusst deren Programm. Denn um „Tugend“ geht es gerade nicht. Tugend hat mit Charaktereigenschaften zu tun, mit dem, was der Mensch im Kopf hat. Gerade das ist der politischen Korrektheit egal. Es geht ihr darum, dass das, was im Kopf ist, nicht ohne Umschweife auch an die Öffentlichkeit, an den Arbeitsplatz, in die Medien gelangt. Sie geht dabei weder von einem Generalverdacht aus, wie so oft unterstellt wird, noch greift sie die von ihr zurückgehaltenen Meinungen an.

Sie ist somit zutiefst realistisch. Ihre Prämissen lauten: Vorurteile gibt es, sie drücken sich häufig unbewusst aus, und sie machen Zusammenleben schwer. Verbieten kann und sollte man sie nicht, also muss man sie vermittels sittlicher Normen ahnden. Auch das vergessen ihre Kritiker gerne, wenn sie so tun als habe man ihnen faktisch verboten A oder B zu sagen. Hat man nicht. Man hat sie nur dann dafür angegriffen, dass sie A oder B gesagt haben. Meinungsfreiheit heißt nicht,  dass man nicht mit den Konsequenzen der freien Meinungsäußerung leben muss.

Warum aber überhaupt der Filter zwischen Kopf und Öffentlichkeit, Arbeitsplatz, Medien? Auch hier ist PC realistisch. Sie sagt: Jeder Mensch hat Vorurteile. Aber die Vorurteile des einen sind und bleiben private Schrullen, die Vorurteile des anderen sind Gesetzesnovellen, Mediendebatten und Unternehmenspolitik. Umgekehrt: Privatmeinungen können nur dann Gesetzesnovellen werden, wenn andere genauso denken. PC sagt: Meinung ist nicht gleich Meinung, hier im öffentlichen Raum von politischen Konsequenzen abstrahieren zu wollen, wäre realitätsfremd.

Sobald es in deutschen Chefetagen und Redaktionen vor Lesben, Türken, Behinderten und Menschen aus bildungsfernen Schichten einmal nur so wimmeln sollte, dann hätte auch die politische Korrektheit ausgedient. Doch, wie die Reaktionen auf Köln gezeigt haben, gilt eher das Gegenteil. Die alten Topoi sind alle wieder da: die Ohnmacht der Mächtigen und die Macht der Ohnmächtigen, die übertölpelte Mehrheit, das Gefühl, endlich mal wieder sagen zu dürfen, was man eh immer schon gesagt hat.

Einerseits müsste Deutschland die Begrifflichkeiten einer genuin multikulturellen Gesellschaft erst erlernen; andererseits aber wäre schon viel gewonnen, wenn man reflexartige Ablehnung und Vorurteil nicht als „herrlich politisch inkorrekt“ veredelte. Wenn man sich nicht einredete, man habe eine Entwicklung längst durchlaufen, an deren Anfang man erst steht. Wenn man die Bequemlichkeit, die mit dem Mehrheit-Sein und Mitblöken-Dürfen verbunden ist, nicht auch noch metaphysisch verbrämte. Man würde es Deutschland wünschen.


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