Teil des Problems

Zur Sexismusdebatte im Fachbereich II der Uni Hildesheim

Ich habe von Oktober 2003 bis März 2008 in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Und um ehrlich zu sein war ich – als weißer, heterosexueller Mann – Teil des auch zu dieser Zeit fraglos existierenden Sexismus. Ich war 22 Jahre alt, als ich nach Hildesheim kam, ich war auf dem Land aufgewachsen, an Feministinnen kannte ich nur Alice Schwarzer und die erste Assoziation mit ihrem Namen war „Emanze“. Knappe zwei Jahre vorher hatte ich in meiner Abi-Zeitschrift einen Text über den Chemieleistungskurs geschrieben, der betonte, warum es ganz natürlich war, dass wir Jungs uns viel geschickter anstellten als die Mädchen. Kurz: Ich hatte kein Bewusstsein für Sexismus oder meine Privilegien, schlimmer noch: Mein Denken und Handeln waren sexistisch geprägt.

An der Uni Hildesheim gab es über achtzig Prozent Studentinnen, ich fragte mich und andere regelmäßig, wozu es eine Gleichstellungsbeauftragte geben müsse, wo die Frauen doch so deutlich in der Überzahl waren. Von strukturellem Sexismus hatte ich noch nichts gehört. Ich wunderte mich nicht, dass es vor allem Männer waren, die als studentische Hilfskraft, Assistent oder HiWi angestellt wurden. Dass es vor allem männliche Dozenten waren, die uns Schreiben beibringen sollten. Dass es vornehmlich männliche Studenten waren, die die Preise bei Hildesheimer Literaturwettbewerben abräumten. Ich fragte mich eher, warum ich nicht mal einen Preis gewann oder von einem Dozenten eine coole Aufgabe bekam. Ich war so in meiner eigenen Blase gefangen, in der ich nach Anerkennung suchte, dass ich weder merkte, dass es meinen Kommilitoninnen viel schlechter erging, noch dass ich mit Bemerkungen und Verhalten zum sexistischen Klima beitrug.

Erst als ich in einem meiner späteren Semester in einem Seminar von Judith Butler und Gender erfuhr, begann sich allmählich mein Denken und Handeln zu verändern. Es sollte aber noch Jahre dauern, bis ich mir meine Privilegien bewusst machte und versuchte, entsprechend zu denken und zu handeln. Noch im Mai 2008, bei meinem ersten Praktikum nach meinem Uni-Abschluss, sagte ich zu zwei Redakteurinnen einer großen Wirtschaftszeitung, die sich gerade über Fußball unterhielten, ich hätte nicht gedacht, mal zwei Frauen zu treffen, die mehr Ahnung von Fußball haben als ich. Abgesehen vom (mir heute als offensichtlich bewussten) Sexismus stimmte die Aussage auch überhaupt nicht: Ich hatte weder damals noch zu irgendeinem anderen Zeitpunkt Ahnung von Fußball, meinte aber, dass die Faszination dafür Männersache sei.

Natürlich empfinde ich dieser Situationen wegen immer noch so etwas wie Scham, ich versuche aber gleichzeitig, mich nicht dafür zu verurteilen. Jahrzehntelange Prägung hat dazu geführt, dass ich so dachte und handelte, und die geht nicht einfach so weg. Dazu bedarf es Arbeit und Übung, auch heute noch. Denn zu meinem Erschrecken stelle ich auch heute, wo ich mich längst Feminist nenne, noch fest, dass ich nicht frei bin von sexistischen Denkmustern. Ironische Bemerkungen, die ich anderen nicht durchgehen lassen würde, sind für mich dann okay, und wo ich hier sexistische Strukturen anprangere, perpetuiere ich sie dort. Zwar oft unbewusst, nur macht es das natürlich nicht besser.

Aber ich arbeite dran und bemühe mich, Frauen in ihrem Bestreben nach Gleichstellung zu unterstützen. Dabei habe ich das große Glück, vor allem aus meiner Hildesheimer Zeit Freundinnen und Freunde zu haben, die dasselbe Bewusstsein dafür teilen, dass Sexismus allgegenwärtig ist; dass er ein mächtiger Mechanismus ist, um Frauen und ihre Themen zu marginalisieren, einfach weil sie Frauen sind; dass er uns unserer Menschlichkeit beraubt. Zu behaupten, in einer von Männern dominierten Welt existiere kein Sexismus: Nichts könnte weiter entfernt von der Wahrheit sein. Das gilt fraglos auch für den Fachbereich II der Uni Hildesheim, ob nun zu meiner Zeit oder heute.

 

Martin Spieß studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, heute schreibt er literarische Bücher und journalistische Texte, macht deutschsprachigen Indierock, rappt und malt Bilder.

 

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2 Kommentare

  1. Schrittesser Werner sagt:

    Klasse Text

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