Größer als null

Wie kann man denken, eine Institution habe kein Sexismus- (Klassismus-, Rassismus-, Alkohol-) Problem, wo sie doch Teil einer Gesellschaft mit eben diesen Problemen ist? Wenn sie’s selbst nicht hat, ist sie zumindest co-abhängig. Was mir einleuchtet, ist, dass man’s nicht wahrhaben will und entsprechend auch nicht hören. Weil man sich dann darum kümmern müsste, und das ist so anstrengend –
Mit dem Kümmern fängt man erst an, wenn der Leidensdruck zu groß wird, denn der berechnet sich: Schmerz (verursacht durch den Zustand) geteilt durch Angst (vor Veränderung oder der Mühsal der Veränderung). Wenn hier eine Zahl größer null rauskommt, stimmt der Leidensdruck, wenn sie unter null liegt, ist er noch nicht groß genug.
Einleuchtend auch, dass diejenigen, die vom Zustand benachteiligt sind, eher darunter leiden und sich deshalb auch eher darum kümmern wollen. Deren Schmerzen sind in der Regel größer.

Man kann aber auch an einem Zustand leiden, der einen bevorzugt. Etwa weil man ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden hat, sich seiner Privilegien schämt oder schlicht empathiebegabt ist. Oder weil einem die Benachteiligten ständig in den Ohren liegen.
Gesellschaften, Institutionen und Menschen, bei denen der Leidensdruck noch nicht stimmt, halten sich in der Regel erst lange die Ohren zu, versuchen dann diejenigen mit Leidensdruck lächerlich zu machen (etwa als Simulant*innen oder verwöhnt) oder zu diffamieren (etwa als Verrückte oder Nestbeschmutzer*innen) oder sonstwie ruhig zu kriegen (zum Beispiel durch Ausschluss). Keine schöne Sache, aber vollkommen nachvollziehbar. Ohrenschmerzen sind auch Schmerzen.

Als ich 1997 angefangen habe, am Leipziger Literaturinstitut zu studieren, wollte ich dessen Sexismus-Problem nicht haben.
Ist mir schon aufgefallen, dass alle drei Professoren weiße Männer über vierzig waren und zwei Drittel derer, die als Gäste lehrten, auch.
Ist mir aufgefallen, dass das Auswirkungen hat auf die Textbesprechungen (zum Beispiel: Welche Themen sind relevant? – Einer von ihnen, ich sag jetzt nicht wer, bezeichnet noch heute Texte von Frauen als PMS-Prosa) oder auf die Vorbildfunktion (zum Beispiel: Schreiben mit PMS) na ja, und so weiter.
Aber das fand ich alles nicht schlimm. Mir gefiel meine Rolle als Studentin. Die Männer fanden interessant genug, was ich schreibe, und ich fand’s okay, mir durch einen Flirt die Teilnahme an der Gruppenlesung zu verschaffen. Ich wollte sehr gern den Lehrkörper vögeln beziehungsweise heiß machen; auf keinen Fall wollte ich mir den Sex wegnehmen lassen, nur wegen diesem Scheißsexismus, und als eine Kommilitonin, ich sag jetzt nicht wer, zur Frauenbeauftragten der Uni gehen wollte, um auf diesen Sexismus hinzuweisen, hab ich gesagt, ich komm nicht mit. Weil ich Angst hatte, dass mir dann der Sex genommen würde, ohne dass sich am Sexismus irgend etwas änderte. Sexismus wurde damals noch gern mit Sex verwechselt, und ich hab die fahle Ahnung, dass das immer noch so ist. Jedenfalls schimpfte auch die Kommilitonin, dass es doch nicht gehe, dass die Professoren die Studentinnen vögeln, aber ich fand, das gehe sehr gut. Ich wünschte mir, dass das Literaturinstitut eine Einrichtung sei, in der Kunst und Sex und Drugs und Rock’n’Roll stattfinden, was denn sonst, wozu war ich sonst dort? Das Institutionelle am Institut interessierte mich nicht, genau so wenig wie der Betrieb am Literaturbetrieb. Ich hatte keine Ahnung, ich wollte außerhalb stehen und schreiben und leben. Wollte die Verwechslung nicht riskieren und habe dabei allerhand verwechselt.
Erst Jahre später habe ich gemerkt, wie mir die Institution Inhalte und Selbstbild diktiert hat, wie der Betrieb mich ein- und aussortiert.
Mit Mitte zwanzig dachte ich, ich könne vom Betriebssexismus sogar profitieren, indem ich zum Beispiel in die Kategorie „Fräuleinwunder“ fiele (die ein ins Institut geladener Gastredner, ich sag jetzt nicht wer, fürs Feuilleton erfunden hatte), aber das Etikett vergilbte dann doch schnell, und die nächsten fünf waren wieder allgemeiner, also neutraler, also: für Jungs.

Egal. Dachte ich. Man kann immer noch die Ausnahme sein. Man kann so begabt sein, dass man kein Etikett und keine Förderung braucht, so genial, dass automatisch alle auf einen aufmerksam werden. Man kann Glück haben oder von Vornherein genug Geld, man kann Geld verachten und vom Containern leben, man kann Verlage ablehnen und sich selbst publizieren, man kann auf Schreibschulen verzichten und auf Unijobs pfeifen, auf das gesamte Establishment inklusive aller Leute, die man bis dato gekannt und geliebt hat, kann man scheißen!, weil sie ohnehin alle furchtbar korrumpiert sind.
Man kann eine Parallelgesellschaft bilden, in der nur das Wahre und Schöne und die Kunst gelten, und all das wollte ich auch machen, aber es gelang mir nur so mittel gut.

Als ich 2013 als Gastdozentin ans Leipziger Literaturinstitut kam, war ich sechzehn Jahre älter. Was eine Menge ist an Orten mit Sexismus- oder Sexismus-Co-Problem.
Weil ich jetzt also keine junge, sondern eine mittelalte Frau war, fiel mir das Benehmen der jungen Leute stärker auf als damals, als ich mich selbst so benahm. Außerdem fiel mir der Unterschied zwischen meinem Benehmen als mittelalte Lehrerin zu dem meiner damaligen mittelalten Lehrer auf. Ich empfand das Sexismus-Problem des Instituts als ebenso bedrückend wie das des Betriebes, und ich dachte, ich sollte vielleicht mal drüber reden – in meinem Seminar, für das ich, wie ich dachte, die Themen setzte.
Wir waren gemeinsam bei einem Literaturwettbewerb gewesen, ich sag jetzt nicht bei welchem, und der Moderator wollte die Preisträgerin zur Gratulation küssen und kündigte das den Hörern zu Hause an den Rundfunkgeräten an – weil die ja nicht sehen konnten, dass die Preisträgerin mindestens so zum Anbeißen war wie die Sängerin der musikalischen Showeinlagen, die der Moderator ebenfalls ausführlich beschrieb. Das Aussehen des Trägers des Publikumspreises beschrieb er nicht, den küsste er auch nicht, aber als ich das alles im Seminar besprechen wollte, gab es Achselzucken statt Diskussionen und eine Studentin, ich sag jetzt nicht wer, meinte, ich wolle ihr den Sex wegnehmen. Weil ich neidisch sei, weil mich niemand mehr küssen und prämieren wollte und der Moderator meine Bücher nie besprach. Und ich verstand sie gut, schließlich hatte ich genau diese Angst ja auch mal gehabt, und ich dachte darüber nach, wie geil es wäre, wenn es nur um Sex ginge – im Betrieb und im Institut –, aber inzwischen wusste ich, dass auch der Sex ein Sexismus- oder zumindest ein Sexismus-Co-Problem hat. Darüber versuchte ich nämlich inzwischen zu schreiben.

Worüber ich auch unbedingt schreiben will, ist das Misslingen der Parallelgesellschaft. Dass natürlich alle, die in Betrieb und Institution tätig sind, ihnen auch dienen müssen, sie in Schutz nehmen und so fort. Dass aber die Anpassung und Identifizierung auch Grenzen haben darf, Schmerzgrenzen, und dass Ohrenzuhalten und Leugnen und Lächerlichmachen nicht langfristig hilft gegen den Schmerz, sondern ins Verderben führt. Und dass es doch ein paar Ideen gibt für die Veränderung des Zustands.

Anke Stelling hat von 1997 bis 2001 am Literaturinstitut studiert und 2013 auch dort unterrichtet. Ihre letzten Romane sind bei Verbrecher erschienen, mit Bodentiefe Fenster war sie auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.


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