Konkurrenz und Kanon

Dieser Beitrag ist die mit Erlaubnis der Autorin gekürzte Fassung eines in der Zeitschrift PS: Politisch Schreiben erschienenen Textes. Zur vollständigen Fassung

Im Frühling 2013 hielt ich im Rahmen eines Seminars am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig einen Vortrag zu Monique Wittigs Essay The Point of View: Universal or Particular aus dem Jahr 1980, den ich hier frei mit: Das Allgemeine oder das Besondere übersetze. Ich hatte mich für das Thema Das Politische in der Literatur gemeldet, um mit Monique Wittigs Hilfe auf kreative Weise einen Beitrag zu gestalten, von dem ich hoffte, er könne, wenn nicht einen Anstoß, so zumindest ein breiteres Verständnis für meinen Standpunkt bei meinen Kommiliton_innen sowie meinem Professor generieren. Wer von Monique Wittig noch nie gehört hat, kein Ding – weder meinen Kommiliton_innen noch meinem Professor war bis zum Zeitpunkt meines Vortrags Monique Wittigs Existenz bekannt gewesen. Wittig war eine französische Schriftstellerin und feministische Theoretikerin. 1935 geboren und 2003 verstorben, wird sie häufig in einem Satz mit Irigaray, Kristeva und Cixous erwähnt.

Wittigs Analyse in The Point of View bietet folgende Denkanstöße:

. Es gibt kein weibliches Schreiben. Was sollte denn das Weibliche im weiblichen Schreiben sein? Ein Mythos, aufgebaut auf Unterschied, Spezifizität, dem weiblichen Körper/der weiblichen Natur? Weibliches Schreiben würde darauf hinauslaufen, dass Frauen nicht Teil der Literaturgeschichte sind.

. Es gibt das weibliche Geschlecht, weil männlich nicht das Männliche ist sondern das Allgemeine. Deshalb kann man auch nicht die weibliche Form benutzen, um zu verallgemeinern. Denn das Männliche ist das abstrakte und das Weibliche das konkrete Geschlecht in der Sprache.

. Minderheitenschriftstellerinnen treten per se schief ins literarische Geschehen. Die relevanten Problemstellungen in der Literatur, mit denen ihre Zeitgenossinnen beschäftigt sind, werden bei Minderheitenschriftstellerinnen von ihrer Perspektive überschattet und somit allzu oft übersehen. So birgt es zum Beispiel immer ein Risiko, eine Geschichte zu schreiben, die auch Homosexualität beinhaltet. Nämlich das Risiko, dass das, was eigentlich erzählt werden will, in den Hintergrund tritt und Homosexualität in der Rezeption eine Monopolfunktion einnimmt.

. Eine Minderheitenschriftstellerin muss sich immer sowohl formal behaupten, sprich sich in einen Bezug zu dem, was gerade in der Literaturgeschichte debattiert wird setzen, als auch konzeptionell gegen das „Versteht sich von selbst“ des heteronormativen Denkens.

Als Lösungsansatz schlug Monique Wittig vor, das Besondere zum Allgemeinen zu machen.

Mit diesen Leitgedanken im Hinterkopf, führte ich mit meinen Kommiliton_innen und meinem Professor ein schlichtes Experiment durch. Ich hatte mir Anfangssätze von Erzählungen ausgedacht, andere aus der Literatur übernommen, in denen ich entweder das Geschlecht oder die Hautfarbe über den Namen verschleierte oder hervorhob.

Warum ausgerechnet dieser Job? Nur um dem Vater was zu beweisen. Bescheuert! Der Körper würde das nicht lange mitmachen, die 30 Kilo Säcke mit Sand, Mörtel, Zement. Kein Wunder, dass so viele Bauarbeiter in Frühpension gingen. Mit Mitte 30 konnte man sich auf den ersten Bandscheibenvorfall einstellen. Andi zog sich eine Flasche Bier aus der Kiste und setzte sich an den Rand der Baustelle. Alle anderen waren gegangen.

Wer ist Andi? Ein junger Arbeiter, der seinem Vater nacheifert oder eine junge Arbeiterin, die ihrem Vater etwas beweisen will? Ohne Ausnahme war Andi in den Köpfen aller ein junger Mann.

Wie die Zufälle doch ab und an für eine arbeiten, kam von der Universität Leipzig – 33 Jahre nach Wittigs Vorschlag, das Besondere zum Allgemeinen zu machen – einige Tage vor meinem Vortrag eine Verordnung, die besagte, dass zukünftig die weibliche Form als die Allgemeine anzusehen sei und in allen amtlichen Schriftstücken und Anschreiben derart verwendet werden solle. Die Kritiken blieben nicht lange aus. Viele Männer, aber noch mehr Frauen taten die Verordnung als unnötig ab. Das alte Argument, die Sprache dadurch zu „verschandeln“, kam wiederholt auf. Ich fragte mich warum. Konnte es wirklich sein, dass Männer einfach nicht bereit waren, auf Privilegien zu verzichten, die ihnen bis dato wahrscheinlich nicht einmal als solche bewusst waren? Und waren Frauen einfach zu stolz, um sich öffentlich darauf hinweisen zu lassen, dass ihnen gewisse Privilegien bisher nicht zuteil geworden waren, unabhängig davon ob sie diese je vermisst hatten? Die Verwunderung ließ mich nicht los.

Ein anderes Beispiel, das ich ausgewählt hatte, ging über eine simple Verschleierung oder Hervorhebung hinaus.

„Wer seid Ihr?“ fragte K. und sah von einem zum andern. „Eure Gehilfen“, antworteten sie. „Es sind die Gehilfen“, bestätigte leise der Wirt. „Wie?“ fragte K., „Ihr seid meine alten Gehilfen, die ich nachkommen ließ, die ich erwarte?“ Sie bejahten es. „Das ist gut“, sagte K. nach einem Weilchen, „es ist gut, daß Ihr gekommen seid.“ „Übrigens“, sagte K. nach einem weiteren Weilchen, „Ihr habt Euch sehr verspätet, Ihr seid sehr nachlässig.“

Wahrscheinlich haben Sie das Zitat erkannt. Meine Kommilitoninnen und meine Professorin haben es auch erkannt.

Der interessante Aspekt an Kafkas Landvermesserin ist nicht nur die offen gelassene Frage nach dem Geschlecht von K., sondern auch die nach der Hautfarbe. Trotzdem wird K. nahezu ausschließlich als männlich und weiß rezipiert. Und das, obwohl es sich um die Figur einer Fremden, einer Landstreicherin handelt, heute wäre man geneigt zu sagen einer „Illegalen“.

Mit dem jüdischen Schriftsteller Kafka, der in einem mehrheitlich tschechischsprachigen Kontext sich dafür entschieden hatte in einer Sprache zu schreiben, von der wir heute wissen, dass sie etwas über ein Jahrzehnt später die Sprache der Mörder seinesgleichen werden würde, nehme ich hier zwei Aspekte vorweg, auf die ich später näher eingehen will: Wer spricht? Also die Frage nach der Autorinnenschaft. Und wie wird worüber gesprochen. Die Frage nach der literarischen Qualität.

Im Seminar spannte ich mit Kafka den Bogen zu einem Komplex, der mit Monique Wittigs Point of View parallel gedacht werden sollte: dem literarischen Kanon.

Man hat als Schriftstellerin oder Studentin an einem literarischen Institut drei Möglichkeiten, sich auf formaler Ebene zum existierenden Kanon zu verhalten: Internalisieren, eine Gegenposition einnehmen oder höfliche Ignoranz. Was die höfliche Ignoranz angeht, kann sie leicht ausgeschlossen werden. Selbst die intentionale Wissensverweigerung kann eine somit nur in eine Position der Schwäche versetzen. Die Gegenposition einzunehmen würde bedeuten, eine Avantgardeposition zu etablieren. Aber was wäre eine Avantgardeposition in der Postmoderne? So wie der Glaube an Fortschritt und Wachstum mindestens seit der Finanzkrise erneut ins Visier der Kritik geriet, so stellt sich auch für die literarische Kanonisierung, die seit der Moderne den Innovationstrieb in der Literatur auszeichnet, dieselbe Frage: Und nun? Haikus schreiben? Theater bietet zumindest noch die Möglichkeit auf Sprache zu verzichten, aber so ein Roman ohne Worte? Auf der formalen Eben bleibt einer nur, sich am vorgelegten Kanon zu orientieren, liegt einer daran mitzureden und verstanden zu werden. Und das gilt für Minderheitenschriftstellerinnen, egal ob Frauen, Homosexuelle oder Migrantinnen umso eindringlicher, müssen sie doch jedes Abweichen sowohl auf der sprachlichen als auch der inhaltlichen Ebene durchschlagend argumentieren können, um in der „etablierten“ Literaturszene ernst genommen zu werden. Lediglich auf der Produktionsebene findet sich heute die Möglichkeit, dem „Mainstream“ – und damit meine ich sowohl jene Literatur, die sich monetär verwerten lässt, als auch jene, die vom Feuilleton hochgehalten und somit als kulturell verwertbar betrachtet werden kann – etwas entgegenzusetzen.

Inzwischen saß ich in Leipzig im fünften Semester. Mir war bereits ganz schwindlig vor lauter weißen Männernamen, die in den ersten vier Semestern in meinen Kopf geklopft wurden, nachdem ich sie nach meinem Abitur mühsam durch interessantere Alternativen ersetzt hatte. Aber ich hoffte noch immer, dass es entgegen aller bisherigen Erfahrungen dennoch möglich sein sollte, dass ältere weiße Männer meinen Erwartungshorizont an sie durchbrechen könnten. Ich überflog die Literaturliste. Auf den ersten Blick sah es ganz gut aus. Erst bei längerem Hinsehen fiel mir etwas unangenehm auf. Der Frauenanteil – und gleich darauf das viele Weiß. Und das, obwohl die Liste nicht auf deutschsprachige Autorinnen beschränkt war, also einen Hauch von Internationalität suggerierte. Zehn Prozent Frauen. So sei das eben, erklärte meine inzwischen von mir genervte Professorin. Es spiegle die Wirklichkeit.

Simone Winko führt in ihrer Erklärung des Kanons als Invisible-Hand-Phänomen aus, dass als Kanon ein Korpus von Texten aufzufassen sei, an dessen Überlieferung eine Gesellschaft oder Kultur interessiert sei. Der Kanon sei „gemacht“ und habe in mehrfacher Hinsicht etwas mit Macht zu tun. Mit dem Aufgreifen des wie bereits erwähnt in den Wirtschaftswissenschaften gängigen Unsichtbare-Hand-Phänomens verweist Winko, ob gewollt oder nicht, auf den dem Kanon inhärenten Fortschrittsgedanken einerseits und andererseits auf die Praxis der Postmoderne, Herrschaftsverhältnis in eine unsichtbare Macht zu abstrahieren und damit die Profiteure dieser unsichtbaren Machtflüsse aus ihrer Verantwortung zu nehmen.

Ortrun Niethammer bringt es in Kanonisierung als patriarchalischer Selektionszwang auf den Punkt, wenn sie meint, Kanonbildung sei immer auch determiniert durch die Geschlechterfrage. Ich würde an dieser Stelle die Frage nach der Hautfarbe im Sinne der Machtposition in einer Gesellschaft einschließen und im weiteren Verlauf parallel mitdenken wollen. Denn das Geschlecht, so Niethammer, spielt bereits dann eine Rolle, wenn rezensiert wird und es darum geht, Werkausgaben zu veranstalten.

Mittels des Vergleichs zwischen Gabriele Reuter und Theodor Fontane kommt Ortrun Niethammer anhand der Auswertung einer Studie zu folgendem Ergebnis: Die Romane „Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens“ von Gabriele Reuter und „Effi Briest“ von Theodor Fontane hatten beide in ihrer Zeit sehr hohe Auflagen und wurden weithin besprochen. Trotzdem hat nur Fontane den Status eines Klassikers erlangt. Warum? Niethammer führt es auf die bei Gabriele Reuter fehlende Werkausgabe zurück. Anders als bei Fontane konnte damit ihr Roman über die Zeit vergessen werden. In wessen unsichtbaren Händen lag aber damals die Macht, Werkausgaben herauszubringen? Selten wurden Werkausgaben weiblicher Autorinnen gedruckt. Bloßer Zufall? Einfach eine andere Zeit? Wenn dem so wäre, warum werden dann heute diese Mängel von damals nicht nachgeholt?

Versteht man den Literaturkanon wie Simone Winko als Prozess, an dem Literaturkritik, literarische Zeitschriften, Verlage, Druckereien, Institutionen der Literaturvermittlung bis hin zu Schulen und Universitäten beteiligt sind, so stellt sich die Frage, in welchen Händen konkret diese Institutionen in der Moderne waren und zum Großteil heute noch sind. Die Frage lautet: Wessen Point of View wird im Einzelnen und dann gebündelt zur Selektion welcher Texte und welcher Autorinnen herangezogen? Und wer drückt mir die Literaturliste in die Hand, auf der nur zehn Prozent Autorinnen vertreten sind? Keine einzige schwarze Autorin. Warum steht auf dieser Liste nicht Toni Morrison, die doch immerhin den heteronormativ hochgehaltenen Literaturnobelpreis bekommen hat? Wessen Wirklichkeit spiegelt diese Liste?

Eine von Andrea Lunsford und Lisa Ede unternommene Studie über professionelle Schreibverfahren zeigt, dass die vorherrschenden Schreibpraktiken heutzutage tatsächlich kollektiver Natur sind. Aus dieser Studie, die untersucht, wie Schreibprozesse im Geschäftsleben, in der Industrie, in der Regierung, in den Natur- und Sozialwissenschaften wirklich vonstatten gehen, gewinnt man den Eindruck, dass nur noch eine letzte Bastion übrig bleibt, die dem Dogma des singulären Schaffensprozesses anhängt: die Geisteswissenschaften und die Künste. Das Bedrängende der Untersuchung besteht jedoch in der Tatsache, dass ungeachtet der sich durchsetzenden kollektiven Tendenzen sowohl die Theorie als auch die Praxis einer Pädagogik des Schreibens (Kompositionsunterricht) noch immer unter der Voraussetzung operieren, dass Schreiben wesentlich und notwendig ein singulärer und individueller Akt sei. Der Unterricht läuft noch immer so ab, als würden Lehrende der Vorstellung anhängen, dass ihre Studentinnen allein herumsitzen und in Isolation schreiben. Auch am Deutschen Literaturinstitut werden nahezu keine Seminare angeboten, in denen es darum geht, einen Prosatext oder ein Theaterstück kollektiv entstehen zu lassen.

Der in jeder Schreibwerkstatt spürbaren Konkurrenz der Studentinnen eines künstlerischen Studiengangs untereinander muss man die Konkurrenz zwischen Professorinnen bzw. Dozentinnen und ihren Studentinnen hinzufügen. In einem bereits erwähnten Seminar zu Werken ehemaliger Studentinnen versuchten sich die Professorin und die eingeladene ehemalige Studentin in den Auflagenzahlen ihres Erstlingsromans eine Viertelstunde lang gegenseitig zu überbieten. Nicht nur erzeugt das bei den Zuschauenden, also den gegenwärtigen Studentinnen, ein gewisses Unbehagen, sondern es produziert auf der anderen Seite auch ein berechtigtes Misstrauen: Liegt meiner Professorin, meiner Dozentin ehrlich daran, dass meine Kurzgeschichte, mein Theaterstück, mein Roman wirklich so gut als möglich wird?

Was sind mögliche Alternativen zu den in diesem Essay angeführten Verknotungen? Für diejenigen, die sich in einem hierarchischen konkurrenzkapitalistischen Alltag gerne einrichten, ist das eine langweilige Frage. Für andere, denen der Alleingang als Perspektive missfällt und die sich in einer von Sexismen, Rassismen und Spaltungen durchzogenen Gegenwart auch als nicht „direkt“ Betroffene unwohl fühlen, ist es eine entscheidende. Meine Stellung als Schriftstellerin in der Gesellschaft als eine politische Haltung zu erkennen birgt in sich die Möglichkeit, diese Stellung kritisch zu reflektieren, daraus eine Positionierung zu erarbeiten und zu erkennen, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass ich mit meiner Position nicht alleine bin. Aufgrund der multiplen Problemstellungen, mit denen wir konfrontiert sind, ist es ein schwieriges Unterfangen, Zusammenhänge parallel zu denken. Allzu gerne werden gerade in kritischen Kreisen Wichtigkeiten gegeneinander ausgespielt. Die Zusammenhänge parallel zu denken, verweigert einer oftmals die Möglichkeit der Klarheit und eines präzisen Lösungsansatzes. Trotzdem gibt es keinen anderen Weg. Die Geschlechterfrage darf nicht unabhängig von der Rassismusdebatte und dem Klassenkampf besprochen und gedacht werden. Alle drei bedingen einander und wurden im Laufe der Geschichte bis heute erfolgreich gegeneinander verwendet, um die Solidarität der Betroffenen zu unterminieren und kollektive Anliegen in persönliche aufzuspalten. Und das obwohl inzwischen jeder und jedem klar sein muss, dass es nur eine wirkungsvolle Widerstandsform gegen Ausbeutung, Diskriminierung und rassistische Hetze gibt: das Kollektive und die Solidarität.

Gottlieb Gaiser erklärt in seinem Buch zu Literaturgeschichte und literarischen Institutionen im Unterkapitel „Die Zensur: Durchsetzung geltender Werthierarchien“, dass Macht nicht funktioniere, wenn sie sich zu erkennen geben müsse. Im Idealfall äußere sie sich in der Internalisierung von obrigkeitlich privilegierten Sinnsystemen, in der nicht hinterfragten Reproduktion erwünschten Denkens und Verhaltens.

Nehmen wir das Bild der alleinschaffenden, isolierten Schriftstellerin, die in Armut lebt, aber glücklich ist, ihrem Drang nach literarischer Produktion nachgehen zu können, als ein Paradigma und gehen wir davon aus, dieses Paradigma sei überholt.

Laut Gaiser ist der Ausgangspunkt die Identifikation eines Problems, das im Rahmen des sozial verfestigten, geltenden Paradigmas nicht adäquat erfasst werden kann und deshalb auf Ablehnung innerhalb der betreffenden Bezugsgruppe stößt. Über zunächst informelle Kommunikationsbeziehungen zur Weiterentwicklung und Diskussion der Innovation entstehen erste Gruppenstrukturen, die zur Formulierung eines „Dogmas“, gleichsam einer Gruppenverfassung in Form einer Forschungsstrategie oder auch nur einer Problemstellung führen. Parallel zur gemeinsamen Forschung und Veröffentlichung einer solchen „Paradigma-Gruppe“ verläuft der systematische Versuch, Studenten und andere Gleichgesinnte für das Projekt zu rekrutieren, um einerseits die Forschung ausweiten und andrerseits die Vermittlung der Innovation über das eigene Umfeld und die eigene Generation hinaus sicherzustellen. Gleichzeitig setzt ein Abgrenzungsprozess ein, über den die Mitglieder einer Gruppe ein in-group-Bewusstsein aufbauen. Außerdem verschärft sich der Konflikt zwischen einer solchen „alternativen“ Gruppe und der etablierten scientific community tendenziell dadurch, dass sich mit dem Wachsen der Gruppenkapazität das Bedürfnis nach Verbreitung und Anerkennung der wissenschaftlichen oder sozialen Arbeit verstärkt. Aus dieser Situation heraus unternehmen die Gruppen den wohl wichtigsten Institutionalisierungsschritt: die Gründung einer Zeitschrift/einer Plattform.

In jedem Fall entsteht über das solidarische Miteinander ein kollektiver Zusammenhang, eine Plattform des Austausches und ein Punkt, einer der vielen, von dem aus versucht werden kann, das Bestehende mittels gemeinsamen Reflektierens, Netzwerkens und Handelns zu unterwandern.

Inspiriert von:

Silvia Federici: Caliban und die Hexe

Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiss

Simone Winko: Literatur-Kanon als invisible-hand-Phänomen

Ortrun Niethammer: Kanonisierung als patriarchalischer Selektionszwang?

Hartmann Korte: Das muss man gelesen haben!

Michel Foucault: Schriften zur Literatur

Martha Woodmansee: Der Autor-Effekt. Zur Wiederherstellung von Kollektivität.

Siegfried J. Schmidt: Abschied vom Kanon? Thesen zur Situation der gegenwärtigen Kunst

Gottlieb Gaiser: Literaturgeschichte und literarische Institutionen

Gilles Deleuze/Félix Guattari: Kafka. Für eine kleine Literatur

Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen

Paul A. Samuelson: Volkswirtschaftslehre

Birgit Mahnkopf/Elmar Altvater: Grenzen der Globalisierung

Georges Bataille: Die Aufhebung der Ökonomie

Karin Fischer: Entwicklung und Unterentwicklung

Jan Pospisil: Die Entwicklung von Sicherheit

Söllner Fritz: Die Geschichte des ökonomischen Denkens

Maria Mies: Patriarchat und Kapital

 

Kaśka Bryla studiert am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift PS: Politisch Schreiben.


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