Ich bin die Schreibschule. Fragt mich mal, wie ich sein will! Nämlich anders.

Eine Blaupause

Zu lange dachte ich selber – ich, die Schreibschule – ich müsste so bleiben, wie man mich gemacht hat. Man hat mich ja auch in schöne Häuser gesetzt und grüne Gärten um mich angelegt und mir nahegelegt, die Abschlüsse und Veröffentlichungen meiner Studierenden seien das, worauf es ankäme. Aber es kommt auf viel mehr an. Und auf viel größeres. Deshalb will ich, die Schreibschule, endlich anders werden. Hier ist, wie.

Ich, die Schreibschule, will weniger Schule und mehr kreative Stätte sein. Ein offener Ort will ich sein. Abschottung soll es in mir nicht geben, denn ich will die freie und geteilte Lehre und ich will Dozierende, die erreichbar und präsent sind, und zwar für alle. Türen, und wo immer möglich auch Wände, sollen gläsern sein, einladend und durchlässig für alle. Es gibt Platz für kollektives und Platz für in sich versenktes Arbeiten. Jede*r kann so voneinander mitbekommen und zusammen arbeiten. Meine Räume stehen den Studierenden zur Verfügung, damit sie selbstorganisiert Werkstätten, Lesungen und Sitzungen veranstalten können. Meine studentischen Organe sind selbstbestimmt und von der Institutsleitung und jedweder Zensur unabhängig.

Ich, die Schreibstätte, will ein Ort des exzessiven Schreibens und Kritisierens sein. Ich will eine Atmosphäre des Miteinanders, in der es nicht ums Bessersein oder Weiterkommen geht, sondern in der alle gemäß ihrer jeweiligen Stärken und Interessen gefördert und gefordert werden. Ich will ein konkurrenzbefreiter Raum sein, in dem alle einander kooperativ begegnen und in gemeinschaftlichen Runden konstruktiv an Texten arbeiten. Keine Streitkultur um des Sich-selber-besser-Stellens wegen – sich selber besser stellen ist ab jetzt passé. Stattdessen will ich den mutigen, kritischen Diskurs, der auf Augenhöhe und in Würdigung des gegenseitigen Schaffens stattfindet, dabei starke Thesen wagt und fundierte Argumente und Gegenargumente liefert. Ich will eine Atmosphäre, die alle ermutigt, sich zu zeigen, zu sprechen, ihren Standpunkt zu benennen. Ich will eine Atmosphäre, in der es nicht ums Sehen und gesehen Werden, sondern ums Zuhören und ums gehört Werden geht. In der das Ziel nicht nur in starken eigenen Texten besteht, sondern in starken Texten allgemein, als gemeinsames Anliegen: Texte, die sich engagieren, auf verschiedenste Weisen.

Ich, die Schreibstätte, will demokratisches Lehren und Lernen, bei dem nicht nur die Dozierenden Lehrangebote machen, sondern auch die Studierenden Ideen einbringen und Forderungen stellen – und stellen dürfen. Kein starres Kurssystem mehr, dessen Klassenanordnung freies Sprechen blockiert und zum Stillsitzen zwingt. Steigt auf meine Tische, sobald eine unhaltbare Haltung eingenommen wird – Unhaltbares muss aufgezeigt und an deren Abschaffung gearbeitet werden! Nie wieder nur der Boykott von Lehrveranstaltungen als einziger Widerstand gegen chauvinistische und rassistische (auch Exotismus ist Rassismus) Sprüche, weil das als individueller Boykott eben noch kein Widerstand ist. Ich will Widerstand. Ich will Veränderung. Mehr schreibende Frauen! Mehr schreibende People of Color! Mehr schreibende Arbeiter*innen! Mehr Avantgarde als Marketing, mehr Radikalität als elaborierte Feuilletonkultur! Und eine an Klasse, Herkunft, Sprache, körperlicher Fähigkeit, Liebeswünschen, Geschlechtlichkeit und Alter diverse Studierenden- und Dozierendenschaft. Denn ich will, dass meine soziale wie auch meine literarische Welt durch und durch diverse Welten sind, denn für diverse Texte brauchen wir eine diverse Welt, so wie wir umgekehrt für eine diverse Welt unbedingt diverse Texte brauchen, die andere Perspektiven, andere Konflikte, andere Interpretationen auf den Plan bringen.

Ich, die Schreibstätte, will Dozierende, die sich in der Lehre, im Lektorieren, in der Betreuung einbringen, die ihr eigenes Tun hinterfragen und bereit sind, an sich und ihrem Lehren zu arbeiten. Ich will Dozierende, die zeitlich und kognitiv für die Studierenden da sind, deren Kompetenzen und Förderbedarf kennen und sie individuell und bedürfnisorientiert fördern, indem sie ihnen als feste Ansprechpartner*innen für kontinuierliches Feedback zur Verfügung stehen. Damit die Lehrenden eine intensive Betreuer*innen-Funktion übernehmen können, müssen ausreichend Stellen besetzt und diese fair entlohnt und entfristet werden. So, wie die Studierenden Dozent*innen brauchen, die für die Dauer ihres Studiums hinter ihnen stehen, brauchen die Dozent*innen Institutionen, die hinter ihnen stehen und ihnen die Sicherheit geben, den Studiengang nachhaltig prägen zu können. Mithilfe von Gastdozenturen gestalte ich eine abwechslungsreiche Lehre und hole auch internationale Künstler*innen und Akademiker*innen dazu, sodass wir über den eigenen Schreibtischrand und über den deutschsprachigen Gegenwartskanon hinausblicken. Weitreichende Texte entstehen, indem man weitreichend blickt, und das muss hier bei mir anfangen, mit einer Lehre und Lehrendenschaft, die Analysen und Feedback aus anderen als der weißen, männlichen, literaturbetriebskonformen Perspektive liefern kann. Die horrende Unterbesetzung an Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund, die sich teils selbst bei externen Lehrbeauftragten fortsetzt, ist für mich kein einziges Semester länger tragbar.

Ich, die Schreibstätte, will Studierende, die sich diskutierend, schreibend und rezensierend einbringen, die ihre eigenen Positionen hinterfragen und bereit sind, an sich und ihrem Schaffen zu arbeiten. Ich will Studierende, die an der Bildung aktiv teilhaben, die diese mitdefinieren, sich etwa in Kollegiat*innenräten selbst organisieren und mit der kollektiven Vermittlung ihrer Anliegen auf Strukturen einwirken. Denn zum Zweck des Schreibens hat immer schon gehört, dass es auf bestehende Strukturen nicht nur reflektierend, sondern auch reformierend bis revolutionierend einwirkt.

Ich, die Schreibstätte, will Studierende und Dozierende mit verschiedenen Hintergründen und Biografien, die einander Dinge aufzeigen, Horizonte erweitern und Vorbilder sein können, die Erfahrungen aus verschiedenen Berufsfeldern, Gesellschaftsbereichen und Kulturen teilen können. Dabei darf die Erfahrung von Männern nicht länger für wertvoller oder interessanter erachtet werden als die von Frauen, deren Alter stärker als dem von Männern etwas Defizitäres angehaftet wird, anstatt dass es als Reife gewürdigt würde – noch so eine unerklärliche Einstellung aus der Zeit, die ich nun für vorbei erkläre. Und gerade weil es sich bei mir, der Schreibstätte, um einen künstlerisch-kulturellen als auch um einen akademischen Betrieb handelt – zwei Berufsbereichen, die als am wenigsten vereinbar mit Familie gelten – will ich Studierende und Dozierende, die Väter und Mütter sind. Ein Satz wie »Frauen sind entweder Schriftstellerinnen oder Mütter, Sie/sie müssen sich entscheiden«, der noch im letzten Sommersemester von einem Hildesheimer Dozenten geäußert wurde, soll nie wieder gesagt und nie wieder stehen gelassen werden. Ab jetzt tragen Frauen und Männer dieselbe Verantwortung, und ab jetzt gehen Kunst und Kinder sehr wohl einher, und ab jetzt drehen wir jedem stigmatisierenden, Chancen vereitelnden Satz den Hahn ab!

Ich, die Schreibstätte, will mehr Auseinandersetzung mit der Lebenswirklichkeit. Etwa, indem Menschen zu Gast kommen, die nicht nur von ihrem Schreiben, sondern auch von ihrem Scheitern berichten, denn in den Künsten ist Scheitern elementar und braucht es vor allem für junge Studierende Erzählungen vom Umgang damit. Die Frage nach dem Scheitern, auch dem finanziellen, nicht zu stellen, zeugt noch immer von jener zuvor vieldiskutierten a) Genie- und b) Arztsohn-Mentalität. Mehr Lebenswirklichkeit will ich auch, indem die Studierenden an Orte wie Schulen, Jugendzentren, Heime und Gefängnisse gehen können und dort mit Literatur und Schreiben auf soziale Weise wirken – damit erfahren wird, dass Schreiben mehr sein kann als Roman, Artikel, Tagebuch und Gedicht, nämlich sozial und politisch verändernde Kraft. Über die gesellschaftliche Relevanz literarischer Inhalte soll nicht nur geredet werden – sie soll gemacht werden, mit Stift und Tastatur, mit Megaphonen und Aktionen. Denn ich, die Schreibstätte, will keine abgekapselte Blase sein, die mit dem Stadtraum und der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Ich will, dass ihr diese Blase aufstecht, dass ihr mich herausholt und von hier aus Kreise zieht: Inwiefern ist das, was für uns relevant ist, für alle anderen relevant? Und: Was ist für andere relevant?

 Ich will nicht eine am Literaturbetrieb orientierte Schule sein, und vor allem keine, die den Literaturbetrieb hofiert. Vielmehr will ich eine Schreibstätte sein, die sich dem Betrieb als kritische Instanz entgegenstellt und sich in die Lage begibt, dessen Regeln und Konventionen zu brechen: Eigene und eigensinnige Kunst zu machen anstatt aufgenommen, sprich gefallen zu wollen. Nicht um Wettbewerbe, Auszeichnungen und das möglichst junge Publizieren geht es, sondern um das Erproben vielseitiger kollektiver und interdisziplinärer Formen, die über das Schreiben des eigenen Ichs hinausgehen. Inhaltlich will ich andere Geschichten als die von männlichen, weißen, körperlich uneingeschränkt befähigten Mittelstands-, Cis-, Hetero-Individuen, die der Betrieb und die Medien noch immer als die erfolgsversprechenden Geschichten suggerieren, und ich will diese anderen Geschichten außerhalb von exotisierenden Marketing- und Interpretationsschubladen.

Ich will einen vielseitigen, regen und angeregten Austausch. Ich will Zusammenschlüsse von Studierenden, untereinander, mit Studierenden anderer Schreibstätten, mit anderen Schreibenden. Ich will die Vernetzung mit dem Außen: mit Künsten und Disziplinen, mit der freien Szene und mit Kunst- und Literaturinstitutionen, die so aufgeweckt und aufgewacht und alert sind wie ich es sein will. Und weiter nach außen: mit politischen Bewegungen, mit sozialen Einrichtungen, mit Menschen, die nichts mit Worten gemein haben, außer dass sie sie jeden Tag nutzen, weil potenziell alle etwas mit Literatur zu tun haben. Keine Blase, kein Elfenbeinturm, kein Turm zu Babel, keine Elite! Damit muss endlich Schluss sein! Etwas erzählen, sich einen Reim aus etwas machen, eine Szene machen – für die, die sich entwickeln wollen, will ich da sein:

Ich, die Schreibstätte, Kunststätte, Bildungsstätte, Inspirationsstätte.

Deshalb: Verändert mich! Kommt jetzt und verändert mich!

Und: Schreibt diesen Artikel fort, schreibt mich fort!

Rea Mair begann 2014 den Master Literarisches Schreiben in Hildesheim. Nach mehreren Urlaubssemestern, in denen es sie aus Hildesheim weg zog, schreibt sie aktuell an ihrer Abschlussarbeit.

 

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