Nassrasur: Antwort auf Hüsers „Dreitagebart“

Man bekommt den Eindruck: Da hat sich was angestaut. Rembert Hüser, Professor für Medienwissenschaften an der Universität Frankfurt, muss sich schon einige Zeit über Kollegen1 aufgeregt haben, die überall in Deutschland lehren, aber unbedingt in Berlin leben wollen. Und dann liest er meinen Artikel über das akademische Pendeln, der im Januar 2016 in der ZEIT erschien.2 Irgendwie hat der das Fass zum Überlaufen gebracht.

Mit einem Augenzwinkern schreibe ich darin, dass das Bahncomfort-Abteil das neue Intellektuellen-Café ist. In den echten Cafés sitzen alle stumm vor ihren Macbooks oder starren auf ihre Smartphones; im Comfort-Abteil hingegen kommt man unweigerlich ins Gespräch. Und da inzwischen viele Akademiker und Künstler pendeln, entstehen dort hin und wieder spannende Diskussionen. In meinem Fall jedenfalls.

Den Artikel habe ich auch geschrieben, um mir mein Pendeln schön zu reden. Ich lebe seit über 20 Jahren in Berlin, mein halbes Leben, und habe in den letzten zwölf Jahren an drei Universitäten mit befristeten Verträgen unterrichtet. Pendeln ist teuer und häufig aufreibend. Zufallsbegegnungen sind da manchmal ein Lichtblick. Gleichzeitig habe ich betont, dass das akademische Pendeln auch ein ernstes Thema ist, denn es betrifft unter anderem den Status des sogenannten „Mittelbaus“ an den Universitäten und damit Fragen der Fairness und der Zukunft des Bildungssystems.

Hüser jedenfalls hat den Artikel zum Anlass für eine Polemik genommen, vorgetragen auf einer Konferenz über Antiakademismus in Berlin, abgedruckt im Merkur unter dem Titel Dreitagebart (I)3 Ich mag Polemiken. Gerade im intellektuellen Diskurs sind heute Diskussionen oft zu glattgebügelt, weil Leute Angst haben, anzuecken oder falsch verstanden zu werden.

Mich stört nicht, dass Hüser offenbar nicht bemerkt hat (oder bemerken wollte), dass mein Text mit einem Körnchen Salz zu lesen ist. Darin schlage ich zum Beispiel vor, den ICE-Literaturpreis für junge Akademiker zu verleihen, analog zum „Prix Des Deux Magots“ des berühmten Pariser Cafés. Vielleicht hätte ich dazuschreiben sollen: „Der Preis enthält einen Gratisgutschein für eine Vollkornschnitte in der Bordgastronomie“.

Polemiken sind eine hohe Kunst. Die Zuspitzung kann Spaß machen, aber sie muss beherzigen, was Serdar Somuncu bei seiner Blattkritik den Redakteuren der Bild-Zeitung geraten hat: Seid hart, aber seid wenigstens ehrlich. Hüser ist nicht ehrlich. Er hat meine Aussagen so hingebogen, dass sie zu seiner fragwürdigen These passen, unter Akademikern herrsche eine unkritische Berlin-Verehrung.

Ich schreibe zum Beispiel: „Als ich vor zehn Jahren meinen ersten Zweijahresvertrag an der Uni hatte, fing ich an, … zu pendeln. … Umziehen hätte bedeutet: alle Bücher mitnehmen, die Möbel zwischenlagern, die Freunde zurücklassen“. Und weiter: „Alle pendeln; die jungen Akademiker, weil sie sich mit Kurzzeitverträgen von Stelle zu Stelle hangeln; die Vollprofessoren, weil sie oft schon eine Familie gegründet haben, wenn der Ruf auf eine Dauerstelle kommt.“

Diese Stellen hat Hüser mit Leerzeichen ausgelassen, teils absichtlich sinnentstellend, um dann genau dasselbe zu sagen. In seinen Worten: „Es geht hier also nicht um das ökonomisch motivierte Pendeln mit schlechtbezahlten Kurzzeitverträgen, für die es sich nicht umzuziehen lohnt, und auch nicht um das unvermeidliche Pendeln aus einer Beziehung heraus“. Genau davon hatte ich gesprochen.

Aber damit nicht genug. Meine Diagnose am Ende des Artikels lautet: „Wie die Kaffeehauskultur entsteht die neue Mobilität nämlich oft aus einer Notlage. Es ist die prekäre Situation des akademischen Mittelbaus, unter der junge Akademikerfamilien ebenso leiden wie die kleineren Institute der Universitäten.“

Hüser suggeriert, ich würde aus einem irrigen Berlin-Hedonismus heraus pendeln, und kommt dann wiederum zum selben Schluss: Die Lage ist ein Problem für die Universitäten. Da frage ich mich: Ist das noch eine Polemik oder schon Fake News?

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Man mag diese Auslassungen als Schlampigkeit oder poetische Freiheit verzeihen. Andere von Hüsers Deutungen scheinen schlicht Lesefehler zu sein. Ich schreibe: „Auch für mich ist Berlin ein permanent uneingelöstes Versprechen. Das Angebot an Hoch- und Subkultur ist ungemein anziehend, obwohl ich es kaum nutze, abgesehen von den Vernissagen um die Ecke, zu denen ich hin und wieder gehe.“ Darin sieht Hüser „die Angst, dass man etwas verpassen könnte, wenn man nicht da ist.“ Abgesehen davon, dass ich gerade selbst die Widersprüchlichkeit meines Handelns verdeutlicht habe: Wer Angst hat, etwas zu verpassen, ist immer unterwegs. Meine These ist spiegelverkehrt dazu: In Berlin verpasst man fast alles, weil man keine Angst hat, etwas zu verpassen, aus der Illusion heraus, dem Geschehen ganz nah zu sein.

Irgendwann zieht Hüser dann Freud aus der Mottenkiste der Kulturtheorie. An den musste ich beim Lesen auch denken. Hüser, W3-Professor mit höchster Besoldungsstufe, stellt ausdrücklich fest, dass ich nur „W1“ habe: eine Juniorprofessur mit niedrigster Besoldungsstufe. Schon klar: Sein W sei größer als meins.

Hüser geht es offenbar um eine soziologische Analyse und um Kulturkritik. Aber die Ausbeute ist mager. Eine der halbwegs substanziellen Thesen lautet: „Die bundesdeutschen Universitäten verzichten vielmehr stillschweigend auf die Einhaltung der grundlegenden Idee hinter ihren Arbeitsverträgen“, denn das „Hobbypendeln“ ginge an die „Substanz“ der Universitäten. Sie „arbeiten“ dadurch sogar „an ihrer Abschaffung“. Genau hier hätte man gerne gewusst: An welche Substanz? Wieso schafft sich die gesamtdeutsche Akademia ab, nur weil ein paar Geisteswissenschaftler einen Zweitwohnsitz in Berlin haben? Aber gerade das führt Hüser nicht aus. Er präsentiert keine Argumente, geschweige denn wissenschaftliche Studien. Seine Behauptungen sind ohnehin fraglich und zwar aus mehreren Gründen.

Erstens sind, bis auf das Spitzenpersonal, Universitätsangestellte notorisch unterbezahlt. Viele würden in der freien Wirtschaft mehr verdienen. Neben dem puren Wissensdurst und der Hoffnung auf eine Dauerstelle ist die Freiheit einer der wenigen Faktoren, die akademische Stellen attraktiv machen. Hüser sagt über das Arbeiten an der Universität: „Wie man sich dort die Zeit aufteilt und womit man sich beschäftigen möchte, ist dabei jeder und jedem so ziemlich komplett freigestellt“. Genau. Nur widerspricht er damit seiner eigenen These, die dauerhafte Anwesenheit vor Ort sei grundlegend für eine Stelle. Wenn es jedem freigestellt ist, ist es auch egal, wo sich die Person außerhalb der Seminare, Selbstverwaltung und Sprechstunden aufhält: im Büro, in der Bibliothek, in der Kneipe, im Zug oder in einer anderen Stadt.

Zweitens führt ein Ortswechsel häufiger mal zu einem Wechsel im Denken. Hüser schreibt darüber selbst, wenn er die Vorteile der Anwesenheit vor Ort erwägt: „Außerhalb der Termine. Gerade dann passieren im allgemeinen Rhythmus des Arbeitens und Ausprobierens häufig die entscheidenden Dinge“. Auch das ist sehr nah an dem, was ich in meinem Artikel für das Gespräch auf dem Uni-Flur und im Bahncomfort-Abteil ins Feld geführt habe: „Im informellen Rahmen hingegen entstehen Synergie-Effekte. Dafür reicht manchmal schon eine Couch neben der Kaffeemaschine – oder eben ein volles Bahnabteil.“

Drittens ist es abenteuerlich, Lehrende dauerhaft an ihr Institutsbüro binden zu wollen. Wie überhaupt: über Anwesenheitspflicht mit Stechuhr? Vor allem: Müsste das dann nicht auch für Studenten gelten? Als Assistent an der Humboldt-Universität in Berlin war ich manchmal der erste, der am Mittag das Licht im Flur anschaltete. Studenten habe ich an Montagen und Freitagen so gut wie nie am Institut gesehen. Ich hätte auch nicht sagen können, ob der Kollege gegenüber am Nachmittag zuhause auf dem Sofa Zeitung liest oder einen Vortrag in Yale hält. Die Lehre macht ohnehin nur etwa ein Drittel der Aufgaben aus. Die Hauptarbeit der meisten Geistes- und Sozialwissenschaftler besteht immer noch aus Einzelforschung. Dafür braucht man Ruhe. Wenn die Wissenschaftler ohnehin nicht immer am Institut weilen: Wo ist der Unterschied, ob sie sechs Fahrradminuten oder sechs ICE-Stunden entfernt sind, solange Lehre und Betreuung sichergestellt sind?

Und schließlich, viertens, dürfte es auch Hüser nicht verborgen geblieben sein, dass die Menschen weltweit in die Metropolen streben. Das kann viele Gründe haben: die Arbeitsmarktchancen, das Kulturangebot, das Nachtleben, die Anonymität. Viele moderne Berufe sind nicht mehr an einen festen Arbeitsort gebunden, daher wohnen die Menschen immer öfter dort, wo sie aus privaten Gründen wohnen wollen. Ob die Großstädte die Sehnsüchte und Hoffnungen erfüllen, die ihre Bewohner auf sie projizieren, ist eine offene Frage. Dazu könnte man forschen. Hüsers These, weil man heutzutage „Computer“ und damit Bilder oder Videos von Berlin habe, sei das Pendeln dorthin „anachronistisch“, scheint mir jedenfalls grundlegend verdreht zu sein: Großstädte verkörpern gerade die Progressivität der digitalen Epoche.

Hüsers Argumente sind insgesamt farblos bis nicht vorhanden. Ganz allgemein fällt auf, dass seine Polemik so gut wie nichts mit dem Konferenzthema „Antiakademismus“ zu tun hat, geschweige denn eine Analyse des Phänomens liefert. Der einzige Satz dazu lautet: „Berlin wird zur Haltung. Zum Banner des Antiakademismus.“ Die Idee dahinter: Wer in Berlin lebt, zieht die Stadt dem Beruf vor und ist daher kein Vollblutakademiker. Wie man von diesem an sich schon zweifelhaften Urteil zum Antiakademismus gelangt, ist mir schleierhaft.

Der Satz wirkt, als habe Hüser seine Polemik noch schnell an das Konferenzthema „Antiakademismus“ anbinden müssen. Dieses Vorgehen ist symptomatisch für viele Veranstaltungen, bei denen Forscher einfach wenig Zeit haben, eigens etwas zum Oberthema zu erarbeiten. Obwohl Antiakademismus in Zeiten von Verschwörungstheorien und Elitenhass eine echte Herausforderung darstellt, war es auch hier offenbar eher der größte gemeinsame Nenner, der alle Vortragsthemen vage zusammenhält. Da beschäftigt sich eine Forscherin gerade mit der französischen Ethnologie der Dreißigerjahre, die andere mit aktuellen Universitätsromanen und ein weiterer Forscher arbeitet über die Karrieren von Junghegelianern in der Mitte des 19. Jahrhunderts. All das hat doch irgendwie auch etwas mit Antiakademismus zu tun. Und Pendeln nach Berlin dann irgendwie auch.

Der Bezug zum Song 3-Tage-Bart der Ärzte, dem auch der Titel entlehnt ist, ist schwer zu deuten. Soll das eine im übertragenen Sinne präsentierte Kritik an der Inszenierung urbaner Coolness sein? Schon das Intro ist übrigens kaum zu ertragen. Dort teilt der Frankfurter Professor seinen Lesern mit, dass er in New York auf einer Feier des Magazins The New Yorker abhing, auf der auch einige wichtige Intellektuelle waren, die er in ermüdender Breite namentlich aufführt. Den Impetus kann ich immerhin verstehen: Ich habe mich früher auch auf Partys gemogelt, auf denen ich nichts zu suchen hatte.

Wäre diese Antwort auf Hüsers Polemik selbst eine Polemik, würde ich sagen: Sein Text ist unzusammenhängend und enthält bewusst entstellende Zitate. Das, was substanziell daran ist, entpuppt sich als offenkundig falsch. Anders gesagt: Wenn man Ockhams Klinge ansetzte und alles Überständige und Abkömmliche wegschnitte, bliebe nicht viel übrig. Aber das hier ist ja keine Polemik. Sondern nur die Antwort auf eine. Deshalb empfehle ich lediglich eine gründliche Nassrasur.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Aus stilistischen Gründen stehen allgemeine Ausdrücke für Personen und Personalpronomen immer für Frauen, Männer und andere. Das grammatische Geschlecht spiegelt nicht das biologische oder soziale wider.
  2. Philipp Hübl, Ich denke, also fahr ich. In: Zeit, 16.01.2016.
  3. Meine Antwort bezieht sich auf Hüsers Dreitagebart (I) (Merkur, Nr. 818, Juli 2017). Inzwischen hat Hüser nachgelegt. Sein zweiter Essay Dreitagebart (II) (Merkur, Nr. 819, August 2017) wiederholt noch einmal die Thesen aus dem ersten Teil, ohne ihnen Kontur oder argumentative Substanz zu geben. Aus Zeit- und Platzgründen kann ich darauf nicht eigens eingehen.

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