Paranoia, Ressentiment und Re-enactment. Der russische politische Diskurs über den Ukraine-Krieg

Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, warum die Russische Föderation am 24. Februar 2022 einen großangelegten, für die meisten Beobachter überraschenden Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen hat, brachte die russische Autorin Maria Stepanova Anfang März die These ins Spiel, es könnte sich dabei um eine Art opuskanie handeln.1 Der Begriff, der sich im Deutschen ungefähr mit »Herabsetzung« wiedergeben lässt, bezeichnet im Jargon des russischen Gefängnisses die Praxis der Gruppenvergewaltigung eines Insassen durch seine Zellennachbarn. Bestraft wegen einer Verletzung des Verhaltenskodex, sinkt der Vergewaltigte nach diesem Ritual in die unterste Kaste der strengen Gefängnishierarchie herab und wird wie ein »Unberührbarer« behandelt: Er muss niedere Arbeiten verrichten, in der Nähe der Latrine schlafen, kann jederzeit sexuell missbraucht werden, wobei soziale Kontakte ihm nur mit anderen »Herabgesetzten« erlaubt sind.

(Dieser Text ist im Oktoberheft 2022, Merkur # 881, erschienen.)

Stepanova verortet den Krieg somit im Bereich des Symbolischen und interpretiert ihn als öffentliche Demütigung und Bestrafung der Ukrainerinnen und Ukrainer für die Maidan-Ereignisse von 2014, als sie den russlandfreundlichen Präsidenten Viktor Janukowitsch vom Hof jagten und sich Richtung Westen orientierten, anstatt mit Russland zu kooperieren. Die Entwicklung der militärischen Operationen zu einem erbarmungslos geführten Vernichtungskrieg, die Gräueltaten der russischen Armee in Butscha und in anderen Orten der Ukraine scheinen Stepanovas Vermutung zu bestätigen. Dieser in der Logik der aktuellen Weltpolitik nicht restlos begreifliche Krieg, so Stepanova Mitte März, wirke wie das Produkt einer kranken, zerstörerischen Einbildungskraft.2 Wie eine irrationale Monstrosität offenbart er die wahre Natur Wladimir Putins: die eines von »absoluter Macht, imperialer Aggressivität und Gehässigkeit« berauschten »Ungeheuers« – so ein anderer prominenter Vertreter der zeitgenössischen russischen Literatur, Wladimir Sorokin.3

Nun gehört es zweifelsohne zur Kommunikationsstrategie des Kreml, Angst und Schrecken zu verbreiten. Schon zu Kriegsbeginn hat Putin offen mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht.4 Die barbarische Form der Kriegsführung, die an die für die Zivilbevölkerung katastrophalen Szenarien des Zweiten Weltkriegs erinnert und erinnern soll, muss man auch dann als bewusste strategische Entscheidung verstehen, wenn sie mitunter durch die eigene militärtechnische Rückständigkeit mitbedingt sein mag. Das opuskanie der Ukrainerinnen und Ukrainer ist ein öffentliches Ritual, das Gewalt provokativ ausstellt; eine Machtdemonstration, die Opfer und Beobachter gleichermaßen abschrecken will.

Die Monstrosität, die Stepanova und Sorokin in diesem Krieg zu Recht sehen, verstehen sie wohlgemerkt nicht als Werk eines plötzlich unberechenbar, gar verrückt gewordenen Autokraten – anders als viele westliche Politiker, die mit dieser bequemen Verschiebung ins Irrationale das Versagen der eigenen Russlandpolitik zu rechtfertigen versuchen. Stepanova und Sorokin begreifen den Krieg vielmehr als eine Art Bloßlegung der Gewaltverfahren, mit denen das Putin’sche Regime Russland seit nunmehr zweiundzwanzig Jahren führt und die seit 2014 auch in der Ukraine Anwendung finden. Mit dem 24. Februar hat in dieser Hinsicht tatsächlich eine Zeitenwende stattgefunden, da sich seit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine auch die Repressionsmaßnahmen gegen Andersdenkende in Russland drastisch verschärft haben. Innerhalb von wenigen Monaten hat sich das autokratische System Putins in eine Diktatur mit strengster Medienkontrolle verwandelt, die dabei ist, totalitäre Formen anzunehmen.5

 

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