Ein Kampf um Potsdam. Vergangenheit zwischen Aufklärung und Austreibung

Schon der Klang des Ortsnamens »Potsdam« löst widersprechende Assoziationen aus, und seine vielfache historische Besetzung tut es zumal. Friedrich der Große und Karl Liebknecht, Sanssouci und Exerzierplatz, preußisches Sparta gegen Spree-Athen: Potsdam war seit seinem Aufblühen als preußische Residenzstadt ein Ort der Zuschreibungen und Bemächtigungen. Nach 1918 unterschied man zwischen den Weimar-Deutschen und den Potsdam-Deutschen, Erstere standen für die Deutsche Republik, Letztere für das Deutsche Reich, die einen für den Fortschritt, die anderen für die Reaktion.

(Dieser Text ist im Dezemberheft 2022, Merkur # 883, erschienen.)

Kein Ereignis versinnbildlicht den Streit um Potsdams Symbolbedeutung so sehr wie der »Tag von Potsdam« am 21. März 1933, als der nationalkonservative Reichspräsident Hindenburg seinem nationalsozialistischen Reichskanzler Hitler die Hand reichte; und kein Gebäude steht gegenwärtig stärker im Zentrum der Auseinandersetzung um die Vergangenheit der Stadt als das Phantom eines Bauwerks, das nur mehr in der Erinnerung existiert: die Potsdamer Garnisonkirche.

Die um sie geführten Kontroversen verdanken sich der besonderen Bau- und Nutzungsgeschichte des im frühen 18. Jahrhundert erbauten Gotteshauses, das in seinem Figurenschmuck die Verbindung von Thron und Altar zur Schau stellte und als Grablege der beiden bedeutendsten Preußenkönige Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. diente. Dank ihrer architektonischen Gestaltung als ein Meisterwerk des Spätbarocks angesehen und zugleich als preußischer Ruhmestempel verehrt, wahrte die Kirche ihren besonderen Nimbus als herausragendes Symbol der Hof- und Militärstadt Potsdam, bis eine Bombennacht im April 1945 sie in eine rauchgeschwärzte Ruine verwandelte. 1968 gesprengt und zu Bauschutt zermahlen, machte sie dem Zweckbau eines Datenverarbeitungszentrums des VEB »Maschinelles Rechnen« für die Industrie im Bezirk Potsdam Platz, bevor sie nach 1990 zu einem erst als Heilung einer zerstörten Stadtsilhouette weithin begrüßten, dann aber immer heftiger umstrittenen Wiederaufbauprojekt mutierte.

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