Ein Platz für Tiere. Ein Zoodirektor als Gesamtkunstwerk

In der Bundesrepublik der 1960er und 70er Jahre war das vom Direktor des Frankfurter Zoologischen Gartens Bernhard Grzimek (1909–1987) moderierte und zumeist mit dessen eigenen Filmen bestückte Ein Platz für Tiere häufig die erste Sendung, die Kinder im Abendprogramm anschauen durften. Regelmäßig lauschten sie dienstags nach der Tagesschau der ziemlich einschläfernden Stimme Grzimeks, die am Ende verlässlich unter genauer Angabe der Kontonummer um eine Spende zur »Hilfe der bedrohten Tierwelt« bat. Besonders große Resonanz erfuhren die »tierischen Gäste« – etwa Geparden, Schimpansen oder Giftschlangen –, die er in jeder Sendung empfing; ein Ritual, das Loriot in seinem Sketch Die Steinlaus (1976) gekonnt auf die Schippe nahm.

(Dieser Text ist im Januarheft 2023, Merkur # 884, erschienen.)

Grzimek gehörte, wie Georg Seeßlen einmal festhielt, zu jenen populären »Vaterfiguren«, die während der ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik zeigten, »wie wertvoll Fernsehen sein kann«. Überdies galt er lange Zeit als »Motor« des Naturschutzes und »Vorreiter« der Ökologiebewegung und hatte im Lauf der Jahre zahlreiche einschlägige Ämter inne, etwa den Vorsitz des Deutschen Naturschutzrings. Er war Mitinitiator des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Ehrenmitglied des World Wildlife Fund (WWF) und während der Regierung Brandt /Scheel zu Beginn der siebziger Jahre Bundesbeauftragter für den Naturschutz. Ein Platz für Tiere, das von 1956 bis zu Grzimeks Tod ausgestrahlt wurde, konnte teilweise Einschaltquoten von 75 Prozent verbuchen. Seine Kinodokumentation Serengeti darf nicht sterben gewann 1960 den Oscar für den besten Dokumentarfilm. Daneben betätigte sich Grzimek als erfolgreicher Buchautor. In seiner Selbstinszenierung verband er professorale Gediegenheit, rebellischen Protest und moderne Entertainer-Qualitäten zu einem »Gesamtkunstwerk«.1

Seine Karriere vom Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums im Nationalsozialismus – der promovierte Veterinärmediziner war vor allem mit Fragen der Nutztierhaltung befasst – bis zum populären »Naturschützer« und Fernsehmacher ist nach seinem Tod Gegenstand intensiver historischer Forschung geworden, die bis heute andauert. In diesem Zusammenhang las etwa Michael Flitner Grzimeks Argumentation in dem Buch Kein Platz für wilde Tiere (1954) als Umdeutung geopolitischer Programme des Nationalsozialismus. In den Tieridyllen und Naturbildern aus Afrika, so Flitner, spiegele sich die Identitätssuche der bundesdeutschen Gesellschaft nach dem NS-Regime.2

Franziska Torma schloss daran mit der These an, Grzimeks bekannte Tierfilme wie Serengeti darf nicht sterben seien vor allem deshalb so erfolgreich gewesen, weil sie für postnationalsozialistische Friedfertigkeit standen.3 Dies vor allem deshalb, weil Grzimek in seinen Filmen zwar gängige Motive imperialer und nationalsozialistischer Großmachtträume aus Deutschlands jüngerer Geschichte aufnahm, sie aber nun in den Zusammenhang des internationalen Naturschutzes stellte. Auf diese Weise zeichnete er ein nachkoloniales und ziviles Bild von der Verantwortung Deutschlands in Afrika und entwarf sich selbst als der neue deutsche Afrika-Held.

Natur imaginierte Grzimek als einen unberührten und menschenleeren Raum, gewissermaßen als »reine Wildnis«, die nicht nur von imperialer Ausbeutung, sondern vor allem durch die einheimischen afrikanischen Gesellschaften bedroht war. Schnelles Bevölkerungswachstum führe, so sein zentrales Credo, zu rücksichtsloser Naturausbeutung und drohe die »Tierwelt« zu vernichten. Dieser Gefahr konnte aus seiner Sicht etwa nur mit Umsiedlungen der lokalen Bevölkerungen begegnet werden.

 

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