• Geschichten von Arbeit und Nichtarbeit in Afrika

    In seinem Buch Nach Europa! , vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron als »großartige Beschreibung« der Migration aus Afrika geadelt, entwirft der Journalist und Afrikanist Stephen Smith ein politisch brisantes Szenario. Angesichts der demografischen Dynamik und der ökonomischen Strukturprobleme in Afrika, so Smith, müsse man davon ausgehen, dass unzufriedene junge Menschen ohne berufliche Perspektive auf der Suche nach Beschäftigung und sozialer Sicherheit künftig in noch größerer Zahl nach Europa drängen werden. Seiner Schätzung nach werde deshalb bis 2050 »ein Viertel bis ein Drittel« der europäischen Bevölkerung aus dem südlichen Nachbarkontinent eingewandert sein oder von afrikanischen Migranten abstammen. 1 Das wären dann 150 bis 200 Millionen Afro-Europäer, die in Europa lebten.

    (Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

    Auf Seiten der Afrikawissenschaften, aber auch der demografischen Forschung hat Smiths Prognose zahlreiche Kritiker auf den Plan gerufen, die ihm teilweise heftig widersprechen. Zwar leugnet niemand das rasante Bevölkerungswachstum in Afrika. Die Mehrheit der Experten geht allerdings davon aus, dass die Wanderungsbewegungen in Richtung Europa deutlich weniger extrem ausfallen und Afrikaner aus Regionen südlich der Sahara deshalb in dreißig Jahren höchstens drei bis vier Prozent der europäischen Bevölkerung ausmachen werden, derzeit ist es rund ein Prozent. 2 Welche dieser Hochrechnungen sich am Ende auch bewahrheiten mag – die Diskussion zeigt, dass die Frage, ob die Staaten Afrikas in der Lage sein werden, einer stetig wachsenden (und nebenbei auch immer besser ausgebildeten) Bevölkerung hinreichende Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten, von enormer Tragweite ist. Aus europäischer Sicht steht dabei die Migrationsproblematik im Vordergrund. Aus afrikanischer Perspektive wiederum entscheiden sich an der Beschäftigungsfrage die politische Stabilität und die zukünftigen Entwicklungschancen der dortigen Gesellschaften.

    Auf dem Weg zur freien Lohnarbeit?

    Um das Jahr 1960 herum, also zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit der meisten afrikanischen Staaten, sah die Mehrzahl der Beobachter den Kontinent durch eine Überfülle an Land und einen eklatanten Mangel an Arbeitskräften charakterisiert. Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte haben herrschende Eliten und ausländische Investoren in Ländern wie Ghana, Äthiopien, Tansania, Sambia und Südafrika zunehmend Land aufgekauft, ohne es notwendigerweise produktiv zu nutzen. In der Folge verlor eine große Zahl von Menschen die Sicherheit, die ihnen der Zugang zu Land im Rahmen von Familienstrukturen und Gemeinschaften vormals geboten hatte, ohne realistische Möglichkeit, sich stattdessen durch Lohnarbeit zu ernähren. Die Verhältnisse haben sich in den vergangenen Dekaden also komplett umgedreht: Land ist ein knappes Gut geworden, Arbeitskraft gibt es hingegen in Hülle und Fülle.

    Wer mit marxistischer Theoriebildung einigermaßen vertraut ist, dem kommt in dem Zusammenhang die Kategorie der »ursprünglichen Akkumulation« in den Sinn. Marx führte die Entwicklung Englands zu einer weltweiten Wirtschaftsmacht auf die gewaltsame Abschaffung des Rechts der Bevölkerung auf den Zugang zu Land zurück. Dadurch blieb der Mehrzahl der Menschen keine andere Wahl, als das Einzige, was sie besaßen, zu verkaufen, nämlich ihre Arbeitskraft. In weiten Teilen Afrikas kann man derzeit eine analoge Entwicklung beobachten, allerdings mit dem Unterschied, dass hier niemand die freigesetzte Arbeitskraft zu benötigen scheint. 3

     

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  • Historiker des »schwarzen Atlantik«. C. L. R. James und Eric Williams

    Der Aufstieg der Globalgeschichte seit der Jahrtausendwende kann als eine der wichtigsten Entwicklungen in den Geschichtswissenschaften seit der sozialgeschichtlichen Hausse der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts angesehen werden. Nicht zuletzt destabilisierte die neue Richtung eine der zentralen Grundlagen der akademischen Geschichtsschreibung: den lange kaum hinterfragten Fokus auf den Nationalstaat als zentrale Untersuchungseinheit. Die Grenzen überschreitende Mobilität von Menschen, Waren und Ideen wurde hingegen zu einem zentralen Telos der globalhistorischen Betrachtung der Vergangenheit.

    Auch in der neu entfachten historischen Beschäftigung mit dem Kapitalismus tritt eine globale Perspektive unübersehbar hervor.[2. Vgl. Friedrich Lenger, Die neue Kapitalismusgeschichte. Ein Forschungsbericht als Einführung. In: Archiv für Sozialgeschichte, Bd. 56, 2016.] In diesem Kontext werden die Rückwirkungen der mit Sklavenarbeit betriebenen Plantagenökonomie in den beiden Amerikas auf Produktion und Konsumtion im nordatlantischen Raum wieder neu vermessen, etwa in Sven Beckerts viel beachtetem Buch über den »König Baumwolle«.[3. Sven Beckert, King Cotton. Eine Globalgeschichte des Kapitalismus. München: Beck 2014.] Eher beiläufig verweist Beckert auf zwei mehrere Dekaden alte Studien von karibischen Intellektuellen und Historikern, die gleichsam als Globalgeschichte avant la lettre gelten können: Cyril Lionel Robert James’ 1938 veröffentlichte Studie Black Jacobins. Toussaint L’Ouverture and the San Domingo Revolution und das sechs Jahre später publizierte Buch Capitalism and Slavery aus der Feder von Eric Williams.

    Beide Werke beschrieben die Verflechtungen der kapitalistischen Welt, die große, vielschichtige Bedeutung der Sklavenproduktion für den nordatlantischen Raum und die Entwicklung des Kapitalismus in einer Eindringlichkeit, die sie nicht nur als historiografische Meilensteine ausweist, sondern ihnen bis heute Aktualität verleiht.[4. Vgl. Frederick Cooper, Africa in the World. Capitalism, Empire, Nation-State. Cambridge/Mass.: Harvard University Press 2014.] Beide Autoren stammten von der britischen Karibikinsel Trinidad. Wie viele der schwarzen Diaspora-Intellektuellen, die sich im 20. Jahrhundert mit der Frage nach der Bedeutung der Sklaverei bei der Schaffung der modernen Welt beschäftigten, begriffen auch James (1901–1989) und Williams (1911–1981) ihre Studien dezidiert als politische Intervention.[5. Vgl. Patrick Manning, The African Diaspora. A History through Culture. New York: Columbia University Press 2009.] Ihre Biografien schließlich verweisen auf unterschiedliche Pfade des Antikolonialismus, die sich zunächst kreuzten, in der Folge jedoch politisch zunehmend auseinanderliefen.

    Sklaverei und Kapitalismus

    Saint-Domingue war vermutlich die einträglichste Kolonie der Geschichte. Zum Zeitpunkt der Französischen Revolution erzeugte die Insel mit ihren achttausend Plantagen und einer halben Million Sklaven nicht weniger als zwei Drittel des französischen Außenhandels. Doch kurz darauf, zwischen 1791 und 1804, mündete eine Sklavenrevolte in eine echte nationale Revolution, aus der Haiti als erster »schwarzer Nationalstaat« hervorgehen sollte. Die haitianischen Revolutionäre richteten ihr politisches Handeln an den Idealen der Französischen Revolution aus. Deren Verheißung von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit suchten sie in der Karibik zu verwirklichen. Oder, wie Toussaint L’Ouverture, der führende Kopf dieser Revolution, das Ziel im Verfassungsentwurf von 1800 zusammenfasste: Alle Menschen in Saint-Domingue sollten »frei« und »Franzosen« sein.[6. Vgl. Laurent Dubois, Avengers of the New World. The Story of the Haitian Revolution. Cambridge/Mass.: Harvard University Press 2004.]

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  • Der Ausgang aus der großen Nacht. Über Achille Mbembe

    Der postkoloniale Star München im November 2015. Achille Mbembe wird der Geschwister-Scholl-Preis verliehen. Mit seiner „Kritik der schwarzen Vernunft“ habe er, so die Jury, „nicht weniger vorgelegt, als eine Neuvermessung der Geschichte der Globalisierung“. Sein Buch komme genau zur rechten Zeit, heißt es weiter: „Es schärft den Blick auf eine globalisierte Weltgesellschaft, die nicht nur Waren und Kapital verschiebt, sondern auch Menschen und Arbeitskraft.“[1] (mehr …)