• Architekturkolumne. Raumpraktiken in der Zeit der Pandemie

    Am Ende seines Lebens imaginierte der Bauhaus-Künstler László Moholy-Nagy einen Thinktank der besten Künstler und Wissenschaftler ihrer Zeit: Dieser sollte ihr Wissen zu einer »kohärente[n], zweckmäßige[n], an soziobiologischen Zielen ausgerichtete[n] Synthese« vereinen und damit den Weg zu »neuen, kollektiven Formen des kulturellen und sozialen Lebens« bereiten, welche wiederum die »Keimzelle einer Weltregierung« bilden sollten.1 In der aktuellen Krise sind die Virologen und Statistiker zu den Künstleringenieuren von heute geworden, die die gesellschaftlichen Praktiken anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse neu gestalten. Binnen weniger Wochen stellen auf dem ganzen Globus Milliarden von Menschen nahezu synchron ihre Alltagspraktiken um, ein in der Menschheitsgeschichte einmaliger Vorgang. (mehr …)

  • Bauhaus: Die verschwiegenen Krisen. Architekturkolumne

    Am 16. Januar 2019 eröffnete der Bundespräsident die Feiern zum hundertsten Gründungsjubiläum des Bauhauses. Unter dem vermeintlich radikalen, tatsächlich jedoch völlig unverbindlichen Motto »Die Welt neu denken« soll das Bauhaus-Erbe 2019 touristisch, kulturell und politisch verwertet werden. Die kulturelle Maschinerie des Außenministeriums läuft auf Hochtouren, in Weimar, Dessau und Berlin werden Bauhaus-Museen erbaut oder eröffnet, die öffentlich-rechtlichen Sender und die Filmförderung produzieren Bauhaus-Filme im Dutzend, bis Ende des Jahres wird kein Monat vergehen ohne Ausstellungen, Symposien, Vortragsreihen, Buchvorstellungen.

    (Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)

    In dem gängigen Bauhaus-Bild, vor dessen Hintergrund dieser Eventmarathon abläuft und das er zugleich affirmiert, nimmt Walter Gropius eine überragende Rolle ein. In seinen wesentlichen Zügen entspricht es dem Bild, das auch Gropius selbst zu Lebzeiten von der Entwicklung der von ihm gegründeten Schule und der Bilanz seines Rektorats zeichnete. In seinem Abschiedsgesuch an den Oberbürgermeister von Dessau, Fritz Hesse, hieß es Anfang Februar 1928: »Das von mir vor neun Jahren begründete Bauhaus steht heute gefestigt da, was sich in der zunehmenden Anerkennung des Instituts und in dem wachsenden Andrang von Studierenden ausspricht.« Gropius, so geht die Erzählung weiter, habe sich seinerzeit aus dem Bauhaus zurückgezogen, um sich beruflich frei entfalten zu können. Probleme seien erst später und zwar durch eine von Hannes Meyer als nachfolgendem Direktor nicht nur tolerierte, sondern aktiv geförderte Politisierung der Schule entstanden, die das Bauhaus schließlich in eine schwere, ihre Existenz gefährdende Krise geführt hätte. Wer sich die Mühe macht, den verstreuten Quellen nochmals nachzugehen, bekommt ein anderes Bild. Das Bauhaus befand sich bereits in den Jahren 1927/28 in einer substantiellen Krise – Gropius’ Demission dürfte also weniger in den Verlockungen seines Berliner Büros begründet gewesen sein als in den drängenden Problemen in Dessau. Die hatten sich mit dem Ortswechsel von Weimar nach Dessau ergeben, durch den sich die Rahmenbedingungen für die Institution grundlegend verändert hatten. Aus einer vom Land Thüringen getragenen Bildungseinrichtung war eine von der Stadt Dessau finanzierte Institution geworden, die nicht allein der Ausbildung von Gestaltern diente, sondern mit der die Stadtväter auch eine Neugestaltung von Dessau ins Werk setzen wollten. Wichtigstes Anliegen war die Lösung der drängenden Wohnungsfrage. Im Jahr 1926 hatte die Stadt Walter Gropius mit einem Großprojekt betraut, das hier modellhaft Abhilfe schaffen sollte: In der Wohnsiedlung in Dessau-Törten sollte die von Gropius formulierte Idee, durch eine Industrialisierung des Bauens – also etwa die Verwendung von Betonfertigteilen und eine rationelle Baustellenorganisation – das Wohnen für die breite Bevölkerung erschwinglich zu machen, erstmals und in größerem Umfang realisiert werden. Doch Anfang Januar 1928 musste der Verkaufspreis für die einhundert Häuser des zweiten Bauabschnitts um 14 Prozent erhöht werden, was sie für viele Interessenten unerschwinglich machte. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Anfang Januar 1928 strömten über tausend Menschen ins sozialdemokratische Volkshaus Tivoli. Eine Lokalzeitung resümierte später, die Veranstaltung »besiegelte die erste große Niederlage des Bauhauses und seines Leiters«. Spätere Untersuchungen der Reichsforschungsgesellschaft aus den Jahren 1929 und 1932 wie auch aktuelle Forschungen bestätigen das Fiasko der Gropius’schen Siedlung. Die zahlreichen Widersprüche in der Konzeption und Umsetzung des Projekts erweckten zudem den Eindruck, dass es dem Bauhaus-Begründer nicht vordringlich darum ging, die Baukosten zu senken und damit bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, sondern vor allem darum, sich öffentlichkeitswirksam als »Ford des Wohnungsbaus« in Deutschland zu profilieren.

    Praxisbezug

    Gropius hatte mit dem Bauhaus in Weimar über Jahre erfolgreich Ideen einer neuen Welt und eines neuen Alltagslebens propagiert. Doch mit dem Umzug nach Dessau mussten diese Ideen einem Realitäts-Check standhalten – und entpuppten sich nicht selten als maßlose Übertreibungen oder gar leere Versprechungen. Auch mit der Qualität und Funktionalität der Bauten war es nicht weit her. Nicht nur gab es Bauschäden wie Risse, abplatzenden Putz, mangelhafte Heizungsanlagen, die bei experimentellen Bauten vielleicht zu erwarten waren. Es zeigten sich darüber hinaus aber auch ganz grundlegende Mängel in der Entwurfskonzeption. Aus ästhetischen Gründen hatte Gropius etwa die Fenster sehr hoch eingebaut, wodurch große Teile der Zimmer verschattet blieben und Kindern und Sitzenden der Ausblick genommen wurde. Auch waren die Fassaden viel zu dünn und damit viel zu wenig (lesen ...)
  • Architekturkolumne. Vorbild Frankfurt: Restaurative Schizophrenie

     Manchmal passieren erstaunliche Dinge vor aller Augen, ohne dass sie bemerkt werden. So dieser Tage in Frankfurt am Main, wo gerade in zentraler Lage ein kleines Neubauviertel mit 35 Wohnhäusern, einigen Gewerbeeinheiten sowie einer öffentlichen Einrichtung fertiggestellt wird. Die Ein- und Zweifamilienhäuser in hochwertiger Ausführung fallen mit Gesamtkosten von etwa 15 000 Euro je Quadratmeter inklusive Grundstückskosten und Erschließung in das Luxussegment des Wohnungsmarkts. Die gutbetuchten Käufer dieser Immobilien mussten allerdings mit 5000 bis 7000 Euro pro Quadratmeter nicht einmal die Hälfte der Kosten tragen, denn die Stadt schoss aus Steuergeldern etwa 9000 Euro pro Quadratmeter zu.
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