Risiko und Verantwortung am Collège de France

Das New Yorker Department of Financial Services, eine US-Regulierungsbehörde, geht einem Bericht der Financial Times zufolge jetzt doch noch einmal dem Manipulationsverdacht auf den Devisenmärkten nach. Viele der Banken mussten bereits hohe Geldstrafen zahlen, weil Devisenhändler Absprachen trafen, um die Wechselkurse zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Auf Seiten der Banken reagierte man empört auf das Verhalten der „rogue traders“ in den eigenen Reihen. Jetzt kommt allerdings ans Licht, dass nicht nur einzelne Personen versuchten den Wechselkurs zu beeinflussen, sondern bankenweit Algorithmen zum Einsatz kamen. Interessanterweise wird das möglicherweise noch weitaus höhere Geldbußen zur Folge haben. Die Codes, die verwendet wurden, lassen das Problem nämlich unzweifelhaft als ein systemisches erscheinen.  Es ist, als ob die Kybernetik sich gegen ihre Anwender richtet. Norbert Wiener hat die Kybernetik einst als „Wissenschaft von der Steuerung und Regelung, das heißt der zielgerichteten Beeinflussung von Systemen“ definiert. Das wird den Banken gerade zum Verhängnis.

Bisher wurden oft zwei Kandidaten genannt, als es darum ging, die zukünftigen Konturen der Diskussion um Verantwortung und Verantwortlichkeit zu bestimmen: Das selbstfahrende Google Car und die autonom handelnde Drohne. Der erste Fall stellt ein versicherungsrechtliches Problem dar, der zweite beschäftigt das humanitäre Völkerrecht. Schade, dass ich nicht mehr von Bankenregulierung verstehe. An der Front scheint sich gerade politisch und philosophisch Entscheidendes abzuspielen.

Dass Verantwortung und Risiko einander nämlich nicht nur entsprechen, sondern durchaus – und in einem außermoralischen Sinne – gegensätzliche Begriffe sind, darauf hat Michael C. Behrent 2010 in seinem im Journal of Modern History erschienenen Artikel Accidents Happen: François Ewald, the ‚Antirevolutionary‘ Foucault, and the Intellectual Politics of the French Welfare State hingewiesen. Behrent beschreibt darin eine folgenreiche Episode der französischen Ideengeschichte des späten 20. Jahrhunderts. Es geht um François Ewald, der Foucaults Assistent am Collège de France war, bei der maoistischen Gauche prolétarienne anfing, sich später, in den Achtzigern, zu jenem Neoliberalismus bekannte, den Foucault nur beschreiben wollte, Berater des französischen Arbeitgeberverbandes MEDEF wurde und nach wie vor, wenn auch als Outcast, Foucaults Vorlesungen mit herausgibt.

Minutiös arbeitet Behrent heraus, wie François Ewald die maoistische Doktrin der Hyperverantwortlichkeit zugunsten einer Vorstellung eines gesellschaftlichen Risikos ohne klar zu bennenden Schuldigen aufgibt. Der historische Anlass: ein tragisches Unglück in einem Bergwerk in Fouquières-lès-Lens, zu dem es 1970 kam. Eine sogenannte Schlagwetterexplosion, bei der sich eine Mischung aus Methan und Luft entzündet, kostete 16 Kumpel das Leben.

Sartre hatte der Gauche prolétarienne seinen philosophischen Segen gegeben, nicht zuletzt um sie vor den massiven staatlichen Repressionen und Verboten zu schützen. Sein Renommee half ihm dabei. Er forderte darüber hinaus, dass die Fabrikbesitzer zur Verantwortung gezogen werden. (Ungefähr aus der Zeit stammt auch Foucaults Diskussion mit Maoisten, in der es um Volkstribunale ging. Eher schwacher Text. Zu jener Zeit begrüßte Foucault auf jeden Fall die Politisierung der Justiz.) Sartre selbst trat als Ankläger vor dem eigens einberufenen „demokratischen Tribunal“ auf. Sein Text Premier procès populaire à Lens: Réquisitoire findet sich im siebten Band der Situations. Das war kein Unfall, das war Mord, meinte Sartre, und berief sich dabei auf sein 1943 erschienenes Werk Das Sein und Das Nichts. Darum ging es ja im Existenzialismus: Dass wir für uns selbst und die Welt und die anderen verantwortlich sind. Unfälle, schrieb Sartre, gebe es in diesem Leben nicht.

Foucault konnte mit dieser Argumentation wenig anfangen, in seinen Vorlesungen zur Gouvernementalität wurde sein Missfallen konstruktiv. Es ist eine schöne Ironie, dass es vor allem Regierungen waren, die, so Behrent, als erste Abnehmer der Gouvernementalitätsstudien auf den Plan traten. Ewald war als Koautor an zwei Studien beteiligt, die wir heute wohl dem Think-Tank-Spektrum zurechnen würden: Socialisation du risque et pouvoir dans l’entreprise: Histoire des transformations politiques et juridiques qui ont permis la légalisation du risque professionnel aus dem Jahr 1977. Und Assurance—prévoyance—sécurité: Formation historique des techniques de gestion sociale dans les sociétés industrielles aus dem Jahr 1979. Statt um souveräne Macht ging es nun vor allem um Risikomanagement und die Versicherungslogik, die seit dem 19. Jahrhundert einen wichtigen Stellenwert in der politischen Praxis erlangt hat: Der Unfall am Arbeitsplatz galt fortan als Gegenstand einer Verwaltungstechnologie.

Als guter Nietzscheaner bedient sich Ewald der genealogischen Methode. Während der Code Civil von 1804 noch von „Verantwortung“ und der notwendigen Suche nach „Schuldigen“ sprach, ging das 1898 verabschiedete Gesetz zum Schutz vor Unfällen am Arbeitsplatz ganz anders zu Werke. Arbeitnehmer sollten gerade deswegen umstandslos entschädigt werden, weil es so etwas wie ein „Berufsrisiko“ gibt, das weniger mit individueller Böswilligkeit als mit statistischen Wahrscheinlichkeiten zu tun hat. (Passenderweise sitzt Ewald auch im Redaktionsbeirat der Zeitschrift Risques.) Aus der Einsicht in die Wirklichkeit des Berufsrisikos sei, so Ewald, dann auch die Sozialpartnerschaft aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern entstanden.

Diese diametrale Gegenüberstellung von Risiko und Risikomanagement auf der einen und Verantwortung und Schuld auf der anderen Seite hat sich seit der Finanzkrise 2008 verkompliziert. Wir kennen seitdem das systemische Risiko, das nicht nur eine statistische Wahrscheinlichkeit im Wirtschaftsleben bezeichnet, sondern das Fortbestehen wirtschaftlicher Aktivität überhaupt in Frage stellt. Zum anderen versuchten Banken sich einer stringenteren Regulierung zu entziehen, indem sie Sartres Verantwortungsargument in eine eigenwillige Richtung drehen: Ja, es gibt Schuldige, aber es sind nur wenige schwarze Schafe – und die werden zur Rechenschaft gezogen.

Die Untersuchungen zu den Wechselkursmanipulationen stellen das jetzt auf eine neue Stufe, indem sie fragen, auf welchen Grundlagen Risiko eigentlich kalkuliert wird, wer das tut und wie man davon profitieren kann. Dass hier Institutionen, Personen und Algorithmen im Verbund agieren, wird die Antworten auf diese Fragen nicht leichter machen. Aber gut, dass man sie stellt.


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