Brief aus Wien (III). Nina Simone im Zillertal

Zum Prokrastinieren steht neben meinem Büro die Bibliothek des Forschungszentrums bereit, unter anderem lagern dort Stapel der New York Review of Books, darin las ich dieser Tage eine Rezension von Liz Garbus’ Film What happened Miss Simone, der wie die Rezension mit einem Ausschnitt aus einem Interview beginnt, das ein Reporter des öffentlichen Fernsehens New York 1968 mit Simone führte. Er fragt: „What’s ‚free’ to you?“ und sie antwortet unter anderem: „It’s just a feeling – it’s like how do you tell somebody how it feels to be in love – how do you tell anybody who’s not been in love what it’s like to be in love? You can not do it to save your life.“ Liebe ist eine Live-Veranstaltung, aber das gilt nicht umgekehrt, darum geht es hier.

Live-Veranstaltungen von Nina Simone waren nicht nur Liebe, sondern vor allem Furor, angeheizt durch Rassismus, angeheizt durch ihre bipolare Störung, angeheizt durch freischärlerisches Talent. Die Verbindung von rasender Wut, technischer Exzellenz, politischer Agenda und Egozentrik machen Nina Simone zu einem Fall von liebenswerter Avantgarde und einfacher Verehrungswürdigkeit, so ungefähr schrieb ich mir das auf, Schwierigkeiten mit dem, was scheinbar alle gut finden, der leicht erreichbare gute Geschmack, Musik für alle, die schon mal den Eindruck hatten, die oder der einzige mit einem Problem zu sein (betroffen davon: alle). Es ist hässlich, das so zu sehen, weil es lauter falsche Annahmen über „alle“, „Geschmack“ und „leicht erreichbar“ enthält. Es kommt mir vor, als wären das bloß Beschreibungen für bestimmte Beobachtungssituationen, die auszuformulieren mühsam erscheint.

Nachricht vom Kollegen an der Gitarre an die Generation 40- im Musenkloster: „Wer von euch will als merch kraft am Wochenende mit nach tirol kommen ???“. Ich weiß nicht genau, ob ich wollte, aber ich war dann auf jeden Fall ein Wochenende der Roadie der Band Gasmac Gilmore, zumindest, wenn die Bezeichnung auch für solche gilt, die hauptsächlich am Rand sitzen und was lesen.

Bei der Rock Night im Kulturzentrum Zawos? in Schlitters/Tirol waren um 20 Uhr die ersten Gäste eine Gruppe Sechzehnjähriger, die laut Aushang um 1 Uhr das Lokal verlassen sollen, zwei Kleinkinder, die von ihren Eltern mitgenommen wurden und noch früher ins Bett gehen und ein Rollstuhlfahrer mit einer Begleitperson.

zawos

Alle anderen kamen später; alle anderen sind alle unter 40, die im Ort und Umgebung leben: der Dreadlockträger, der amerikanische Austauschstudent, die Schönheit, der lustige Dicke, die aus dem Sportverein, die jungen Eltern. In Schlitters wohnen laut Wikipedia 1.455 Personen, und zwar in den Ortschaften Astholz (ZH), Schlitterberg (ZH) und Schlitterer Fügenberg (ZH). „ZH“ steht für „zerstreute Häuser“. Mit einem Mercedes Sprinter, der eine fünfköpfige Band, einen Tontechniker (den „Onki“; auch: Tononki), einen Roadie und das Equipment der Band geladen hat, braucht man von Wien Meidling aus etwa fünf Stunden nach Schlitters, das im Zillertal liegt. Sicherlich kann man das Roadietum besser ausfüllen als ich, ich habe nur ein Band-T-Shirt verkauft (15€, mit Eselaufdruck), und zwar an mich selbst. Das war am Ende des Abends, als ich die Biertische abräumte, auf denen der Merchandise auslag, der aus ein paar CDs und T-Shirts bestand, das ganze passte in eine Aluminiumkiste und einen Rollkoffer, die ich durch das Zawos? trug, auf dessen Boden um kurz nach ein Uhr Bierlachen auf dem Boden standen, während der Dreadlockträger allein vor der Bühne ausharrte, in Leere stierend und klatschend.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes hatte der Hauptact des Abends seinen Merchandisestand schon abgebaut; die ANALphabeten sind eine in Tirol offenbar beliebte Mundart-Hardrock Band in Lederhosen und Chucks, vielleicht sind sie aber auch Punks, oder aber Metaller, auf jeden Fall machen sie Musik für Männer, die sich gern Bierflaschen und Gitarren vor den Penis halten und nicht über ihre Gefühle reden wollen, und für Frauen, die solchen Männern gefallen wollen. Am Morgen nach dem Konzert kamen der Gitarrist und Schlagzeuger der Gruppe frisch geduscht in den Frühstücksraum des Gästehauses Kogler und aßen ihr Frühstücksei. Der Sänger fuhr in einer scheinbar unbedachten, mechanischen Bewegung seine Zunge aus, um den Aluminiumdeckel eines Joghurts sehr sorgfältig abzulecken. Das sah nach Omi aus und nach kleinem Geld, das erkannte ich wieder und mochte es. Die Nacht davor war kurz.

kogler

Sie bestand vor allem aus Warten, auf das Ende des Soundchecks, auf das Catering (quälend langsam aufgebackene Pizzazungen und Leberkäsesemmeln) und auf den eigentlichen Auftritt. Da der Durst beim Warten vor allem mit Bieren aus der Zapfstation gelöscht werden konnte, die im winzigen Backstageraum stand, machte sich Müdigkeit bei meinen Kollegen von der Band breit, die sich gegen 21h noch mal hinlegten, bevor der Auftritt um Mitternacht losgehen sollte. Ich ging währenddessen durch den Ort, es hatte geregnet und hinter den Gardinen war nur das Flackern von Fernsehern zu sehen, in ausgebauten Souterrainwohnungen, die in der Saison an Touristen vermietet werden, leuchteten rot die Anzeigen von Radioweckern. Alle Öllampen auf dem Friedhof waren angezündet, da ging ich ein wenig spazieren, las die Namen auf den Grabsteinen, las die Lebensdaten, rechnete.

Zum ersten Mal sah ich hier eine Tafel vor einem Urnengrab, auf dem die Verse „Es ist, wie es ist, sagt die Liebe“ in metallenen Buchstaben aufgebracht waren, mehr nicht, der Verstorbene war Jahrgang 1961 und hatte Fried schon im Deutschbuch lesen können, wahrscheinlich aber eher die Verse über die Frösche und Jungen und Steine und das Sterben und den Ernst, Erich Fried im öffentlichen Raum immer politisch, privat dann auch erotisch. Die Tafel auf dem Grab verunsichert mich, auf den Postkarten mit der Handschrift Erich Frieds hatte ich immer „Es ist, was es ist, sagt die Liebe“ gelesen und gelernt, diese Verse als Postkartenlyrik zu verachten (seit wann werden denn Werke der schönen Literatur nach ihrem Trägermedium klassifiziert? – immer schon?).

Die Schlitterer Umschrift gefällt mir besser, denn wahrscheinlich sagt die Liebe insgesamt viel häufiger, dass es ist, wie es ist (vorbei, kaputt, nervtötend, umwerfend), als dass sie sagt, was es ist (irgendwas zwischen Wunder und weltanschaulichen Differenzen). Für Musik gilt als Analogie zur sogenannten Postkartenlyrik am ehesten die Verwendung in Fernsehwerbung, Chanel verwendete My Baby Just Cares for Me 1987 in einem Spot für Chanel No. 5, der am wenigsten bipolare Song Nina Simones holte die schwer unter Trilofon stehende, manisch Depressive aus der Versenkung zurück auf die Bühne, wo sie alle lieben sollten. 2003 ist sie gestorben, noch immer hadernd, dass sie keine klassische Pianistin namens Eunice Waymon geworden war, sondern Nina Simone, und der Tod sagte auch dann am überzeugendsten, wie es ist: . Auf dem Rückweg ins Gasthaus drehte ich einen Maikäfer um, der auf einer Treppenstufe am Friedhof im Regen auf dem Rücken lag, es war nur knapp über null Grad und an den Tiroler Bergen hing noch Schnee, viel Glück, lieber Freund, dachte ich, viel Glück.

Die Band brauchte ein wenig Zeit, um sich unter den dicken Daunendecken im Gasthaus Kogler herauszukriechen, dann wartete sie im Backstageraum, während die ANALphabeten ihr Set beendeten, im Bereich direkt vor der Bühne waren zehn besonders beseelte Fans versammelt, alle in T-Shirts der Band, sie kannten jedes Lied, den Stallzeit-Song, der auf die Melodie (wenn man so will) von Rammsteins Engel gesungen wurde, das Lied über Jacqueline, die 13 ist und einen roten Tanga trägt und so weiter. Zwei der Mädchen, die zuvor bereits im Backstageraum herumgehangen hatten, tanzten auch noch, als Elisabeth aus dem Dorf auf der Bühne stand und die Beschreibung als „Tirol’s next Topmodel“ strahlend vom Sänger entgegennahm, später sang sie bei einer Version von Céline Dions My Heart Will Go On mit, die offenbar als satirischer Höhepunkt zum Repertoire der Band gehört. Während der Dion-Nummer stellten zwei Bandmitglieder die Szene aus dem Film Titanic nach, für die der Song der Soundtrack ist: Am Bug der Titanic umarmt Leonardo di Caprio Kate Winslet von hinten. Von hinten.

analphabeten

Am Dienstag nach dem Konzert las Fellow-Kollege Thomas Meinecke aus seinem neuen Roman Selbst in der Ausstellung Éxposition Imaginaire in der Wiener Kunsthalle vor, das klingt beispielsweise so: „Sogar die größten Stars leben ihr Leben im Spiegelglas. Die Taschenspiegel der heutigen Generation seien deren Taschentelefone. Wobei die queer performances in Ryan Trecartins Filmen  die Parameter der Heteronormativität auf sehr vitale Weise durchaus noch durchkreuzen, findet Gerald. Das IST die neue Heteronormativität, verbessert ihn Martin.“ Der Weißwein war gratis, die Menschen schön, die Wände nackt, die Kastanien hatten schon aufgekerzt, après-Laber im eleganten Glacis-Beisl, alles eine gute Idee aus einer besseren Welt, für den Sprung Zawos?-Wien gibt es keinen Maßstab außer ein sehendes Auge.

Die Handyvideos, die von der Céline-Dion-Nummer aufgenommen wurden, speicherten alte Heteronormativität, die von noch älterer Homosexualität durchkreuzt wird, die außer durch Kirmesironie keinen Weg ins Freie finden kann. Ich saß an meinem Stand und hatte gute Aussicht darauf, und auf ein Paar, das den ganzen Abend damit beschäftigt war, dass der Typ seinem Mädchen an den Hintern und von da zwischen die Beine griff. Das wehrte sie scherzhaft ab, ließ ihn dann ein paar Zentimeter weiter knuffen, tätscheln, drücken; dann wieder abwehren; dann wieder von vorne.

In einem Seitenraum des Zawos? ist eine zweite Bar aufgebaut, die unter dem Namen The Lucky Clover als Irish Pub betrieben wird, erkennbar durch das Hinweisschild und grüne Dekoration. Später am Abend stand die Protagonistin eines parallel oder anlässlich der Rock Night Zawos? stattfindenden Jungesellinnen-Abschieds auf der Bar und dirigierte irgendeine Aktion, die ich nicht verstand, im Damenklo war seit einiger Zeit die Seife aus, und ich weiß auch nicht mehr, ob die Braut ein Krönchen oder Engelsflügel oder beides trug, ihr T-Shirt  und das ihrer Kolleginnen war pink.

Es gibt die gerechte Ekstase der Nina Simone, die wie in Zungen singt und wie mit Flügeln an den Fingern spielt, die Schmerz aus jedem Winkel ihrer Seele wringt und in ihr Spiel tropfen lässt, in dem diejenigen driften dürfen, die ihre Finger vor allem in die eigenen Wunden legen. Und es gibt den Zawos?er Schnapsrausch und die Enthemmung auf Ansage, und den Wunsch, eine Nacht lang ohne Anklage die Funktionsstelle im Dorf zu verlassen, die man nun mal besetzt. Vielleicht gibt es in einem Tiroler Bergdorf viel mehr Rollenangebote für Junggesellinnen, als ich glaube: Da komme ich nicht dran, ich habe keine Ahnung, ich komme daher mit meiner Liebe zu Nina Simone und schönem Leiden an schwer behandelbaren psychischen Krankheiten und der Verehrung für Emanzipation und Kampf und einer Ahnung, wie grauenhaft beides als Lebensform ist. Ich komme daher mit der Vermutung, dass das Tableau eines ländlichen Standardbesäufnisses niemanden aufzubieten hat, der bei diesen Überlegungen mitgeht oder mit kann. Tatsächlich weiß ich darüber aber nichts. Das heißt: ich beobachte mich dabei, eine leicht zugängliche Geschmacksentscheidung zu treffen.

Woran ich mich erinnere ist, dass der Gitarrenkollege und ich müde jeweils auf einem Knie des Tononkis saßen und ich mindestens zwei Sekunden dachte, Sexualität ist die Hölle, das Dorf ist die Hölle, die Hölle ist, keine Alternativen zu haben. Das war nach dem Konzert der Band, deren T-Shirts ich nicht verkauft bekam, weil auch die Band ihre Musik nicht verkauft bekam, das Publikum war anderswo, in einer streng abgeriegelten Suffwelt, in die keine Songs außer den altbekannten Einlass finden und alle Ideen von der Steigerung dieses Zustands handeln. Mehrfach glitten Schlitterer in der Bierlache auf dem Boden aus und fielen hart, standen auf, holten neues Bier. Auf dem Weg in die Unterkunft sah ich zwei, die versuchten, in einen Taxibus zu steigen, den aber nicht mehr fixieren konnten und deshalb immer wieder ins Leere griffen, wenn sie versuchten, die Wagentür zu öffnen. Vorbei an dem einzigen Mädchen in Tracht, das an der Einfahrt zum Zawos? Gelände in ihr Smartphone hämmerte [er kommt nicht zurück], ging ich ins Bett.

Auf der Rückfahrt saß ich vorn und drückte auf dem Radio rum, da tönte ein beiläufiges plingpling heraus und der alleranmutigste Anschlag einer Klaviertaste, „I’m still wearing last year’s love“ vibrierte durch die Lautsprecher, meine Güte, das war Nina Simone und jeder Ton brachte das Auto weiter weg aus Tirol, bestürzend schöne Bergwelt, wir wollen nicht da bleiben, wir können nicht, wir passen nicht zusammen. Was heißt das, gerettet zu werden von This year’s kisses, gerettet von einem Radio-DJ, gerettet wovor und gerettet womit? In Wien angekommen, schaute ich mir die Ergebnisse der Wahl zum Bundespräsidenten an, es war widerlich und albern zur gleichen Zeit, ich dachte Nina, der Kampf geht weiter und schaltete den Fernseher wieder aus.


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