1000 kritische Bierbongs starren dich an

Vom 8. bis zum 11. Juni fand das PROSANOVA-Festival 2017 in Hildesheim statt.

Ein fiktiver Vorbericht

Klatsch! Klatsch! Das sind Hände! Applaudierende Hände! Sie gehören zu einem Schriftsteller, zu Sascha Macht. Er guckt sie an, alle gucken sie an. Denn nur Macht klatscht in diesem Moment, und das wie ein Klatsch-Enthusiast, wie das schnellste Metronom der Welt, wie ein Tanzderwisch, der nach zwölf Stunden rechtsdrehendem Tanz in genau dieser Sekunde mit dem Linksdrehen beginnt.

Die Dichterhaare fallen Macht ins Gesicht, Schreibschulschweiß rinnt ihm die Rembrandtstirn hinunter, die Hände zucken kolibrihaft hin und her – Macht klatscht in diesem Urmoment des Literaturfestivals so frenetisch, dass jeder im Raum an andere große Augenblicke der deutschsprachigen Literaturgeschichte denken muss: den Moment, in dem Paul Celan nach seiner halb gesungenen Lesung in Niendorf hinüber zum militärisch aufrecht dasitzenden Hans Werner Richter blickt; das wie inszeniert klingende laute Quietschen  des Audimaxstuhls, als der junge Peter Handke in Princeton von seinem Stuhl aufspringt; das Wort „Maus“, das die Kunstzeitschriftenredakteurin Isabelle Graw auf einem schrabbeligen Podium in Berlin-Mitte mit hochgezogenen Augenbrauen aus einem Text von Rainald Goetz vorliest; das seltsam zufrieden-agressiv nach innen gekehrte Gesicht der jungen Daniela Seel, als sie in einer kreischend lauten Messehalle den offiziös-kumpeligen Laudationes zum Kurt-Wolff-Förderpreis zuhört.

Und Macht?

Macht klatscht bloß, immer und immer weiter. Im riesigen Rund der Aldihalle ist um ihn herum auf zweihundert weißen Campingstühlen das restliche Publikum wie betäubt, starrt diesen Ein-Mann-Tambora-Vulkanausbruch des Applauses einfach nur an. Der klatscht da einfach! Was soll das! Hat der nur einen Aussetzer? Oder ist das eine Geste? Was ist das für eine Geste? Ist das politisch? Ist das vielleicht eine extreme politische Geste?

Was es wirklich war, wird uns die erweiterte Philologie noch aufschlüsseln müssen. Sascha Macht gab später nur zu Protokoll, er klatsche einfach gern. Die Frage nach den Gesten und den politischen Gesten jedoch – die wird bleiben, wenn über das großartige, einmalige und wie alle einmaligen Spektakel natürlich auch kritikwürdige PROSANOVA-Festival 2017 gesprochen wird. Und sie wird auch bleiben, wenn über den Zustand und die Bedingungen von Gegenwartsliteratur in diesen und den kommenden Jahren gesprochen wird.

Das war eigentlich schon klar, bevor zwei Tage vor Sascha Machts Handorakel die diesmalige Festivalleitung für die Eröffnung die Bühne betrat: mit Zigaretten und Bier in den Händen, ins Publikum winkend, dem Anschein nach mit keinem Blick die wenigen dezent dazugetröpfelten Professoren der Universität Hildesheim in der dritten Reihe registrierend. Mit PROSANOVA 17 war schon Monate vor diesem Auftakt etwas komplett Neues in die Welt deutschsprachiger Literaturfestivals getreten, wie es das bis zu diesem Jahr vergleichbar nur im viel größeren und darum stärker umkämpften Theaterbetrieb gegeben hatte: Das Festival hatte sich selbst kommentiert, hatte sich selbst sozial, gesellschaftlich, politisch positioniert. Dazu dienten neben Interviews, Berichterstattungen und Gerüchten ein eigener Blog, Instagram-Fotos und unzählige mal lustige und mal nur halblustig gemeinte Facebook-Postings – aber die Inhalte konnten so halblustig sein, wie sie nur wollten, erstmal bleibt von diesem gerade zu Ende gegangenen Festival, dass mit ihm der Versuch von Selbstreflexion Einzug in die tragische Kleinkleinhölle jener deutschsprachigen Literaturwelt namens Lesungen gehalten hat, die sonst so oft nur als Abwurfstelle von Autoren auf Podien dient.

Über die Dumpfheit mancher vorgebrachter politischer Banalitäten, aber auch über den Mut der Festivalmacherinnen zum politischen Sprechen war schon lange vor dem Festival viel getuschelt worden. Würde das Festival nicht nur der „männlich dominierten DJ-Szene“ „den Mittelfinger hinstrecken“, wie es Co-Leiterin Helene Bukowski in einem der besagten manifestartigen Selbstkommentare vor dem Festival behauptet hatte, sondern denselben Finger auch all den zumindest etwas älteren etablierten Veranstalterinnen, Lektoren und PR-Verlagsabteilungsleiterinnen unter die Nase halten, die seit Donnerstagmittag in Hildesheim aufschlugen und sich unter die Hunderte jungautorigen Mittzwanziger mischten? Gleich zu Anfang wurden diese Befürchtungen jedoch charmant ausgehebelt: Die Künstlerische Leitung eröffnete das Festival komplett in blaue Plastiksäcke gehüllt – was nicht etwa auf die prekäre Situation Kulturschaffender hinweisen sollte, sondern dem am Vormittag heruntergegangenen Wolkenbruch geschuldet war, der das Team bei der letzten Getränkelieferung im Außenbereich erwischte.

„Wir wollen auf diesem PROSANOVA den Betrieb nicht noch ein weiteres Mal recyceln!“, beendete eine Co-Leiterin die kollektive Eröffnungsrede, stockte kurz und stimmte dann in das Gelächter mit ein. Trotzdem war klar, dass hier in diesen Tagen anders als bei allen PROSANOVA-Festivals zuvor nicht einfach eine tolle literarische Angelegenheit über die Bühne gehen würde, sondern dass jeder bloße Auftritt hier hochpolitisch wäre.

Bloß: zu welchem Zweck? Das Gelächter des sich selbst recycelnden Betriebs, der auf den Stühlen lümmelnd der Eröffnungsrede lauschte und sich mit den Gästefestivalbändern dezent die von den Bäumen fallenden Tropfen von der Stirn tupfte, mag zwar vom Wohlwollen den Veranstalterinnen gegenüber zeugen. Apolitisch will es jedoch sicher nicht gedeutet werden. Eindeutig hatte sich beim Festivalpublikum in den letzten Jahren nicht nur das Outfit vom Jute- zum Turnbeutel hin verändert, sondern auch die Gedanken der Zuhörerschaft waren seit dem letzten PROSANOVA 2014 gründlich umformatiert worden: Es mochte die scheinbar neue Politisierung der Welt durch Rechtspopulismus und der Andrang des Weltgeschehens sogar in Biedermeier-Deutschland sein; es mochte auch einfach nur klassische Stilpolitik sein, bei der immer eine Distinktion auf eine andere reagiert und jetzt eben einfach mal wieder eine gesellschaftlich bewusstere Ära dran war, jedenfalls übt sich derzeit nahezu jedes Mitglied der jungen Literaturszene fleißig in mal komplexerer und mal allzu einfacher Politisierung. Mehr noch: Die junge Literaturszene ist derzeit bereits eine Politszene, wenn politische Stichwortgeberinnen wie Laurie Penny oder Margarete Stokowski längst auch die angeblich so piefigen Bühnen und Festivals bespielen, gegen die PROSANOVA 17 sich zu richten meinte.

Drei einfache Prüf-Fragen an das Festival stellten sich darum viele Gäste. Sie schwebten über jeder Veranstaltung und lauteten ganz einfach:

  1. Wann verkommen politische Forderungen und Aussagen zur bloßen Attitüde?
  2. Wann sind sie großartig und klatschen genau ins Mark der Gegenwart?
  3. Und was haben Sätze aus dem Programmheft wie die Aufführung berührt politische, soziale und emotionale Themen wie Identität, Macht und Liebe mit subtiler Direktheit eigentlich mit Literatur zu tun?

Beantwortet wurden diese Punkte mal schlechter und mal besser, ganz wie es sich für ein Festival gehört, das ästhetische Risiken eingeht und nicht einfach nur Großautoren-Polonaise veranstaltet. Auffälligerweise machten viele Schreibende einfach ihr Ding, hatten wenig zu tun mit dem Wording und den Ankündigungen des Festivals, und sprachen zu ihrem vornehmlich ebenfalls schreibenden Publikum vor allem über eines: ihre Arbeit. Und vielleicht ist eine solche semi-eribonhafte Engführung von eigenen Lebensbedingungen und eigenen Ästhetikbedingungen ja derzeit so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner so vieler verschiedener auf die Jungautorinnenschaft einprasselnder politischer und literarischer Ansprüche.

Und vielleicht entsprachen darum diesmal einige möglichst intim inszenierte Leseformate am meisten der Idee des Festivals. Sie gelangten zu der verstörenden Intensität, die ein Festival zu einem Festival, Literatur zu Literatur macht: Etwa, als Sirka Elspaß bei ihrer one-to-one-Lesung in einem Korbstuhl lümmelte und ihre nackten, vom Gelände schmutzigen Füße dabei unter dem Brautkleid ihrer Mutter hervorlugten, während sie ihre Gedichte las. „Ich fühle mich eher wie eine Masseuse als wie eine Lyrikerin, aber es ist geil“, gestand Elspaß zwischen zwei Leseeinheiten, während die Zuhörerin sich selbst noch vom beklemmenden Gefühl erholte, ganz allein alle Feedbackschleifen eines Lesepublikums stellen zu müssen.

Ähnliche Affekte bei den Lesungen im Fünfer-Taxi, bei denen Autorinnen wie Maja-Maria Becker oder Shida Bayzar auf dem Beifahrersitz gegen die niedersächsische Tristesse vor dem Fenster anlasen. Ebenso gut funktionierten die Formate, bei denen die Lesesituation nicht maximal reduziert, sondern maximal aufgebrochen wurde: Etwa, indem Olivia Wenzel die WhatsApp-Chats ihrer Reiseaufenthalte in den Mittelpunkt ihrer Erzählungen rückte und im Saal verteilte Freunde laut mitlesen ließ, um so Bühne und Text ganz im Sinne des Festivals der sonst oft unsichtbaren Produktionsgemeinschaft zu übereignen. Oder indem Moderator Tilman Strasser aus Versehen immer wieder hintereinander dieselbe Moderationskarte ablas, was seine Gegenüber Svealena Kutschke und Svenja Leiber aus Mitgefühl mit dem schwankenden Strasser mit fundamental abgewandelten Antworten konterten, während beim noch aufnahmefähigen Teil des Publikums das liminale Urgefühl gelebter Performativität entstand, gefangen in einem Zwischenreich zwischen Faupax und Inszenierung. Das Öffnen und Loslassen, aber auch das gekonnte Unter-Kontrolle-Halten der Bühnensituation zeugte bei diesen, aber auch bei vielen anderen Formaten nicht unbedingt von einer besonders ausgefeilten Autorinneninszenierung mit den üblichen Gesten der Widerspenstigkeit, sondern eher von nicht totzukriegendem Willen zum Experiment, und in einigen Fällen sicher auch von Respekt gegenüber den – auch identitätspolitischen – Erwartungen, die PROSANOVA 17 im Vorhinein schürte und mit denen die Eingeladenen umgehen mussten, inklusive des Austarierens ihrer ästhetischen, politischen und persönlichen Grenzen.

Der Grad der Professionalität der Autorinnen ließ sich oft nur noch an der Intensität des Feierns ablesen: Maren Kames beispielsweise hockte selbst am Sonntagnachmittag noch beeindruckend souverän in ihrer Sound- und Videoinstallation, obwohl Eingeweihte schworen, sie noch wenige Stunden zuvor schlafend an der Innersten gesehen zu haben, wo falsch drapierte Kleider und blinkende leere Pfefferminzschnapsflaschen still vom Gelage und Nacktbaden der Stunden vor Sonnenaufgang zeugten. Sowieso war das Feiern all dem heraufbeschworenen Zeitgeist zum Trotz wie immer omnipräsent und exzessiv, und gleichzeitig mal wieder schön angenehm subversiv, da ökonomisch nun wirklich nicht verwertbar.

Und wie lässt sich dieses PROSANOVA verwerten? Gar nicht, gut so! Es war mal richtig doof und mal sehr klug, in all den politischen Slogans und Behauptungen oft echt dumpf und nervig und dafür aber manchmal auch endlich einmal wirklich polarisierend, bisweilen etwas inhaltsleer und dann doch immer wieder reine zuckende literarische Gegenwart voller Texte und Gedanken und Ideen. Kann man Festivals weniger krude machen? Ja! Sollte man. Nein, nein, nein!

Und Sascha Macht?

Der klatscht noch immer, dort in der leeren Festival-Halle, in der Hildesheimer Nordstadt.

***

Lena Vöcklinghaus ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Graduiertenkolleg Schreibszene Frankfurt und war Teil des Leitungsteams des Prosanova 2014

Florian Kessler ist Lektor beim Hanser Verlag und war 2005 Teil des Gründungsteams von Prosanova


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