Vier Gedankensplitter zur Frage nach Sexismus in den Geisteswissenschaften

1:

Eine Paviangruppe wird auf dem Felsen eher die Anwesenheit eines weiteren Pavians erlauben als eine schwarz-weiße Meerkatze in die Menge roter Affenhintern zu integrieren. Dieses Phänomen, die Rekrutierung von Nachwuchs auf Basis von Ähnlichkeit, wird auch als homosoziale Reproduktion bezeichnet. Im akademischen Alltag bedeutet dies, dass die (zumeist männlichen) Professoren gerne dem Nachwuchs Positionen verschaffen, der sie an ihr Alter-Ego aus vergangener Zeit erinnert oder anderweitig das Prinzip der Ähnlichkeit erfüllt. Daraus entstehen logischerweise einige Probleme und es ist sicherlich eine der Ursachen, weswegen die deutschen Elfenbeintürme so erstaunlich homogen besetzt sind.

In großen Unternehmen werden Führungskräfte inzwischen in Bezug auf die Gefahren homosozialer Reproduktion und die daraus entstehenden Wettbewerbsnachteile geschult; die Personalabteilungen der freien Wirtschaft beginnen allmählich sich mit dem negativen Effekt kognitiver Verzerrungen (Cognitive Biases) auf Einstellungsverfahren zu befassen und daraus Konsequenzen zu ziehen – auch wenn hier noch große Sprünge notwendig sind, ist es zumindest ein Schritt in die richtige Richtung. In den geisteswissenschaftlichen Fakultäten deutscher Universitäten sind solche grundsätzlichen Überlegungen noch kein Standard in der Personalpolitik. Mitglieder von Berufungskommissionen müssen nicht nachweisen, dass sie sich mit den Möglichkeiten der kognitiven Verzerrung ihrer Urteile und Bewertungen auseinandergesetzt haben.

Interessant an diesen unter dem Sammelbegriff der kognitiven Verzerrungen zusammengefassten Fehlannahmen ist, wie logisch und rational einem Entscheidungen erscheinen, die doch von unbewussten Mechanismen geprägt werden. Dieses Grundproblem betrifft übrigens auch die Bewertung der Studierenden in Lehrveranstaltungen, denn auch hier wird von den Lehrenden nicht gefordert sich vorab mit ihren eigenen blinden Flecken oder Fehlschlüssen auseinanderzusetzen.

2:

Ich sitze an einem breiten Holztisch, vor mir ein Milchkaffee. Die braunhaarige Kommilitonin, mit der ich nach dem Seminar einen Kaffee trinken gegangen bin, wartet auf einen guten Freund, der nach kurzer Zeit mit ihrem Kind um die Ecke kommt. Das kleine Mädchen hat quietschrote Gummistiefel, lacht, als es seine Mutter sieht und verabschiedet sich von dem hilfsbereiten Freund, der selbst in eine Vorlesung weitereilt. Wir sprechen über die Vereinbarkeit von Studium und Kind, ihre Rolle als alleinerziehende Mutter und sie erzählt mir, dass eine Dozentin sie sehr unter Druck gesetzt hätte, weil sie es wegen der Öffnungszeiten der Kita immer erst eine Viertelstunde später zum Seminar schaffte.

Einige Jahre später unterrichte ich selbst ein Seminar zur Einführung in die Literaturwissenschaft und eine Studentin fragt mich, ob sie ihren kleinen Sohn in den nächsten Wochen mit in den Unterricht bringen dürfe, weil sie akuten Betreuungsnotstand hat. Zuerst frage ich mich, ob er nicht den Unterricht stören wird und bin skeptisch. Nach einigem Nachdenken sehe ich für die Studentin jedoch keine andere Möglichkeit an dem Seminar teilzunehmen und beschließe ihr entgegenzukommen. So sitzt also die nächsten Wochen ein malendes und spielendes Kindergartenkind in meinem Seminar zwischen den Studierenden, und es läuft dennoch gut für alle Beteiligten. Nur durch solidarisches Handeln untereinander und die Unterstützung von Menschen, die Sorgearbeit leisten, können Strukturen nachhaltig verändert werden. Denn die gläserne Decke betrifft weiterhin besonders stark Menschen, die Sorge für Kinder, Kranke oder Alte tragen, und das sind gegenwärtig noch mehrheitlich Frauen.

3:

Ich plane den Aufbau einer Lehrveranstaltung und merke, als ich den Plan ausdrucken will, dass ich keine weibliche Autorin auf die Leseliste aufgenommen habe. Nun gut, denke ich mir, es ist immerhin eine Veranstaltung zum frühen 19. Jahrhundert, da sind die in den Literaturgeschichten für wesentlich befundenen Autoren überwiegend männlich. Ich habe also eine Ausrede gefunden und frage mich doch: Soll ich nun Studierenden kanonische Texte (hauptsächlich von männlichen Autoren) vorsetzen, um ihre literaturhistorische Kompetenz zu bestärken oder noch nach neuen Texten suchen, damit wir gemeinsam unseren Horizont erweitern?

Wünschenswert wären natürlich Leselisten und Seminarpläne, in denen historisch etablierte Autoren und Autorinnen genauso repräsentiert sind wie obskurere Texte von eher unbekannten Verfassern. Doch das Erstellen solcher bunt gemischter Curricula bedeutet immer auch Recherchearbeit – Zeit, die für alle Mitglieder der kaputt gesparten geisteswissenschaftlichen Institute knapp ist. Es ist schlichtweg einfacher die etablierten Wege abzulaufen, als sich auf eine Expedition ins literaturhistorische Unterholz zu begeben. Das bedeutet, die Vielfalt der Inhalte in den eigenen Lehrveranstaltungen setzt immer auch die bewusste Entscheidung voraus genau dafür Zeit zu investieren. Mittlerweile setze ich mir selbst Ziele für die Seminarpläne meiner Lehrveranstaltungen, auch wenn ich es nicht immer schaffe sie einzuhalten. Dann thematisiere ich jedoch zumindest die Homogenität der Auswahl und versuche mich zu erklären, damit die Studierenden realisieren, dass jede Auswahl eben auch einen Ausschluss bedeutet.

Zeitknappheit ist übrigens auch ein Grund, weswegen es unangenehm ist Kollegen und Kolleginnen anzusprechen, wenn ihre Vorschläge für Veranstaltungen oder Seminarpläne keine Autorinnen enthalten. Sehr schnell wird man dann zu „der mit dem Gender-Kram“ und erntet müdes Lächeln oder genervte Reaktionen, weil man Arbeit verursacht oder reibungslose Abläufe stört.

4:

Die Kulturwissenschaften haben ein großes Potential kritische Köpfe auszubilden, Studierenden die Funktionsmechanismen von Kulturen vor Augen zu führen. In den Literaturwissenschaften können wir analysieren und erklären, warum Geschichten auf eine bestimmte Art und nicht auf eine andere Weise erzählt werden, warum manche Figuren mehr sprechen als andere und was all diese Spezifika einzelner ästhetischer Texte über den Kontext ihrer Entstehung aussagen. Kunst und Literatur entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern reflektieren immer auch die gesellschaftlichen Strukturen, in denen sie produziert werden. Grenzen des Sagbaren werden in literarischen Texten entweder beachtet oder skandalös überschritten, zumindest sind sie jedoch implizit nachweisbar. Wir verfügen in unserem theoretischen und methodischen Werkzeugkasten über zahlreiche Mittel den kulturellen Status Quo als von Menschen gemacht zu entlarven. Die kulturwissenschaftliche Öffnung der Geisteswissenschaften hat alte bürgerliche Kanons zumindest teilweise verabschiedet, sich für Pop- und Subkultur geöffnet, dennoch ist die intersektionale Öffnung der Curricula und Leselisten, besonders in Bezug auf vergangene Epochen, noch nicht sehr weit fortgeschritten. Wenn wir wollen, dass die drei –ismen (Rassismus, Sexismus und Klassismus) nicht mehr über den Erfolg oder Misserfolg von ästhetischen Texten und ihrer Anerkennung im der akademischen Welt und im Literaturbetrieb entscheiden, dann täten besonders die Geisteswissenschaften, die zu einem überproportionalen Anteil die Mitglieder des zukünftigen Kulturbetriebs ausbilden, gut daran etwas frischen Wind in die Leselisten ihrer Lehrveranstaltungen zu pusten.

Berit Glanz hat in München Theaterwissenschaft, Germanistik und Skandinavistik studiert und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Fennistik und Skandinavistik in Greifswald.

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