• Minimalistischer Buddhismus

    Als Achtzehnjähriger reiste Stephen Batchelor, 1953 in England geboren, nach Dharamsala, der Exilhauptstadt des Dalai Lama und begann dort seine Studien buddhistischer Philosophie und Doktrin. Zwei Jahre später wurde er zum Mönch ordiniert, lebte und arbeitete in Klöstern in der Schweiz und am Tibetischen Institut in Hamburg. 1981 ging er für drei Jahre nach Südkorea, um Zen Buddhismus zu studieren. Ausgedehnte Reisen nach Japan, China und Tibet folgten. 1984 legte er das Mönchsgewand ab, leitete eine buddhistische Gemeinschaft in England und lebt seit 2000 mit seiner Frau in Südwestfrankreich. Batchelor, ein produktiver Autor und gefragter Seminarleiter, ist der eloquenteste Verfechter dessen, was als säkularer Buddhismus zur Zeit einen Keil tief in die buddhistische Gemeinschaft treibt. Im Unterschied zum klassischen Buddhismus lehnt Batchelor die Lehre von der Wiedergeburt und damit alle daraus erwachsenden monastischen und religiösen Hierarchien ab. Was sich in den ältesten Textzeugen an Bemerkungen des Buddhas über die Wiedergeburt, das Karma, und den Ausstieg aus der Reihe der Wiedergeburten findet ist, so Batchelor, dem Versuch geschuldet, die grundlegende Erleuchtung des Prinzen in die animistische Sprache des Hinduismus zu übersetzen; in den nachfolgenden Generationen haben sich diese Übersetzungen dann verselbstständigt, nicht zuletzt deswegen, weil durch sie Disziplin und institutionelle Tradition aufgebaut und damit das Überleben der Lehre gesichert werden konnten. Wie die protestantischen Reformer argumentiert auch Batchelor zunächst philologisch, um darauf aufbauend den Exzess der ‘Kirche’ und des Klerus anzuklagen und zu einer Besinnung auf die fundamentalen Einsichten des Buddhismus aufzurufen. (mehr …)
  • Weltschmerz

    Igor Levits (und Marina Abramovics) Goldberg-Variationen Die Frage, die Bachs Goldberg-Variationen am Anfang unserer Neuzeit ganz unphilosophisch stellten, war die nach der Identität. Gibt es eine sich durchhaltende musikalische Substanz, die in der Aria vorgestellt, dann in den dreißig Variationen bearbeitet wird und sich in der Wiederholung am Ende im Wortsinne geläutert wieder einstellt? (mehr …)
  • Dekonstruktion im Rückspiegel

    Ich habe mehrmals versucht, das Nachfolgende in eine wissenschaftliche oder zumindest gelehrte Form zu bringen, doch ohne Erfolg. Gleichwohl haben die zu erzählenden Begebenheiten mehr als nur persönlichen Erinnerungswert. Mir stellen sie sich als eine Reihe gleißender Bilder dar, in denen ich zugleich als Betrachter und als Akteur vorkomme. Ich habe mich der Wahrhaftigkeit dieser Bilder durch Gespräche und elektronische Nachforschungen zu vergewissern versucht und dabei feststellen müssen, dass nicht nur die Erinnerungskraft der Einzelnen, sondern auch das angeblich nichts vergessende Internet erhebliche Löcher aufweist, wenn Ereignisse länger als ein Jahrzehnt zurückliegen. Das Bemühen, diese zu schließen, mag vielleicht die Ichhaftigkeit des Folgenden entschuldigen. An einem strahlenden Herbstsonntag 1996 holte ich Hélène Cixous und Jacques Derrida vom Flughafen O´Hare in Chicago ab. Sie kamen von einer Tagung in Cornell und sollten am nächsten Abend gemeinsam im Rahmen meiner Ringvorlesung über "Origins and Originalities" an der Northwestern University vortragen. Derrida hatte darüber hinaus zugesagt, am Nachmittag ein Seminar über Negative Theologie zu halten. Am Tag darauf würde er nach New York City fliegen, für einen Vortrag über Artaud am Museum of Modern Art, während Cixous ihre alljährliche Gastprofessur am French Department anzutreten hatte. Der Artaud-Vortrag war noch nicht fertig und darüberhinaus von zahlreichen Empfindlichkeiten überschattet (das MoMa hatte Derridas Vortragstitel Artaud le Moma als unseriös abgelehnt, Artauds Neffe und Erbe würde anwesend sein), weshalb Derrida darum bat, ihm den Rest des Tages und den nächsten Morgen freizuhalten. Hélène hatte vorgeschlagen, dass wir zusammen im Hancock Tower zu Mittag essen und dann ins Hotel nach Evanston fahren. Ich befand mich damals in der obligaten Phase der Überanpassung an das Gastland und fuhr einen weißen Cadillac Coupe de Ville aus dem Jahr 1967, ein in jeder Hinsicht monströses Gefährt, dessen Styling auf fünfeinhalb langen Metern einen Haifischkühlergrill (und einen Siebenlitermotor) mit einem eher mütterlichen Riesenkofferraum zusammenzwang. Hélène, die den Wagen kannte und sehr liebte, saß vorne, Derrida auf der Rückbank, gerade so, dass sein Kopf den Rückspiegel ausfüllte. Nach einigen Minuten des Schweigens fragte er: "Ist dies etwa ein Cadillac?" Meine Antwort führte zu einigen "c'est incroyable", die er uns folgendermaßen erläuterte: (mehr …)
  • Hélène Cixous im Winter

    Man kennt Hélène Cixous in der Brasserie Zeyer, und sie wird unter freundlichem Fragen nach dem werten Befinden an ihren Platz geführt. Noch ist das messinghelle Lokal fast leer, es wird sich im Laufe unseres Essens mit lebhaften Gästen füllen, die sich vor allem den Früchten der Austernsaison widmen. Auch wir beginnen mit einer Platte Fines de Claires verschiedener Größe, deren Herkunft und Qualitäten der maître d’hotel erklärt. Letztes Jahr, anlässlich des hundertsten Geburtstags des Restaurants, habe es ein Austernfest gegeben, bei dem die Züchter aus der Normandie ihre Austern vorgestellt hätten. „Hundert Jahre seid ihr alt!“, sagt Hélène, und der maître nickt stolz. Als er gegangen ist, sagt sie: "Drei Jahre jünger als Eve." Eve war Hélènes Mutter. Letztes Jahr ist sie im Alter von 103 Jahren gestorben. Ihren Hundertsten feierten die beiden noch mit einem Spaziergang und einem Kaffee auf der Terrasse des Pavillon Montsouris; die Fotos zeigen die alte Dame, gebeugt und fragil, mit ihrem verhaltenen Lächeln und einer kessen Ballonmütze. Da wohnte Eve noch in ihrer kleinen Wohnung unweit des Parks und versorgte sich selbst. Wenig später aber wollte oder konnte sie nicht mehr aufstehen, und wurde in Hélènes Wohnung, am Ende mit Hilfe zweier Pfleger, in den Tod begleitet. Der lange Weg des Verfalls, des zwischenzeitlichen Auflebens, des Ringens um Sprache und Orientierung und des endlichen Verdämmerns ist von Cixous in Homère est morte (Paris: éditions galilée 2014) in schwer zu lesender Intensität dargestellt worden. (mehr …)
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