Der Neue am Collège de France: Über den Historiker Patrick Boucheron

Die Macht ist weder eine bloße Tatsache noch ein absolutes Recht. Sie zwingt nicht, sie überzeugt nicht. Sie nimmt für sich ein – was ihr leichter fällt, wenn sie sich auf die Freiheit beruft anstatt Angst und Schrecken einzuflößen.

Maurice Merleau-Ponty, „Notiz zu Machiavelli“ (1949)

Erstaunlich, wie selten Historiker mittlerweile der Wucht der über sie hereinbrechenden Geschichte ausgesetzt sind. Nach den Terroranschlägen, die im Januar 2015 Paris erschüttert haben, verspürte Patrick Boucheron – Historiker des Spätmittelalters, Autor in der Gegenwart und seit Dezember 2015 Inhaber eines Lehrstuhls für die „Geschichte der Machtformen in Westeuropa vom 13. bis 16. Jahrhundert“ am Collège de France – das Bedürfnis, diesem Zusammenstoß zwischen Wissenschaft und Lebenswelt gemeinsam mit dem Schriftsteller Mathieu Riboulet auf den Grund zu gehen. Schon im Titel verspricht Prendre dates eine Verabredung mit der Geschichte, auf die niemand gewartet hat. Diese Chronik der Woche vom 6. bis 14. Januar liefert keine Erklärungen, sondern stellt eher eine Versuchsanordnung dar. Es ist ein Dokument des Schocks, der Trauer, der Ausweglosigkeit – eine „Abraumhalde des konfusen Denkens“. Wer Intellektualität mit abgeklärter Distanz assoziiert, war von der aufgewühlten Intimität dieses Berichts überrascht.

Geschichte und Literatur

Wenn immer wieder auf Boucherons Stil und Affinität zum literarischen Schreiben verwiesen wird, dann nicht (oder nicht nur), weil an diesem Historiker ein Romancier verloren gegangen ist, sondern weil die Sprache es ihm überhaupt erst ermöglicht, seiner Geschichtskonzeption Substanz zu verleihen. Hochirritabel sind die Arbeiten, die sich vor allem mit der mittel- und norditalienischen Stadtgeschichte befassen, an jeder Ecke von Boucherons historischen Beschreibungen stößt man auf unerwartete Wendungen, die ein neues, anderes Licht auf das eben Geschilderte werfen. Überall in seinen Büchern wimmelt es von Stress und Streit und Politik. In Boucherons Historie herrscht schönste Unübersichtlichkeit, dabei bleibt er dank seiner stupenden Quellenkenntnis stets wunderbar klar in der Exposition der Themen, Akteure und Orte.

Boucheron ist ein begeisterter Leser der internationalen Gegenwartsliteratur – für ihn eine absolute „Lebensnotwendigkeit“ und eine fortwährende Lektion „in Sachen Genauigkeit“. Belletristik als Schule der Präzision? Die Annäherung zwischen Literatur und Geschichte, die Boucheron selbst vollzieht, läuft nicht darauf hinaus, sich dort, wo die Quellen schweigen, einem flight of fancy hinzugeben und der Fiktion das letzte Wort zu überlassen. Im Gegenteil: Boucheron erachtet es für ein epistemologisches Erfordernis, das Ungewisse nicht nur peinlich berührt zu erdulden, sondern aktiv in seine Arbeit zu integrieren, um die stummen Dinge wenn nicht zum Reden, so doch zumindest zur Darstellung zu bringen. Zu diesem Zweck bedient er sich literarischer Verfahren, deshalb schaut er den Schriftstellern immer wieder über die Schulter.

In dieser Hinsicht herausragend ist seine kurze Studie über die Begegnung zwischen Machiavelli und Leonardo da Vinci. Diese ist historisch verbürgt, auch wenn der Name des einen in den Schriften des anderen nicht ein einziges Mal erwähnt wird. Wer weiß, wie viel Wert Historiker – zurecht – auf ihren Anmerkungsapparat  legen, ahnt, welches Wagnis Boucheron eingegangen ist, als er in dem 2008 erschienenen Buch im Einvernehmen mit dem Verlag Verdier auf Fußnoten gänzlich verzichtete. Schon in seinen frühesten Publikationen brachte es Boucheron zu großer Meisterschaft darin, die politische Bedeutung der baulichen und natürlichen Umwelt herauszuarbeiten. Wenn Boucheron der Spur der Steine folgt, erscheinen Architektur und Raumplanung plötzlich als buchstäblich umkämpftes Terrain.

In seinem Buch über Leonardo und Machiavelli rekonstruiert er die intellektuellen Verflechtungen, die es zwischen den beiden am fürstlichen Hof von Urbino im Juni 1502 gegeben haben muss. Zudem gelingt Boucheron das Kunststück, da Vincis unvollendetes Wandgemälde Die Schlacht von Anghiari, über das sich der Renaissance-Künstler wohl mit Machiavelli austauschte, einer Gesamtdeutung zu unterziehen, auch wenn von dem Werk praktisch nichts erhalten ist.* Im Sommer 1503 arbeiteten Leonardo und Machiavelli darüber hinaus gemeinsam an Plänen für die Umleitung des Arno-Flusses, die letztlich jedoch nicht umgesetzt wurden. Ob und inwiefern es möglich sei, Wasser in kontrollierte Bahnen zu lenken, war eine Frage, die im Fürsten unverhofft wiederkehrt. „Ich vergleiche das Schicksal mit einem reißenden Flusse“, so Machiavelli, „der, wenn er anschwillt, die Ebenen überflutet, Bäume und Häuser, hier Erdreich fortspült und es dort anschwemmt“. Dem Schicksal seien die Menschen jedoch nicht hilflos ausgeliefert, denn – um im Bild zu bleiben – der Bau von Dämmen und Deichen könne sie vor den schlimmsten Unwägbarkeiten bewahren.

Machiavelli hat sich seinerseits in Zeichnungen und Gedichten immer wieder mit dem flüssigen Element auseinandergesetzt, mit Überschwemmungen, Regentropfen, Wasserblasen und der Gischt. Das Wasser wird bei Machiavelli und Leonardo zur veritablen Leitmetapher menschlicher Erfahrung und der qualità dei tempi. Boucheron belässt es jedoch nicht dabei, die Frage nach dem Rhythmus der Welt zum Gegenstand seiner inhaltlichen Betrachtungen zu machen. Sie strukturiert auch die Form seines Schreibens. Die einzelnen Kapitel zeichnen sich je nach Perspektive und Dramatik des Geschehens durch rapide Tempowechsel aus. Kunsthistorische Exkurse folgen auf stark narrative Passagen, philosophische Einschübe auf Abhandlungen über die politische Situation Italiens im späten 15. Jahrhundert. Auf diesem Weg findet die Vielgestaltigkeit der Welt Eingang in den Text, die „diversité d’allures“, wie es der Mediävist Georges Duby (1919-1996) nannte, dem Boucheron gleich mehrere Bücher widmete.

Angst und Bange an die Wand

Auf den ersten Blick versucht sich Boucherons 2013 erschienenes Werk Conjurer la peur an einer minutiösen Deutung einer Freskenreihe, die der Künstler Ambrogio Lorenzetti zwischen 1338 und 1339 im Palazzo Pubblico der Stadt Siena fertiggestellt hat. Boucheron widerspricht der gängigen Auslegung des eminenten britischen Ideenhistorikers Quentin Skinner, der in dieser Wandmalerei vor allem einen politischen Sprechakt sah, der die politischen Tugenden des Republikanismus feiert. Für Boucheron wird man den Fresken jedoch nicht gerecht, wenn man sie lediglich als Fortsetzung der politischen Theorie mit piktoralen Mitteln betrachtet. Er hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, einen öffentlichen Bildakt zu rehabilitieren – die Gemälde waren den Bürgern zugänglich –, der unmittelbar auf eine affektive Wirkung beim Publikum zielte. Lorenzetti pflegte ein Spiel mit der politischen Angst, die er eindringlich inszenierte, um sie umso wirksamer aus der Stadt verbannen zu können.

Seit 1287 wurde Siena von einem republikanischen Rat der Neun regiert. Als Lorenzetti mit der Arbeit an den Fresken begann, konnte die Stadt bereits stolz auf mehrere Jahrzehnte zurückblicken, in denen sie der sich überall in Italien ausbreitendenden Herrschaft eines Einzelnen, dem sogenannten insignorimento, erfolgreich die Stirn geboten hatte. Die Bürger wussten um den Wert des politisch Erreichten: ein gewisses Maß an politischer Repräsentativität, Formen kollektiver Entscheidungsfindung, Mechanismen zur Kontrolle der Machtausübung, Rotationsprinzip bei politischen Ämtern. Allerdings hatte diese Regierungsform einen hohen Preis. Bewaffnete Auseinandersetzungen gehörten beinahe zum Tagesgeschäft, verfeindete Fraktionen bekriegten sich erbarmungslos, ständig wurde mit anderen Städten um Einflusssphären gerungen. Die Signoria, Herrschaft eines Einzelnen, entwickelte eine gewisse Anziehungskraft: Warum sollte man einen starken Mann fürchten, solange er für Ruhe, Ordnung und Stabilität sorgt? Lorenzettis Fresken antworten nicht auf eine etwaige Bedrohung durch die Tyrannei, sondern auf deren Anziehungskraft. Timor, die personifizierte Angst, schwebt gespenstisch durch die republikanische Auftragsmalerei und über verwüstete Landschaften hinweg, um alle Zweifel auszuräumen: Alleinherrschaft bedeutet Krieg, keinen Frieden. Allein, es nützte nichts. 1355 kam es zum Sturz der Regierung der Neun in Siena.

Welt der Wut

Auch in Boucherons Politikverständnis verheißt Unruhe beides: Zweifel und Bewegung. Er beruft sich immer wieder auf Machiavellis Diktum, dass Konflikte das eigentliche Lebenselixier für ein freiheitliches gesellschaftliches Zusammenleben sind. Die Angst vor den Folgen eines Denkens im Freund-Feind-Schema erklärt zumindest teilweise, warum es in Deutschland schnell zu Überreaktionen kommt, wenn sich der Verdacht erhärtet, dass einer allzu agonistischen Politik das Wort geredet wird. Dann geht man ab wie Carl Schmitts Katze – und sieht über die lange republikanische Tradition des sozialen Widerstreits geflissentlich hinweg. Für Machiavelli hingegen stand fest, dass in jedem Gemeinwesen „zwei unterschiedliche Interessen [umori] existieren, die des Volkes und die der Großen, und dass alle Gesetze, die zugunsten der Freiheit gemacht werden, aus der Uneinigkeit [disunione] zwischen diesen beiden entstehen.“

Sobald die Mächtigen keine Angst mehr vor der Wut der Regierten haben, ist Gefahr im Verzug. So weist Boucheron darauf hin, dass die Wiederentdeckung der aristotelischen Texte im Mittelalter mit einer tiefgreifenden Umgestaltung des politischen Affekthaushaltes einherging. Aristoteles sah im Zorn eine der Quellen des Mutes. In diesem Zusammenhang erfuhr die Wut eine normative Aufwertung zur Fürstentugend. Die ira regis war Teil der Regierungspraxis. Der Zorn, so Boucheron, war eine zu erhabene Emotion, als dass sie von Chronisten dem Volk zugeschrieben werden könnte. Erst viel später war auch vom Furor des Volkes die Rede. Die massenmörderische Instrumentalisierung des Volkszorns im 20. Jahrhundert sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Bürgerrecht auf Unmut eine demokratische Errungenschaft ist, die sich die Untergebenen mit harten Bandagen erkämpft hatten – und die, so lassen sich Boucherons Bemerkungen weiterführen, keinesfalls all jenen Burschenschaftlern der Rage überlassen werden sollten, die die chronische thymotische Unterfunktion der westlichen Gesellschaften beklagen. Geht’s nämlich ans fiskalische Eingemachte, wird auch das Karlsruher Klöpschen mit Tour de France-Ambitionen nervös und erkennt statt stolzen Zornkollektiven nur noch „revolutionäre Respektlosigkeit“.

Nationen und Welten: Geschichtspolitik heute

Im Jahr 2001 verhalf ein Sonderheft der Zeitschrift Annales der histoire connectée zum Durchbruch. Vor allem Serge Gruzinski und Sanjay Subrahmanyan wurden zu bekannten Vertretern dieser Richtung, die Boucheron, der Italienspezialist, von Anfang an nach Kräften unterstützte. Diesen Historikern ging es um die Geschichte einer, aber nicht der Globalisierung. Mit der sich über Jahrtausende erstreckenden und den gesamten Erdball abdeckenden big history, wie Jo Guldi und David Armitage sie forderten, konnten sie wenig anfangen. Es ging der histoire connectée vielmehr um konkrete, minutiös genau rekonstruierte Kontaktsituationen zwischen Vertretern verschiedener Stände, Kulturen und Religionen. Dies ist nicht zuletzt eine Frage des Maßstabs: Globalisierung als Verquickung von Mikroereignissen und nicht als Geschichtsphilosophie des Ungefähren.

Was wie eine esoterische Streiterei zwischen Fachgelehrten anmutet, muss vor dem Hintergrund politischer Fehden verortet werden. Der ehemalige Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der sich 2009 mit der steilen vulgärhegelianischen These hervortat, der „afrikanische Mensch“ sei noch immer nicht in die Geschichte eingetreten, legte 2015 nach: Der Islam habe seine Renaissance vor seinem Mittelalter erlebt. Bemühungen, die koloniale Vergangenheit, von einer Globalgeschichte ganz zu schweigen, zum Unterrichtsgegenstand an französischen Schulen zu machen, werden von Intellektuellen wie Alain Finkielkraut als gutgemeinte, aber vom republikanisch Wesentlichen letztlich ablenkende Modephänomene erbittert bekämpft. Das Denken in zivilisatorischen Blöcken ist ohnehin schon seit Jahren auf dem Vormarsch. Samuel Huntington postulierte ohne zu zögern eine „blutige Grenze“ zwischen Christentum und dem Islam.

Als selbst Fachkollegen plötzlich ein „schmeichelhaftes europäisches Wir“ zelebrierten, das griechisch, römisch, dann christlich und sonst nichts war, platzte Boucheron der Kragen. Der Historiker Sylvain Gouguenheim hatte 2008 in seiner Schrift Aristote au mont Saint-Michel behauptet, der arabische Beitrag zur Übermittlung des antiken Wissens sei maßlos überschätzt. Von der griechischen Philosophie zum christlichen Europa führe eine gerade Linie, die weitgehend ohne islamische Einflüsse auskomme. Derartige Auswüchse waren Boucheron zufolge lediglich die radikale Variante einer tief verankerten, selten ausgesprochenen Überzeugung, die arabische Welt sei bestenfalls ein „Steigbügelhalter“ zwischen zwei vom Westen dominierten Epochen gewesen. Eine eigene Entwicklungsdynamik wurde ihr abgesprochen. Die größte Leistung des islamischen Kulturraums? Ein paar Dokumente aufbewahrt zu haben, während Europa, der rechtmäßige Inhaber, kurz indisponiert war.

Historiker seien keine Dienstleister, die Publikum und Politikern gleichermaßen Erbauliches über die Vergangenheit zu berichten hätten. Im Gegenteil: Das bornierte Insistieren auf dem Vorrang nationaler und zivilisatorischer Identität in Zeiten allgegenwärtiger Verunsicherung „ist mit Geschichte unvereinbar“. Wenn Historiker sich auf den identitären Diskurs um Erinnerungsorte und Nationalstolz einlassen, bleibe ihnen nichts anderes übrig, als eine Geschichte – „Von den Ursprüngen bis heute“, so ein beliebter Untertitel – zu schreiben, deren Ausgang, Verlauf und Ende bereits im Vorfeld feststehen. Im Interviewband L’Entretemps unterbreitet Boucheron einen Vorschlag für ein historiografisches Programm, das es darauf absieht, den „allzu gepflegten Garten der Herkunft zu verwüsten und die Wurzeln der Identität herauszureißen“. Damit machte er sich nicht nur Freunde.

2009 schritt er als Herausgeber der bei Fayard erschienenen, in kurze Kapitel unterteilte L‘Histoire du monde au XVe siècle schließlich zur Tat. Das Abendländische Schisma von 1378 oder die Befreiung von Orléans durch Jeanne d’Arc im Jahr 1429 nehmen nicht mehr und nicht weniger Platz ein als der Übertritt von Prinz Parameswara zum Islam im Jahr 1414, der auch als Gründer des Sultanats von Malakka gilt, und die Plünderung der Hauptstadt des Khmer-Königreichs Angkor durch Armeen des Königs von Ayutthaya (1431). Ein Anspruch auf Vollständigkeit wird nicht erhoben. Boucheron hat vielmehr ein Faible für Grenzgänger wie Hasan al-Wazzān (1490-1550), ein auch unter den Namen Johannes Leo Africanus bekannter Geograph, der in Grenada geboren wurde, im marokkanischen Fes aufwuchs, Afrika bereiste, bis er 1518 von Korsaren gefangen genommen und in die Sklaverei verkauft wurde. Papst Leo X. nahm sich seiner an – al-Wazzān konvertierte schließlich sogar zum Christentum.

In Frankreich fast schon unerhört: Boucheron ist der Meinung, seine Generation habe nichts wirklich Großes vollbracht. Auch das ein Grund, warum das Publikum in seinen Vorlesungen und Seminaren am Collège de France entgegen der sonstigen Gepflogenheiten an dieser Institution nicht an ein Seniorenstudium erinnert, sondern überwiegend aus Leuten besteht, die jünger als 45 sind. Gerade weil Boucheron der „Gemeinschaft der Selbstgewissheit”, von der Marielle Macé treffend sprach, eine Absage erteilt, stößt er bei ihnen auf Gehör. Zur Forschung gesellt sich die Lehre. Sie regt an, ohne aufzubürden. Im Angebot: eine Vergangenheit, die Zukunft hat. Eine Geschichte, die „Licht ins Dunkel bringt und die trügerische Klarheit verschattet“. Sagt der Neue am Collège de France.

* Im Florentiner Palazzo Vecchio stieß man vor einigen Jahren hinter einer Wand auf Spuren des Gemäldes.


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