• Ausschreibung MERKUR-Preis 2021

    In diesem Jahr wird die Ernst H. Klett Stiftung Merkur zum dritten Mal den 2019 ins Leben gerufenen Merkur-Preis für herausragende Dissertationen vergeben. Für die Auszeichnung infrage kommen Arbeiten aus den Geistes-, Kultur-, Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, deren fachliches, methodisches und literarisches Niveau überdurchschnittlich ist und die ihren Gegenstand aus einer in produktiver Weise unkonventionellen Perspektive in den Blick nehmen. (mehr …)
  • Klagenfurt – So geht es nicht

    Im Juli 2005 fängt alles an. Ich befinde mich gerade auf La Palma und begehe mit 50 Astronomen den zehnten Jahrestag der Entdeckung der ersten Braunen Zwerge, in einem Luxushotel inmitten von Lavawüste und Bananenplantagen mit absurd vielen azurblauen Pools im Hotelgarten und ebenso absurd vielen Badewannen pro Hotelzimmer. Oppenheimer ist da, Nakajima, Rebolo, Jayawardhana, alle großen Namen in der Braune-Zwerg-Branche, eine Woche der großen Gesten, der großen Torten, der großen Besäufnisse und der Saunen mit Seeblick. "Do you fancy a beer?" fragt mich Simon wieder und wieder, während nebenan über Deuteriumbrennen und Molekülwolkenkollaps diskutiert wird. Gliese 229B, der legendäre erste Braune Zwerg, ist nur wenige Lichtjahre entfernt, und damit viel näher als Klagenfurt. Aus diesem durchweg heiterem Himmel erreicht mich die Nachricht von einem "Tex Rubinowitz", der mir vorschlägt, nächstes Jahr am Ingeborg-Bachmann-Wettlesen teilzunehmen. Ich überlege keine einzige Sekunde und antwortete: "Guter Scherz, schöne Grüße, Aleks." (mehr …)
  • Gegen die Lügen

    von

    Vergangene Woche beschuldigten die Zeitungen BILD und WELT die Publizistin und Philosophin Carolin Emcke des Antisemitismus. Der Vorwurf: Sie habe in ihrer Gastrede, die sie beim Grünen-Parteitag gehalten hatte, angeblich Holocaust-Opfer mit Klimawissenschaftler:innen und Virolog:innen verglichen und damit das Leid von Jüdinnen*Juden bagatellisiert. Diese Vorwürfe sind haltlos und unangebracht, und wir stellen uns hinter die Publizistin Carolin Emcke: Keiner ihrer Sätze ist in irgendeiner Weise als antisemitisch zu werten. Die Publizistin hat in ihrer Rede vielmehr darauf hingewiesen, dass bestimmte Gruppen empirisch immer wieder verunglimpft werden: „radikale Wissenschaftsfeindlichkeit, die zynische Ausbeutung sozialer Unsicherheit, die populistische Mobilisierung und die Bereitschaft zu Ressentiment und Gewalt“ führten, so Emcke dazu, dass Gruppen wie z.B. „Feministinnen, „Juden, „Kosmopoliten, „Virolog:innen“ angegriffen und zu Sündenböcken gemacht werden. Auf die gemeinsame kulturelle Textur und politische Form gruppenfeindlicher Ressentiments hinzuweisen bedeutet mitnichten, den Antisemitismus zu verharmlosen oder alles irgendwie gleich, gar beliebig zu behandeln. Im Gegenteil. Solche Betrachtungen klären darüber auf, wie sich Exklusionsdynamiken verflechten, und warnen uns – gerade auch im Lichte des Antisemitismus – vor den Gefahren, dieses nicht angemessen ernst zu nehmen.

    Wir kritisieren scharf die Form der Angriffe auf die Publizistin, die exakt das vollziehen, was Carolin Emcke in ihrem Redebeitrag formuliert und wovor sie zu Recht eindrücklich gewarnt hat: Die Beschädigung der politischen Öffentlichkeit durch mutwillig verzerrte Halbwahrheiten und bösartige Verdrehungen von Sinn, mit dem politischer Streit nicht ausgetragen, sondern ausgehöhlt wird.

    Die Springer-Presse sowie einige Politiker:innen diffamieren nicht nur eine der wichtigsten Stimmen dieses Landes, die nachweislich – man lese jeden einzelnen Text und höre jede Rede der Publizistin - unermüdlich gegen Antisemitismus, Rassismus, sexualisierte Gewalt oder Homophobie, gegen überhaupt alle Spielarten demokratiefeindlicher Menschenfeindlichkeit anschreibt, spricht und kämpft. Sie untergraben mit diesen aus dem Zusammenhang und aus der Luft gerissenen Vorwürfen den eigentlichen wichtigen Kampf gegen den Antisemitismus. Es ist bei weitem nicht das erste (und sicher nicht das letzte) Mal, dass sich Medien (insbesondere des Springer-Verlags) dieser Methode bedienen: Zitate werden aus dem Zusammenhang gerissen und in neue Kontexte gesetzt, die Deutungshoheit über den Antisemitismus wird an sich gerissen. Damit wird der Antisemitismus-Begriff instrumentalisiert, missbraucht, also entwertet. Dies zeigt einmal mehr, wie hohl die beständig wiederholte Behauptung ist, dass sich die Medien des Springer-Konzerns konsequent gegen Antisemitismus einsetzen würden. Tatsächlich nämlich dient das vermeintliche Eintreten gegen Antisemitismus als Alibi für ressentiment-schürende, teilweise regelrecht hetzende Berichterstattung gegen Muslim:innen, Geflüchtete - oder, wie in diesem Fall, gegen Menschen, die politisch nicht rechts stehen. Das Leben von Jüdinnen*Juden - unser Leben - wird dabei lediglich als Munition in einem herbeigeschriebenen Kulturkampf genutzt. So wird ein Klima der Gewalt und des Misstrauens erzeugt.

    Das absichtliche (und wiederholte) Missverstehen, die Verzerrung und Verdrehung von Tatsachen und die Lüge als mediale Methoden untergraben jeden sachlichen Diskurs und gefährden die Demokratie in diesem Land. Dass dies jüdische Menschen ebenso wie andere Minoritäten bedroht, ist eine der historischen Lehren, denen wir verpflichtet sind.

     

    14. Juni 2021

    Unterzeichner:innen

    Lena Gorelik, Autorin, München Paula-Irene Villa Braslavsky, Soziologie / Gender Studies, München Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt am Main Fabian Wolff, Autor, Berlin Emily Dische-Becker, Journalistin, Berlin Micha Brumlik, Seniorprofessor am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin Brandenburg Max Czollek, Autor, Berlin Aaron Altaras, Schauspieler, Berlin Alexa Karolinski, Filmemacherin, Berlin Bella Lieberberg, Fotografin, Berlin (lesen ...)

  • Jubiläums-Gewinnspiel

    Wir feiern den 75. Jahrgang der Zeitschrift mit einem großen Gewinnspiel. Es gibt Abos und Notizbücher zu gewinnen, außerdem den kompletten Merkur-Jahrgang 2020 als edle, gebundene Buchausgabe in zwei Bänden. Hier teilnehmen: 75jahre.merkur-zeitschrift.de (mehr …)
  • Rüdiger Zill über Blumenbergs Theologiestudium

    Rüdiger Zills Blumenberg-Buch, erschienen zum hundertsten Geburtstag des Philosophen, ist in zahlreichen Rezensionen hoch gelobt worden, nicht zuletzt wegen der Menge bisher unbekannter Informationen, die der Autor aus seiner Kenntnis des im Marbacher Literaturarchiv aufbewahrten Nachlasses bezieht. Zill habe Blumenberg „eine Biographie gewidmet, die auf lange Zeit ihresgleichen suchen dürfte. Folgt sie doch dem Leben und den Lebensstationen ihres Protagonisten so weit wie überhaupt nur möglich auf das Akribischste, ohne auch nur einen einzigen Beleg schuldig zu bleiben.“ (taz.am Wochenende vom 11. 7. 2020) (mehr …)
  • Wann hat es angefangen zu sein, wie es ist? Birk Meinhardts „Wie ich meine Zeitung verlor“

    Wie groß ist die Distanz zur Wahrheit? Ende der fünfziger Jahre in Ost-Berlin geboren, gehört der Publizist Birk Meinhardt zu einer Generation, die ihre jugendliche Sozialisation und Ausbildung in der DDR erfuhr. Nachdem er zunächst bei der Wochenpost Anstellung fand, wechselte er 1992 in das Sportressort der Süddeutschen Zeitung und war damit „einer der wenigen Ostdeutschen, die es in die überregionalen Leitmedien geschafft hatten“. Vier Jahre später begann er, für die Zeitung als Reporter zu arbeiten und gewann mit seinen Reportagen, die prominent auf Seite 3 erschienen, zwischen 1999 und 2001 gleich zwei Mal den renommierten Egon-Erwin-Kisch-Preis. Ab Beginn der Nuller Jahre publizierte Meinhardt parallel zu seiner journalistischen Arbeit auch fiktionale Literatur. Sein dritter Roman, „Brüder und Schwestern“, dessen Handlung im Untertitel auf die Zeit 1973-1989 datiert ist, stand auf der Longlist für den Preis der Leipziger Buchmesse. (mehr …)
  • Preisausschreiben: Das Habeck-Paradox

    Wenn die intellektuelle Öffentlichkeit des fortgeschrittenen 18. Jahrhunderts auf ein Problem stiess, das zwar relevant, aber bis dato nicht befriedigend durchdacht oder gelöst worden war, dann platzierte eine der neueren Akademien ein Preisausschreiben. Diese Idee greifen wir in einer Zeit auf, in der die digitale Transformation gesellschaftliche Verwerfungen der verschiedensten Art provoziert und zugleich ganz unterschiedliche Erwartungen weckt, in der wir ständig mit der digitalen Transformation politisch konfrontiert werden, aber den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. (mehr …)
  • Falsche Freunde

    Eine Gruppe von Wissenschaftlern und Philosophen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hat Anfang Februar das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit gegründet. Das Netzwerk möchte Verletzungen der Wissenschaftsfreiheit dokumentieren und kritisieren. (mehr …)
  • Der letzte Medientheoretiker

    Friedrich Kittler soll einmal gesagt haben, solange es Leute wie Erhard Schüttpelz gebe, sei ihm um die deutsche Medientheorie nicht bange. Ein größeres intellektuelles Kompliment ist kaum vorstellbar, und doch ist es erklärungsbedürftig. Während Kittler nach seinem Tod international nach wie vor als Eigenname deutscher Medientheorie verstanden wird, trifft schon die Verortung von Erhard Schüttpelz im Binnenkontext ‚deutscher‘ Medientheorie nicht mehr zu. Selbst wenn Schüttpelz mitunter von sich selbst als „westlichstem der Westdeutschen“ spricht – und auch publizistische Pseudonyme durch geografische Hinweise ironisiert –, so ist für ihn der binnenwestdeutsche Maßstab wesentlich zu klein. Als postkolonialer Denker, Ethnologe und Literaturwissenschaftler, als analytischer Philosoph und Sprachtheoretiker, als Medientheoretiker, der Bruno Latour hätte seien können (so dieser dies denn gewollt hätte), als Sozialtheoretiker, Kulturtechnikforscher, Situationist, Strukturalist und nicht zuletzt als Musiker sprengt Schüttpelz alle Kategorien national und disziplinär verortbarer Wissenschaftskulturen. (mehr …)
  • Nennen wir es eine Retrovolution

    Über einen Monat ist es her, dass sich mehrere tausend Trump-Anhänger im Anschluss an eine Rede des US-amerikanischen Präsidenten, der nicht akzeptieren wollte, dass ihn nur noch wenige Stunden von der endgültigen amtlichen Verkündung seiner Wahlniederlage trennten, auf sein Geheiß hin zum Kapitol in Bewegung setzten. Barrikaden wurden niedergerissen, Türen aufgebrochen, Fensterscheiben eingeschmissen und der gewaltsame Zutritt nahm seinen Lauf. Über Stunden konnte man im Fernsehen verfolgen, wie die Menschen in das Gebäude strömten. (mehr …)