• Widerworte. Zu Irene Bazingers FAZ-Artikel

    Ist Kunst nur dann, wenn man "Kunst" sagt, möglichst laut noch dazu? Das scheint Irene Bazinger zu glauben, wenn sie sich in ihrem polemischen Artikel in der FAZ vom Samstag (bislang ist er nicht online) beschwert, es sei von "Kunst" nicht die Rede gewesen in unserem Merkur-Gespräch "Was wird Theater?" Ein bisschen misslich vielleicht, dass sie dann selbst Christoph Gurk zitiert, der die Feindseligkeit, die Chris Dercon seit seiner Berufung zum neuen Volksbühnen-Intendanten entgegenschlägt, als restaurativ und "kunstfeindlich" kritisierte. Kunstfeindlich, von theoriefeindlich mal zu schweigen, ist doch eigentlich, wenn eine schon weiß, was Kunst ist oder sein soll - und ein Raum für "Experimente", ein "Labor" für noch nicht tausendundeinmal Probiertes ist Kunst dann offenbar nicht. Experiment und Labor, das waren Worte, die fielen, wobei Stefanie Wenners Ausführungen zur kapitalen Differenz zwischen einem naturwissenschaftlichen und einem künstlerischen Labor-Begriff zu den interessantesten Gedanken des Abends gehörten. (mehr …)
  • Erneut: Eine Woche Zeit

    eine woche zeit siggen Sie wünschen sich EINE WOCHE ZEIT für freies Denken und Diskutieren? Die Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. stellt in Kooperation mit dem Merkur ihr Seminarzentrum Gut Siggen zur Verfügung. Das wunderschön an der Ostsee gelegene Ensemble aus Landschaftsgarten, modernem Tagungsgebäude und einem alten Gutshaus mit Bibliothek, Wohn- und Gesellschaftsräumen bietet Gruppen bis zu 24 Personen Raum für fokussiertes Arbeiten und einen offenen Gedankenaustausch. (mehr …)
  • Die jungen Antimodernen in Frankreich

    Ariane Chemin hat in Le Monde vor kurzem eine ziemlich interessante Reportage (Paywall) über die junge Rechte in Frankreich veröffentlicht. Der Titel in der Printausgabe – „Les jeunes gens antimodernes“ - spielt auf die französische New Wave-Kultur der frühen achtziger Jahre an. Jene „jeunes gens modernes“ waren unterkühlt, ziemlich sexuell, endlos elegant, ein bisschen zackig. Sie wohnten in damals noch schicken Neubauwohnungen in der Banlieue, fuhren mit dem gerade fertiggestellten TGV und sagten ja zur Technologie. Ich verlinke den entsprechenden Sampler am besten einfach mit. (mehr …)
  • Aufruf an alle Berlinerinnen und Berliner, die sich für den Merkur interessieren

    Der Merkur wird siebzig. Wir möchten das Jubiläum nutzen, uns Gedanken zu machen, wohin uns die nächsten siebzig Jahre führen. Deshalb ist heute Ihre Meinung gefragt. Wir möchten Sie, und zwar sowohl als Merkur-Leser/innen, Merkur-Blog-LeserInnen wie auch als Merkur-(noch)-nicht-Leser/innen, im Zeitraum vom 16.01. - 04.02. zu einem persönlichen Gespräch über den Merkur in die Redaktion in der Mommsenstraße oder an einen Ort Ihrer Wahl, gerne auf einen Kaffee, in Berlin einladen. „Wir“ heißt in dem Fall:  Das Team Intermezzo, eine Gruppe von UdK-StudentInnen, die ein Marketing-Konzept für den Merkur erstellen. Vereinbaren Sie einen Termin mit uns, per Mail (intermezzo.merkur@gmail.com) oder telefonisch (030-23935952), Sie bekommen im Gegenzug für Ihre Auskunftsbereitschaft ein Doppelheft des Merkur. Wir freuen uns, Sie kennenzulernen und Ihre Meinung zum Merkur zu hören. Ihre MERKUR-Redaktion (und Intermezzo)
  • Merkur im Januar

    First things first: Das Januarheft ist das erste des Jubiläumsjahrgangs: Der Merkur wird siebzig. Wann genau das erste Heft der zunächst alle zwei Monate erscheinenden Zeitschrift veröffentlicht wurde, ist wegen fehlender Monatsangabe nicht ganz klar - ein präzises Datum allerdings zeigt das Dokument, mit dem die französische Besatzungsbehörde Hans Paeschke die Lizenz erteilte, nämlich den 4. November 1946. (mehr …)
  • Merkur-Gespräche 7: Was wird Theater?

    Es wird mal wieder grundsätzlich über das Theater gestritten. Anlass sind die Intendantenwechsel an den Münchner Kammerspielen und an der Berliner Volksbühne. Die Frontverläufe sind nicht unbedingt dieselben: In München haben wichtige Schauspielerinnen des Ensembles gekündigt, es gibt Produktionen mit Gruppen der freien Szene, und eine konservative Kritik fürchtet den Untergang der Sprech- und Stadttheatertradition; in Berlin stehen im Kampf um die Zukunft der Volksbühne eher Avantgardetraditionen gegeneinander. Aus Sicht des alten Volksbühnenteams droht die Übernahme durch den neoliberalen Kunstkapitalismus. Aus Sicht von Chris Dercon zeigt sich darin Berliner Provinzialismus. Daher die Frage: Was ist und was wird Theater? Wie nah am Drama, wie frei, wie hybrid, wie offen für andere Künste? Es diskutieren in der siebten Folge der Merkur-Gespräche die ehemalige HAU-Kuratorin und Professorin für Angewandte Theaterwissenschaft und Produktionsdramaturgie Stefanie Wenner (HfBK Dresden), der Dramaturg und Kurator für Freies Theater und Musik  Christoph Gurk (Münchner Kammerspiele), die Leiterin Junges DT Birgit Lengers (Deutsches Theater, Berlin) und Thomas Oberender (Berliner Festspiele). Es kommentiert und moderiert die Theaterkritikerin Eva Behrendt (Theater heute). (mehr …)
  • Der hässliche Eiffelturm. Ein Jahr mit den Goncourts (XI)

    Der Eiffelturm [...] etwas Häßlicheres für das Auge eines alten Stadtbewohners läßt sich nicht erträumen (Bd. IX, S. 62)

    Die Pariser Weltausstellung 1889 gilt als ein Krönungsfest der europäischen Moderne des 20. Jahrhunderts: gekrönt wird hier vor allem Paris als europäische Metropole der modernen Kunst. Edmond Goncourt aber ist wenig angetan von diesem Spektakel -- die Aversion gegen obsessiv gutgelaunte Massenveranstaltungen formt hier schon einen Kern moderner Autorenpersönlichkeiten. Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich wurde rund 100 Jahre später David Foster Wallace’ Erzählung über Kreuzfahrtvergnügungen betitelt in der deutschen Übersetzung; und diese Grundskepsis kennzeichnet Autoren der Moderne in der Regel bis heute. Schon bei Goncourt verbindet sich der Rückzug auf die eigenen Kreise -- sei's des Denkens, der Empfindsamkeit, aber auch der Kultur -- mit einer fast angeekelten Abwehr von vermeintlich sinnentleertem und beschleunigtem Treiben der Metropole: (mehr …)
  • Geistes Haltung. Erinnerungen an Hella Tiedemann

    Zusammengetragen von Christiane Frohmann Hella Tiedemann (1936–2016) studierte bei Theodor W. Adorno und promovierte 1969 bei Peter Szondi mit ihrem ›Versuch über das artistische Gedicht. Baudelaire, Mallarmé, George‹ (erschienen 1971). 1982 habilitierte sie sich mit der Schrift ›Verwaltete Tradition. Die Kritik Charles Péguys‹ (erschienen 1986) an der Freien Universität für das Fach Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. Seitdem lehrte sie am Peter Szondi-Institut, seit 1991 als außerplanmäßige Professorin. Im Jahr 2001 beendete sie ihre Lehrtätigkeit. Sie war Herausgeberin Walter Benjamins, u. a. des dritten Bandes der Gesammelten Schriften, Kritiken und Rezensionen sowie der Benjaminschen Übersetzung von Marcel Prousts ›Guermantes. Im Schatten der jungen Mädchen‹, erschienen als Supplement 2 der Gesammelten Schriften. (mehr …)
  • Reflexe. Zur Wiederauferstehung des poststrukturalistischen Popanzes im deutschen Feuilleton

    “C’est que les faits, nous pouvons les tenir à distance. Tandis que les représentations ne sont rien sans nous.”

    Claude Lefort, Le Monde, 9. Mai 1978

    Dass im Feuilleton kräftig ausgeteilt wird, ist zu begrüßen. Nur die Treffsicherheit lässt bisweilen zu wünschen übrig. Liest man die Einlassungen zu französischen Philosophen, die in den letzten Monaten in deutschsprachigen Zeitungen erschienen sind, staunt man nicht schlecht, weil diese Denker überhaupt nicht wiederzuerkennen sind. Es sind groteske Karikaturen, Pappkameraden, die man sich in einer Mischung aus Missgunst und geistiger Trägheit zusammenbaut, um Halt durch Abstoßung in einer unsicheren Gegenwart zu finden. Manche Debatten altern erstaunlich schlecht. Selbst seinem ärgsten Gegner wünscht man nicht, noch einmal die Meilensteine der theory wars der achtziger Jahre abschreiten zu müssen, was einige Journalisten jedoch nicht daran hindert, auf der Klaviatur der alten Affekte gegen die Pariser Theorieproduktion zu spielen. (mehr …)
  • Big Bla-Bla. Die Reaktionen auf die ‚Big-Data-Bombe‘ sind Diskursverknappung

    Die Nachricht verbreitete sich am Samstag schnell: durch die Kombination psychometrischer Verfahren und gezieltem Werbetargeting, will die britische Firma Cambridge Analytica (CA) – ein Tochterunternehmen der Wahlberatungsagentur Strategic Communications Laboratories (SCL) – nicht nur den Ausgang der US-Wahlen, sondern zuvor bereits das Brexit-Votum entscheidend zugunsten der späteren Gewinner beeinflusst haben. In einem ausführlichen Artikel im Schweizer Magazin beschreiben Mikael Krogerus und Hannes Grassegger, wie CA mithilfe der sogenannten ‚Ocean‘-Methode zunächst Persönlichkeitsprofile potentieller Wählerinnen und Wähler erstelle, um diese mit Analysen des individuellen Online-Verhaltens sowie demographischen Daten zu verbinden und zur Grundlage für personalisierte Werbeanzeigen auf Facebook zu machen. Die Analyse einer Person nach den Kriterien ‚Offenheit‘, ‚Gewissenhaftigkeit‘, ‚Extraversion‘, ‚Verträglichkeit‘ und ‚Neurozentrismus‘ gebe die Anleitung für die spezifische Darstellungsweise einer Anzeige: ob text-, bild- oder videobasiert, ob in aggressiven oder sanften Tönen. In seiner Wahlkampfkampagne habe Donald Trump seine politischen Botschaften derart an einem einzigen Tag in 175000 Variationen verbreiten können, jede einzelne zugeschnitten auf das statistisch antizipierte Profil der jeweilig adressierten Rezipientinnen und Rezipienten. (mehr …)