• Friede, Freiheit – keine Politik?

    Das Parlament ist ursprünglich eine aristokratische Institution. Hier vergewisserte sich der König, ob ihm seine freien Herren mit Rat und Hilfe zur Seite standen.[1] Demokratisch ging es dort erst zu, als die Abgeordneten gezwungen wurden, um die Stimmen eines Herren zu konkurrieren, der ganz anderer Natur ist, namentlich: um die unzuverlässige Gunst des wählenden Publikums. Erst seitdem das Volk mit seinem Mehrheitsvotum entscheidet, wer auf den Regierungssitzen Platz nimmt und wer sich mit den Oppositionsbänken begnügen muss, übt es Herrschaft aus. Wir, die wir dieses Publikum bilden, sollten deshalb aufhorchen, wenn immer im Parlamentssaal Stimmen lauter werden, die es für verzichtbar halten, in der Unterscheidung von Regierung und Opposition allzu streng zu bleiben. Die Abstimmung im Bundestag über die Einführung einer allgemeinen Corona-Impfpflicht droht jedoch ein solcher Fall zu werden. (mehr …)
  • Laudatio auf Navid Kermani

    Am 21. November hat Navid Kermani den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln erhalten (mehr zum Preis hier). Wir veröffentlichen die Laudatio von Diedrich Diederichsen Lieber Navid, liebe Versammelte. Ich werde die zur Begrüßung benutzte zweite Person Du gleich wieder verlassen und in konventioneller Laudatio-Manier vom Geehrten in der dritten Person sprechen. Die Personalpronomina sind wichtig für Navid Kermani, der einmal einen Roman mit der Begegnung von einem reichen und einem armen Mann begann, bei der der angeberische Reiche zu seinem zerlumpten Gegenüber sagt: Na, Du würdest wohl auch gerne ich sein – Worauf der Arme entgegnet: Nein, ich möchte nicht ich sein. Ich wiederum bin nicht sicher, ob ich mich als einen besonders toleranten Menschen bezeichnen würde – eine Frage, die man sich stellt, wenn man die Laudatio für jemanden hält, der für seine Toleranz geehrt wird. Ist das eigentlich meine Expertise? Ich bin nicht einmal sicher, ob ich Toleranz, so wie sie landläufig definiert wird, überhaupt für so erstrebenswert halte. Tolerantes Verhalten anderen gegenüber einzufordern, impliziert ja, dass man die anderen für ein Übel hält, das es auszuhalten gilt, und wenn sie denn wirklich mal von Übel sein sollten, wenn also etwa ein Impfgegner vor einem steht, dann hilft es ja gerade nicht, ihn tolerant gewähren zu lassen. Mit dem zweiten Teil des Preiszweckes tue ich mich leichter: in Denken und Handeln. Nun, das einzige Denken, das ein Handeln ist und das einzige Handeln, das ein Denke ist, ist das Schreiben. Der Sprechakt hat zuviel Schlagseite zum Akt, zur Exekutive, der Tagtraum auf der anderen Seite, der stream of consciousness sind ohne Handlung, nur das Schreiben verbindet die Freiheit des Zeit Habens mit der Gültigkeit und Konsequenzialität von Druck und Deadline. Und Toleranz im Schreiben ist etwas anders als Toleranz im eben dargestellten landläufigen Sinne. Es hat zu tun mit der Choreographie dieses Balletts der numerierten Personalpronomina, die unsere soziale Welt strukturieren, die als Denkgrundlage Handlungswege generieren. Dies ist ein Handeln, das nicht im Vordergrund geschieht, es ist Struktur: Die macht Navid Kermani sichtbar, in vielen und sehr unterschiedlichen Genres: Reportagen, reflexiven Essays, Interventionen und Romanen, die sich gegenständlich mit allem beschäftigen, das zu unserer Welt und ihrer Geschichte gehört, aber dabei immer die Möglichkeiten und die Grenzen andere zu verstehen und einschätzen zu können, mitfühlen zu können bearbeiten. Ich erinnere mich an zwei sehr verschiedene Einstiege in seine Texte, als Anfänge, die beide sofort einleuchtend das Grundproblem der monadischen Eingeschlossenheit des Schreibenden konstatierten, benannten und zu überwinden versuchen. Am Anfang steht die Suche nach einer Sprache für die Fälle, wo es keine gibt. Der Säugling spricht noch nicht, die oder der Tote spricht nicht mehr. Was geht in einem ein Monat alten Säugling vor und was erreicht ihn, was nimmt er wahr, in diesem Falle sie, Kermanis Tochter, die im ersten Text, den ich von ihm gelesen habe, vor ungefähr zwanzig Jahren, während ihrer Dreimonatskoliken entgegen aller Hoffnungslosigkeit dann doch, nämlich von der Musik Neil Youngs erreicht wird. Ein Wunder eigentlich, aber in Kermanis Erzählung: total plausibel. In „Dein Name“, viele Jahre später gelesen, ist ein Ausgangspunkt die Nichterreichbarkeit der Toten. Der Toten, die wir gekannt und mit denen wir vor kurzem noch befreundet waren, die also, meist bis zu ihrem Tod und sogar auch noch im Austausch über diesen, sensationell gut erreichbar waren. Jetzt muss ich kurz an Jimmie Durham und Oswald Wiener erinnern, die gerade gestorben sind, und obwohl mir persönlich nur mehr oder weniger flüchtig bekannt, mir doch auch sehr gut bekannt waren, weil ich sie lesen, rezipieren kann. Auch wenn sie gerade keine Sprach- und Kommunikationsoptimisten waren. Sprache bei Navid Kermani ist weder nur transparent noch grundsätzlich intransparent. Sie ist weder nur Gefängnis noch nur Instrument oder Machtmittel noch erbauliche Erquickung, er findet sie auf eine bestimmte Weise organisiert vor, sie erzielt bestimmte soziale Effekte. Und wie andere Dinge und Bedingungen, die soziale Effekte erzielen, kann man sie auch anders organisieren, auch wenn das noch nicht und schon gar nicht sicher hilft, mit den Toten zu sprechen und den Säugling zu beruhigen. Zwar ist Kermani auch ein religiös geprägter Autor, aber er ist kein Schamane. Allerdings erhöht Religion die Fallhöhe der Toleranz. Wenn ich etwas besonders genau weiß, was andererseits fragil ist, also glaube, habe ich ein besonderes Bedürfnis toleriert zu werden und ich habe es schwerer andere zu tolerieren, die mich nicht tolerieren oder auch nur theoretisch negieren, als ein säkularer (lesen ...)
  • Zuwendung und lange Strecke

    Ein Gespräch über Wirklichkeit im Radio von Holger Schulze und Ingo Kottkamp HS: Zuletzt hörte ich eine Radiosendung, Gardians de la Paix (arte radio 2020; Original | Deutsche Fassung), ein französisches Radiofeature, das einen französischen, Schwarzen Polizisten in Rouen den Rassismus unter seinen Kolleginnen und Kollegen entdecken lässt. Als Hörer habe ich durch die Produktion von Ilham Maad an einem verstörenden Prozess der Entdeckung teil. Die Wirklichkeit sackt uns weg unter den Füßen. Rassismus in Institutionen wird immer wieder thematisiert, sowohl in journalistischen als auch filmischen Arbeiten etwa – doch die Intensität dieses kurzen Stückes, im Original knapp 30 Minuten lang, ließ mich nicht los. Warum ist dieses Feature etwas ganz Besonderes in der Radiowirklichkeit des frühen 21. Jahrhunderts? (mehr …)
  • Kollege kommt schon

    o o 2005 schrieb ich zu anderer Gelegenheit: Rembert Hüser beschäftigt in seinen Texten das Auftreten der Leute, die gerne für eine ganze Institution schreiben: für das Deutsche Haus, die Deutsche Literaturwissenschaft, die Deutsche Geschichte, und noch einige größere Gewölbe. Jemand spricht für das ganze Haus und alle sollen 'uns' sagen. Es geht um eine ganze Reihe von Prominenten. Habermas verteidigt den deutschen Limes gegen den Poststrukturalismus oder was er dafür hält. Lyotard beschwört das Erhabene mit Barnett Newman oder wen er dafür hält. Schirrmacher sucht die deutsche Gegenwartsliteratur und findet sie in der eigenen Gerontokratie. Luhmann besorgt das apokalytisch große Ganze der Systemtheorie und macht dabei komische Bemerkungen zur Frauenforschung. Rainald Goetz reitet für die Pop-Gegenwart von: Disko zu: Disko, und außer Freundetreffen passiert dabei nicht viel. Joschka Fischer möchte, daß sein Farbbeutel-Sakko im Deutschen Museum hängt, aber ihn haben die Flecken so sehr gestört, daß nichts mehr zu sehen ist (selber noch mal schmeißen?). Und auch einige Organe sprechen prinzipiell immer für das Haus: das Jahrbuch der Schillergesellschaft für die Germanistik, die FAZ für Deutschland, der MERKUR für deutsche Leitdifferenzen. (mehr …)
  • Ulrich Gutmair auf der Shortlist für den Michael-Althen-Preis 2021

    Ulrich Gutmairs im Maiheft des Merkur erschienener Text "Kebabträume in der Mauerstadt" ist auf der Shortlist des von der FAZ vergebenen Michael-Althen-Preises. Das freut uns sehr der Essay ist online frei lesbar.
  • Presseschau zum Tod von Karl Heinz Bohrer

    Zum Tod des langjährigen Merkur-Herausgebers Karl Heinz Bohrer, der am 4. August in London gestorben ist, sind zahlreiche Nachrufe erschienen. Hier eine chronologische Übersicht mit Links und markanten Zitaten. Ein Nachruf im Merkur wird folgen. (mehr …)
  • Die Todesmaschine

    Ich bin es inzwischen gewohnt. Nach jedem Vorfall in Haiti, ganz egal welcher Art, versucht man, mich zu erreichen. Früher verschwendete ich noch wahnsinnig viel Zeit darauf, den Journalisten zu erklären, dass ich weit weniger wisse als sie. Mit ruhiger, gesetzter Stimme formulieren sie ihre Anfrage noch einmal. Es ist ihre Art, mir mitzuteilen, dass sie mir nicht glauben. (mehr …)
  • Ausschreibung MERKUR-Preis 2021

    In diesem Jahr wird die Ernst H. Klett Stiftung Merkur zum dritten Mal den 2019 ins Leben gerufenen Merkur-Preis für herausragende Dissertationen vergeben. Für die Auszeichnung infrage kommen Arbeiten aus den Geistes-, Kultur-, Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, deren fachliches, methodisches und literarisches Niveau überdurchschnittlich ist und die ihren Gegenstand aus einer in produktiver Weise unkonventionellen Perspektive in den Blick nehmen. (mehr …)
  • Klagenfurt – So geht es nicht

    Im Juli 2005 fängt alles an. Ich befinde mich gerade auf La Palma und begehe mit 50 Astronomen den zehnten Jahrestag der Entdeckung der ersten Braunen Zwerge, in einem Luxushotel inmitten von Lavawüste und Bananenplantagen mit absurd vielen azurblauen Pools im Hotelgarten und ebenso absurd vielen Badewannen pro Hotelzimmer. Oppenheimer ist da, Nakajima, Rebolo, Jayawardhana, alle großen Namen in der Braune-Zwerg-Branche, eine Woche der großen Gesten, der großen Torten, der großen Besäufnisse und der Saunen mit Seeblick. "Do you fancy a beer?" fragt mich Simon wieder und wieder, während nebenan über Deuteriumbrennen und Molekülwolkenkollaps diskutiert wird. Gliese 229B, der legendäre erste Braune Zwerg, ist nur wenige Lichtjahre entfernt, und damit viel näher als Klagenfurt. Aus diesem durchweg heiterem Himmel erreicht mich die Nachricht von einem "Tex Rubinowitz", der mir vorschlägt, nächstes Jahr am Ingeborg-Bachmann-Wettlesen teilzunehmen. Ich überlege keine einzige Sekunde und antwortete: "Guter Scherz, schöne Grüße, Aleks." (mehr …)
  • Gegen die Lügen

    von

    Vergangene Woche beschuldigten die Zeitungen BILD und WELT die Publizistin und Philosophin Carolin Emcke des Antisemitismus. Der Vorwurf: Sie habe in ihrer Gastrede, die sie beim Grünen-Parteitag gehalten hatte, angeblich Holocaust-Opfer mit Klimawissenschaftler:innen und Virolog:innen verglichen und damit das Leid von Jüdinnen*Juden bagatellisiert. Diese Vorwürfe sind haltlos und unangebracht, und wir stellen uns hinter die Publizistin Carolin Emcke: Keiner ihrer Sätze ist in irgendeiner Weise als antisemitisch zu werten. Die Publizistin hat in ihrer Rede vielmehr darauf hingewiesen, dass bestimmte Gruppen empirisch immer wieder verunglimpft werden: „radikale Wissenschaftsfeindlichkeit, die zynische Ausbeutung sozialer Unsicherheit, die populistische Mobilisierung und die Bereitschaft zu Ressentiment und Gewalt“ führten, so Emcke dazu, dass Gruppen wie z.B. „Feministinnen, „Juden, „Kosmopoliten, „Virolog:innen“ angegriffen und zu Sündenböcken gemacht werden. Auf die gemeinsame kulturelle Textur und politische Form gruppenfeindlicher Ressentiments hinzuweisen bedeutet mitnichten, den Antisemitismus zu verharmlosen oder alles irgendwie gleich, gar beliebig zu behandeln. Im Gegenteil. Solche Betrachtungen klären darüber auf, wie sich Exklusionsdynamiken verflechten, und warnen uns – gerade auch im Lichte des Antisemitismus – vor den Gefahren, dieses nicht angemessen ernst zu nehmen.

    Wir kritisieren scharf die Form der Angriffe auf die Publizistin, die exakt das vollziehen, was Carolin Emcke in ihrem Redebeitrag formuliert und wovor sie zu Recht eindrücklich gewarnt hat: Die Beschädigung der politischen Öffentlichkeit durch mutwillig verzerrte Halbwahrheiten und bösartige Verdrehungen von Sinn, mit dem politischer Streit nicht ausgetragen, sondern ausgehöhlt wird.

    Die Springer-Presse sowie einige Politiker:innen diffamieren nicht nur eine der wichtigsten Stimmen dieses Landes, die nachweislich – man lese jeden einzelnen Text und höre jede Rede der Publizistin - unermüdlich gegen Antisemitismus, Rassismus, sexualisierte Gewalt oder Homophobie, gegen überhaupt alle Spielarten demokratiefeindlicher Menschenfeindlichkeit anschreibt, spricht und kämpft. Sie untergraben mit diesen aus dem Zusammenhang und aus der Luft gerissenen Vorwürfen den eigentlichen wichtigen Kampf gegen den Antisemitismus. Es ist bei weitem nicht das erste (und sicher nicht das letzte) Mal, dass sich Medien (insbesondere des Springer-Verlags) dieser Methode bedienen: Zitate werden aus dem Zusammenhang gerissen und in neue Kontexte gesetzt, die Deutungshoheit über den Antisemitismus wird an sich gerissen. Damit wird der Antisemitismus-Begriff instrumentalisiert, missbraucht, also entwertet. Dies zeigt einmal mehr, wie hohl die beständig wiederholte Behauptung ist, dass sich die Medien des Springer-Konzerns konsequent gegen Antisemitismus einsetzen würden. Tatsächlich nämlich dient das vermeintliche Eintreten gegen Antisemitismus als Alibi für ressentiment-schürende, teilweise regelrecht hetzende Berichterstattung gegen Muslim:innen, Geflüchtete - oder, wie in diesem Fall, gegen Menschen, die politisch nicht rechts stehen. Das Leben von Jüdinnen*Juden - unser Leben - wird dabei lediglich als Munition in einem herbeigeschriebenen Kulturkampf genutzt. So wird ein Klima der Gewalt und des Misstrauens erzeugt.

    Das absichtliche (und wiederholte) Missverstehen, die Verzerrung und Verdrehung von Tatsachen und die Lüge als mediale Methoden untergraben jeden sachlichen Diskurs und gefährden die Demokratie in diesem Land. Dass dies jüdische Menschen ebenso wie andere Minoritäten bedroht, ist eine der historischen Lehren, denen wir verpflichtet sind.

     

    14. Juni 2021

    Unterzeichner:innen

    Lena Gorelik, Autorin, München Paula-Irene Villa Braslavsky, Soziologie / Gender Studies, München Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Frankfurt am Main Fabian Wolff, Autor, Berlin Emily Dische-Becker, Journalistin, Berlin Micha Brumlik, Seniorprofessor am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin Brandenburg Max Czollek, Autor, Berlin Aaron Altaras, Schauspieler, Berlin Alexa Karolinski, Filmemacherin, Berlin Bella Lieberberg, Fotografin, Berlin (lesen ...)