• Uns ist doch Beckett versprochen. Zur Eröffnung der Dercon-Volksbühne

    Vor dem Beginn hat es begonnen. Man kommt da rein, draußen alles wie immer, oder fast: kein Räuberrad mehr, OST ist zum Gorki gezogen, etwas macht Krach. Gitarre, Verstärker, die Volksbühne bebt, ein wenig, dazu flackert das Licht, geht an, aus, kennt Zwischenzustände. Die Toilettentüren stehen offen, nur von da, ausgerechnet vom Abort, kommt das einzige beständige Licht. Ungemütlich ist das, unheimlich fast, man kann sich nicht richtig unterhalten, man kann die Leute um einen nicht richtig erkennen, man weiß nicht genau, ob das dazugehört oder nicht. Und was ist das "dazu", zu dem was auch immer gehört? Das Programm, das man bekommt, ein Faltblatt, ist gar kein Programm. Nennt nur Punkte, keine Abfolge, keinen Zeitplan. Wie das zusammengehört, wird einem nicht zusammengereimt. Wann es losgeht, wann es weitergeht, wann was genau losgeht, wann was genau weitergeht, wird einem nicht vorher gesagt. Also wartet man. Die Unsicherheit ist konstitutiv. (mehr …)
  • Sechs Tage, die den Nahen Osten veränderten. Vor 50 Jahren siegte Israel im Junikrieg

    Vor 50 Jahren, vom 5. bis zum 10. Juni 1967, fand der Sechstagekrieg statt. So nennen die Israelis ihn nicht nur deshalb, weil sie in kürzester Zeit drei arabische Staaten besiegten – Ägypten, Syrien und Jordanien –, der Name hat auch eine tiefere Bedeutung. Er spielt auf die sechs Tage des biblischen Schöpfungsberichts an und bringt ein Gefühl zum Ausdruck, dass mit diesem Krieg etwas völlig Neues begann. (mehr …)
  • Auch Israel hatte eine Neue Linke. Lutz Fiedlers Buch über Matzpen

    In Israel ist „links“ zu einem Schimpfwort geworden. Die Diffamierung breitet sich nicht nur in den Internetforen aus, wirksam und gefährlich ist sie vor allem, weil sie zur offiziellen Rhetorik gehört und von entsprechenden Regierungsmaßnahmen begleitet wird. Kritische Medien werden von höchster Stelle beanstandet, Kulturinstitutionen fügen sich einer mehr oder minder spürbaren Zensur oder werden fiskalisch abgestraft, das Parlament legt Gesetze vor, die unliebsame Urteile des Obersten Gerichtshofes umgehen sollen. (mehr …)
  • Vielbeachtete Intellektuelle der Gegenwart: Hohe Kultur? (Hohe Kultur 9)

    Ein wichtiger historischer Zug der Bestimmung ‚hoher Kultur‘ lag in der genauen Angabe ihres Gegenteils – meist als ‚Massenkultur‘ (seltener als ‚populäre Kultur‘) bezeichnet. ‚Massen‘ können keine oder allenfalls eine mindere Kultur besitzen, das steht für bildungsbürgerliche Anhänger der hohen Kultur lange fest. Nur Sozialisten und Kommunisten wollen mitunter das ‚bürgerliche Erbe‘ auch den ‚Massen‘ nahebringen, alle anderen Anhänger bildungsbürgerlicher ‚hoher Kultur‘ sehen vielmehr im ‚Volk‘ jene Instanz, die dereinst an die hohe Kultur herangeführt werden oder sie sogar revitalisieren könnte – falls sie nicht grundsätzlich solche volkspädagogischen Bemühungen entweder als illusorisch zurückweisen oder elitär missbilligen. (mehr …)
  • Mer.kulturabend: Memoir – Neue Formen von Autobiografie/Autofiktion

    argonautenAm 27. Oktober diskutieren Hanna EngelmeierJan Wilm und Ekkehard Knörer über neue Formen autobiografischen/autofiktionalen Schreibens, die häufig unter dem Genre-Begriff "Memoir" gefasst werden. Ein Anlass ist das Erscheinen von Maggie Nelsons bei Hanser Berlin veröffentlichtem Buch Die Argonauten in der Übersetzung von Jan Wilm. Der Ort: Die Redaktion des Merkur in der Mommsenstraße 27 in Berlin-Charlottenburg. Die Zeit: 19 Uhr. Wegen begrenzter Plätze bitten wir um Anmeldung bei redaktion@merkur-zeitschrift.de
  • Apropos Bewunderung. Zur Debatte um die Verwendung von Eugen Gomringers Konstellation „avenidas“ an der Hausfassade einer Berliner Hochschule

    Die jüngste Debatte um Eugen Gomringers Gedicht avenidas begann mit einem offenen Protestbrief der Studierendenvertretung der Alice-Salomon-Hochschule, der die Wahl des 1953 veröffentlichten und 2011 an der Südfassade der Hochschule angebrachten Gedichts kritisiert. Die Studierenden verlangten vom Akademischen Senat (1) eine Begründung der Gedichtauswahl und (2) eine Diskussion über die Entfernung/Ersetzung an der Hausfassade. Zwar würde sich das Sicherheitsgefühl für Frauen, das in der Umgebung der Hochschule nicht gegeben sei, dadurch nicht erhöhen, jedoch wäre es ein „Fortschritt“, wenn die Wahrnehmung der Frau als Objekt der Bewunderung nicht poetisch an der Hausfassade gefeiert würde, wie dies in avenidas ihrer Meinung nach geschehe. (mehr …)
  • Genderwechsel: Zu Thomas Ostermeiers Inszenierung von Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“

    Dokumentarische Filmaufnahmen sind auf den Bühnenhintergrund projiziert. Ansichten der Stadt Reims im Nordosten Frankreichs. Arbeiterviertel und leerstehende Fabrikgebäude. Kulissen also, die Eribon in seinem autobiografischen und soziologischen Buch beschreibt. Thomas Ostermeiers Inszenierungseinfall für die Dramatisierung von Rückkehr nach Reims, die im Sommer in Manchester Premiere hatte und nun in Berlin zu sehen ist: In einem Aufnahmestudio werden Teile von Eribons Text als Off-Kommentar zu den im Hintergrund laufenden Filmbildern eingesprochen. Diskussionen zwischen Schauspielerin, Regisseur und Tontechniker unterbrechen den Sprach- und Bildfluss. Auseinandersetzungen über Kürzungen im Text oder das hier entstehende Verhältnis zwischen Bild und Text. (mehr …)
  • Immer Ärger mit Paul. Kino, Rassismus, Diversität (2)

      In seiner Dokumentation Als Paul über das Meer kam begleitet Jakob Preuss Paul, einen Migranten aus Kamerun, auf seinem Weg nach Deutschland. Sie lernen sich in einem Lager vor Mellila kennen, der spanischen Enklave in Marokko, wo Paul auf die Gelegenheit einer Überfahrt nach Europa wartet. Anfangs filmt Preuss im Lager, dann wechselt er auf die spanische Seite. Preuss zeigt, wie die Migranten an dem Zaun hängen, der Melilla von Marokko trennt, von Polizisten mit Schlagstöcken runtergeprügelt und dann durch die Zäune wieder zurück auf die andere Seite geschafft werden. In diesem Moment dachte ich mir: Irgendetwas stimmt nicht mit der Art, auf die er das filmt. Aber was? (mehr …)
  • Körpersprache als Lösungsmittel

    A Dancer's Day von und mit Boris Charmatz eröffnet die neue Volksbühnen-Spielstätte Hangar 5

    Erst wurde mit Boris Charmatz‘ Fous de danse am 10. September 2017 die symbolisch-rituelle Öffnung des alten Flugfeldes für die Volksbühne gefeiert – mit einem ganzen Tag „Ringelpietz am Rosinenbomber“. Auf die „Eventchoreografie mit Volksfestcharakter“ folgte Charmatz‘ 390 Minuten langes soziales Event A Dancer’s Day zur Eröffnung der zukünftigen Spielstätte Volksbühne Tempelhof Hangar 5. Das meiste davon: interaktiv. Das „Stadt-Theater ohne Grenzen“, wie es im Programm dieser Volksbühne heißt, möchte sich durch Mitmachen zur politischen Aktion erheben. Heißt hier konkret, das weiße Weißweinvolk der Berlin Art Week abzuholen und zum gegenseitigen Beschnuppern zu animieren. Wie bei Performances der Kunstwelt üblich, heißt es auch, dass viele instagrammierende Smartphone-User sich ihr Dasein gegenseitig belegen. (mehr …)
  • Immer Ärger mit Otto. Kino, Rassismus, Diversität

    In „Lucky Loser“, der Komödie von Nico Sommer, treibt Mike (Peter Trabner) einen Wohnwagen auf und fährt mit seiner fünfzehnjährigen Tochter Hannah (Emma Bading) auf einen Campingplatz in Brandenburg. Dort lotst sie auch ihren Freund hin, Otto (Elvis Clausen). Irgendwann steht Otto in der Tür des Wohnwagens. Und für diesen kurzen Moment dachte ich - nice. (mehr …)