• Über Hochschulproteste 2024/1968

    In der bundesdeutschen Geschichte haben Studentinnen und Studenten schon einmal die Gesellschaft derart in Atem gehalten, dass sie seitdem zwangsläufig als Vergleichsfolie herhalten müssen, wann immer sich an Universitäten etwas regt. Der Historiker Wolfang Kraushaar hat deshalb zuletzt in einem Interview die derzeitigen Proteste und die Bewegungen gegen den Vietnamkrieg, Notstandsgesetzgebung und Nazikontinuitäten verglichen, um Ähnlichkeiten herauszustellen, aber vor allem Unterschiede zu betonen. (mehr …)
  • Gegenseitiger Monolog mit Salomon Maimon

    I. Als ich die Schriften von Salomon Maimon entdeckt habe, ist mir aufgefallen, dass die Art und Weise, wie Maimon mit anderen spricht, sich prinzipiell unterscheidet von der Art und Weise eines Gesprächs, wie wir es gewohnt sind. Irgendwann hatte ich die Idee, einmal nachzuschlagen, wie eigentlich der Fremdwörterduden den Begriff ›Dialog‹ definiert. Und dort steht tatsächlich: »Dialog […]: Gegenseitiger Monolog.«[1] Diese Definition ist apart, aber vielleicht muss man die Duden-Redaktion auch in Schutz nehmen: Es war ja nur ihre Aufgabe zu definieren, was ein Dialog ist, und es war nicht ihre Aufgabe zu definieren, was ein gelingender Dialog ist. (mehr …)
  • Entspannte Verhältnisse

    In der FAZ-Ausgabe vom Mittwoch schreiben Susanne Schröter und Ulrich Morgenstern: „Die Wurzeln der postkolonialen Theorie reichen bis in die antikolonialen Bewegungen zurück, die Gelehrte wie Léopold Sédar Senghor (1906 bis 2001), Aimé Césaire (1913 bis 2008) und Frantz Fanon (1925 bis 1961) hervorbrachten. Sie alle schrieben gegen den europäischen Kolonialismus an und hatten eine ambivalente Beziehung zu Frankreich, dem Land, in dem ihre wissenschaftlichen und politischen Karrieren begannen. Senghor, der von 1960 bis 1980 Präsident des postkolonialen Senegal wurde, nahm eine entspannte Haltung zum Westen ein, was ihm von Linken den Vorwurf einbrachte, im Sinne des Neokolonialismus zu handeln. Senghors Publikationen sind aus den Leselisten postkolonial orientierter Dozenten verschwunden. Die Schriften des unversöhnlichen Kommunisten Césaire und des vom Algerienkrieg traumatisierten Fanon gehören hingegen zum Literaturkanon derjenigen, die den Westen gern als Inkarnation des Bösen darstellen.“ (mehr …)
  • Kritische Anmerkungen zum herrschenden „N-Wort“-Diskurs

    Vorbemerkung der Redaktion: Die Autorin und der Autor hatten den Text konsequent mit Doppelpunkt als Gender-Sonderzeichen verfasst. Das entspricht nicht dem Merkur-House-Style und ist entsprechend geändert, gelegentlich in Doppelformen aufgelöst, öfter auch nicht.   Einleitung[1] Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus im deutschsprachigen Raum ist heute besonders wichtig, nicht zuletzt, weil vor allem der Antiziganismus, Antijudaismus/Antisemitismus sowie der antimuslimische und antischwarze Rassismus Hochkonjunktur haben. Das Ausmaß des Letzteren wurde jüngst u.a. in dem Bericht „Being Black in the EU“ (2023) der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte ermittelt. Der Bericht hält fest, dass der Rassismus gegenüber Schwarzen in den letzten fünf Jahren unverkennbar zugenommen hat. (mehr …)
  • Die neue Ordnung der Liebe – Merkur-Preisverleihung am 25.4.2024

    Der mit 3000 Euro dotierte Merkur-Preis 2023 geht an den Soziologen Thies Hansen für seine Dissertation Die neue Ordnung der Liebe. Liebesformen unter den Bedingungen von Kontingenzkultur und Konkurrenzgesellschaft. Die Preisverleihung mit einer Vorstellung der Arbeit und einer anschließenden Diskussion findet im kleinen Rahmen in den Redaktionsräumen des Merkur statt. Wir laden herzlich dazu ein. Für die Planung bitten wir um Anmeldung unter redaktion@merkur-zeitschrift.de Datum: 25. April, 18 Uhr Ort: Redaktion des Merkur, Mommsenstraße 27 in Berlin-Charlottenburg
  • Video: Sebastian Huhnholz über Jürgen Habermas

    Der Politikwissenschaftler Sebastian Huhnholz empfiehlt „Verrufener Fortschritt – verkanntes Jahrhundert“ von Jürgen Habermas. Der im Mai 1960 publizierte Text gehört wohl zu den bekanntesten Buchrezensionen in der Merkur-Geschichte. Habermas nimmt drei geschichtsphilosophische Bücher von Peter F. Drucker, Reinhart Koselleck und Hanno Kesting zum Anlass für eine eindringliche Mahnung vor neurechten Tendenzen in der jungen Bundesrepublik, die wichtige Grundfragen seines zwei Jahre später erscheinenden „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ vorwegnimmt.

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  • Vulgär allzumenschlich: Fischer von Erlach

    Wer über die anspruchsvolle Treppe zur Ausstellung steigt, weil man vor dem Besuch dieser Ausstellung erst einmal innehalten und sich sammeln mag, mit vielleicht einem schwarzen Verlängerten im Café mit der umlaufenden Aussichtsterasse des hervorragend umgebauten und erneuerten Wienmuseums, der stößt, die Treppen noch in den Oberschenkeln, auf einen weiten Raum in flacher U-Form mit effektstarker Ausstellungsarchitektur und in Sonderheit, wenn man vielleicht effektskeptisch den Blick ausweichen lässt, rechterhand auf einen nicht sehr großen Spiegel.  (mehr …)
  • Verbiegung eines Lebenswegs. Zu Durs Grünbeins „Der Komet“

    Durs Grünbeins viel gelobtem Buch Der Komet etwas Abträgliches nachzurufen, könnte nach Missgunst aussehen. Dass man sich von dem Buch eingenommen und bereichert finden kann, ist auch überhaupt nicht zu bestreiten. Was jedoch, wenn das Lob seiner Wirklichkeitstreue auf einer Täuschung beruht, wenn es den Lebensweg der „einfachen Frau bis zum Untergang Dresdens“, von dem es handelt, Grünbeins Großmutter Dora Wachtel, in maßgeblichen Partien nicht gegeben haben kann, nicht gegeben hat? (mehr …)
  • Enorme Streuung. Zur Ausstellung „History Tales“ in Wien

    Ein kleiner Bildschirm steht auf einem Sockel, es läuft die Videoaufnahme einer Liveperformance, die zwischen 1977 und 1981 von Eleanor Antin produziert worden ist und in der es um Eleanor Nightingales Engagement im Krimkrieg geht, dem von 1853 bis 1856. Dieses Video hat eine Dauer von 64 Minuten, einen Stuhl gibt es nicht, anscheinend geht man nicht davon aus, dass Besucher dieses Kunstwerk als Ganzes kennenlernen und genießen wird, sondern es steht hier für etwas, dass es nicht selbst ist, nämlich die Exemplifikation der Aussage „wie die Fotografie der Malerei den Rang abläuft“ (so der Sektionstitel), was aber natürlich nicht sein kann. Man ist etwas ratlos. (mehr …)
  • Merkur im Gespräch: David Gugerli und Hans-Jörg Rheinberger

    Im Jahr 2023 fand jedes Heft des Merkur mit einem Text des an der ETH in Zürich lehrenden Technikhistorikers David Gugerli seinen Schluss. Es ging, an wechselnden Gegenständen, um das Verschwinden. Daher nun auch der Titel des gerade im Verlag Chronos erschienenen Buchs, das die Schlusskolumnen im Hardcover bündelt: Vom Verschwinden der Technik. Wir freuen uns sehr, am 1. Februar David Gugerli in den Räumen der Redaktion begrüßen zu dürfen. Und zwar zum Gespräch mit dem seinerseits eminenten Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Reinberger über das Buch, seine Gegenstände und Themen. Der Eintritt ist frei, Beginn 18 Uhr, über Anmeldung unter redaktion@merkur-zeitschrift.de würden wir uns freuen.