• Mehr Desorientierung: Wozu und worin die Geisteswissenschaften gut sind

    In den letzten Monaten stieß ich immer wieder auf Textpublikationen, in denen die Wichtigkeit der Geisteswissenschaften (humanities) angesichts von Trump, Populismus, Autoritarismus, fake news und alternative facts (vulgo: Lügen) betont wurde – nicht zuletzt, weil Trump die Geisteswissenschaften, da sie nicht in sein als Politik getarntes Geschäftsmodell passen, gerne auf den Müllhaufen der Geschichte befördern würde (und entsprechende Anstrengungen unternimmt). Vermutlich ist er an einem entsprechenden Entsorgungsunternehmen beteiligt. (mehr …)
  • Wir sind nicht Leitkultur

    Birte Förster (@BirteFoerster): Ich wache am Sonntagmorgen auf und lese wieder einmal, das Land brauche eine „Leitkultur“. Der Text des Innenministers zielt auf Ähnlichkeit, er entwirft einen homogenen kulturellen Handlungs- und Haltungskatalog, in dem ich – das protestantische Kind zweier deutscher Bildungsaufsteiger – mich kaum wiederfinde, nicht als Demokratin, nicht als Frau, und als Historikerin erst recht nicht. Wir haben doch längst eine Grundlegung unseres Zusammenlebens – dass wir uns alle ähnlich sein müssten, steht ausdrücklich nicht im Grundgesetz. Es schützt vielmehr kulturelle, politische und religiöse Vielfalt, es schützt vor dem Zwang zur Ähnlichkeit, zur Homogenität, wie ihn der NS-Staat vorschrieb. Ein Mensch, so formulierte es Carolin Emcke in einer ihrer SZ-Kolumnen, muss mir eben nicht ähnlich sein, um die gleichen Rechte wie ich zu haben. Der eigene Lebensentwurf ist immer nur einer von vielen, zugleich besteht kein Recht darauf, in den eigenen Haltungen nicht auch einmal irritiert und herausgefordert zu werden, nur weil man sich als Teil eines kollektiven „Wir“ wähnt. (mehr …)
  • Richtigstellung

    Polemische Auseinandersetzungen wollen und sollen mit aller Schärfe geführt werden. Doch Kritik muss sich gerade dann, wenn man die Positionen des Gegenübers ablehnt, an das Gesagte und Geschriebene halten. Das gilt umso mehr für politisch heikles Terrain. Im Essay Für eine Politik der Geldpolitik im aktuellen Heft, Merkur 816, schrieb Danilo Scholz dem Soziologen Wolfgang Streeck fälschlicherweise eine Aussage zu, die der Staatsrechtler Dietrich Murswiek getätigt hat. Streeck behauptete in seinem FAZ-Artikel vom 3. Mai 2016 nicht, dass durch Merkels Flüchtlingspolitik „aus der nach Sprache, Kultur und Geschichte deutschen Mehrheitsbevölkerung eine multikulturelle Gesellschaft ohne einheitliche Sprache und Tradition“ wird.
  • Etwas ist geschlachtet worden. Michaela Eichwald: FRANK

      Michaela Eichwalds Ausstellung begrüßt den Besucher mit einem großformatigen Gemälde, auf dem Wappentiere auf blau-weiß gestreiftem Grund zu sehen sind. Eine Schmierspur aus Gelb und Rostbraun verrät, dass man Bilder erwarten darf, die nur auf den ersten Blick wie Stillleben erscheinen, die zwar Gegenstände zeigen, aber immer auch Bewegungen und Ereignisse, die über diese Gegenstände hinweggegangen oder ihnen zugestoßen sind. Sind diese Wappentiere auch bloße Konturen, steif also fast ungelenk auf die Streifen gezeichnet, werden sie doch von etwas, das nicht weiter bestimmt wird, umgetrieben und berührt. So heißt die Arbeit denn auch Frank und Pflaumi haben einen Traum. (mehr …)
  • Semesterende

    Nach der ganzen Politaufregung vom Wochenende fiel mir beim Lesen des FAZ-Artikels von Magnus Klaue, dem Kaiser der Antideutschen, dem in Sachen Popkulturdurchdringung und -liebe nur Diedrich Diederichsen das Wasser reichen kann, wieder mal auf (auch wenn’s im Text um Tumult ging und warum die den Islam und Konsum anders doof finden als Klaue): Über Techno kann man eigentlich nur auf Deutsch schreiben und zwar am besten im Ton meiner alten Grundschullehrerin, vor der ich mal antanzen musste, weil ich beim Bäcker im Dorf so salziges Lutschegummi habe mitgehen lasse, jaja kein Wunder, dass man dann zwischenzeitlich in gefährliche Nähe zur Linkspartei, damals noch PDS, Naumburg geriet, diese Diebstähle sind ja die Einstiegsdroge in den Sozialstaatsbetrug, kurzum: das macht der Tim Sweeney mal wieder richtig PRIMA mit seinem Zwei-Stunden-Mix in seiner Sendung Beats in Space: ganz schwül ist die Musik, aber immer schön druckvoll, nicht so plattmachend wie ein Sommerabend, sondern nach vorne drückend, weißte wie, so dass man immer ein bisschen kichern muss, und irgendwann, bei 1h04min spielt er dann ein Lied, das erinnert mich an das Frankreich der achtziger Jahre, das ich gar nicht kenne, aber das dennoch ein Ort der Sehnsucht ist, vergangene Zukunft, die ersten TGVs, in denen man auf dem Walkman so entrückte Edel-Disco-Mucke hört und ganz fest überzeugt ist davon, dass Arbeit des Menschen unwürdig ist und Eleganz seine, ihre, eure Berufung; Nostalgie, sagt ihr? Ja, wer macht denn die neuen ICEs jetzt wieder langsamer im Merkelland, bei uns fahren die TGVs noch locker mit 300 Kilometer pro Stunde, ich werde jetzt auch immer wir sagen, wenn ich über Frankreich und die Franzosen spreche, das habe ich von Sepp „The Depp“ Gumbrecht gelernt, der macht das auch immer so, wenn er die USA dafür lobt, dass sie militärisch und kulturell so viel leisten; und war sonst noch irgendwas? Naja, die letzte Sitzung meiner Vorlesung heute an der Sciences Po über die Ideengeschichte der Grenze, super Truppe mal wieder, angenehmst international, letzte Prüfungstexte zurückgegeben, ein paar bemerkenswerte Rechtschreiboriginalitäten – Fehler gibt’s bei mir in der Montessori-Waldorf-Strukturreform-Schule nicht – kamen zum Vorschein, sind das schon Zeichen für „Asia Rising“, wenn die Studis mir was über den „espace Shenghen“ erzählen wollen? Ich weiß es nicht, was ich aber weiß, ist dass es ein bisschen gehässiger wird im europäischen Abstiegskampf und das manchmal ermüdet, unendlich ermüdet, deswegen gehe ich auch gleichs ins Bett, aber irgendwann gehen Birthe und ich dann nach Asien, am besten nach Japan, Kyushu, um genau zu sein, von dort lässt sich das Ende der Gedichte am besten verfolgen, könnt ihr ja mal drüber nachdenken, wenn ihr den Tim Sweeney-Mix hört, aber ein Haiku war das jetzt nicht, oder?
  • Priceless. Die hohe Kultur und das Geld (Hohe Kultur 5)

    Teil 5 der Serie von Merkur-Blog und pop-zeitschrift.de (eins / zwei / drei / vier) Die hohe Kultur war und ist immer auch ein Geschäft. Sie ist in mehrfacher Hinsicht wertvoll. Doch die ökonomischen Operationen der Wertschöpfung von hoher Kultur bleiben im Hintergrund. Hohe Kultur ist wertvoll, hat aber am besten keinen Preis und auf jeden Fall kein Preisschild. Sie ist, und das erinnert nicht zufällig an die schöne Werbung von MasterCard, unbezahlbar. Momente, in denen ausbuchstabiert wird, was die Hohe Kultur wert sei, sind deshalb besonders aufschlussreich. Ein solcher Moment ereignete sich 1816, als das britische Unterhaus über den Ankauf des von Lord Elgin geraubten Skulpturenfries aus dem Parthenon Tempel in Athen diskutierte. (mehr …)
  • Die Verachtung der populären Kultur durch die Neuen Rechten (Hohe Kultur 4)

    Teil 4 der Serie von Merkur-Blog und pop-zeitschrift.de (eins / zwei / drei) Auf YouTube gibt es ein etwa 17-minütiges Video, das den Titel „The Truth about Popular Culture“ trägt. Es ist Teil einer ganzen Reihe von Filmen auf dem Kanal von Paul Joseph Watson, die dazu dienen sollen, vermeintliche Lügen zugunsten der „Wahrheit“ aufzudecken. Man kann von Verschwörungstheorien im YouTube-Format sprechen. Watson ist ein selbstbewusster und erklärter Vertreter der sogenannten Neuen Rechten, wobei die Konzeption dieser politischen Strömung nicht genau definiert werden kann. Er kommt aus Großbritannien, doch seine Filme und Texte dienen meist der Unterstützung und Verteidigung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Neben seinem YouTube-Kanal, der beinahe 800.000 Follower zählt, schreibt er regelmäßig für Alex Jones’ Webseite infowars.com, eine der populärsten Plattformen für „Fake News“ in Amerika. (mehr …)
  • Merkur-Gespräche 8: Sind die Museen überfordert? Vom Nutzen und Nachteil des Sammelns für das Leben

    Die öffentlichen Museen in Europa sind fast ausnahmslos aus Sammlungen hervorgegangen, zu denen zuvor nur ein beschränkter Personenkreis Zugang hatte. Im Museum konnten diese einem breiten Publikum permanent zugänglich gemacht werden. Noch immer bildet die eigene Sammlung den Lebensnerv der allermeisten Häuser. Allerdings haben sich die Gewichte im Lauf der Geschichte massiv verschoben. Seit dem musealen Gründungsboom des 19. Jahrhunderts, mit dem der Generalauftrag zur ständigen Erweiterung der bestehenden Sammlungen einherging, sind die Bestände stetig angewachsen, zugleich kamen (und kommen) immer wieder neue Sammlungsfelder hinzu. (mehr …)
  • Elphi – oder Hochkultur als Subventionsbetrug (Hohe Kultur 3)

    Teil 3 der Serie von Merkur-Blog und pop-zeitschrift.de (eins / zwei) Von Hochkulturen bleibt oft nichts anderes zurück als die beeindruckenden Ruinen ihrer Prestigebauten: die Zikkurate von Ur, die Cheops-Pyramide, Angkor Wat, Machu Picchu, der Pergamon-Altar. Oder die Hamburger Elbphilharmonie. Die Besucherinnen strömen, um das „Juwel der Kulturnation“ (Bundespräsident Gauck in seiner Eröffnungsrede) zu bestaunen. Für 2017 sind alle Veranstaltungen ausgebucht. Menschen sind sogar bereit, sich zeitgenössische Musik anzuhören, nur um einen Blick in das Sanctum Sanctorum werfen zu können: der große Saal mit seiner „Weltklasse-Akustik“. (mehr …)
  • Lob der Autonomie. Zu Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“

    „Coming-out-Geschichten sind Migrationsgeschichten“, schreibt Dirck Linck im Merkur. Vor dieser Migration des Herauskommens kennt das Triebschicksal eine sehr lange Phase der Einkehr in Gestalt einer Art von innerer Emigration. In ihr verwandeln wir uns langsam, aber sicher in eingeborene Komparatisten. Es bleibt individuell sehr verschieden, wie lange diese Verpuppungsphase dauert. Tatsächlich werden wir für uns selbst in dieser Zeit Subjekt und Objekt von Käferkunde. Nicht dass uns ein Schmetterlingsjäger, hieße er nun Jürgen Bartsch oder Ernst Jünger, vor Abschluss dieser Phase aufspießte und mumifizierte! (mehr …)