• Wirecard und die FAZ

    In Frankfurt wird im Sitzen gearbeitet, und zwar auf dem hohen Ross. Derart gesattelt versteht sich die FAZ auf die seltene Kunst des Ausmistens von oben herab, gleichsam ohne Bodenkontakt. Genug zu tun gab es in den letzten Wochen: Das Unternehmen Wirecard hat sich als Saustall erwiesen. In ihrem Leitartikel vom 19. Juni 2020 forderte Inken Schönauer daher drastische Konsequenzen: „Wirecard gehört nicht in den Dax. Das Unternehmen gehört nicht an die Börse, und ob es überhaupt noch eine Berechtigung am Markt hat, darüber werden Kunden und am Ende vielleicht sogar Gerichte entscheiden.“ Markus Braun, der „Mann an der Spitze“, sei „fehl am Platz“. Inzwischen ist der Vorstandsvorsitzende zurückgetreten, festgenommen und wieder aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Das Unternehmen hat heute Insolvenz angemeldet – eine traurige Premiere für ein Dax-Unternehmen. (mehr …)
  • Der Pflegekrieg

    Als Emanuel Macron sich Mitte März in einer Fernsehansprache an die französische Nation wandte, erklärte er einem Virus den Krieg. Innerhalb weniger Minuten wiederholte der Präsident das Wort „Krieg“ sechs Mal[1] und etablierte damit die offizielle Rahmenerzählung für die unheimlichen Vorgänge der Covid-19-Pandemie. (mehr …)
  • Holocaust und Tiersmondisme

    Wenn man aus der sog. „Mbembe-Debatte“, die sachlich noch weniger mit Geschichtswissenschaft zu tun hatte als der „Historikerstreit“ der 1980er Jahre, etwas lernen kann, dann zum Verhältnis der großen historischen Katastrophen Kolonialismus, Rassismus und Antisemitismus, genauer: zu deren methodisch sauberer Komparatistik, und zur Entstehung des Postkolonialismus. Mein Bezug dazu ist fast lebensgeschichtlich, nämlich die Parallelität der „Entdeckungen“ des Mordes an den europäischen Juden und der „Dritten Welt“ in den 1960er Jahren, als die beiden „Fälle“ – Entkolonialisierung und Holocaust – schon häufig überquer verliefen. (mehr …)
  • Die Hände machen einfach von selbst weiter

    Igor Levit spielte die gesamten Vexations von Erik Satie, zwanzig Stunden lang – so war es geplant –, im Aufnahmestudio b-sharp in Berlin-Pankow, am 30. und 31. Mai 2020: »I honestly don’t really know what is going to happen. But I believe I will feel, while doing it, kind of similar to what I go through now. There will be ups, there will be downs, there will be devastation, there will joy, there will be literal pain. Just this monotonic repetition of just the same thing, of a piece which in a way has no apparent musical content—just this staring at a wall, waiting, waiting. At some point, you lose the perspective of time—like now. You lose the perspective of an end—like now. I think at some point I will lose the hope that this will ever end—like now. Maybe I won’t make it. It’s just about surviving. Like now.« (mehr …)
  • Leser/innen-Umfrage

    Sehr geehrte Leserinnen und Leser des MERKUR, Ihre Meinung interessiert uns. Warum lesen Sie den MERKUR, welche Themen interessieren Sie besonders und welche kommen zu kurz? Wir würden uns freuen, wenn Sie an unserer kleinen Leser/innen-Umfrage teilnehmen möchten. Als Dankeschön verlosen wir unter allen Teilnehmer/innen drei MERKUR-Jahresabos – für Sie selbst oder zum Verschenken – sowie zehn unserer begehrten MERKUR-Tragetaschen. Hier geht es zur Umfrage. (mehr …)
  • Massenerziehung zum solidarischen Handeln

    In vielen Ländern, die von der Corona-Pandemie stark betroffen sind, haben die Behörden Ausgangssperren verhängt: In Norditalien durfte vom 8.3.2020 bis zum 3.5.2020 niemand mehr seine Wohnung verlassen, der keinen triftigen Grund vorzuweisen hatte. In Spanien wurde am 13.3.2020 eine bis 2.5.2020 währende Ausgangssperre ausgerufen. In der Türkei wurde am 22.3. allen Bürger*innen unter 20 bzw. über 65 Jahren bis auf weiteres verboten, die Straße zu betreten, zudem wurden immer wieder komplette Ausgangssperren für die bevölkerungsreichsten Provinzen verhängt, die – aus wirtschaftlichen Erwägungen – auf (lange) Wochenenden begrenzt waren. All diese Maßnahmen ließen sich leicht polizeilich kontrollieren. Wenn überhaupt jemand aus dem Haus gehen wollte oder musste, benötigte diese Person, wie etwa in Norditalien, eine schriftliche Erlaubnis der Behörden. Als sich in Deutschland die Landesregierungen unter der Koordination der Bundeskanzlerin gegen eine Ausgangssperre und für das Kontaktverbot entschieden, haben sie hingegen die Weichen für eine konzertierte Version der Massenerziehung gestellt. Eine Ausgangssperre hätte sich, wie in den anderen Staaten, mit Polizeigewalt weitgehend erzwingen lassen – gleich ob die Betroffenen einsichtig sind oder nicht. Das Verbot physischer Nähe aber ließ sich kaum alleine mit Strafen und ihrer Androhung durchsetzen. Kontaktverbot und Massenerziehung Die Regierungen der Länder waren vielmehr darauf angewiesen, dass die Menschen selbst bereit sind, auf Abstand voneinander zu gehen. Die politischen Entscheidungen, Appelle und Maßnahmen in den folgenden Wochen haben gezeigt, dass Bundeskanzlerin Merkel und die Ministerpräsident/innen dies aber nicht dem Zufall oder der spontanen Einsicht des Einzelnen überließen. Sie setzten auf die politische Erziehung der Bevölkerung. Denn Handlungsbereitschaften, die sich nicht von selbst einstellen, muss man – das ist das Credo jedes Erziehers und jeder Erzieherin – aktiv herbeiführen. (mehr …)
  • Waldgang mit Ramelow

    I Moritz Rudolph ist ein fleißiger Autor – kaum hatte ich die Information, der Weltgeist sei im Grunde ein Lachs, verdaut, erschien im Aprilheft des Merkur ein neuer Essay von ihm, über „Thüringen als politisches Formproblem“. Als jemand, der in Eisenach geboren wurde und in Weimar aufwachsen musste, war ich sofort interessiert.  (mehr …)
  • Corona – die Unfähigkeit zu lernen?

    Alle Gesellschaften - reich oder arm werden mit dem Diktum 'lernen oder untergehen' konfrontiert, auch wenn vielleicht einzelne sich nicht unmittelbar bedroht fühlen. Innovatives Lernen ist für eine Gruppe ganz besonders unerläßlich geworden - für diejenigen, die über die Macht verfügen, die menschliche Rasse auszulöschen.“ Dieser martialische Satz steht in einem Buch aus dem Jahr 1979, herausgegeben von Aurelio Peccei, dem damaligen Präsidenten des Club of Rome. Es hatte den Titel „Club of Rome – Zukunftschance lernen – Bericht für die achtziger Jahre.“ Es ist leider weit weniger bekannt als der erste Bericht des Club of Rome vom Ehepaar Meadows, welcher „Grenzen des Wachstums“ hieß und heute sehr modern für ein Gleichgewicht von wirtschaftlichem Wachstum und ökologischen Bedingungen plädierte. Heute, genauso intensiv wie damals, zeigt dieser zweite Bericht des Club of Rome jedoch eine weitere Facette des Versagens politischen Denkens jenseits des ungebremsten Wachstumsdenkens auf. (mehr …)
  • Digitaler Unterricht ist eine Chance für gemeinsames Lernen

    Nun ist die Entscheidung gefallen: Es bleibt für die meisten erst einmal beim home schooling. Dieser Testfall für den digitalen Unterricht ist eine Chance für den normalen, physischen Schulbetrieb. Denn was im Digitalen scheinbar fehlt, weist auf ein Defizit aktueller Unterrichtsmethoden hin: die soziale Komponente. Gerade Unterricht aus der Ferne setzt schulische Beziehungsarbeit und kollaborative Arbeitsformen wieder auf die Agenda. Voraussetzung dafür ist, dass digitale Möglichkeiten – und diese sind eben nicht nur ‚technisch‘ – tatsächlich ausgeschöpft werden. Mit welchen Funktionen wollen wir Lernplattformen bestücken, mit welchen Inhalten und Methoden wollen wir digitale Endgeräte in Schülerhand bespielen? Wie verändert sich die Unterrichtssituation, die ‚Inszenierung‘, die Interaktion im digitalen Unterricht? Welche Übungstypen und Arbeitsformen sind kognitive Hemmschuhe, welche Siebenmeilenstiefel?      (mehr …)
  • Die Überwindung der Maskenphobie

    Im Blick auf die Ansteckungsraten mit Covid19 erlaubt der Vergleich zwischen Ländern, die wie selbstverständlich auf das Tragen von Masken setzten und solchen, die gar nicht oder erst viel später dazu verpflichteten, den ersteren eine größere Kompetenz bei der Infektionseindämmung zuzusprechen. Wenn es die Statistik auch nicht einfach erlaubt, das Tragen von Masken als Ursache der großen Unterschiede in der Ausbreitung des Virus namhaft zu machen, so wird man trotzdem auf den Vorteil von Verhaltensmustern schließen dürfen, die mit dem Tragen von Masken einhergehen. Was also, wenn der Erfolg Singapurs, Südkoreas, Japans oder, wenn man den Zahlen glaubt, Chinas, auf entsprechende Verhaltensweisen zurückgehen, noch vor dem Social Tracking – oder möglicherweise in Verbindung mit diesem? (mehr …)