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Artikel der Kategorie: Blog

  • Video: Erika Thomalla über Dirk Baecker | Zweite Lesung

    Die Literaturwissenschaftlerin Erika Thomalla empfiehlt Dirk Baeckers Essay „Ernste Kommunikation“ zur Zweiten Lesung. 1997 im Merkur veröffentlicht, markiert der Text einen Höhepunkt der postmodernen Ironiediskussion sowie der Konkurrenz zwischen Systemtheorie und Dekonstruktion. (mehr …)
  • Deutschland, die Ukraine, Russland und das Erbe des deutschen Kolonialismus in Osteuropa

    Seit dem russischen Totalangriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 ließ sich in Deutschland eine politische und gesellschaftliche Umkehr beobachten: die Bundesregierung beschloss umfassende Sanktionen gegen Russland und stimmte für die Lieferung von Defensivwaffen an die Ukraine und wurde dabei mehrheitlich von der Öffentlichkeit unterstützt. Darin liegt zugleich eine Erkenntnis, die Deutschland ein Armutszeugnis ausstellt: es hat die Ermordung ukrainischer Zivilistinnen und Zivilisten, Bomben auf eine europäische Hauptstadt und den heldenhaften Widerstand der Ukrainerinnen und Ukrainer gebraucht, damit wir die Ukraine als „echte“ Nation anerkennen, die unsere Unterstützung verdient. (mehr …)
  • Göttinger Dämmerung

    The Georg-August University, Göttingen is in a mess. That mess currently centers on the Forum Wissen. This is the new university museum scheduled to open at the end of May. As Der Spiegel has put it, the Forum Wissen took off as a Concorde and will land as a Cessna. Why? The fuss over the Forum Wissen is just part of a far larger problem at the university. How? And why should readers be concerned? (mehr …)

  • Video: Bodo Mrozek über Reinhart Koselleck | Zweite Lesung

    In der Reihe Zweite Lesung empfiehlt Bodo Mrozek Reinhart Kosellecks „Vom Sinn und Unsinn der Geschichte“ aus dem Jahr 1997. Ein weit ausgreifender Essay, der, von der Schlacht von Stalingrad ausgehend, Fragen nach dem Sinn, der Sinngebung und dem Singular der Geschichte stellt. (mehr …)
  • Evil Empire

    .. „Ein Mensch mit klarem Verstand wäre niemals zu solch einer Tat in der Lage: Ein Haus in die Luft zu sprengen, in dem Menschen wohnen, vollkommen unschuldige Menschen, mitten in der Nacht, das geht mir nicht in den Kopf, es ist unfassbar. Es ist eine unmenschliche Grausamkeit, und es muss allen klar sein, dass wir uns zur Wehr setzen müssen. Dagegen kann man sich nur mit Gewalt zur Wehr setzen. Anders können wir weder den Staat noch die Bürger schützen.“

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  • Holocaust-Gedenken in Kyiv: Im Fokus hybrider Kriegsstrategien? Topographie des komplexen Erinnerungsdiskurses um Babyn Jar

    Dieser Text wurde kurz vor Beginn des brutalen Angriffskrieges Russlands in der Ukraine am 24. Februar verfasst. Am Dienstag, 1. März, wurde der Kyiver Fernsehturm, 1973 in unmittelbarer Nähe zur Gedenkstätte Babyn Jar errichtet, Ziel eines Raketenangriffs. Auch wenn der Erinnerungsort wohl nicht direkt getroffen wurde, wird diese Episode der ruchlosen Kriegsführung Russlands von Kommentatorinnen und Kommentatoren als symbolischer Gewaltakt scharf verurteilt. Putins sogenannte "Entnazifizierungs"-Maßnahmen zielen ausgerechnet auf ein im Zentrum des Erinnerungskrieges stehendes Mahnmal: das Holocaust-Symbol Babyn Jar. Der ukrainische Präsident Selenskyj fragte am Abend des Angriffs in einem Tweet: "Wofür 'Nie wieder' 80 Jahre lang wiederholen, wenn die Welt, wenn eine Bombe auf Babyn Jar fällt, schweigt? 5 weitere Leben sind verloren. Die Geschichte wiederholt sich…”  (mehr …)
  • „Das Buch heißt Männerphantasien und es ruft ja geradezu danach, dass eine Frau darüber schreibt.“

    .Gespräch mit Gisela Stelly Augstein über Klaus Theweleits Männerphantasien .

    Philipp Goll: Sie haben 1977 die erste Rezension über Männerphantasien von Klaus Theweleit in der Wochenzeitung Die Zeit geschrieben. Bis heute wird aber immer nur die Rezension Ihres Mannes Rudolf Augstein aus dem Spiegel zitiert. Ich habe in meinen Nachforschungen zur Rezeptionsgeschichte von Männerphantasien gehört, Sie hätten Ihren Mann überhaupt erst auf das Buch aufmerksam gemacht. Es heißt, Sie hätten das Buch von dem ehemaligen Zeit- und konkret-Journalisten, Musikproduzenten und damaligen Herausgeber der Zeitschrift Die Republik Uwe Nettelbeck bekommen und dann auf den Nachttisch Ihres Mannes gelegt. Und nur so sei es zu der achtseitigen Besprechung des Buchs im Spiegel gekommen, in der das Buch als „die vielleicht aufregendste deutschsprachige Publikation dieses Jahres“ bezeichnet wird, und die zum Kultstatus von Männerphantasien sicherlich beitrug. Ist da was dran? Gisela Stelly Augstein: Diese Geschichte würde ich differenzierter erzählen. G: Wie denn? S: Also, wir waren wieder einmal bei einem unserer Freundschaftsabende bei den Nettelbecks, bei Petra und Uwe Nettelbeck in Luhmühlen. Und da hat Uwe dem Rudolf Männerphantasien sozusagen in die Hand gedrückt. Sicherlich gab Uwe Rudolf das Buch mit der Idee, dass es im Spiegel besprochen wird. Und sicher auch mit der Idee, dass Rudolf es bespricht. G: Dann geht diese seitenlange Rezension Rudolf Augsteins im Spiegel also auf Uwe Nettelbeck zurück? S: Es war so, dass Rudolf sich das Buch gar nicht angeschaut hat, das lag einfach so rum. Ich habe es immer aus dem Augenwinkel auf seinem Nachttisch liegen sehen. Er wollte sich das wohl irgendwann mal angucken. Aber es passierte nichts. Und dann habe ich es mir genommen. G: Und dann? S: Ich habe darin rumgeblättert und gedacht, oh Gott!, das ist ja genau das, was mich seit Jahren bewegt, nämlich die Frage, wie ist die Gewalt des Faschismus zu erklären, die für mich so undurchschaubar schien, weil das Thema immer auf einer Politikerebene behandelt wurde, so wie das eben Joachim Fest oder so Leute gemacht haben. Theweleit analysiert ja die Literatur der Freikorpssoldaten der 1920er Jahre sowie Texte und Bilder auch aus dem Nationalsozialismus und entwirft eine Art Kulturgeschichte männlicher Gewalt. Überhaupt die Bilder in Männerphantasien. Das war herausragend! Mir fiel sofort ins Auge, dass das etwas ganz anderes war, als man so kannte als Buch damals. Theweleit hat mit dem Buch tatsächlich etwas Verborgenes sichtbar gemacht. G: Wie meinen Sie das? S: Mir ist es beim Lesen so gegangen, dass ich einerseits viel über Männer, vor allem eben über die Gewaltphantasien der Männer gelernt habe. Es leuchteten bei der Lektüre dann hinter diesen Männern aber plötzlich Frauen auf. Das war ungewöhnlich für mich. Diese Präsenz der Frau war mir zu dem Zeitpunkt damals überhaupt nicht bewusst. Ich habe das beim Lesen als eine Art Überblendung erfahren. Ich habe Theweleits Schreiben zwar nicht unbedingt als filmisch empfunden, aber bei mir als Leserin ergab sich dieser Effekt, dass hinter der männlichen Schöpfung das verdrängte ausgeschlossene Weibliche zum Vorschein kam. G: Ah ja. Und dann haben Sie der Zeit vor lauter Begeisterung eine Rezension angeboten? S: Ich habe das Buch gar nicht erst ganz durchgelesen, sondern bin sofort zum Telefon und habe Rolf Michaelis von der Zeit angerufen. Ich habe ihm gesagt, da gibt es ein Buch, Männerphantasien, das würde ich sehr gern besprechen. Michaelis sagte daraufhin, dass er das ja auch eine ganz gute Idee findet, wenn ich es besprechen würde, es tut ihm aber wahnsinnig leid, denn es ist schon an den Bazon Brock vergeben. Dann habe ich gesagt, ja, gut, aber das Buch heißt doch Männerphantasien und es ruft ja geradezu danach, dass eine Frau darüber schreibt. Und dann hat er gesagt, hm, ja, da hätte ich eigentlich nicht ganz Unrecht. Dann könnten wir es doch so machen, dass in derselben Ausgabe Bazon Brock als Mann und ich als Frau schreiben. G: Und darauf sind die dann eingegangen? S: Ja, obwohl ich ganz, ganz wenig Zeit hatte. Der Text von Brock war schon im Umbruch, und ich musste mich unheimlich beeilen. Ich habe das Buch dann in Windeseile durchgelesen und in einer einzigen Nacht den Text geschrieben, und als ich dann morgens ins Bett wollte, stand mein Mann Rudolf gerade auf, und ich habe ihn gefragt, ob er sich den Text mal anschauen kann. Wenn man die Nacht durchschreibt, kann man das ja nicht mehr so richtig beurteilen. Er las dann den Text und ich habe mich nochmal hingelegt. G: Und, was hat er gesagt? S: Er weckte mich dann nach zwei, drei (lesen ...)
  • Eine Woche Zeit

    In Kooperation mit der Deutschen Zeitschrift für europäisches Denken MERKUR stellen wir unser Seminarzentrum Gut Siggen zur Verfügung und bieten Raum für fokussiertes Arbeiten und offenen Gedankenaustausch.  Als Gäste der Stiftung und somit frei von Kosten für Unterkunft, Verpflegung und Tagungslogistik können Sie sich (fast) eine Woche lang ungestört und abseits institutioneller Zwänge einem Thema widmen, mit dem Sie sich gerne einmal intensiv auseinandersetzen würden. Es gibt keine bindenden inhaltlichen Vorgaben – das Thema setzen Sie, auch über Ablauf und Form entscheiden Sie allein. Einzige Bedingung: Die Themenstellung muss uns überzeugen, es muss klar werden, weshalb es sich lohnt, über die von Ihnen aufgeworfene Frage nachzudenken und weshalb ein freies Seminarformat dafür das geeignete Forum ist.  Eine Woche ungestört Zeit für freies Denken und Diskutieren Eine Gruppe mit maximal 24 Teilnehmern erhält vom 10. bis 14. Oktober 2022 die Gelegenheit, in Siggen ihre selbst konzipierte Tagung abzuhalten. Hierfür fördern wir bei Bedarf ein Coaching zu einem effektiven Tagungsverlauf und innovativen Tagungsformaten durch den Partner Der Kongress tanzt. Die Stiftung übernimmt die Kosten für Unterbringung, Verpflegung und Tagungslogistik. Für die Reisekosten kommen die Gäste selbst auf.  Bewerbung Bewerben Sie sich bis zum 31. März 2022 mit einer kurzen, prägnanten Schilderung Ihres Tagungswunsches für EINE WOCHE ZEIT. Die Auswahl trifft eine Jury aus Vertretern der Toepfer Stiftung und die Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken MERKUR. Bewerbungen bitte per E-Mail an Uta Gielke.
  • Friede, Freiheit – keine Politik?

    Das Parlament ist ursprünglich eine aristokratische Institution. Hier vergewisserte sich der König, ob ihm seine freien Herren mit Rat und Hilfe zur Seite standen. Demokratisch ging es dort erst zu, als die Abgeordneten gezwungen wurden, um die Stimmen eines Herren zu konkurrieren, der ganz anderer Natur ist, namentlich: um die unzuverlässige Gunst des wählenden Publikums. Erst seitdem das Volk mit seinem Mehrheitsvotum entscheidet, wer auf den Regierungssitzen Platz nimmt und wer sich mit den Oppositionsbänken begnügen muss, übt es Herrschaft aus. Wir, die wir dieses Publikum bilden, sollten deshalb aufhorchen, wenn immer im Parlamentssaal Stimmen lauter werden, die es für verzichtbar halten, in der Unterscheidung von Regierung und Opposition allzu streng zu bleiben. Die Abstimmung im Bundestag über die Einführung einer allgemeinen Corona-Impfpflicht droht jedoch ein solcher Fall zu werden. (mehr …)
  • Laudatio auf Navid Kermani

    Am 21. November hat Navid Kermani den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln erhalten (mehr zum Preis hier). Wir veröffentlichen die Laudatio von Diedrich Diederichsen Lieber Navid, liebe Versammelte. Ich werde die zur Begrüßung benutzte zweite Person Du gleich wieder verlassen und in konventioneller Laudatio-Manier vom Geehrten in der dritten Person sprechen. Die Personalpronomina sind wichtig für Navid Kermani, der einmal einen Roman mit der Begegnung von einem reichen und einem armen Mann begann, bei der der angeberische Reiche zu seinem zerlumpten Gegenüber sagt: Na, Du würdest wohl auch gerne ich sein – Worauf der Arme entgegnet: Nein, ich möchte nicht ich sein. Ich wiederum bin nicht sicher, ob ich mich als einen besonders toleranten Menschen bezeichnen würde – eine Frage, die man sich stellt, wenn man die Laudatio für jemanden hält, der für seine Toleranz geehrt wird. Ist das eigentlich meine Expertise? Ich bin nicht einmal sicher, ob ich Toleranz, so wie sie landläufig definiert wird, überhaupt für so erstrebenswert halte. Tolerantes Verhalten anderen gegenüber einzufordern, impliziert ja, dass man die anderen für ein Übel hält, das es auszuhalten gilt, und wenn sie denn wirklich mal von Übel sein sollten, wenn also etwa ein Impfgegner vor einem steht, dann hilft es ja gerade nicht, ihn tolerant gewähren zu lassen. Mit dem zweiten Teil des Preiszweckes tue ich mich leichter: in Denken und Handeln. Nun, das einzige Denken, das ein Handeln ist und das einzige Handeln, das ein Denke ist, ist das Schreiben. Der Sprechakt hat zuviel Schlagseite zum Akt, zur Exekutive, der Tagtraum auf der anderen Seite, der stream of consciousness sind ohne Handlung, nur das Schreiben verbindet die Freiheit des Zeit Habens mit der Gültigkeit und Konsequenzialität von Druck und Deadline. Und Toleranz im Schreiben ist etwas anders als Toleranz im eben dargestellten landläufigen Sinne. Es hat zu tun mit der Choreographie dieses Balletts der numerierten Personalpronomina, die unsere soziale Welt strukturieren, die als Denkgrundlage Handlungswege generieren. Dies ist ein Handeln, das nicht im Vordergrund geschieht, es ist Struktur: Die macht Navid Kermani sichtbar, in vielen und sehr unterschiedlichen Genres: Reportagen, reflexiven Essays, Interventionen und Romanen, die sich gegenständlich mit allem beschäftigen, das zu unserer Welt und ihrer Geschichte gehört, aber dabei immer die Möglichkeiten und die Grenzen andere zu verstehen und einschätzen zu können, mitfühlen zu können bearbeiten. Ich erinnere mich an zwei sehr verschiedene Einstiege in seine Texte, als Anfänge, die beide sofort einleuchtend das Grundproblem der monadischen Eingeschlossenheit des Schreibenden konstatierten, benannten und zu überwinden versuchen. Am Anfang steht die Suche nach einer Sprache für die Fälle, wo es keine gibt. Der Säugling spricht noch nicht, die oder der Tote spricht nicht mehr. Was geht in einem ein Monat alten Säugling vor und was erreicht ihn, was nimmt er wahr, in diesem Falle sie, Kermanis Tochter, die im ersten Text, den ich von ihm gelesen habe, vor ungefähr zwanzig Jahren, während ihrer Dreimonatskoliken entgegen aller Hoffnungslosigkeit dann doch, nämlich von der Musik Neil Youngs erreicht wird. Ein Wunder eigentlich, aber in Kermanis Erzählung: total plausibel. In „Dein Name“, viele Jahre später gelesen, ist ein Ausgangspunkt die Nichterreichbarkeit der Toten. Der Toten, die wir gekannt und mit denen wir vor kurzem noch befreundet waren, die also, meist bis zu ihrem Tod und sogar auch noch im Austausch über diesen, sensationell gut erreichbar waren. Jetzt muss ich kurz an Jimmie Durham und Oswald Wiener erinnern, die gerade gestorben sind, und obwohl mir persönlich nur mehr oder weniger flüchtig bekannt, mir doch auch sehr gut bekannt waren, weil ich sie lesen, rezipieren kann. Auch wenn sie gerade keine Sprach- und Kommunikationsoptimisten waren. Sprache bei Navid Kermani ist weder nur transparent noch grundsätzlich intransparent. Sie ist weder nur Gefängnis noch nur Instrument oder Machtmittel noch erbauliche Erquickung, er findet sie auf eine bestimmte Weise organisiert vor, sie erzielt bestimmte soziale Effekte. Und wie andere Dinge und Bedingungen, die soziale Effekte erzielen, kann man sie auch anders organisieren, auch wenn das noch nicht und schon gar nicht sicher hilft, mit den Toten zu sprechen und den Säugling zu beruhigen. Zwar ist Kermani auch ein religiös geprägter Autor, aber er ist kein Schamane. Allerdings erhöht Religion die Fallhöhe der Toleranz. Wenn ich etwas besonders genau weiß, was andererseits fragil ist, also glaube, habe ich ein besonderes Bedürfnis toleriert zu werden und ich habe es schwerer andere zu tolerieren, die mich nicht tolerieren oder auch nur theoretisch negieren, als ein säkularer (lesen ...)