• Von wegen Anthropozän

    Noch in diesem Jahr dürfte es die International Commission on Stratigraphy amtlich machen: Wir leben in einem neuen Erdzeitalter, dem Anthropozän. Bisher hatten wir uns im Holozän befunden, jener Ära, die am Ende der letzten Eiszeit begann, vor rund 12 000 Jahren, und in der sich alles abgespielt hat, was als Menschheitsgeschichte im engeren Sinn gelten kann, die Sesshaftwerdung, die Städtegründung, die Erfindung der Landwirtschaft und der Schrift: alles, was irgend den Anspruch erheben darf, Kultur zu sein.

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  • Gab es ihn doch, den deutschen Sonderweg? Anmerkungen zu einer Kontroverse

    Totgesagte leben länger, so heißt es. Offenbar gilt das auch für die Denkfigur eines »deutschen Sonderwegs« in die Moderne. Endlich, so jubelten schon vor gut vier Jahrzehnten konservative Publizisten, sei die Legende vom Sonderweg der Deutschen, ihrer notorischen Abweichung vom angeblich normalen Entwicklungspfad der westlichen, zumal der angelsächsischen Völker hin zu Freiheit und Demokratie der Garaus gemacht worden, und zwar ausgerechnet durch zwei junge, eindeutig linke englische Historiker, nämlich David Blackbourn und Geoff Eley in ihrem 1980 erschienenen Buch Mythen deutscher Geschichtsschreibung.1 Sie hätten, so formulierte es Eberhard Straub in der Frankfurter Allgemeinen vom 27. Januar 1981, die Deutschen von ihren »eingebildeten Leiden« befreit.

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  • Die Entstehungsgeschichte von Edward Saids „Orientalismus“

    Edward Saids Orientalismus ist schon lange ein akademischer Klassiker. Als die englische Originalausgabe 1978 bei Pantheon Books in New York erschien, war die große Resonanz, auf die es stoßen sollte, allerdings nicht ansatzweise abzusehen. Das Buch beginnt mit einem krassen Schwenk über die im Bürgerkrieg ausgebrannte Architektur der Altstadt Beiruts. Daran schließt sich ein Exkurs über die Geschichte einer obskuren akademischen Disziplin aus der Zeit der Romantik an. Die Kapitel springen von der Literatur des 19. Jahrhunderts über die opera buffa des Medienbetriebs der Vereinigten Staaten zu den üblen Machenschaften von Henry Kissinger. Wer noch nie etwas von Said gelesen hatte und nicht vertraut war mit den Schriften des Historikers William Appleman Williams über das Empire als »a way of life« oder auch mit der Dichtung von Lamartine, den musste die Auswahl der Quellen verwirren oder gar überfordern. Die eine Hälfte der Philologen und Historiker, deren Urteile über den Erfolg des Buches entschieden, sah in dem Buch einen Triumph der Wissenschaft, die andere empfand es als Skandal – niemand aber konnte es einfach ignorieren. (mehr …)

  • Das pandemische Ende der Digitalisierung. Digitalkolumne

    Erinnern Sie sich noch an die lange Digitalisierungsdebatte des letzten Jahrzehnts? Damals gab es keine Reden ohne die ernstgemeinten Hinweise auf »Daten als das Erdöl der Zukunft«, keine Kolumnen ohne ein bewegendes Zeugnis von raffinierter und deshalb auswegloser »(Selbst)Überwachung« auf dem Handy, keine Strategiepapiere und keine Podiumsdiskussionen, die sich nicht mit frisch aufgetauter »Künstlicher Intelligenz« oder gründlich reanimierten »Vernetzungsgefahren« des neu erfundenen »Plattformkapitalismus« beschäftigt hätten. (mehr …)

  • Ehrlichkeit, Glauben, Vertrauen – Zeitung aus dem 17. Jahrhundert

    Die Dichterin Sibylla Schwarz, an deren 400. Geburtstag im Februar erinnert wurde, schrieb ein bemerkenswertes Trostgedicht für Christina Maria von Seebach, weil die Nachricht ankam, deren Mann sei in Kriegshandlungen gestorben.1 Die Überschrift des Gedichts verdeutlicht die Kommunikationssituation: »An || Christina Maria von Seebach || etc. Weiland || u. Herrn Alexanders von Forbusch || u. Obersten || u. Hertzgeliebte Gemahlin || als die traurige Zeitung kam: dieser ihr Liebster sey gestorben.« In diesem Gedicht versucht Schwarz, Trost zu spenden mit dem Hinweis darauf, dass die Nachricht vom Tod des Ehemanns falsch sein könnte. Im Gedicht verweist Schwarz auf die Unzuverlässigkeit solcher Nachrichten und setzt auf die Hoffnung, der geliebte Ehemann von Christina Maria von Seebach könnte bald zurückkehren. (mehr …)

  • Aby Warburgs Serendipity

    Der Bilderatlas Mnemosyne, den Aby Warburg bei seinem Tod im Jahr 1929 unvollendet hinterlassen hat, zählt zu den großen Mythen der Kulturwissenschaft. Im Herbst 2020 sind die 63 Bildtafeln, auf denen das Layout des als Buchprojekt geplanten Atlas erprobt wurde, zusammengesetzt aus den nahezu tausend Reproduktionen, die sich aus Warburgs Besitz im Bildarchiv des Warburg Institute in London haben ausfindig machen lassen, im Berliner Haus der Kulturen der Welt erstmals wieder montiert worden. Beworben wurde die Ausstellung mit dem Zusatz »Das Original«.1

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  • Dekontaminierte Landschaften

    Auf einem Waldweg bei Łomazy kommt uns ein Bauer mit dem Fahrrad entgegen, der weiß, wo die Erschießungen stattgefunden haben. Es ist eine Szene wie aus Claude Lanzmanns Film Shoah. Augenzeugen des Holocaust gibt es fast keine mehr, aber die Menschen, die an den Orten der einstigen Massenmorde wohnen, haben die Geschichte nicht vergessen. Seine Großmutter und sein Vater, der damals vierzehn Jahre alt war, hätten die Exekutionen heimlich beobachtet, erzählt uns der 1960 geborene Piotr Szatalowicz, ihr Anwesen lag direkt neben dem Wald. Zwar hätten die Deutschen die Bauern vor ihrer Aktion weggeschickt, aber die Bewohner von Łomazy wussten alle, was geschah. Die Gemeinde ist klein, jeder konnte sehen, wie die siebzehnhundert Juden am 18. August 1942 im Schulhof und auf dem Sportplatz zusammen- und dann von Polizisten eskortiert in den Wald getrieben wurden. Der Vater des Bauern führte seinen Sohn später an die Stelle, wo die Massengräber sich befinden. (mehr …)

  • Berliner Zimmer (2017)

    Ein Bekannter und seine Freundin sind in eine Kreuzberger Vorderhauswohnung gezogen, um die zweihundert Quadratmeter groß, Zimmer auch im Seitenflügel, Blick auf den Kanal. Wir sind zum Housewarming eingeladen und kommen zu fünft.

    »Ist ja eine Traumwohnung«, sagt Hanna, die selbst in einer Traumwohnung lebt.

    Die Schuhe sollen wir anscheinend ausziehen. In dem riesigen Berliner Zimmer – Wände wurden herausgerissen, eine schlichte dunkle Küchenzeile und eine Kochinsel eingebaut – unterhalten sich bereits viele Gäste. Alle stehen in Socken oder in Strumpfhosen auf dem Parkett.1

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  • Aller Seelen

    Almut lag halb auf ihrer rechten Seite, was wieder dazu geführt hatte, dass die rechte Seite sich verkrampfte, verklemmte, teilweise abstarb. Davon wachte sie häufig auf, aufgewühlt von der Frage, ob es sein konnte, dass im Schlaf tatsächlich etwas unwiderruflich abstarb: eine Hand, ein ganzer Arm, ein Fuß. Es begann stets mit einem alarmistischen Kribbeln, ja alarmistisch, dachte sie. Das Wort war in den letzten beiden Tagen dauernd herumgeschwirrt, es war wohl eine Art Schimpfwort, das man in jede Richtung drehen konnte, vielfältig einsetzbar.

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  • Thomas Bernhard hat doch Recht

    Im Sommer 2004 betrat ein Freund in dem Moment die Gleise einer Regionalbahnstrecke, als ein Zug kam. Es war sein zweiter Versuch, jetzt nichts mehr dem Zufall zu überlassen, und dieses Mal führte er ihn bis zum Ende aus.

    In jenem Sommer erschien als Lizenzausgabe Thomas Bernhards Roman Der Untergeher, der von der Freundschaft zweier Männer handelt, die im Salzburger Mozarteum gemeinsam mit Glenn Gould studieren und ihr Leben lang ihre Beziehung und ihr Schaffen an ihrem jeweiligen Verhältnis zum unerreichbaren Pianisten Gould messen. »Lange vorausberechneter Selbstmord, dachte ich, kein spontaner Akt von Verzweiflung« ist dem Roman als Motto vorangestellt, dessen einprägsamer »Sagte er, dachte ich«-Drive mich damals so stark in Beschlag nahm, dass ich viel über Bernhard redete und kaum über meinen toten Freund. (mehr …)