• Kokosraspeln und zarte Milchcreme

    W as weg ist: die Wirklichkeit. Und die Sauftouristen vor meinem Fenster sind auch weg. Was da ist: Bilder. Unfassbar viele Bilder. Dabei sind die Sauftouristen vor meinem Fenster alle noch da. Ich glaube nur nicht mehr daran, dass sie da sind. Sie können nicht mehr wirklich da sein, weil die Mode, mit dem Billigflieger nach Berlin zu fliegen und dort Billigbier zu saufen, verboten gehört, wenn wir unser aller Leben retten wollen. Und weil die Billigflüge verboten gehören, sind sie es in meinen Augen schon, und ich sehe die Touristen nicht mehr, so tief ist mein Glaube an die Vernunft. Ich höre auch ihre Saufgesänge und Brunftschreie nicht mehr. In meinen Augen saufen sie schon wieder zuhause.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Es gibt eigentlich nur noch zwei Freizeitaktivitäten: Komasaufen und Komaknipsen. Ich möchte gern weiter über die Großstadt als geistige Lebensform schreiben, aber die Bilder schieben sich dazwischen. Ich kann nicht über sie hinwegsehen, es sind zu viele. Ich erinnere mich an ein Lustiges Taschenbuch aus den siebziger Jahren, vergangenes Jahrtausend, da gab es Bilder, die so böse waren, dass sie sogar die brave Micky Maus zwangen, böse Dinge zu tun, nur weil sie das Bild einer bösen Tat gesehen hatte. Ist das Bild böse, macht das Bild mich böse, oder habe ich den bösen Blick? Das ist immer die Frage. Die Bilder, die ich heute sehe, weichen ihr aus. Sie sind so lieb und kanten- und konturlos, dass sie sogar mich zwingen, Awwwwwwww zu machen. (Awwwwwwww sagt man, wenn man auf Twitter niedliche Ottervideos guckt.) icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Zur Lustigen-Taschenbuch-Zeit habe ich mit meiner ersten Kodak Instamatic quadratische Schwarzweißbilder geschossen, auf denen winzige Gestalten stocksteif vor Bäumen standen; sie waren winzig, weil mein Vater mich gewarnt hatte, ich dürfe ihnen nicht die Füße abschneiden, das sei das Geheimnis der Fotografie. Heute haben wir alle kleine Apparate in der Tasche, mit denen wir Filme in John-Ford-mäßiger Breitwandqualität drehen könnten, wenn wir Geschmack hätten, aber wir haben ja keinen und beharren trotzig darauf, keinen zu haben, und zwar mit Schmackes, das ist unser Kleinbürgerrecht. Deshalb Bokeh-Effekt hinter jedes Häschen, jedes Kätzchen, jeden Otter. Der Bokeh-Effekt, diese süße Unschärfe des Bildhintergrunds, ist das Raffaello der Fotografie, der leichte Kokosnussgenuss an der Supermarktkasse. Ich erinnere mich an eine Fernsehwerbung, da hat eine Deutsche auf einer Party in Hollywood ihre Gäste mit Raffaello-Konfekt verzaubert, und alle waren gekleidet wie deutsche Kleinbürger, die im Terrassencafé am Bodensee Großbürger spielen, die aber auch nicht mehr wissen, wie man sich kleidet. Heute kann jedes Telefon Bokeh, also Hollywood als deutsche Kleinbürgerfantasie. Jeder kann gnadenlos Raffaello-Kokosraspeln und zarte Milchcreme über alles rüberraspeln.

    (…)

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  • Die blaue Stunde, trauriges, lebendiges Beirut

    I n einer Seitenstraße finde ich einen Tabakladen mit Getränken, Süßigkeiten und Zeitungen. Draußen stehen Plastikstühle. Eine ältere Frau sitzt am Tisch und trinkt Kaffee aus einem winzigen Pappbecher. Ihr Haar scheint frisch onduliert. Neben ihr ein Mann, er könnte ihr Sohn sein, mit einer Dose Pepsi. Er trinkt durch einen Strohhalm, Zigaretten und Handy liegen griffbereit auf dem Tisch. Als er den Tisch verlässt, schaut die Frau nach, ob in der Dose noch etwas drin ist. Der Mann aus dem Laden kommt heraus, räumt den Tisch ab.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Die wenigen Reiseführer, die es über Beirut gibt, sparen das Viertel in dem ich gerade bin, völlig aus. Es heißt Zokak el-Blat, die gepflasterte Straße. Von der Mittelmeerküste aus betrachtet, befindet es sich direkt hinter dem Märtyrerplatz, auf der Demarkationslinie, die Ost- und West-Beirut voneinander trennt. Ein paar hundert Meter weiter ist das Grand Serail, das Hauptquartier des libanesischen Ministerpräsidenten. Auch wenn in unmittelbarer Nähe des Tabakladens keine Regierungsgebäude sind, wage ich nicht zu fotografieren. Überall hängen Plakate von schiitischen Märtyrern und Porträts von Hisbollah-Führern. Lange schwarze Stoffbahnen mit weißer Schrift, horizontal drapiert, umspannen die Gebäude wie Schleifenbänder. Grün sehe ich auch, es ist die Farbe des Islam. Zokak el-Blat ist ebenso der Sitz des griechisch-katholischen Patriarchats und wird daher in der Umgangssprache »al-Batrakieh« genannt. Vor den zahlreichen kleinen Geschäften arbeiten Tischler unter der jetzt milden Sonne und restaurieren Möbel. Es gibt Gemüse- und Obstläden, auch Imbisse, aber ohne westliches Flair. Ganz anders als in dem Viertel, in dem ich wohne. Da ziehen die Restaurants, Bars und kleinen Cafés internationales Publikum an. Überall werden drei Sprachen gleichzeitig gesprochen, English, Französisch und Arabisch in einem Satz. Die Leute von al-Batrakieh findet man hier nicht. Wie man sich umgekehrt in Batrakieh keinen Ort wie das Electric Bing Sutt vorstellen könnte: eine Bar in einem Gewölbe der alten Häuser in der Rue Gouraud, die nur mit roten, gelben und pinken kantonesischen Neonbuchstaben beleuchtet ist. Asiatische Fusion-Drinks und Snacks gibt es hier. icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Es ist einer der vielen Läden, die vor kurzem eröffnet haben. Alles verschiebt sich und bleibt beweglich in Beirut. Torino Express ist gerade mal fünfzehn Jahre alt und damit die älteste Bar in dieser Straße. Sie gehört einem Deutsch-Libanesen, der mit ein paar Freunden noch andere Cafés und Bars im Viertel betreibt. Der Stress, den man spürt und der sich in den Gesichtern der Menschen in Beirut widerspiegelt, ist der unsicheren ökonomischen Lage geschuldet. Trotzdem, oder gerade deshalb, zahlen die Leute hier die hohen Preise für Cocktails und winzige Imbisse, die in Vierteln wie Gemmayze und Mar Mikhael angeboten werden. Wieder das Gegenteil in al-Batrakieh, niemand spricht hier Englisch, die Preise sind niedrig, man kommt mit Leuten ins Gespräch. Es geht auch hier immer wieder um Geld und Inflation, aber die Themen bleiben an der Basis, woher man kommt, ob es dort besser ist, wie viele Kinder man hat. Pro forma wird schließlich eine Einladung zum Tee ausgesprochen, weil es sich so gehört. Ich falle allerdings immer mal wieder darauf herein und entschuldige mich dann, dass ich eine andere Verabredung habe. Bis auf die schiitische Dekoration erscheint alles schlicht und zweckmäßig. Der Imbiss nebenan hat keinen Namen, jedenfalls keinen sichtbaren. Auf nur einem Quadratmeter werden Falafel-Bällchen frittiert und verkauft. Eine kleine Scheibe schützt das Essen vor Straßenstaub. Ich habe allerdings keinen Appetit, obwohl ich bereits mehrere Stunden zu Fuß quer durch die Stadt gelaufen bin. Auf dem Hinweg ist alles noch ganz einfach – Treppe runter, links auf die Armenia Street, die irgendwann in die Rue Gouraud mündet, über den Märtyrerplatz Richtung Stadtzentrum, Downtown Beirut, und schließlich die Küstenstraße entlang bis nach Hamra, das ist die Gegend, in der damals meine Familie gelebt hat, lange vor dem Bürgerkrieg. Die Strecke ist touristentauglich. Touristen sind auch die einzigen, die so eine Distanz zu Fuß zurücklegen würden, und ich natürlich, denn obwohl ich in dieser Stadt geboren wurde, bin ich hier fremd und bewege mich auf weitgehend unbekanntem Terrain. Auf dem Weg zurück umgehe ich die küstennahe Region. In Time Out schreibt jemand: »Watch with dismay as chain-smoking drivers blast out Arabic oldies and (lesen ...)
  • Akademische Größenverhältnisse: Ein Zettelkasten

    S ie würden, sagten die enthusiastischen Kollegen von der Universität, jetzt ihr großes Projekt eingeben. Und sie hätten mich da gerne dabei in Berlin, weil es doch transdisziplinär angelegt sei, fachübergreifend. Es werde Doktorandenstellen geben und regelmäßige Workshops, internationale Konferenzen und Sommerschulen, und der Name stehe jetzt auch fest, nach langen, intensiven Diskussionen: »Kleine Formen«. So bin ich als Gastwissenschaftler nach Berlin gekommen, für vier Wochen. Was sind kleine Formen?

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Die allerkleinsten Formen erscheinen zufällig. In Form von Autokennzeichen zum Beispiel. Ein großer schwarzer Nissan, und darauf steht: B-UH 810. Auf dem daneben: LOS-JA 52. Ein bisschen größere kleine Formen: Straßennamen. »Leberstraße«. »Fehlerstraße«. Kneipen: »Wurst-Käse-Szenario«. Die Aufschrift auf einem alten Lancia: »Rent-a-wrack.de« (die Idee ist aus Kalifornien, egal). Werbeslogans sind ebenfalls kleine Formen, am interessantesten, wenn sie schiefgehen: »Nemesis« (ein griechisches Restaurant). »Titanic« (ein Reisebüro). »Nichts macht mich mehr an« (ein Joghurt). Den akademischen Sammelband zum Thema gibt es bereits: Zur Mediengeschichte kleiner Formen vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Er ist 2017 erschienen, und seine Herausgeber wissen eines ganz genau, Einleitung, erster Satz: »Kürze ist modern.« Das Buch selbst ist dann nicht ganz so kurz (395 Seiten). Auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis – Rubrik Sachbuch – kam im selben Jahr eine Geschichte der Renaissance: Der Morgen der Welt (1321 Seiten). Eine Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert von 2014 hatte 1450 Seiten, die Unterwerfung der Welt, 2016 erschienen, 1648 Seiten – alle von deutschen Professoren geschrieben und als »umfassend«, »epochal« und »gewaltig« gelobt. icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Ist Kürze wirklich modern? »Schnell und kurz zu sagen, was sonst kaum ein langsam konvergierender Paragraphe würde gesagt haben«, hatte 1766 Georg Christoph Lichtenberg in einem Aufsatz gefordert. »Dieses verdiente in allen Wissenschaften nachgeahmt zu werden.« – »Allein«, setzt er hinzu, »vielleicht fürchtet man sich vor einer solchen Erfindung in denen Wissenschaften, wo noch Platz übrig ist.« Reden über kleine Formen ist Reden über Größenverhältnisse, und wer von Größenverhältnissen spricht, spricht in Wirklichkeit von Platz. Wer darf ihn besetzen, den Platz, der noch übrig ist? Oder anders gefragt: Wenn die kleine Form, das Kurze, Knappe modern ist, wie steht es dann um das Gegenteil? Im universitären Sprachgebrauch ist das Reden über Größe allgegenwärtig. Das reicht von der Selbstbeschreibung des »Nachwuchses« als endlos verlängerter Kindheit (»Ich bin ja noch klein«, hat mir ein Postdoc gesagt, frisch habilitiert, zweiundvierzig Jahre alt) bis zu offiziellen Programmen, die für akademische Zwölfender bestimmt sind, wie Jäger vielleicht sagen würden. »Opus Magnum« lautet der offizielle Titel des Programms, das die Stiftung Volkswagenwerk seit 2006 finanziert. Es richtet sich an Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler, die, Zitat von der Homepage, »ein größeres wissenschaftliches Werk verfassen wollen«. Voraussetzung: Lebenszeitanstellung als Professor an einer deutschen Universität. Insgesamt wurden in den letzten zwölf Jahren 441 Anträge gestellt, vergeben wurde das Stipendium an 119 Personen. 2018 wurden vier Anträge bewilligt (von drei Männern und einer Frau); 2017 zehn (acht Männer und zwei Frauen). Die deutschen Universitäten verstehen sich selbst als Horte von Freiheit und Transparenz. Was darin jeweils als groß und klein gilt, unterliegt interessanten Sprachregelungen. Wenn es Großforschung gibt, wie verhält sie sich dann zur kleinen? Kleine Formen sind zum Beispiel die exempla, die Fallgeschichten. Eine Berliner Universität, Mitte der 1980er Jahre. Ein Mann schreibt vier Jahre lang im Fach Kunstgeschichte an seiner Doktorarbeit über den Bamberger Reiter, die berühmte Statue aus dem 13. Jahrhundert. Als die Arbeit fertig ist, gefällt sie seinem Doktorvater nicht, weil sie dessen eigene, vielpublizierte Thesen naiv und bizarr altmodisch aussehen lässt. Der Doktorand bekommt eine schlechte Note. Seine Dissertation – achthundert Seiten – erscheint als Microfiche, also unauffindbar, und weil er zwei Kinder zu ernähren hat, wird er Reiseleiter bei Studiosus. Dreißig Jahre später sitzt er mir in einem Café gegenüber, heiter und gelassen. Es sprudelt nur so aus ihm heraus über die Wunder der (lesen ...)
  • Große Fußstapfen

    . Machtprobe

    »Still missing: women in academia«. So formulierte jüngst eine Gruppe von Nachwuchswissenschaftlerinnen, die Frauen während der Promotion begleiten will. Natürlich: Die deutschen Statistiken zeigen für den Studienbeginn fächerübergreifend inzwischen ein recht ausgeglichenes Geschlechterverhältnis. Die Zahlen verschieben sich freilich, schaut man auf die Kultur- und Geisteswissenschaften. Hier nämlich sind 74 Prozent aller erfolgreichen Studienabgänger weiblich. 51,9 Prozent der Promovierenden sind Frauen, bei den Habilitationen sind es nur noch 39,4 Prozent, bei den Professuren 36,9 Prozent. Seit 1998 werden solche Daten systematisch erhoben und ausgewertet. Die trockene Tristesse der Zahlen in der Bundesrepublik baut Druck auf. Gremien können sich nicht länger ahnungslos stellen. Ihre Entscheidungen signalisieren: Wir haben verstanden.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Entsprechend geht der Trend bei den Berufungen, bei allen Schwankungen, recht steil nach oben. Lag der Frauenanteil unter den Professoren aller Fächer 1997 bei 9 Prozent, liegt er nach der jüngsten Erhebung bei 23,4 Prozent. Wer genauer hinschaut, mag eine beunruhigende Dialektik der Quoten erkennen: Zeigt die Binnendifferenzierung doch auch, dass der Frauenanteil an niedrig dotierten beziehungsweise befristeten Professuren besonders hoch ist. Immerhin 10 von 37 untersuchten Universitäten werden laut einer anderen Erhebung (2018) von Präsidentinnen oder Rektorinnen geleitet. Gleichzeitig werden nur 17 Prozent der Dekanate an eben diesen Universitäten von Frauen gesteuert.[2. Gender-Debatte an Hochschulen: An diesen Unis arbeiten die meisten Professorinnen. In: WBS vom 17. Oktober 2018 (www.wbs-gruppe.de/presse/aktuelle-pressemeldungen/gender-debatte-an-hochschulen-an-diesen-unis-arbeiten-die-meisten-professorinnen).] Leben die Macht- und Repräsentationsangelegenheiten der alten Ordinarienuniversität im Feudalsystem der Exzellenzcluster in neuer Gestalt weiter, so sind die asymmetrischen Strukturen in den großen außeruniversitären Forschungs- und Sammlungseinrichtungen noch stärker: Auch hier zeichnet sich in jüngster Zeit ein Umschwung ab. »Berlin, Essen, Marbach: Erstmals übernehmen Frauen die Spitzenpositionen in den deutschen Geisteswissenschaften«, hatte Johan Schloemann im März 2018 in der Süddeutschen Zeitung getitelt. Die Reihe setzt sich fort: 2019 wird auch die Klassik Stiftung Weimar mit Ulrike Lorenz eine Präsidentin bekommen. Kommt er jetzt endlich, der »Umbruch im akademischen Habitus«, den die SZ freudig angekündigt hat? Müsste es deshalb für den Wissenschafts- und Kulturbetrieb besser heißen: »War Autorität männlich?« icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!

    Habitus

    Rückblende: Eine zerknirschte, zürnende Studentin der Philosophie bekam 1925 von ihrem Professor und Mentor die folgenden Zeilen über die »Möglichkeiten fraulichen Wesens« an Universitäten zugestellt: »Männliches Fragen lerne Ehrfurcht an schlichter Hingabe; einseitige Beschäftigung lerne Weltweite an der ursprünglichen Ganzheit fraulichen Seins.«[3. Martin Heidegger an Hannah Arendt am 21. Februar 1925. In: Hannah Arendt/Martin Heidegger, Briefe 1925–1975. Hrsg. v. Ursula Ludz. Frankfurt: Klostermann 1998.] So schlecht sehe es für Frauen gar nicht aus, schrieb der Professor der Studentin frohgemut: Wenn Frauen ihre Zukunft nur nicht in einem »erpreßten wissenschaftlichen Tun« suchen,[4. Martin Heidegger an Hannah Arendt am 10. Februar 1925.] werden sie »dem freien geistigen Leben« Adel geben können.[5. Martin Heidegger an Hannah Arendt am 21. Februar 1925.] Von wem diese Worte stammen, verrät schon die philosophische Sprache: Martin Heidegger schickte sie an eine noch nicht zwanzigjährige Hannah Arendt. Gut vierzig Jahre später, wir schreiben das Jahr 1968: Hannah Arendt lebt und unterrichtet inzwischen in Amerika. Ihrer Freundin Mary McCarthy schickt sie ein bedrückendes Geständnis. Die Stimme einer gemeinsamen Bekannten habe sich plötzlich verändert, schreibt Arendt, sie sei erheblich tiefer geworden, »about a quint I would say«. Die Stimmlage rutschte um dreieinhalb Ganztöne ab, Arendts Haltung machte angesichts dieser Veränderung weit größere Sprünge: Sie begann eine Person ernst zu nehmen, die sie zuvor für dümmlich oder hysterisch gehalten hatte. (lesen ...)
  • European Son

    E s ist der fünfte März des Jahres 2000, und ich bin draußen. Ich laufe gegen den Wind über die schmale Fußgängerbrücke, die das Gleisfeld des Bahnhofs Winkeln überspannt, eines Vororts der Kantonshauptstadt St. Gallen. Ich denke nochmals: Ich bin draußen, nicht mehr in Deutschland. Ich habe alle bürokratischen Hürden genommen, in meiner Tasche steckt ein Ausländerausweis Klasse B. Eine B-Bewilligung. Ich darf in der Schweiz wohnen und arbeiten, ich lebe eine Art Sparversion des deutschen Traums vom Auswandern. Wenn schon nicht in die USA, dann in die mythische Schweiz, eine Gesellschaft, die so ist wie die unsere, nur viel besser und reicher und problemfreier, weil sie nicht Mitglied in der EU ist. Ich habe keine Vorstellungen von der Schweiz, mir hat nur die Universität gefallen.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Ich lese Pamphlete, die mir die rechtsnationale Schweizerische Volkspartei ins Haus schickt, Texte ihres Chefs Christoph Blocher, garniert mit Fußnoten, die mir sagen, dass ich hier nichts zu suchen habe. Ich bleibe trotzdem, unter dem Schutz der Grenzwacht, die Schweiz wird mein neues Drinnen, während sich draußen die Welt verändert, und das sehr schnell und tiefgreifend. Bald rechne ich zwischen Franken, Euro und D-Mark hin und her. Zur selben Zeit wird die SVP immer stärker. Ich weiß, dass ich hier nur geduldet bin, meine Zeit füllt sich mit Arbeit, es ist ohnehin egal, was die anderen denken, sie haben genug Zeit zu hassen, ich nicht. Sie haben aber auch Stimmrecht, ich nicht. In den schmalen Zeitfenstern, die mir bleiben, drifte ich erst durch St. Gallen, dann durch Zürich. Ein Gespenst geht um, in Nicht-Europa. Erst schreibt es eine Dissertation, dann einen Roman. Die professionelle Distanz zu mir selbst wächst mit jener zwischen mir und der Landschaft ringsum, das schärft die Texte. Ich entwerfe Plan A, Plan B, Plan C. Plan C ist die Rückkehr nach Deutschland. Es wird Plan B. Plan B ist, nebenbei, eine Gelegenheit, wieder in die Europäische Union zurückzukehren, nach draußen, ins Weite. Wien liegt mir näher als Berlin, hier verschwinde ich in meinem Dialekt und in der Masse der anderen EU-Bürger. Wie in der Schweiz darf ich auch hier Steuern zahlen, aber nicht politisch mitbestimmen – außer auf sehr begrenzter lokaler Ebene und bei der Wahl zum EU-Parlament, das kein Initiativrecht hat. Ein EU-Bürger hat in einem anderen EU-Land weniger Mitspracherechte als in einigen Schweizer Kantonen wie Jura oder Neuchâtel. Die Unionsbürgerschaft leitet sich aus der Staatsbürgerschaft der EU-Mitgliedsländer ab. Verlässt man ein EU-Land und zieht in ein anderes, lässt man seine Vollbürgerschaft zurück, lebt nur noch ihr Derivat. Wer sich voll auf die EU einlässt, ist in ihren Mitgliedstaaten kein ganzer Mensch. icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Das stört mich zunächst wenig. In einer Gesellschaft, deren Analytiker gerne über den Verfall der Sozialdemokratie nörgeln und dabei ignorieren, dass die neue Arbeiterklasse hauptsächlich von Menschen gestellt wird, die kein Wahlrecht haben, mag die politische Entmündigung der EU-Bürger an den Orten, an denen sie leben und Steuern zahlen, ebenso selbstverständlich wie erwünscht sein. Das ist nicht immer so gewesen. Ich bin Mitglied einer Alterskohorte, die unter Helmut Kohl aufgewachsen ist. Die europäische Integration war ein langfristig angelegtes strategisches Projekt aller Regierungen der Bundesrepublik, das in großen Schritten voranging. Ein positives Projekt, mit dem ich einverstanden war, auf das es sich vorzubereiten lohnte. Die französische Schriftstellerin Anne Berest erzählte 2018 in einem kurzen Text, wie ihre Eltern sie dazu ermutigt hätten, Deutsch zu lernen, denn dies werde für ein erfolgreiches Leben in Europa künftig noch wichtiger sein als Englisch. Ich wiederum habe Französisch gelernt, weil meine Eltern mir exakt dasselbe erzählt haben: Das sei die Sprache der Diplomatie, unerlässlich für eine Karriere im vereinten Europa. Das europäische Projekt würde eine neue Generation politischen Personals benötigen, es war politisch breit abgestützt, eine Utopie mit Aufstiegschance für die aufstrebende Mittelschicht, eine Expansion ohne Gewalt, ein faszinierendes Neuland, geschaffen aus dem Mehrwert seiner Teile, in das man nicht einmal auszuwandern brauchte, um sein Glück zu finden, weil man bereits da war. Es würde ein Europa sein, in dem man es besser haben könnte, ein Europa der Töchter und Söhne. Berest beschreibt, wie sie nach Deutschland ging und dort feststellte, dass sich ihre Gesprächspartner (lesen ...)
  • Kopernikanische Revolution als Kulturkritik. Hans Blumenbergs frühe Feuilletons

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    Kleine Form

    Hans Blumenberg, den man als Autor großer, vielhundertseitiger philosophiehistorischer Abhandlungen kennt, hat sich in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts auch an einer kleinen Form versucht. Zwischen 1952 und 1955 entstanden zahlreiche Feuilletons, die in unterschiedlichen Zeitungen veröffentlicht wurden und inzwischen in zwei von Alexander Schmitz und Bernd Stiegler herausgegebenen Nachlassbänden – den Schriften zur Technik (2015), den Schriften zur Literatur (2017) – sowie zuletzt ebenfalls von Schmitz und Stiegler in der Neuen Rundschau (2018) dem Publikum zugänglich gemacht wurden.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Bei jemandem wie Blumenberg, der für seine stupende philosophische Gelehrsamkeit und theoretische Durchdringungskraft große Anerkennung erfahren hat, stellt sich die Frage, ob er die kleine, anlassbezogene Form ebenso virtuos beherrscht wie die fußnotenstarke Monografie. Die Arbeit am Feuilleton unterscheidet sich von der Arbeit am Mythos. Alexander Schmitz und Bernd Stiegler loten in ihrer Einleitung zu den in der Neuen Rundschau veröffentlichten frühen Feuilletons die vielschichtigen Hintergründe des Interesses aus, das Blumenberg mit dem Schreiben dieser Texte verband. Zum einen ging es dem bereits habilitierten jungen Gelehrten, dessen Professorenkarriere in den fünfziger Jahren noch bevorstand, durchaus ums Geldverdienen. Dem Redakteur und Freund Alfons Neukirchen, der ihn bewegt, für die Düsseldorfer Nachrichten zu schreiben, ringt er das Zugeständnis ab, seine Glossen mehrfach veröffentlichen zu dürfen; mit Zurückweisungen von Texten, vor allem wenn sie sich stillschweigend vollziehen, kann Blumenberg dagegen überhaupt nicht gut umgehen, weshalb er 1956 in einem Absagebrief an den Freund vom bisher benutzten Du zum Sie wechselt. Blumenberg will sich auf keine weiteren Offerten mehr einlassen. Er verzeiht Neukirchen nicht, dass dieser zwei Manuskripte »sang- und klanglos unter den Tisch« fallen ließ, »ohne daß mir auch nur eine ausgleichende Regelung vorgeschlagen worden wäre«. icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Menschlich-allzumenschlich, zweifellos, aber Blumenbergs Weigerung, »auf dem Felde der Publizistik überhaupt weiter zu arbeiten«, mag man rückblickend durchaus bedauern, denn er war keineswegs nur der in seine eigenen Texte verliebte Autor, der nicht über deren Tellerrand hinausschaute, sondern verband mit seiner publizistischen Arbeit die Absicht einer Neuorganisation des Verhältnisses von Leser und Feuilletonartikel: »Meiner Absicht nach kommt es darauf an, intimere Formen des Umgangs mit dem Leser zu entwickeln, als es der ›Artikel‹ ist, ihn direkter anzusprechen.« Blumenberg imaginiert sich das Feuilleton als einen Ort, an dem gesagt werden kann, was in der »redaktionellen Kasuistik« keinen Ort hat: Artikel sollen einem sprachlichen Phänomen, einer symptomatischen technischen Erfindung, einem alltagsbezogenen Rechtsproblem, einer öffentlichen Menschenfigur, einer Rundfunksendung oder einem »überlebenden Buch« (statt immer nur den Neuerscheinungen) gewidmet werden. Gattungstheoretisch stellt er sich vor, das Feuilleton dem Briefwechsel oder dem Tagebuch anzunähern, um so die postulierte Nähe zwischen Autor und Publikum rhetorisch herzustellen. Die Idee einer Intimisierung der Autor-Leser-Relation verbindet Blumenberg mit der Vorstellung eines Leserfeedbacks, das über das Institut des Leserbriefs hinausgehen soll und medientechnisch erst unter den gegenwärtigen Bedingungen digitaler Zweiwegekommunikation eingelöst werden konnte. Blumenbergs Plädoyer für eine »strategische Erweiterung des Zuständigkeitsbereichs des Feuilletons«, das systematisch Alltagsgewohnheiten und alltägliche mediale Praktiken, die nicht buchbasiert sind, berücksichtigt – warum sollte die Kunstausstellung wichtiger sein als das Plakat an der Anschlagsäule, das unseren Geschmackstypus prägt, fragt er Neukirchen in einem Brief –, weist auf das zur gleichen Zeit von Roland Barthes betriebene Unternehmen einer Untersuchung der Mythen des Alltags hin: Die Mythologies erschienen in Buchform zuerst 1957. In der großplakatierten Ankündigung des »kulturkritischen Leitartikels«, »der das Symptomatische aus dem Gesamtbereich der Kultur in einem sehr weiten Sinn bespricht« und »die bis dato herrenlosen Phänomene einfängt«, wird man allerdings auch einen gewissen Provinzialismus erkennen, denn Blumenberg dürfte nicht verborgen geblieben (lesen ...)
  • Nutzen und Nutzlosigkeit der Agrarrevolution. Über moderne Legendenbildung

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    Die jüngsten Untersuchungen zur Frühgeschichte der menschlichen Rasse sprechen allesamt dafür, dass die Menschheit ihren Weg am unteren Ende der Leiter begonnen und sich durch die langsame Anhäufung von Erfahrungswissen aus einem wilden Urzustand zur Zivilisation hochgearbeitet hat.

    Lewis Henry Morgan (1877)

    Vor rund zehntausend Jahren begannen die Menschen, Ackerbau zu betreiben. In der Geschichte des Planeten Erde wie auch der Gattung Mensch handelte es sich dabei um ein ausgesprochen spätes Ereignis: Etwa 95 bis 99 Prozent der Existenz der Menschheit fallen in die Zeitspanne vor der Erfindung des Ackerbaus. Mit dem Moment nach den 99 Prozent, also dem Übergang von der Existenzweise als Jäger und Sammler zum Leben in den frühen agrarischen Gesellschaften, haben sich jüngst sowohl James C. Scott als auch David Graeber und David Wengrow ausführlich beschäftigt.[2. James C. Scott, Against the Grain. A Deep History of the Earliest States. New Haven: Yale University Press 2017. Die deutsche Übersetzung Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten erscheint im Mai 2019 bei Suhrkamp. Der Essay How to change the course of human history (at least, the part that’s already happened) von David Graeber und David Wengrow erschien im März 2018 bei Eurozine (www.eurozine.com/change-course-human-history).]

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Ihre Rückschau auf die Anfänge der Bildung erster Stadtstaaten nehmen Scott, Graeber und Wengrow gleichermaßen zum Anlass, Zweifel an drei grundlegenden kulturanthropologischen Annahmen zu formulieren: zunächst einmal an der These, dass mit der Landwirtschaft zwangsläufig die Entwicklung von Stadtstaaten und ihrem Verwaltungsapparat einhergeht; zweitens an der Auffassung, dass das Leben in solchen Staaten stets eine Verbesserung gegenüber anderen Lebensformen darstellt; und schließlich an der Vorstellung, dass gesellschaftliche Ungleichheit ein unvermeidbares Nebenprodukt der Lebensweise ist, die das Jäger-und-Sammler-Dasein abgelöst hat. Scott richtet sein Augenmerk in erster Linie auf die Frage, weshalb wir uns nicht von der Vorstellung lösen können, Staatenbildung sei per se erstrebenswert, wo doch die Fakten schon lange dagegen zu sprechen scheinen. Graeber und Wengrow hingegen interessiert vor allem, wie es überhaupt je dazu kommen konnte, dass Menschen sich auf ein Leben in hierarchisch organisierten Staaten einließen, wo doch die frühen Agrargesellschaften mit vielen Formen politischer und sozialer Organisation experimentiert hatten, darunter auch solchen, die auf Gleichheit statt auf Ungleichheit basierten. Woher aber stammen die verqueren Grundannahmen eigentlich, denen alle drei Autoren entgegentreten? Vertrackterweise ist schon das eine komplizierte und uneindeutige Geschichte. Um die Begriffe »Ackerbau« und »Zivilisation« haben sich seit dem 18. Jahrhundert zahlreiche Bedeutungsschichten angelagert. Die meisten sind eng mit einem großen historischen Projekt verbunden, das weder in Against the grain noch in How to change the course of human history direkt thematisiert wird: dem Imperialismus und Siedlungskolonialismus. Da Scott, Graeber und Wengrow ihre Thesen dezidiert als Antwort auf die »konventionelle Geschichtsschreibung« mit ihren imperialistischen Wurzeln formulieren, replizieren sie letztlich deren Wissensstand, deren Erkenntnisinteressen und blinde Flecken. icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Je nachdem, wie man zum langfristigen Überleben der Gattung Mensch steht, mag es entweder tröstlich oder aber deprimierend sein, festzustellen, dass die letzten zehntausend Jahre Menschheitsgeschichte in geologischen Zeitkategorien gerechnet eine verschwindend kleine Spanne ausmachen. »Stratigrafisch gesehen fallen der Ursprung des Ackerbaus und die Atombombe mehr oder weniger zusammen«, schrieben die Anthropologen Richard Lee und Irven DeVore schon 1965. In Against the Grain bezeichnet Scott Ackerbau und Atombombe als Alpha und Omega des Zeitraums, den er »das schmale Anthropozän« nennt. Sie markieren für ihn Anfangs- und Endpunkt einer sich allmählich steigernden menschlichen Einflussnahme auf das Antlitz unseres Planeten, beginnend mit den frühesten Bemühungen unserer Spezies, ihre Umwelt durch Viehzucht, Getreideanbau und die Nutzung (lesen ...)
  • Die Zukunft der Klimapolitik. Ein ethnologischer Bericht von der norddeutschen Küste

    V on der Französischen Revolution ging an alle Gemeinden, Dörfer und Städte in Frankreich ein Fragebogen, in den sie eintragen konnten, unter welchen Bedingungen sie lebten, welche Steuern sie zu zahlen hatten und was sie dringend brauchten. Die Liste der Beschwerden war lang und eindrücklich, schließlich litt man unter der Willkür des Adels, es gab Hunger, und die Infrastrukturen ließen zu wünschen übrig. Aus diesen Beschwerdeheften entstand eine vollständige und buchstäblich zu verstehende Geo-Grafie des Landes. Daran erinnert Bruno Latour in seinem Buch Das terrestrische Manifest aus aktuellem Anlass.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Was würde heute in einem solchen Beschwerdeheft stehen, wenn danach gefragt würde, was es braucht, um ein gutes Leben zu führen? Ein gutes Leben im Sinne von klimafreundlich, erdverbunden und dennoch weltoffen? Gerade vor dem Hintergrund des Aufstiegs von Populismus und Trumps Ausstieg aus dem Klimavertrag von Paris gewinnt diese Frage an Relevanz. Weder Brexit, America First noch Heimattümelei sind eine gesunde Reaktion auf den Stress, den die globalen Probleme soziale Ungleichheit, Migration und Klimawandel verursachen. Auch die Europäische Union sorgt sich um die Folgen des Klimawandels und finanziert Projekte, um die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu verbessern. Als Ethnologe bin ich in ihrem Auftrag in Norddeutschland unterwegs, um ein Anforderungsprofil für einen Klimaservice zu erstellen, der ortsbezogen Klimapolitik ermöglichen und unterstützen soll. Der Begriff »Klimaservice« klingt allerdings wie einem Textbuch für neoliberale Ökonomie entlehnt, wo »Dienstleistungen ausgelagert«, »Informationen transferiert«, »Entwicklungen ermöglicht« und »Win-win Situationen« für »Stakeholder« und »Entscheidungsträger geschaffen« werden – alles Begriffe, die auch im Weltklimabericht IPCC verwendet werden, wie man in Die große Verblendung, dem Buch des indischen Schriftstellers Amitav Gosh zum Klimawandel, nachlesen kann.[2. Amitav Gosh, Die große Verblendung. Der Klimawandel und das Undenkbare. München: Blessing 2017.] Doch andererseits schreibt die EU nicht vor, mit welchen Inhalten dieses Konzept gefüllt und wie es in die Praxis umgesetzt werden soll. Für mich geht es zuallererst einmal darum, einen Lagebericht zu erstellen: Wie sieht Klimapolitik, die immer global verhandelt wird, vor Ort aus? Wie wird der Klimawandel wahrgenommen, und wie verändert er das Leben an der Küste? Was bedeutet es, ein Mensch zu sein, wenn wir das Leben und unsere Umwelt nicht mehr nach den Maßstäben des Kohle- und Ölzeitalters gestalten? icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Mit gebührend Forschungsmitteln ausgestattet, machte ich mich Anfang 2018 auf ins platte Land, um dort meine Erhebung zu beginnen. Die omnipräsenten Windparks lassen keinen Zweifel daran, dass in diesem Teil der Welt Klimapolitik und Energiewende längst in Gang gesetzt sind. Das Wetter meinte es gut mit mir, auch wenn das zynisch klingen mag. Der Winter war lang, nass und ewig dunkel. Die Felder und Äcker standen unter Wasser, die Bauern konnten den Dünger nicht ausbringen, weil sie mit ihren Traktoren im Matsch steckenblieben. Die winterlichen Sturmfluten kosteten gar das Leben eines Menschen, der jenseits des Deichs in seinem Auto eingeschlafen war. Weil es so warm war, klarte der Himmel wochenlang nicht auf. Das ist der Klimawandel, so die einhellige Meinung. Gefolgt wurde dieser Winter von einem scheinbar endlosen Sommer mit extremer Dürre, der von Mai bis weit in den Oktober dauerte. Die Felder und Weiden färbten sich braun, das Viehfutter wurde knapp, die Bauern mussten zukaufen oder gar Vieh vorzeitig zum Schlachthof bringen. Auch hier die einhellige Meinung: So sieht der Klimawandel aus. Doch das ist nur die eine Seite der Debatte über diese extremen Wetterereignisse, wie es im Klimadiskurs heißt. Die andere handelt von der europäischen Agrar- und Umweltpolitik, von Düngeverordnungen, von der Förderung industrieller Landwirtschaft, die mit ihren Monokulturen wetteranfälliger ist als die konventionelle oder organische Landwirtschaft. In der EU wird nach wie vor und trotz besseren Wissens die Fläche und weniger die Qualität gefördert. Allerdings wurden die routinemäßig von der Bauernlobby eingeforderten Kompensationen für Dürreausfälle in Berlin länger als sonst diskutiert. Die Stimmen mehren sich, den Klimawandel als Berufsrisiko einzustufen. Meine ethnologische Erhebung fing, wie so oft, mit einem Kulturschock an. Ich (lesen ...)
  • Französisches Ausleerungsgeschäft. Der »Bericht über die Restitution afrikanischen Kulturerbes«

    Frankreich muss den afrikanischen Völkern die unrechtmäßig erworbenen Güter zurückgeben. Diese Forderung steht im dreiundzwanzigsten Punkt der »Offiziellen Charta der Gelbwesten«, einer Liste von »25 Vorschlägen für einen Ausweg aus der Krise«, die am 7. Dezember 2018 über Facebook in Umlauf gesetzt wurde. Den Völkern sollen außerdem die Bestechungsgelder ausgezahlt werden, die afrikanische Diktatoren nach Frankreich haben fließen lassen. Operation saubere Hände: Einen Neuanfang in den Beziehungen zwischen dem einstigen Mutterland und den früheren Kolonien entwirft das Manifest der Protestbewegung des tiefen, des vergessenen Frankreich.

    (Der Essay ist im Märzheft 2019, Merkur # 838, erschienen.)

    Das Prinzip soll die Gleichberechtigung sein, das Mittel die Trennung, der radikale Schnitt. Weitere Unterpunkte: sofortiger Abzug aller französischen Soldaten; Abschaffung des CFA-Franc, der an den Euro gekoppelten Währung, die »Afrika in der Armut hält«. Muss es überraschen, dass der Forderungskatalog der Signalwestenträger, die von der hauptstädtischen öffentlichen Meinung als Populisten abgestempelt werden, auch Forderungen einer postkolonialen Agenda enthält? Der Zorn der Demonstranten speist sich aus dem tiefsitzenden Eindruck, dass ihre eigene Heimat, das Herzland Frankreichs, ausgebeutet und vernachlässigt wird, also behandelt wird wie eine Kolonie. Die Rückabwicklung korrumpierender Importe aus Afrika soll beweisen: Die Reinheit der Nation, die man von den Eliten verraten wähnt, ist keine Illusion. Im vierten und letzten Kapitel der Charta, das mit »Geopolitik« überschrieben ist, folgt auf das Thema des französischen Afrika das Stichwort Immigration. Hier lautet die Forderung, die Ströme von Migranten zu stoppen, die aufzunehmen und zu integrieren unmöglich sei, »angesichts der tiefen zivilisatorischen Krise, die wir durchleben«. Der Philosoph Achille Mbembe hat in seinen Interventionen in die Restitutionsdebatte einen Parallelismus von Kulturgüterschutz und Fluchtbewegungsmanagement beschrieben. Er hat damit ein europäisches Publikum verstört, dessen Mitglieder es wohl mehrheitlich für unproblematisch halten wollen, gleichzeitig Kunst- und Menschenfreunde zu sein, und es gerade deshalb nicht gewohnt sind, die beiden Themen zusammenzusehen. »Europa kann nicht einfach die afrikanischen Objekte in den Herzen seiner Städte einschließen und gleichzeitig Afrikanern die Einreise und damit auch den Anblick dieser Objekte verwehren.« Der unbekannte Verfasser der Charta der Gelbwesten würde diesen Satz Mbembes unterschreiben. Aber der Anonymus bejaht Mbembes rhetorische Frage: »Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der jeder und alles wieder nach Hause zurück muss?« icon print Mehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!   Alle Aktionen der Gelbwesten sind darauf angelegt, die Ohnmacht des Staatspräsidenten zu demonstrieren. Eines der Mittel ist das Plagiat. Mit der Forderung der Genugtuung für die beraubten Afrikaner macht sich die Charta ein Versprechen zu eigen, das Emmanuel Macron am 28. November 2017 ausgesprochen hatte, in einer Rede vor den Studenten der Universität von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Als Präsidentschaftskandidat hatte er am 16. Februar 2017 in Algier die Kolonialisierung als ein »Verbrechen gegen die Menschheit« bezeichnet. In Ouagadougou nahm Macron den Begriff auf und wandte ihn auf den Menschenhandel an: ein Menschheitsverbrechen, das sich schändlicherweise noch immer vor den Augen der Welt abspiele. Die museumspolitischen Absichtserklärungen im Schlussabschnitt der zweistündigen Rede standen also vor dem Horizont des Menschheitsthemas der völkermörderischen Zwangsmigration. Ein Pfeifkonzert war die Antwort, als Macron einen Zeitrahmen von fünf Jahren für eine Einigung über »vorübergehende oder endgültige Restitutionen des afrikanischen Erbes nach Afrika« setzte. Nicht Kritik artikulierten die Studenten mit diesem traditionellen Mittel des rituellen Ausdrucks ihrer kollektiven Stimmung, sondern begeisterte Zustimmung; das bewies der mit den Pfiffen gemischte Applaus. Die Szene steht am Anfang des Berichts einer Arbeitsgruppe, die der Präsident im März 2018 beauftragte, Vorschläge für die Umsetzung seines in Ouagadougou gesprochenen Satzes über die binnen fünf Jahren zu vereinbarenden Restitutionen auf Zeit oder auf Dauer zu machen. Mit der Federführung in der Arbeitsgruppe betraute Macron die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, eine Französin, die an der Technischen Universität Berlin lehrt und außerdem einen Lehrstuhl am Collège de France bekleidet, und den senegalesischen (lesen ...)
  • Die Republik der Außenseiterin

    Die Bundeskanzler der Bundesrepublik waren zumeist Insider, die sowohl eine parteipolitische als auch eine föderative Machtbasis hatten. Patrick Bahners hat Helmut Kohl in seiner Biografie als politischen Insider par excellence beschrieben, dessen Macht nicht auf Charisma gründete, sondern auf einer von Jugend an erworbenen Vertrautheit mit den Lebenswelten der Partei-, der Landes- und der Bundespolitik. Aber auch Schröder, Schmidt und Brandt waren Insider. Dagegen hat Angela Merkel das Kanzleramt als Außenseiterin ohne sogenannte Hausmacht in Partei und Fraktion betreten. Ihre Regierungszeit hat die Verfassungslage der Bundesrepublik so fundamental verändert wie zuvor nur die sozialliberale Ära. »Merkel hat die Republik nicht nur verwaltet. Sie hat die Regeln der alten BRD kontrolliert gesprengt«, hat der Politikwissenschaftler Philip Manow in einem der Nachrufe auf die Kanzlerin geschrieben, die zu Beginn ihrer vierten Amtszeit erschienen.

    (Der Essay ist im Februarheft 2019, Merkur # 837, erschienen.)

    Technokratie oder Moral?

    Die Klagen über ihren »undemokratischen« Regierungsstil füllen inzwischen Bände. Doch was damit gemeint ist, ist merkwürdig unklar geblieben. Von Verschwörungstheorien und abstrusen Behauptungen wie dem Umvolkungsnarrativ einmal abgesehen, konkurrieren im Wesentlichen zwei Deutungen. Für die einen besteht das demokratische Problem dieser Kanzlerschaft vor allem in der Logik des Sachzwangs und einer unpolitischen Technokratie. Als Sündenfall der Merkel-Ära gilt neuerdings ihre Sprache, jenes Ensemble aus »toxischen Phrasen« einer vermeintlichen Alternativlosigkeit (»TINA«), die jede demokratische Entscheidung unterlaufen.  [2. Astrid Séville, Der Sound der Macht. Eine Kritik der dissonanten Herrschaft. München: Beck 2018.] Die Bundeskanzlerin wäre dann die Volkstribunin einer Wohlstandsgesellschaft mit abnehmendem politischen Orientierungsbedarf: Lebt euer Leben, ich kümmere mich um den Rest. Nur trifft das Urteil aber spezifisch weder auf die Person der Bundeskanzlerin noch auf die Politik ihrer Zeit, sondern auf eine ganze Epoche zu. In den Nullerjahren sprachen ja auch Unternehmensberater, Politikwissenschaftler und Lebensratgeber im weichen Sound der Technokratie. Gerhard Schröders Interpretation der Richtlinienkompetenz (»Basta-Politik«), die er seit dem Frühjahr 2003 praktizierte, stand jedenfalls in schlechtem Ansehen. Wer wollte der Politik aber verübeln, dass sie zu einer Gesellschaft, die die Macht verachtet, in einer Sprache spricht, die sie dezent verschweigt und durch Management ersetzt? Dass diese Sprache heute niemand mehr hören kann und sie trotzdem bei Wahlen gelegentlich honoriert wird, kann man schwerlich der Politik in die Schuhe schieben.

    icon printMehr Merkur? Jetzt drei Ausgaben im Probe-Abo lesen!  

    Anderen gilt gerade das Gegenteil von Sachzwang als undemokratisch, nämlich hochgradig kontingente, disruptive Politikwechsel: Wehrpflicht, Atomausstieg, Euro-Rettung, Flüchtlingskrise und Ehe für alle sind Stichworte einer Politik, mit der Partei und Parlament gezielt überrumpelt wurden. Niemand würde es heute mehr – wie noch Arnulf Baring kurz nach der Wiederwahl der rot-grünen Regierung und ein halbes Jahr vor Beginn der Agenda-Reformen – für bedauerlich halten, dass das Grundgesetz keinen Artikel 48 kennt und deswegen »erforderliche, schmerzliche Reformen ohne das Parlament […] mit Hilfe präsidialer Notverordnungen« unmöglich sind. [3. Arnulf Baring, Bürger, auf die Barrikaden! Deutschland auf dem Weg zu einer westlichen DDR. In: FAZ vom 19. November 2002.] Die fundamentalen politischen Entscheidungen seit 2005 wurden meist ganz und gar nicht technokratisch, sondern, jeweils mit den Mitteln demografischer Feinsteuerung, ziemlich explizit moralisch begründet. Darauf hat Christoph Möllers vor kurzem aufmerksam gemacht: »In vielen Mitgliedstaaten der Europäischen Union gilt die Verbindung von Sparsamkeit gegenüber Griechenland, einem Mitglied der EU, und Offenheit gegenüber außereuropäischen (lesen ...)