• Der Gott der Zwischenräume

    ie hier schon angekündigte Gründung einer neuen Weltreligion mit Abgabetermin Ende 2020 geht ihren geordneten Gang, das heißt: Ich bin angemessen verwirrt. Die Stellen »Messias«, »Göttin /Gott« und »Bundesschatzmeister*in« sind noch nicht besetzt, Bewerbungen werden wohlwollend entgegengenommen. Verschiedentlich wurden Bitten an mich herangetragen, für bestimmte Bewerberinnen das Amt »Hohepriesterin« einzurichten; darüber konnte in der Kürze der Zeit leider noch nicht entschieden werden. (mehr …)

  • O-Saft in Bomarzo

    Vor knapp vierhundertsiebzig Jahren hatte Vicino Orsini also begonnen, Sacro Bosco anzulegen, seinen Park bei Bomarzo, dessen surreale Skulpturen auf mich nicht dadurch weniger geheimnisvoll wirkten, dass ich ihr Alter während unseres Flugs nach Rom anhand einiger Fotos auf vielleicht hundert geschätzt hatte, eine Naivität, die mir nun, da Tanita und ich in der angenehm kühlen Mundhöhle des Orcus Schutz vor der Mittagshitze suchten, noch einmal deutlich bewusst wurde. Umringt von Tagestouristen setzten wir uns an den steinernen Tisch, zentral ins Gewölbe. Tanita gab mir ein Tetra Pak. Ich freute mich, weil es O-Saft war, und stach den Strohhalm durch das dafür vorgesehene Loch. Trinkend betrachteten wir tennisschuhtragende Silhouetten und die beiden Schneidezähne, unter denen hindurch wir in das Innere gestiegen waren; dahinter, grell gerendert, harkten Parkmitarbeiter verwelkte Blätter vom Weg. (mehr …)

  • Das Kochbuch der Gesellschaft: Skizzen zu einer Mediengeschichte des Kochens (II)

    Die Normalisierung des Verbrauchers durch die Etablierung von Konsumnormen, die sich bereits Mitte der 1920er Jahre angekündigt hatte, setzt sich in der Nachkriegszeit unter den Bedingungen einer konsumbereiten Massengesellschaft diesseits und jenseits des Atlantiks fort. Ernährung muss schon deshalb als besonders relevantes Feld des Konsumentenverhaltens gelten, weil Hunger und Durst sich täglich, ja stündlich aufs Neue körperlich bemerkbar machen und uns so daran erinnern, dass nicht nur wir leben, sondern dass es in uns lebt. Ob man dieses Ausgeliefertsein an die dem persönlichen Willen nur bedingt zugänglichen Bedürfnisse der eigenen Leiblichkeit als lästig empfindet oder ob man es als Abstoßungspunkt zum Zweck der Selbstentfaltung und kulturellen Veredelung begrüßt – die Möglichkeit, diesen Punkt zu überspringen, besteht nicht. Die Gestaltung der Ernährung ist unausweichlich, und sie geschieht im Horizont der wechselnden Modelle, welche die Gesellschaft, vor allem die moderne Konsumgesellschaft, an den Einzelnen heranträgt. (mehr …)

  • Die Replikationskrise

    Drei Geschichten, ein und dasselbe Problem. Erstens: Im Herbst 1996 brachte Sally Clark, eine englische Rechtsanwältin aus Manchester, einen augenscheinlich gesunden kleinen Jungen zur Welt, der im Alter von elf Wochen plötzlich verstarb. Sie hatte sich noch nicht vollends von dem traumatischen Vorfall erholt, als sie im Jahr darauf einen weiteren kleinen Jungen bekam. Tragischerweise starb auch er acht Wochen nach der Geburt. Die Ursachen für den Tod der beiden Kinder waren nicht ersichtlich, und die Polizei vermutete, dass es sich nicht um einen Zufall handelte. (mehr …)

  • Lesen wir die deutsche Geschichte richtig?

    Friedrich Schillers An die Freude, später von Beethoven vertont, ist zu einer Ikone des Menschheitlichen geworden. Umso verstörender die Randnotiz, die Theodor W. Adorno in einem unveröffentlichten Manuskript neben das »Seid umschlungen, Millionen!« schrieb: »Hitler«. (mehr …)

  • Brasilianische Interventionen. Über Avantgarde, Anthropologie und Anthropophagie

    Es ist noch nicht allzu lange her, da galt Brasilien hierzulande als sozial- und wirtschaftspolitisches, vielleicht sogar als kulturelles Gegenmodell zum neoliberalen Westen. Die brasilianische Partido dos Trabalhadores war so etwas wie the real social democracy des beginnenden 21. Jahrhunderts und Porto Alegre mit dem Weltsozialforum die inoffizielle Hauptstadt der gleichermaßen globalen wie globalisierungskritischen Linken. Das ist vorbei. Inzwischen steht Brasilien für Staatsstreich, politische Justiz und Protofaschismus. Nachrichten aus Brasilien aktualisieren immer wieder den Zusammenhang von ökologischer Katastrophe und »Ethnozid« (Pierre Clastres). Unterstützt von einer dienstbaren Politik zerstören Agrar-, Bergbau-, Holzwirtschafts- und Petroleumkonzerne nicht nur das Ökosystem Amazoniens, sondern damit auch die Lebensräume und Lebensweisen indigener Bevölkerungen. Der Widerstand nimmt freilich auch zu.1 (mehr …)

  • Rechtskolumne. Das Humboldt Forum als Testfall der Bundeskulturpolitik

    Eigentlich hätte eines der größten kulturpolitischen Ereignisse seit Bestehen der Berliner Republik längst hinter uns liegen sollen: die Eröffnung des Humboldt Forums auf dem Berliner Schlossplatz. Es wäre zu billig, angesichts der aus baulichen Gründen erfolgten Verschiebung um ein Jahr hämisch auf die Verzögerung bei der Eröffnung anderer Berliner Großprojekte zu verweisen. Was das Vorhaben tatsächlich seit einigen Jahren immer stärker zum kulturpolitischen Sorgenkind der Republik macht, ist nicht der zeitliche Verzug bei der Fertigstellung, sondern sind die zahlreichen unbeantworteten konzeptionellen Fragen, die sowohl die inhaltliche als auch die institutionelle Seite des Projekts betreffen. (mehr …)

  • Am Ende des Zwei-Grad-Ziels. Für ein neues Denken im Klimadiskurs

    Der Wunsch zu helfen ist in der Klimaforschung nicht weniger drängend, als es der Wunsch des Arztes ist, lebensbedrohliche Erkrankungen zu heilen: Man will den menschengemachten Klimawandel begrenzen, weil seine weitere ungehinderte Entfaltung katastrophale Auswirkungen hat. Dafür gibt es einen klaren quantitativen Fahrplan, das Zwei-Grad-Ziel, das die Klimapolitik konkreter macht. Doch ist dieses Ziel mehr als Wunschdenken? Auch der Klimadiskurs ist nicht frei von technozentrischem Denken, das trotz aller Rationalität eher von Wünschen und Affekten, weniger aber vom Kontakt mit Tatsachen getrieben ist. (mehr …)

  • Der Weltgeist als Lachs. Geschichtsphilosophische Implikationen des chinesischen Aufstiegs

    Mit dem Reiche China hat die Geschichte zu beginnen.«1 Dieser erste Satz der hegelschen Weltgeschichtsphilosophie könnte uns bei der Deutung unserer Gegenwart behilflich sein. Denn wenn wir Hegels Dialektik ernst nehmen in ihrem Anspruch, Anfangs- und Endpunkt in eins zu setzen, so dass sie am Ende wieder »in ihren Ursprung mündet«,2 dann müsste das auch geophilosophisch gelten. Sehen wir die Sache so, dann ergibt sich eine ganz andere Lesart auf die geschichtsphilosophische Wegmarke 1989, als es Fukuyamas Diktum vom Ende der Geschichte (1992) nahelegt. Mauerfall und Zusammenbruch des Ostblocks als dem einzigen Konkurrenten des spätliberalen Westens bedeuten dann nicht das Ende der Geschichte – das kann es hegelianisch gedacht, und das beansprucht Fukuyama schließlich für sich, gar nicht sein –, aber eine Etappe auf dem Weg dorthin sind sie schon. (mehr …)
  • Gott der kleinen Fische

    Das ganze Jahr 2019 über wurde an dieser Stelle Großstadt als geistige Lebensform gefeiert, als unausweichliche Dauerverunsicherung und Garant von Freiheit und Sicherheit durch Masse. Im Jahr 2020 möchte ich hier eine neue Weltreligion gründen, weil ich glaube, dass nur noch Beten hilft. Das macht Religionsgründung zu einem Akt der Vernunft. Ich hoffe, dass wir den Gründungsprozess bis Dezember gemeinsam abschließen können. Als Gott nominiere ich vorläufig Herbert Wehner, was deutlich macht, dass es bei der Ausübung dieser Religion nicht um Affektkontrolle gehen soll, möglicherweise aber um Triebverzicht. (mehr …)