• In der Nähe sprechen

    Einmal im Jahr, im Frühling, lese ich mit einer Gruppe neunzehnjähriger Zweitsemestlerinnen die Gründungserklärung des Combahee River Collective, eines Verbunds schwarzer Feministinnen aus Boston: ein ganz kurzer Text, zehn Seiten, datiert auf den April 1977, sachlich im Ton, präzise in der Struktur. In den Titeln der vier Abschnitte deutet sich an, wie sich endlich jenes eine historische Unrecht überwinden lassen werde, das die Kollektivistinnen erst zusammengebracht hatte: 1. Die Genese des schwarzen Feminismus. 2. Woran wir glauben. 3. Schwierigkeiten, die sich bei der Agitation schwarzer Feministinnen ergeben. 4. Anliegen und Praxis des schwarzen Feminismus.

    In dieser zwölften Semesterwoche des Seminars zur Geschichte und Politik des Manifests als literarischer Gattung haben wir uns nach langen Gesprächen über Marx und über die unvermeidlichen Futuristen, dann auch über Hugo Ball und Dada, über Valentine de Saint-Point, über Sergei Eisenstein und Guy Debord längst daran gewöhnt, dass ein Manifest gehört werden wollen muss und deshalb schreien aus vollem Hals und geifern, oft auch Unfug, halb Durchdachtes und nur Empfundenes. Mit seinen letzten Zeilen muss ein Manifest sich dann zu blumigem Pathos hinaufschrauben, und die Manifestierenden müssen wir uns auf einem Balkon vorstellen können, hoch oben, von wo aus sie mit diesen letzten Zeilen die aufzuwiegelnden Massen aufwiegeln, übergeschnappt, im Rausch.

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  • Wozu Literatursoziologie?

    Die erste Schwierigkeit, vor der die Literatursoziologie steht, ist die Definition ihres Gegenstands. Was in einer naiven Betrachtung womöglich als voraussetzungslos vorgestellt wird, das literarische Werk, erscheint im Blick der Literatursoziologie als ein Resultat gesellschaftlicher Prozesse. Statt rein auf den ästhetischen Gehalt eines literarischen Werks zu sehen, beobachtet die Literatursoziologie den Blick, der darüber entscheidet, ob und in welcher Weise ein Text als literarisch betrachtet wird. Was als Literatur definiert wird – und damit die Frage, welche Werke inkludiert werden und welche nicht –, erscheint dabei als ebenso dynamisch und kontingent wie die ästhetische Wertung, die Werke innerhalb dieses Rahmens einordnet.

    Das zweite Problem der Literatursoziologie ist die Frage nach der Sozialität des Literarischen. Theodor W. Adorno bemerkt in seinen 1967 erschienenen Thesen zur Kunstsoziologie, in denen er scharf mit der empiristischen Ausrichtung der Disziplin abrechnet, knapp: »Die Frage, ob Kunst und alles, was auf sie sich bezieht, soziales Phänomen sei, ist selbst ein soziologisches Problem.«  Ein ästhetisches Werk entsteht zweifelsohne in sozialen Strukturen, ob es dadurch aber erschöpfend erklärt wird, ist eine andere Frage. Ein literarischer Text lebt, was sich für Literaturwissenschaftlerinnen von selbst versteht, für Soziologen vielleicht eher nicht, durch einen konstitutiven Sinnüberschuss, das heißt er produziert mehr Sinn, als seine Verfasserin oder sein Verfasser zu intendieren, und mehr, als eine Interpretin oder Interpret eindeutig zu bestimmen vermag. Würde man die polyphone Semiotik literarischer Texte ignorieren, negierte man sich selbst als »Literatursoziologie«, hält der Literaturwissenschaftler Peter V. Zima in seiner Kritik der Literatursoziologie fest.

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  • Globaler Kommunismus

    Prolog: Kleinbürger, Großbürger

    Im Herbst 1932 reiste Jomo Kenyatta, kenianischer Aktivist und Repräsentant der Kikuyu Central Association, die sich etwa für die Rückgabe ihres von den britischen Kolonialherren enteigneten Landes einsetzte, von London nach Moskau. Begleitet wurde er von seinem Freund, dem aus Trinidad stammenden George Padmore, der zum Führungszirkel der Kommunistischen Internationale (Komintern) gehörte. Kenyatta verbrachte das folgende akademische Jahr als Student an der Kommunistischen Universität der Werktätigen des Ostens (KUTV), einer der internationalen Kaderschulen der Komintern, die sich nicht zuletzt an Revolutionäre aus den afrikanischen und asiatischen Kolonien richtete. Padmore beschrieb das Curriculum später als ein Programm in »Geschichte, Fremdsprachen, Ökonomie, Politikwissenschaft, Partei- und Gewerkschaftsorganisation, Techniken der Propaganda und Agitation, öffentlicher Rede und Journalismus […] alles von einem marxistischen Standpunkt«.

    Die Ausstattung der KUTV war mehr als bescheiden, und für Kenyatta erwies sich das Jahr in Moskau insgesamt als frustrierendes Erlebnis. In den Akten der Komintern erscheint er als einer der Sprecher einer Gruppe von afrikanischen, karibischen und afroamerikanischen Studierenden, die sich bitter über das schlechte Essen, die heruntergekommenen Unterkünfte und das unzureichende Englisch der Lehrenden beschwerten. Die Komintern sah in ihm bald einen hoffnungslosen Fall, da er wegen seiner dezidiert antimarxistischen Haltung für die Rekrutierung in die Partei ungeeignet schien. Als künftiger Agent kam er auch deshalb nicht in Frage, weil er den britischen Behörden aufgrund seiner antikolonialen Aktivitäten bereits zu gut bekannt war. Ein südafrikanischer Mitstudent bezeichnete Kenyatta als den »größten Reaktionär«, den er je getroffen habe, und berichtete später: »In Moskau pflegten wir ihn einen Kleinbürger zu nennen. Er antworte darauf indigniert: Ich mag dieses ›klein‹ nicht. Warum nennst Du mich nicht einen Großbürger?«

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  • Wettbewerbsorientierung und Flexibilisierung in der Wissenschaft: Eine gegenwartsgeschichtliche Perspektive

    In den vergangenen fünfundzwanzig Jahren haben sich die Rahmenbedingungen von Forschung und Wissenschaft in Deutschland tiefgreifend verändert. An den Universitäten und in den außeruniversitären Forschungseinrichtungen setzten sich in diesem Zeitraum neue Leitbilder und Steuerungsinstrumente wie Strategiepapiere und Zukunftskonzepte, quantitative Indikatoren, Leistungsvergleiche und Evaluationen, Pakte, Selbstverpflichtungen und Zielvereinbarungen, strategisches Management, Qualitätssicherung und Monitoring sowie das Wissenschaftsbranding und Wissenschaftsmarketing durch. Im Fall der Universitäten schufen Wissenschaftsfunktionäre und politische Akteure aus Bund und Ländern mit dem Drittmittelwettbewerb, der seine deutlichste Ausprägung in der Exzellenzinitiative fand, eine neue Handlungsarena, die Strukturen und Handlungsorientierungen auf allen Ebenen erheblich beeinflusste. Ähnlich wie privatwirtschaftliche Unternehmen begannen sich Universitäten und Wissenschaftsorganisationen als strategisch denkende Wettbewerbsakteure zu verstehen.

    Im Hochschulbereich bildete die finanzielle Steuerung über Dritt- und Sondermittel offenbar den stärksten Hebel, Wettbewerbsorientierung zu perpetuieren. Ein typisches Bild bietet der Haushalt der Universität zu Köln: 2019 betrug der Anteil der temporär und kompetitiv vergebenen Dritt- und Sondermittel dort 40 Prozent.  Doch auch die Arbeit der Max-Planck-Gesellschaft, für die Drittmittel eine nachgeordnete Rolle spielen, ist seit den neunziger Jahren dezidiert wettbewerbsorientiert ausgerichtet.

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  • Frau A. sein

    Im vergangenen Dezember warf ich eine kleine Flasche Handdesinfektionsgel gegen das Fenster der Nachbarin im ersten Stock. Es war spätabends an einem Dienstag. Zuvor hatte ich vergeblich versucht, die Tür des Hauses aufzuschließen, in dem ich während meiner Arbeitswochen in Essen wohne. Seit März 2020 war ich kaum je dort gewesen, sondern saß in meinem Berliner Arbeitszimmer fest. Entgangen war mir so eine Wurfsendung der Hausverwaltung, die darüber informierte, dass das Haustürschloss gewechselt worden sei, um die ehemalige Mieterin aus dem Souterrain daran zu hindern, wieder ins Haus zu gelangen, aus dem sie nach einer Räumungsklage hatte ausziehen müssen.

    In dem Schreiben stand auch, dass man sich insbesondere abends bei jedem Klingeln überlegen solle, ob man öffnen wolle. Wie ich später hörte, war es zu Ruhestörungen durch Frau A. gekommen, und an diesem Abend im Dezember hielten die anderen Hausbewohner, bei denen ich beschämt, aber entschlossen klingelte, mich vermutlich für Frau A. So öffnete niemand, bis die Nachbarin, an deren Fenster ich mein Desinfektionsgelfläschchen geworfen hatte, sich davon überzeugte, wer hier störte. Nachdem ich meine Lage erklärt hatte, ließ sie mich ins Haus.

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  • Moralisierung

    Am 27. Februar 2021 publizierte Jacques Schuster, der »Chefkommentator« der Welt, unter der Überschrift Wie Moral zum Totschläger der Debattenkultur verkommt einen Leitartikel in apokalyptischer Tonlage: »Immer schonungsloser wird in politischen Debatten das Gewissen als scharfrichterliche Instanz eingesetzt. Die Folgen sind verheerend: für den Westen, die Meinungsfreiheit und für die offene Gesellschaft.« Nicht nur wenn es um sexuelle Fantasien gehe, so Schuster, sei »political correctness« fehl am Platz. Der gesamte öffentliche Diskurs werde unter zu viel Moral erstickt.

    Mit der Überzeugung, moralische Argumentationen drängten in Felder und Sphären ein, in denen sie kategorial fehl am Platz seien und daher nur Schaden anrichteten, steht Schuster nicht allein. Der Gedankenfigur von der unstatthaften »Moralisierung« kann man seit vielen Jahren und zugleich in ganz verschiedenen Kontexten begegnen. Ein Satz wie der Folgende von Jan Grossarth ist nur ein Beispiel von vielen: »Die Grünen moralisieren die Diskussion um Pestizide.«

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  • Quivive: Der Kuss des Bären und die Lehren der Ungewissheit

    In Zeiten der Ungewissheit wie diesen wird oft darüber spekuliert, welche Partien des gewohnten Lebens einem neuen Normal weichen und welche Schlüsse aus der Pandemiekrise Mensch und Natur guttun könnten – damit, pardon, die »ganze alte Scheiße« (Karl Marx 1857) nicht von vorne losgeht. Die Dringlichkeit von mehr, sogar viel mehr Arten- und Klimaschutz ist ein Gemeinplatz, während die Kurven der Emissionen und die Bilanzen des Artensterbens ungerührt nach oben zeigen. Die Sars-CoV-2-Pandemie hat einem überdies die Augen geöffnet: Da ist nicht etwa der Mensch von bösen Wildtieren infiziert worden, vielmehr löste deren Vertreibung aus ihrer natürlichen Umgebung und eine respektlose Nähe verhängnisvolle Zoonosen aus, Übertragungen in beide Richtungen.

    Es geht also um mehr als den nun allerorts ausgerufenen Green New Deal, nämlich um eine radikale Korrektur der Denkweise, die Menschen, Tiere und die »unbelebte« Natur als hierarchisierte Gegensätze begreift. »Man müsste, nein: man muss um jeden Preis aus dieser reversiblen tödlichen Dualität herauskommen«, resümiert die französische Anthropologin Nastassja Martin ihre Begegnung mit einem Bären in dem Buch An das Wilde glauben, das gerade Furore macht und in der Tat niemanden kalt lassen kann. Die gern kolportierte Kurzfassung »Frau wird von einem Bären gebissen, entdeckt diesen in sich und wird ein anderer Mensch« verfehlt den Bericht einer beinahe tödlich verlaufenen Feldforschung der Autorin bei den Ewenen auf der sibirischen Halbinsel Kamtschatka bei weitem. Das wäre nur die altbekannt-kitschige Vermenschlichung eines Tiers und die Verharmlosung der stattgefundenen Begegnung. »Das Ereignis an diesem 25. August 2014 ist nicht: Irgendwo in den Bergen von Kamtschatka greift ein Bär eine französische Anthropologin an. Das Ereignis ist: Ein Bär und eine Frau begegnen sich, und die Grenzen zwischen den Welten implodieren.«

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  • Die einen nennen es Embargo…: Das kubanische Modell

    Am 16. April 2021 trat Raúl Castro als Erster Sekretär der Kommunistischen Partei Kubas zurück. Die Berichterstattung konzentrierte sich auf die Tatsache, dass nun von den höchsten politischen Ämtern der Insel keines mehr von einem Castro besetzt war – zum ersten Mal seit mehr als sechzig Jahren. Und ein Generationswechsel ist es tatsächlich: Der derzeitige Präsident und erste Sekretär der Partei, Miguel Díaz-Canel, dem Raúl bereits drei Jahre zuvor die Regierungsgeschäfte übergeben hatte, war zum Zeitpunkt der Revolution 1959 noch nicht einmal geboren. Bald wird das System, das die »Bewegung des 26. Juli« unter Fidel Castro errichtet hatte, seine Gründer überdauert haben.

    Mit seiner Langlebigkeit hat dieses System alle Prophezeiungen, sein Untergang stünde unmittelbar bevor, Lügen gestraft. Man sollte meinen, dass sich damit auch das hartnäckige Image, es handele sich hier um ein Relikt aus dem Kalten Krieg, allmählich erledigt hätte. Immerhin ist die Zeitspanne von 1989 bis heute inzwischen größer als diejenige, in der das eigenartige staatssozialistische Modell während des Kalten Krieges existierte. Und dennoch hält sich beharrlich das Bild von einem Kuba, das in einer vergangenen Epoche feststeckt. Für Außenstehende verzerrt dies den Blick auf einen Staat, der sich während der ganzen Zeit verändert hat, wenn auch in seinem eigenen Tempo.

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  • Wolfgang Herrndorfs Nachleben

    Wer stirbt, erhält nicht ohne postume Unterstützung Eintritt ins Gedächtnis der Nachwelt. Gatekeeper, offizielle und anonyme, bestimmen nicht selten über die Auslegung des Ablebens. Nicht nur, aber in verstärktem Maß im Internet bedeutet dies, dass Rezeptionsgeschichten Versionsgeschichten vorausgehen. Als Wolfgang Herrndorf im August 2013 starb, konnte man die Verwaltung seines Sterbe-Narrativs parallel auf Wikipedia, Twitter und im Online-Feuilleton mitverfolgen: Nachdem der befreundete Sascha Lobo am 27. August in einem Tweet den Tod des Autors verkündet hatte, folgten Newsticker-Meldungen zahlreicher deutscher Tages- und Wochenzeitungen, auf Wikipedia entwickelte sich eine hektische Formalisierungsaktivität, und die Herrndorf-Vertraute Kathrin Passig ließ wiederum auf Twitter wissen, dass der Autor keinesfalls – wie es zunächst in der Online-Enzyklopädie hieß – »an den Folgen der Krankheit« gestorben sei: »Wolfgang Herrndorf starb nicht am Krebs. Er hat sich gestern in den späten Abendstunden am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen.«

    Herrndorfs Schuss, den Passig nach eigenen Angaben ganz »in seinem Sinn« schließlich zur Meldung über die erfolgreiche Selbsttötung machte, ließ sich damit zugleich als Freundschaftsdienst verstehen, der Herrndorfs eigene literarische Existenz im Netz beschloss. Schließlich sollte eben jene Formulierung wenig später als letzter Eintrag in sein Tagebuch Arbeit und Struktur aufgenommen werden: »Wolfgang Herrndorf hat sich am Montag, den 26. August 2013 gegen 23.15 Uhr am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen.«

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  • Neigungsgruppe Zornebock

    Meinen Zornebock habe ich im Alter von ungefähr vier Jahren im Schwarzwald verbrannt. Mit »Zornebock« beschrieb man in der Familie jenen Dämon, der offenbar von mir Besitz ergriff, wenn ich vor lauter Wut ausdauernd und mit aller Kraft schrie, bis ich am ganzen Körper zitterte. Um diese unguten Zustände zu beenden, wurde während eines Schwarzwaldurlaubs der Zornebock im Kachelofen eines Ferienhauses verbrannt, was mir allerdings erst hinterher mitgeteilt wurde. Bei der Verbrennung war ich so unerwünscht wie der Zornebock bei einer Wanderung am Schluchsee. Dies alles weiß ich nur aus Erzählungen. (mehr …)