• Viviennis Molitrix

    Raff mich auf, in die Quadrate, zum Barbier. Weil der Mann seinen Beruf ernst nimmt, traue ich mich nicht, nach einem einrasierten Scheitel zu fragen, Style aller zeitgenössischen Sechzehnjährigen, die etwas auf sich halten, und damit eigentlich grad gut genug für mich. Ich esse eine Linsensuppe. Auf dem Marktplatz findet ein Hochzeitstanz statt. Das sind die berichterstattungsfähigen Öffentlichkeiten, für die ich mich interessiere. (mehr …)

  • Die Krise der Erinnerungskultur

    Das historische Selbstverständnis der Bundesrepublik gründet seit langem auf der weithin gefestigten Übereinkunft, die eigene Vergangenheit nicht als nationalstolze Kontinuitätserzählung im Gedächtnis zu bewahren, sondern als opferzentrierte Wandlungserzählung. Um zu diesem Geschichtskonsens zu kommen, hat das Land in der öffentlichen Auseinandersetzung um die Verfassung ihrer Geschichtskultur einen weiten Weg zurückgelegt. (mehr …)

  • Pakistans Sicherheitsdilemma

    Braucht ein Land Patriotismus? Wenn ja, dann ist Pakistan ein gesegnetes Land. Wer entsprechende Anlässe – etwa die tägliche Flaggeneinholung in Wagah Border, einem der Grenzübergänge zu Indien – miterlebt und den Blick nicht nur auf das britisch-orientalische Militärzeremoniell, sondern auf die Zuschauer gerichtet hat, wird sich an Tausende von Menschen erinnern, die lächelnd kleine grüne Fahnen schwenken und immer wieder mit aufrichtiger Anteilnahme »Pakistan zindabad« (»Lang lebe Pakistan!«) skandieren. Auf Europäer, insbesondere auf Deutsche, die den eigenen patriotischen Gefühlen eher mit Ironie zu begegnen gewohnt sind, wirkt eine solche kollektive, ungebrochene Bejahung nationaler Zugehörigkeit angesichts der Armut des Landes und seiner ethnischen wie auch sprachlichen und kulturellen Heterogenität befremdlich. Und doch kann kein Zweifel daran bestehen, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich hier ausdrückt, authentisch ist.

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  • Eine kleine Geschichte der Nostalgie

    Retromania: Pop Culture’s Addiction to Its Own Past lautet die kritische Diagnose von Simon Reynolds aus dem Jahr 2011, der erklärt, dass sich die Nullerjahre, anstatt eigenes und Neues hervorzubringen, in Revival, Recycling und Remake erschöpft hätten. Retrotopia nennt Zygmunt Bauman dieses Phänomen ins Politische gewendet: die Phase des Rückbezugs und (politischen) Rückschritts, die auf eine Phase progressiver Zukunftszugewandtheit gefolgt sei. In dem kurz vor seinem Tod fertiggestellten Buch schreibt Bauman, dass wir in einem »Zeitalter der Nostalgie« leben. 2018 spitzt Isolde Charim im Anschluss an Bauman zu: Wir erleben eine durchaus kombattante Form der nostalgischen Sehnsucht, die sich »mit Zäunen, mit Mauern und Stacheldraht« der Veränderung entgegenstellt. Der mittlerweile selbst schon mehrfach in Mode gekommene Begriff der Nostalgie geht auf die griechischen Worte für Heimkehr (»nostos«) und Schmerz (»algos«) zurück und bedeutet im Deutschen bis zu den 1970er Jahren vor allem ein räumlich verstandenes Heimweh.  (mehr …)

  • Mao in Frankreich

    Wer Jean-Luc Godards Film La Chinoise (1967) heute anschaut, mag zwischen Irritation, Belustigung und Langeweile schwanken. Trotz der ironischen Brechung ist das Werk streckenweise maoistischer Agitprop und führt halbdokumentarisch vor, wie nicht eben wenige im studentischen und künstlerischen Milieu seinerzeit gedacht und diskutiert haben. Ungläubig verfolgt man die Rituale der Fünfer-Kommune, ihr krauses Vokabular und ungelenke Übungen in Kritik und Selbstkritik. Godard inszenierte das wie ein Lehrstück für die Bühne und nimmt dabei das Scheitern vorweg. Die Vision des Schauspielers Guillaume vom »sozialistischen Theater« nach Art der chinesischen Kulturrevolution erweist sich als Hirngespinst, es misslingt ein Anschlag auf den sowjetischen Kultusminister, den die Philosophiestudentin Véronique ausführen will (nebst Gelegenheitshure Yvonne und dem Physikstudenten Henri als weitere dramatis personae ), weil sie die falsche Tür öffnet und jemand anderen erschießt.

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  • Neoliberalismus, Demokratie und die supranationale Föderation

    »Neoliberal« und »Neoliberalismus«, so eine weitverbreitete Meinung, sind zu politischen Kampfbegriffen verkommen, die längst jede Präzision und jede analytische Kraft eingebüßt haben. Stattdessen fungieren sie lediglich als Platzhalter für Politiken, Verhaltensweisen, Mentalitäten, die einem aus Gründen, die man nicht näher benennen kann oder möchte, irgendwie zuwider sind. »Neoliberal«, so stellte die amerikanische Autorin Andrea Long Chu mit Blick auf die Debatte um die New Yorker Skandalprofessorin Avital Ronell fest, bedeute manchmal lediglich »Regeln, die ich nicht befolgen müssen sollte«. Dass der Begriff bereits seit vielen Jahren inflationär verwendet wird und Sachverhalte häufig eher verdunkelt als erhellt, lässt sich wohl kaum bestreiten. Soll man ihn also aufgeben?

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  • Kunst, Raub und Recht. Rechtskolumne

    Das erste Objekt, das der Besucher sieht, ist ein Koffer. Er ist schwarz, kaum größer als eine Aktentasche und liegt auf einer großen Spiegelfläche, aufgebaut vor einer Wand mit Zeitungsausschnitten. Erst hinter der Wand beginnen die Bilder, die den eigentlichen Schwerpunkt der Ausstellung »Bestandsaufnahme Gurlitt« ausmachen sollen. Die großangelegte Schau, derzeit im Gropius Bau in Berlin zu sehen, ist der erste kuratorische Versuch, eine umfassende Deutung des Falls von Cornelius Gurlitt und des Umgangs mit der Restitution von NS-Raubkunst vorzulegen. Der Koffer soll der Einstieg in diese Deutung sein. (mehr …)

  • Was wahr sein könnte. Plädoyer für eine fiktionale Empirie

    Ich denke laut nach. Warum dürfen Wissenschaftler ihre Quellen eigentlich nicht erfinden? Ich meine nicht: Täuschung, ich meine nicht: Fälschung. Es gibt hinreichend viele Betrugsfälle, die das Vertrauen in die wissenschaftliche Wahrheit langsam, aber sicher zu zerstören drohen. Das mag mit der fatalen Tendenz zur gnadenlosen Output-Orientierung des Betriebs zusammenhängen, der Inhalte anhand monetär verwertbarer Indexziffern filtert; das freilich ist ein anderes Thema. Ich meine auch nicht die gerade um neue Fälle vermehrten wissenschaftlichen Fakes à la Sokal, die mal wieder zeigen sollen, was für einen Quark zu produzieren »postmoderne« Geisteswissenschaftler sich nicht entblöden. Nein, ich meine: wahrhaftige Quellen erfinden, eine Empirie, die es nicht gibt, die aber wahr sein könnte. Möglicherweise machen das einige von uns ohnehin hier und da ganz ungewollt: Man entwickelt eine Argumentation, und dann fällt einem das Zitat ein, das wie die Faust aufs Auge passt, ganz präzise erinnert man sich an den Wortlaut – nur im Moment nicht daran, wo es steht. Macht nichts, Beleg wird folgen. (mehr …)

  • Im Bann der fossilen Vernunft

    Ende Juni 2018. Eine fünfköpfige Gruppe des Berliner Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte ist unterwegs nach Kanada. Eingeladen haben eine Historikerin und eine Anthropologin aus dem Forschungsverbund »Energy In Society« der Universität Calgary. Geistes- und Sozialwissenschaftler untersuchen hier die gesellschaftlichen und kulturellen Folgen der auf Erdöl basierenden Lebensweisen und Ökonomien des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Die Reise dient dazu, Möglichkeiten einer Kooperation auszuloten, um gemeinsam, aber doch aus den jeweils unterschiedlichen akademischen und geografischen Perspektiven das Zusammenspiel von Energie, Ressourcen, historischen Prozessen und Gesellschaften zu erforschen. Was dabei unter anderem auf dem Spiel steht, haben wir aus dem Flugzeugfenster gesehen: die Eisberge und Gletscher von Grönland. Was sie gefährdet, sehen wir im Anflug auf Calgary: eines der größten Erdölextraktionsgebiete der Erde, die Athabasca Oil Sands in der Provinz Alberta. (mehr …)

  • Konsequenzkunst

    Die Konsequenzlosigkeit regiert in diesen Tagen. Die einen möchten konsequenzlos Hassbotschaften senden, und die anderen möchten dem zuhören, ohne Konsequenzen tragen zu müssen. Ja, vielleicht steht dem von Enis Maci beschriebenen Wunsch nach einem safe space, in dem man konsequenzlos etwas Hasserfülltes sagen kann, wirklich der Wunsch gegenüber, sozusagen safe zuzuhören, also, ohne dass man gleich reagieren muss. Einfach mal kommen lassen. Als würden sich ansonsten die Dinge immer gleich überschlagen beim Zuhören. Als bräche dann eine Hektik aus.

    Oder was ist los mit denen, die immer wieder sagen, man müsse den Leuten endlich mal zuhören? Hören wir ihnen denn nicht andauernd zu? Sind nicht unser aller Ohren geöffnet, wenn der »Mann von der Straße«, der »einfache Mann«, der Rechtsradikale und der Populist, sozusagen die Björn-Höcke-Ausprägung der Öffentlichkeit, loslegt, schon allein deshalb, weil er uns mit dem, was er sagt, provoziert? Und was passiert dann? Überschlagen sich die Dinge wirklich? Vielleicht geht es ja darum, aus den hasserfüllten Botschaften das Brauchbare herauszudestillieren, den sozusagen einfachen Mann aus dem Rechtsextremen, und dann vielleicht noch den Mann aus dem Menschen, als ginge das; beziehungsweise aus dem inzwischen entstandenen Konglomerat in den Aussagen der sogenannt besorgten Bürger etwas, mit dem man umgehen kann und über das man mal reden sollte? Vielleicht geht es dann wirklich um Umverteilung, vielleicht um soziale Gerechtigkeit – nur was würde daraus erfolgen? Etwa Handlungen, Entscheidungen?

    (…)

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