• Vor, bei und nach dem Übersetzen

    Was ist ein übersetzter Text, und wem gehört er? Was macht eine Übersetzung mit dem Was ihrer Ausgangssprache, wenn sie ihn in das neu zu gestaltende Wie ihrer Zielsprache schiebt? Lässt sich das Was eines Textes von der jeweiligen sprachlichen Äußerung überhaupt trennen? Diese Fragen treiben mich um, seit ich übersetze, und das ist, neben früheren Gelegenheitskontakten, seit gut zehn Jahren. Was tut ein Literaturübersetzer, bevor er übersetzt? Er liest das Original, ist man versucht zu antworten. Doch lese ich ein fremdsprachiges Original nicht bereits übersetzend? Wo fängt die Aneignung an, die jede Übersetzung und überhaupt jede Lektüre ist? Möglicherweise schon vor dem Aufschlagen des Buchs, bei der Wahl desselben, oder gar bei all dem historischen und kulturellen Vorwissen, das ich erst ansammeln muss, um genau dieses Buch in die Hände zu bekommen. (mehr …)
  • Schiffbruch mit Zuschauer?

    Sie redeten jetzt alle von dem Messerangriff, erzählt mir die Sechstklässlerin in lakonischem Tonfall. Der Messerangriff?, antworte ich ihr. Davon habe ich noch nichts gehört. Wohl von den Prügeleien, aber der Messerangriff war mir neu. War es in der H-Klasse, frage ich sie, schon ahnend, so ein Messerangriff kann nur in der H-Klasse vorkommen, denn die HKlasse ist eine besonders schwierige Klasse, das ist doch bekannt. Ja, es könnte die H-Klasse sein, ganz sicher sei sie sich da nicht, vielleicht war es auch einer aus der F-Klasse. Ihre Stimme drückt Alltäglichkeit aus, es ist der ganz normale Schultratsch, in dem ein Messerangriff durchaus vorkommen kann. (mehr …)
  • Strandgeschichten

    Kerala, Südindien, Mitte Januar. Das ältere französische Ehepaar war begeistert: Es sei so atemberaubend schön hier, das Meer, die Gewürze, die Farben und diese unglaublichen Strände, endlos groß und leer. Sie kämen jedes Jahr hierher, für vier Monate, von November bis Ende Februar. »Da ist es bei uns einfach zu kalt.« Wo sie denn wohnten? Montpellier. Vor uns glitzert der Strand, der sich unabsehbar weit nach Norden und Süden erstreckt, dahinter Palmen. Zehn Uhr morgens, 32 Grad. Der Strand, das ist der Sehnsuchtsort, das Ziel am Urlaubsziel. Geschätzte drei Viertel aller Bildschirmhintergründe in den Büros meiner Universität zeigen einen Strand – mit Palmen, menschenleer, wie in den Reisebüroprospekten. Im Frühjahr 2017 wurde eine Umfrage durchgeführt, was Schweizerinnen und Schweizer besonders intensiv mit Heimat verbinden. Die Familie, sagten 70 Prozent. Die Berge: 60 Prozent. Fast jede und jeder Fünfte, 18 Prozent, meinte dagegen: der Meeresstrand. (mehr …)
  • Auf Sendung

    Der Zug fährt pünktlich ein. Du stehst am Gleis und siehst, wie sich jemand vor den einfahrenden Zug wirft. Rote Jacke, blonde Haare. Der Zug überrollt die Person, wird langsamer, hält an. Leute strömen an dir vorbei. Du weißt nicht, was du tun sollst. Du läufst in die andere Richtung, durch die Glastür in die Bahnhofshalle. Der Schalter der Auskunft ist frei, und drei Angestellte in Uniform unterhalten sich. Du unterbrichst ihr Gespräch und sagst, dass sich auf Gleis eins gerade jemand vor den Zug geworfen hat. Die drei werden bleich. Und das am frühen Morgen, stöhnt einer. Der hinter dem Tresen sitzende Bahnmitarbeiter ruft in der Zentrale an, sie ist schon informiert. Durch die Glastür siehst du immer mehr Menschen in Richtung des Zugs laufen. Warum laufen die denn da jetzt alle hin, fragt der älteste der drei Männer. Du trittst einen Schritt zurück und schaust auf die Anzeige unter der Decke. In siebzig Minuten sollst du im Funkhaus sein, in neunzig Minuten beginnt die Sendung. (mehr …)
  • Distant Listening

    In der norwegischen Nationalbibliothek liegt eine Radioaufnahme von 1936: Olina Sohlheim, zu diesem Zeitpunkt hundertdrei Jahre alt, berichtet von ihrer Kindheit auf dem Land, von körperlicher Arbeit und Entbehrung, der Heimsuchung durch Wölfe, ihrer späteren Tätigkeit und Bezahlung als Soldatin. Dies ist Oral History: nicht des 20., sondern des 19. Jahrhunderts. Die Lautaufnahme ist von hoher Qualität, fünfzehn Minuten Sound aus einer anderen Welt, der bäuerlichen mündlichen Kultur der vorindustriellen Epoche. In der Stimme der Frau, der belebten Prosodie der Erzählung, fallen erzählte Zeit und erzählende Zeit in eins. (mehr …)
  • Zug um Zug ins Paradies

    Der Straßenkampf lässt sich auch ganz unverfänglich propagieren. Bereits der Name der französischen Website Lundi matin weckt eher Assoziationen an gediegenes Frühstücksradio. Die Seite ist minimalistisch, aber mit einem nicht zu verkennenden Willen zur Eleganz gestaltet. Die Autoren orientieren sich an einem selbstverliebten Ethos journalistischer Gelassenheit, das im Moment seiner existentiellen Krise augenzwinkernd wiederbelebt wird. Inhaltlich aber geht es knallhart zur Sache: Es finden sich Berichte zum Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten, embedded reporting aus dem Schwarzen Block, ätzende Kritik an den Akteuren der parlamentarischen Politik, Editorials zur Lage der antikapitalistischen Linken weltweit, mit allen philosophischen Wassern gewaschene Strategietexte ebenso wie Gerichtsreportagen über die Prozesse, die Kampfgenossen durchzustehen haben. (mehr …)
  • Der Tierfilm und seine Kritiker

    Der Wildlife-Tierfilm ist ein so populäres wie lukratives Genre. Schon die Kino und Fernsehproduktionen der 1950er Jahre zogen ein Massenpublikum an. Seither hatten erzählerisch kommentierte Reportagestrecken mit Aufnahmen wandernder Elefantenherden, zähnefletschender Krokodile, raufender Affen und nistender Vögel in vermeintlich unberührter Natur einen festen Platz im Fernseh- und Kinoprogramm. Trotz Billigferntourismus und immer massiverer Bildervermehrung erwies sich die Nachfrage nach Wildlife-Dokus auch in der Folge als derart groß, dass sich über die Jahrzehnte eine global agierende Industrie herausbilden konnte, die bis heute ständig neue Märkte erschließt. (mehr …)
  • Staatsterror unter Stalin

    Seit dem Aufkommen des modernen Luftkriegs berichten aktive Militärs immer wieder von der ebenso paradoxen wie fatalen Erfahrung, dass mit zunehmender Distanz zu einem Zielobjekt die Hemmung vor großflächiger Zerstörung und massenhafter Tötung schwindet. Mit der Indienstnahme von ferngesteuerten, interkontinental einsetzbaren Raketen und Drohnen hat sich diese Erfahrung weitgehend normalisiert: Der »Feind«, über Hunderte, womöglich Tausende von Meilen in die Ferne gerückt, wird zu einem neutralen Abstraktum, dessen Vernichtung kaum noch menschliche Regungen zu wecken vermag. Hass oder Mitleid, Überlegenheits- oder Schuldgefühle verlieren ihre emotionale Dynamik. Wie die große Distanz, so bewirkt auch die große Zahl eine merkliche Neutralisierung ethischer Wertsetzungen und Werturteile – ein Phänomen, das bei der Erschließung der Opferzahlen aus den beiden Weltkriegen ebenso zu beobachten ist wie bei der Aufarbeitung des Staatsterrors im nationalsozialistischen Deutschland und in der stalinistischen Sowjetunion: Da wie dort ergibt die Summierung der Zahlen zweistellige Millionenwerte, eine Bilanz mithin, die jegliche Vorstellungskraft übersteigt. Die für die UdSSR errechneten oder geschätzten Opferzahlen aus den 1930er Jahren und der stalinistischen Nachkriegszeit weisen bis heute eine enorme Schwankungsbreite auf. Dafür gibt es vielerlei Gründe. Einer davon war (und ist) die langfristige, neuerdings wieder verschärfte Sperrung der einschlägigen Staats-, Partei- und Polizeiarchive, ein anderer ergibt sich aus dem ungewöhnlich weitläufigen Einzugsbereich des sogenannten Großen Terrors, zu dessen individuellen und kollektiven Opfern angebliche »Staats-« und »Volksfeinde« aller Art gehörten, darunter »Konterrevolutionäre«, »Kulaken« (selbständige Bauern), »Abweichler«, »Schädlinge«, »Saboteure«, »Spione«, »Kosmopoliten«, aber auch parteilose »Mitwisser« und »Mitläufer« sowie eine Vielzahl von Menschen, die einzig und allein auf Verdacht angeklagt oder durch Sippenhaftung als »Mitschuldige« straffällig wurden. Dazu kommt die Unklarheit, ob und inwieweit die Hungerkatastrophen von 1931/1933 oder die Zwangsarbeit auf staatlichen Baustellen und in Straflagern als indirekter, obwohl planmäßig organisierter Terror zu betrachten sind. Dasselbe gilt für die massenhafte Repression sowjetischer Armeeangehöriger, die nach dem Krieg aus deutscher Kriegsgefangenschaft in die UdSSR zurückkehrten und dort als Deserteure oder als Verräter liquidiert wurden. Dass man den staatlichen Terror offiziell als »Säuberungsaktion« (Tschistka) bezeichnete, hat durchaus seine Richtigkeit, denn damit konnte jeder beliebige Staatsbürger und konnten auch beliebige gesellschaftliche oder politische Gruppierungen als »unsaubere« Elemente diffamiert werden, als Gegner und Gefährder der angeblich »sauberen« Welt des Sowjetstaats. Seit in Russland vier Millionen Menschen für den Zeitraum von 1920 bis 1950 als Opfer staatlicher Gewalt offiziell rehabilitiert worden sind (Dekret vom 13. August 1990), gilt diese Opferzahl als allgemeine Richtgröße, doch wird sie durch statistische Berechnungen und demografische Analysen russischer wie nichtrussischer Experten bei weitem überboten. Neuerdings scheint sie sich bei zirka zwanzig Millionen einzupendeln, allein für die Zeit des Großen Terrors (1936 bis 1939) geht man mittlerweile von vier bis fünf Millionen Gewaltopfern aus. Dabei bleibt allerdings in vielen Fällen offen, ob als Opfer ausschließlich »Todesopfer« zu gelten haben oder auch Personen, die enteignet, deportiert, langfristig in Kerker- und Lagerhaft gehalten oder unter strengstem Regime zu Zwangsarbeit auf staatlichen Großbaustellen herangezogen wurden. Um den Umfang und die Intensität des damaligen Staatsterrors zu prä- zisieren, sei auf das Jahr 1937 verwiesen, das diesbezüglich am genauesten dokumentiert ist. Aufgrund eines Dekrets, das im Sommer 1937 vom Politbüro beschlossen wurde, fanden zunächst binnen zehn Tagen 72 950 Sowjetbürger einen gewaltsamen Tod; bis zum Jahresende gab es, unter dem Kommando des Volkskommissars Nikolai Jeschow, insgesamt 767397 Verhaftungen und 386 789 Exekutionen.

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  • Reden zum Fenster hinaus. Schrift und Funk in Brest-Litowsk

    In memoriam Cornelia Vismann

    Irgendwann in der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, in der »das Salz der Erde«, so Genosse Sokolnikow am 24. Januar 1918, von Westen nach Osten gewandert ist: Frankreich 18. Jahrhundert, Deutschland 19. Jahrhundert, jetzt Russland – irgendwann in dieser Weltgeschichte kommt Die Nacht, die entscheidet.

    Eine neue Macht reibt sich die Augen

    Was geht da vor sich, in einer Stille, die »schrecklicher ist als alle Donner der Welt«? [2. Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution. Oktober-Revolution. Berlin: S. Fischer 1933.] Zuerst die Besetzung aller Kommunikationszentralen: »Post, Telegraph, Staatsbank«. Curzio Malaparte nennt es Staatsstreich. (mehr …)
  • Einsamkeit ist ein Zustand ohne Meise

    Fast hätte ich das Geräusch nicht gehört, diesen Aufprall, als ob jemand einen winzigen Tennisball gegen die Fensterscheibe geworfen hätte. Aber es war leise und mein Gehirn in einer dieser Pausen vor dem Text, in denen man sonst den Browser geöffnet hätte, nun aber halt das andere Fenster, nichts zu sehen, aber da muss etwas gewesen sein, also hinunter in den Hof, in die Recycling-Ecke. Zwischen den Rädern der Restmülltonne finde ich, was vom Geräusch geblieben ist: eine Kohlmeise. Sie muss vier, fünf Meter gefallen sein, liegt jetzt da. Tot? Es ist eine junge Meise, zwar schon so groß wie ihre Eltern, aber das Kopfgefieder noch eher grau als tiefschwarz glänzend, der Bauch noch hellgelb, mit undeutlichem Streifen, nicht zu sagen, ob da ein Weibchen liegt oder ein Männchen. Es ist kalt. Ein Windstoß fährt in den Hof, die Meise zuckt kurz, richtet sich auf und fächert sofort ihre Schwanzfedern aus, damit sie nicht wieder umfällt. Bei dieser Kälte, denke ich, kühlt so ein kleiner Vogel schnell aus und erfriert. Also nehme ich die Meise in meine linke Hand, vorsichtig. Sie wiegt nichts. Als ob der Raum selbst sich in die Form dieses kleinen Vogels gefaltet hätte, als ob das Licht komplizenhaft die Farben seines Gefieders vortäuschte und nichts übrig bliebe als die Idee eines Vogels, als das reine Leben selbst Die Kohlmeise sitzt, die Schwanzfedern immer noch stützend gespreizt, in meiner Hand, ich spüre ihre Krallen. Selten sehe ich einen lebenden Vogel so nah und so ruhig. Die Meise, denke ich, ist perfekt, jede    einzelne Feder so fein geformt, so exakt, wie die Natur sie gerade machen konnte. Die Augen der Meise bewegen sich hinter den geschlossenen Lidern. Träumt sie? Wovon? Lebt sie ihre Kollision mit der Fensterscheibe nach? (…)

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