• Die Krähe

    Das mit meiner Krähe hat im Februar angefangen. Ich habe eine halbe Walnuss aufs Fensterbrett gelegt. Nach ein paar Stunden war sie weg; stattdessen fand ich dort eine kleine graue Plastikscherbe.

    Das fand ich übertrieben. Ich kannte die Geschichten von Krähen, die Menschen Geschenke machen. Aber beim ersten Mal – das ging mir zu schnell. Andererseits ist mir bis heute keine andere Möglichkeit eingefallen, wie dieses Stück Plastik gerade in diesem Augenblick dort hingelangt sein könnte. (mehr …)

  • Aus dem Leben eines Korrekturlesers

    Nachdem er sich der üblichen morgendlichen Obliegenheiten entledigt hat – Körperpflege, Frühstück, Zeitunglesen –, begibt sich der Korrekturleser in sein Arbeitszimmer, wo auf dem Schreibtisch schon ein neuer Auftrag wartet: ein starker Stoß von DIN-A4-Blättern, Druckfahnen eines zukünftigen Buches, die er am Vortag im Verlag abgeholt hat, im Tausch gegen fertig bearbeitete. Des Weiteren auf der Arbeitsplatte: Bleistift, Anspitzer, Radiergummi – mehr braucht’s nicht. Dazu natürlich das Lineal, mit dem der Korrekturleser in den nächsten Stunden Blatt für Blatt Zeile für Zeile hinabfahren wird, auf der Suche nach einem falsch platzierten Komma, einem orthografischen Lapsus, unzulässigen Zusammenschreibungen, uneinheitlich gehaltenen, fahrlässig getrennten oder sonst wie nicht regelkonform verfassten Wörtern und Sätzen. (mehr …)

  • Die Venedig-Bewegung

    »Und wohin gehen wir?«

    »Durch Venedig.«

    »Ist das ein Traum? Oder spazieren wir wirklich?«

    »Wie du willst. Wahrscheinlich beides. Venedig ist doch immer ein Traum.«

    »Den Palazzo zu Fuß zu verlassen, heißt ihn auf der unansehnlichen Seite zu verlassen, auf die dunkle, enge, feuchte Gasse hinauszukommen. Der eigentliche Ausgang liegt am Kanal. Am Wasser.«

    »Wäre es passender gewesen, mit einem Boot an der Wasserpforte zu warten?«

    »Im Traum immer. Mit einem Wassertaxi. Besser noch mit einer Gondel. Und du müsstest rudern.« (mehr …)

  • Spontane Wissenschaftsphilosophien und Philosophien der Wissenschaftler

    Im Jahr 1974 erscheint Louis Althussers Schrift Philosophie et philosophie spontanée des savants.1 Ihren Ausgang nimmt sie von einer »Philosophievorlesung für Wissenschaftler«, die im Studienjahr 1967/68 an der Ecole Normale Supérieure veranstaltet wird.2 Als kollektives Unternehmen konzipiert, hat sich Althusser die Einführung in das Thema reserviert. Ursprünglich ist dafür eine Sitzung veranschlagt, tatsächlich werden es fünf Vorlesungsstunden. Im Zentrum stehen »die (›bewußten‹ oder ›unbewußten‹) Vorstellungen, die sich die Wissenschaftler von der wissenschaftlichen Praxis der Wissenschaften und von ›der‹ Wissenschaft schlechthin machen«. (mehr …)

  • Die Zukunft der Gefängnisse

    Am Ufer der Newa steht seit drei Jahren das größte Denkmal des Großen Terrors im Leningrad der Jahre 1937 und 1938 leer. Das Kresty-Gefängnis mit den markanten Backsteingängen in Kreuzform ist in St. Petersburg der Inbegriff staatlichen Terrors gegen die eigene Bevölkerung. Während der stalinistischen Säuberungen saßen in dem für 1150 Insassen geplanten Bau mehr als 10 000 Gefangene, viele wurden nach ihrer Verurteilung als Volksfeinde verschleppt und ermordet. 2017 wurde in Kolpino nahe St. Petersburg Kresty II fertiggestellt – mit Zellen für 4000 Häftlinge eine der größten Haftanstalten Europas. In Erinnerung an das Original bildet der Grundriss des achtstöckigen Hochhauses am Stadtrand ebenso ein Kreuz mit einem runden Mittelbau. Seither steht das historische Gebäude an der Newa leer, weil jede Nachnutzung eine Antwort auf die Frage geben müsste, wie im Russland des 21. Jahrhunderts mit der Gewaltgeschichte dieses Orts umgegangen werden soll. (mehr …)

  • Praying For Ginsburg

    Erwartungsgemäß ist das »chinesische Virus« in die juristische Interpretationsmühle geraten. Nevadas Gouverneur hat es für richtig und rechtens gehalten, säkulare Aktivitäten weniger strikt zu regulieren als sakramentale. Seine Begründung: Verglichen mit Casinobesuchen (oder Aufenthalten in Restaurants, Fitnessstudios, Bowling-Zentren etc.) seien Gottesdienste sozial dichtere, also gesundheitlich riskantere Ereignisse. Eine randständige Sekte, die »Calvary Chapel Dayton Valley«, wollte sich diese Ungleichbehandlung nicht gefallen lassen, hat daraufhin den Obersten Gerichtshof eingeschaltet und ist knapp gescheitert.1 Richter Alito war mit dem Ausgang nicht einverstanden: Amerikas Verfassung garantiere die freie Religionsausübung, wisse aber nichts von der Freiheit »to play craps or blackjack, to feed tokens into a slot machine, or to engage in any other game of chance«. Dass Nevadas Gouverneur seine Entscheidung auf den Not-, sprich: Seuchenfall stütze, setze den Schwerpunkt falsch. In erster Linie gehe es schließlich darum, die Verfassung zu verteidigen.2 Sie aber weiß von Casinos nichts, alles Weitere folgt von selbst, das Dekret ist nichtig. (mehr …)

  • Das Innenleben des amerikanischen Kommunismus

    Der Kommunist steht am Kreuzungspunkt zweier Ideen: eine antik, eine modern. Die antike Idee: Der Mensch ist ein politisches Wesen. Unsere Disposition zum Öffentlichen, unsere Orientierung nach außen führen dazu, dass wir gar nicht getrennt von der Polis gedacht werden können. Selbst wenn wir unsere Laster zu verbergen versuchen, benötigen wir – wie eine der Figuren ins Platons Staat anmerkt – die Unterstützung von »Geheimgesellschaften und politischen Vereinigungen«. So gegenwärtig sind wir für andere Menschen, so gegenwärtig sind sie für uns. (mehr …)

  • Über ein Recht auf Fortpflanzung

    Früher waren Kinder ein Geschenk, ein Wunder, manchmal auch eine Katastrophe – jedenfalls war Elternwerden Schicksal. Die Reproduktionsmedizin verspricht die Befreiung aus der Abhängigkeit: nicht länger dem Schicksal ausgeliefert sein, sondern selbst gestalten. Kinderwünsche können befriedigt werden, unabhängig von herkömmlichen Zeugungswegen, körperlichen Einschränkungen und voranschreitendem Alter, sogar Eigenschaften des Wunschkinds können ausgewählt werden.1 (mehr …)

  • Rückruf aus den Neunzigern

    Göttingen im April 1997. Karlheinz Weißmann, promovierter Studienrat und »Shooting Star der neurechten Klientel«,1 schreibt das Vorwort zur Neuausgabe seiner Geschichte des Nationalsozialismus. Der Weg in den Abgrund ist noch vor Erscheinen als Skandal bezeichnet worden, die Herausgeber der Propyläen-Reihe haben sich aufs Schärfste von dem Band distanziert, die Kritiken waren verheerend, der Verlag hat das Buch zurückgezogen und Weißmann eine Abfindung gezahlt. Was für ein Desaster. Was für eine Gemeinheit! Nicht mit »übermäßigem Wohlwollen«, jedoch »einer gewissen Anerkennung« habe er rechnen dürfen, vertraut Weißmann seinen Lesern an.

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  • Nicht

    Ich habe große Sehnsucht, diese Kolumne nicht zu schreiben. Was nicht bedeutet, dass ich sie nicht schreiben möchte. Ich würde sie nur einfach gern im Zustand des Nichtschreibens schreiben. Ich würde sie gern liefern, ohne sie geschrieben zu haben. Ohne tätig werden zu müssen. (mehr …)