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Konkurrenz oder Koproduktion. Zur Erinnerung an Holocaust und Kolonialverbrechen
Die Kritik an der deutschen Holocaust-Erinnerung ist so alt wie diese selbst. Dabei war und ist die Stoßrichtung der Kritik immer auch Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen und Kontroversen. So wird seit einigen Jahren im Kontext einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft die These geäußert, dass die Aufmerksamkeit auf die Schoah die Erinnerung an die koloniale Vergangenheit in Deutschland behindert habe. Um dies zu plausibilisieren, verweisen Forscherinnen auf ein Modell der Aufmerksamkeitsökonomie, demzufolge der Holocaust »die Aufmerksamkeit von Historikern und Kulturwissenschaftlern beansprucht [habe] und im Vergleich andere Fluchtlinien der deutschen Geschichte als marginal erscheinen« lasse.1
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Die Irrtümer der Soziologie
Der Zeitraum der Menschheitsgeschichte, in dem man sich in Europa voller Überzeugung als »modern« bezeichnen konnte, umfasst kaum hundert Jahre, von den Umbrüchen der 1870er bis zu denen der 1970er Jahre. Es war eine Ära, in der der bürokratische Nationalstaat das stabile Bauelement geopolitischer Macht, der Wohlfahrtsstaat das Modell sozialer Gerechtigkeit schien. Die liberale Demokratie sollte sich durch die stetige Ausweitung des Wahlrechts und der gesetzlich geschützten Menschenrechte verwirklichen. (mehr …)
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Post vom Volk. Geschichtskolumne
er als einfache Staatsbürgerin der eigenen Stimme politisches Gehör verschaffen möchte, hat in der liberalen Demokratie die Qual der Wahl. Sie kann eine Petition an Behörden oder Institutionen richten, eine Demonstration organisieren, eine Initiative ins Leben rufen oder gleich eine Partei, eine Zeitung, eine Online-Plattform oder einen YouTube-Kanal gründen. Die Mittel, die bereitstehen, wenn die Fiktion der Repräsentation durch gewählte Abgeordnete und durch politische Parteien nicht mehr verfängt, erfordern keine Mehrheiten. Doch sie verlangen eine kritische Masse an Mitstreiterinnen, um die Chance auf Resonanz zu erhöhen. (mehr …)
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„Die DDR hat’s nie gegeben“. Leerstellen in der aktuellen Erinnerungsdebatte
Im Frühjahr 2020 fand sich Achille Mbembe überraschend im Mittelpunkt einer explosiven Debatte wieder. Dem Kameruner Historiker und postkolonialen Vordenker, der für den Eröffnungsvortrag auf der Ruhrtriennale eingeladen war, wurde vorgeworfen, den Holocaust relativiert zu haben. In den deutschen Feuilletons nahm ein handfester Streit seinen Anfang, der sich weniger um Mbembe selbst und sein Werk drehte, als das Verhältnis von Holocaust-Erinnerung und postkolonialem Gedächtnis neu zu vermessen. Diese Auseinandersetzung, so zeigte zuletzt der Skandal um antisemitische Bilder bei der documenta fifteen, hält weiterhin an. (mehr …)
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30 000 Peaks pro Minute. Abstiegsangst und Kreativität als letzte Ressource der Mittelklasse
»Yes!« Es ist Nacht, aber immer noch schwül. Ich stehe auf einem Parkplatz, dessen Ränder ich nur erahnen kann, eine hellgelbe Duvetica-Daunenjacke um die Hüfte geknotet. Ihr Besitzer steht mit nacktem Oberkörper vor mir, und ich filme ihn mit seinem iPhone. Auf dem Retina-Display ist das Flimmern der Luft über etwa zwanzig aufgeschütteten Reihen brennender Kohlen zu erkennen. Hinter uns stehen Hunderte im Dunkeln Schlange, gespannte Erwartung in den Gesichtern, leises Wippen zu den Rhythmen einer Djembe-Combo. Als hätte man die Startzone des Berlin-Marathons in das Filmset von Escape from New York verlegt. Über Lautsprecher tönt eine sonore Bassstimme: »Wir fühlen die Angst! Wir lieben das Feuer! Wir machen den ersten Schritt! Sagt ja! Sagt ja! Sagt ja zum Feuer! Wir stellen uns vor, wir laufen auf kühlem Moos!« Einige der Anstehenden skandieren: »Kühles Moos, kühles Moos, kühles Moos!« Neben mir schießt ein Pärchen auf Kunstrasen kniend Glut-Selfies. (mehr …)
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Unter Banditen
Beinahe gleichzeitig – in den Jahren 1855 und 1856 – erschienen zwei in verschiedenen Aspekten verblüffend ähnliche Romane, die nicht nur im jungen Staat Griechenland spielen, sondern dessen politische und gesellschaftliche Verhältnisse einer erbarmungslosen Kritik unterziehen. Der eine geschrieben von einem griechenlandkundigen Franzosen, der andere von einem Griechen. Ersterer weidet sich mit herablassendem Spott an einem korrupten Operettenstaat, Letzterer verzweifelt an ihm als Idealist. Der eine nimmt eine zynische Fremdperspektive ein, der andere hüllt seine Generalanklage in Fiktion. Jener verfasst ein launiges Abenteuerbuch mit beachtlicher politischer Expertise, dieser den ersten sozialkritischen Roman der neugriechischen Literatur.(Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)
Beide aber, jeder nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten, betrieben Aufklärung. Edmond About kontrastierte die romantischen Spleens eines zum Tourismus zurückgekehrten Philhellenismus mit einer prosaischen Realität, Pavlos Kalligas hielt dieser den Spiegel vor. Abouts Le Roi des montagnes (Der Bergkönig) trug seinem Autor seitens der politischen Klasse Griechenlands Hass und Ächtung ein. Schließlich hatte er Betriebsgeheimnisse ausgeplaudert und dem heroischen Image des Landes, das Sympathien, Investitionen, Kredite und Bildungsreisende sicherte, international geschadet. Mit Kalligas wurde man eher fertig, denn er hatte nur vor der eigenen Tür gekehrt; die Gefahr, dass sein Roman in eine Fremdsprache übersetzt würde, hielt sich in Grenzen. Sein Thanos Vlekas war in Fortsetzungen in der Athener Literaturzeitschrift Pandora erschienen, erst drei Jahre später als Buch. Er stieß zwar auf Kritik, doch als Staatsanwalt des Inkassationsgerichtshofs war der zweiundvierzigjährige Kalligas ein angesehenes Mitglied der Oberschicht (1854 war er für kurze Zeit sogar Justizminister gewesen), und es ist anzunehmen, dass eben jene, die für die im Roman dargestellten Missstände verantwortlich zeichneten oder daraus ihren Nutzen zogen, der beherzten Anklage des Autors beipflichteten – so sie lesen konnten und sich überhaupt für Literatur interessierten.Griechenland nach 1830
Griechenland war unter dem Beifall des europäischen Bildungsbürgertums zwanzig Jahre zuvor nach einem achtjährigen, überaus brutalen Befreiungskrieg, der mehr einem Bürgerkrieg als einem antikolonialen Aufstand glich, in die Unabhängigkeit entlassen worden. Wer die Verhältnisse vor und nach der Staatsgründung unbeschönigt beschreibt, begibt sich in eine verzwickte Lage – setzt sich zumindest seitens ahistorisch denkender Menschen dem Vorwurf aus, bestimmte Stereotypen zu naturalisieren und die rassistische Schelte zu decken, die sich das Griechenland des frühen 21. Jahrhunderts vom neoliberalen Europa gefallen lassen musste, als wären seine wirtschaftlichen Probleme bloß selbstverschuldet, eine Sache der Mentalität und dergleichen. Die realen Zustände im jungen Griechenland waren sogar um vieles skandalöser, als man sich je vorstellen könnte: Klientelismus, Korruption, Ämterpatronage, mafiöse Strukturen, schlimmste Ausbeutung der Bauern und Landlosen, eine unverschämt durchsichtige Durchdringung von Banditentum und politischer Klasse – all das übertrieb sich selbst. Die jeweiligen Profiteure erstaunen in beiden Romanen durch die fröhliche Gelassenheit, mit der sie das politische Schurkentum einbekennen. Heuchler sind sie jedenfalls keine – und folglich unschätzbare Whistleblower der Transition von romantisiertem Banditentum zu staatlicher Macht. Die Verhältnisse dieser Zeit erfordern somit einen unvoreingenommenen, von aktuellen ideologischen Polungen freien Blick, der weder das Osmanische Reich ab- noch aufwerten muss, der weder die bayerische Regentschaft König Ottos als Vorläufer deutschen Großmachtstrebens noch den griechischen Widerstand als basisdemokratische Revolte gegen osmanischen oder westlichen Imperialismus missversteht. Das alles griffe zu kurz oder daneben; auch Fachsimpeleien über die Korrumpierung der Griechen durch osmanische Schreckensherrschaft, die zu jener Zeit beliebteste Schutzerklärung, um sich den Kontrast zwischen den idealisierten antiken Übermenschen und den pragmatischen Griechen der jeweiligen Gegenwart zu erklären. Außer der dörflichen Selbstverwaltung kannte die Bevölkerung Griechenlands keine demokratischen Institutionen. Und auch das Konzept des Rechtsstaats war ihr fremd. Dies aber osmanischer Despotie anzulasten verkennt, dass es mit dieser Staatsform im doch immer aufgeklärteren Europa auch nicht weit her war. Die Vereinigten Staaten als erste moderne Demokratie waren eine oligarchische Republik von Großgrundbesitzern, Händlern, Manufakturisten, Richtern und Sklavenhaltern. Somit gar nicht weit entfernt von den antizentralistischen (lesen ...) -
Palästina-Solidarität. Bruchstelle einer globalen Linken
In wenigen Monaten jährt sich der versuchte Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in West-Berlin zum fünfzigsten Mal. Am 9. November 1969, dem Jahrestag der Novemberpogrome, deponierte eine Gruppe um Dieter Kunzelmann eine Brandbombe in dem Gebäude an der Fasanenstraße. Da die Bombe nicht funktionsfähig war, kam es nicht zum Anschlag. Spätestens seit Wolfgang Kraushaars einflussreicher Studie steht die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus stellvertretend für eine verstörende Geschichte der Palästina-Solidarität in der Bundesrepublik. Wenige Wochen vor dem versuchten Anschlag war Kunzelmann aus einem Lager der Fatah in Jordanien zurückgekehrt. In antisemitischen Texten rief er zum gewaltsamen Kampf gegen Israel auf; der gescheiterte Brandbombenanschlag kann als Teil dieser Strategie gelesen werden.(Der Essay ist im Aprilheft 2019, Merkur # 839, erschienen.)
Die Palästina-Solidarität in der Bundesrepublik setzte mit dem Sechstagekrieg ein. Bis 1967 hatte sich besonders die politische Linke für gute Beziehungen zu Israel engagiert. Um Helmut Gollwitzer, den in Berlin lehrenden Theologen und Wegbegleiter Rudi Dutschkes, gründete sich beispielsweise 1957 eine Deutsch-Israelische Studiengruppe, die inoffizielle Begegnungen zwischen Deutschen und Israelis sowie Informationskampagnen zu Israel organisierte. Zehn Jahre später jedoch tauchten innerhalb der westdeutschen Linken immer mehr Stimmen auf, die Israel kritisierten. Während eine jüngere Generation begann, den Zionismus infrage zu stellen, stemmten sich ältere Linke, unter ihnen Gollwitzer, gegen diese Tendenz. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die westdeutsche Linke bei vielen Themen eine einheitliche Linie vertreten, beispielsweise beim Vietnamkrieg. Mit der unterschiedlichen Haltung zum israelisch-palästinensischen Konflikt taten sich zunehmend Risse auf.[2. Martin W. Kloke, Israel und die deutsche Linke. Zur Geschichte eines schwierigen Verhältnisses. Frankfurt: Haag + Herchen 1990.] Zur gleichen Zeit entstanden auch in Italien, Frankreich, Dänemark, Großbritannien und den Vereinigten Staaten propalästinensische Solidaritätsbewegungen. Staaten wie Kuba, Nordvietnam oder die DDR erhoben nach 1967 Solidarität mit den Palästinensern sogar zur Staatsräson. Diese Entwicklungen speisten sich einerseits aus einer gezielten Internationalisierung des Konflikts durch palästinensische Gruppen wie die Fatah oder die Volksfront zur Befreiung Palästinas. Andererseits spiegeln sie den Internationalismus der Dritte-Welt-Solidarität wider, der auf internationalen Kongressen, studentischer Mobilität und der weltweiten Zirkulation von Texten und Bildern aufbaute.[3. Christoph Kalter, Die Entdeckung der Dritten Welt. Dekolonisierung und neue radikale Linke in Frankreich. Frankfurt: Campus 2011.] Doch wie verlief diese weltweite Solidarität mit Palästina? Kam es auch in anderen Ländern zu Zerwürfnissen? Neue Studien bieten Einblick in die Bruchstelle einer globalen Linken.Afroamerikanische Politik zwischen Israel und Palästina
Ein vor kurzem erschienenes Buch des Historikers Michael R. Fischbach zeigt, wie die Haltung zum palästinensisch-israelischen Konflikt zu Auseinandersetzungen innerhalb einer linken Koalition in den Vereinigten Staaten beitrug.[4. Michael R. Fischbach, Black Power and Palestine. Transnational Countries of Color. Stanford University Press 2018.] Fischbachs Studie setzt sich erstmals mit der Palästina-Solidarität als Teil afroamerikanischer Politik in den 1960er und 1970er Jahren auseinander. Seit Beginn der Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten bestanden enge Verbindungen zwischen jüdischen und afroamerikanischen Gruppen. So spielten jüdische Mitglieder in der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) seit ihrer Gründung 1909 eine wichtige Rolle. Auch Martin Luther King fand in prominenten Vertretern der jüdischen Gemeinde wie Joachim Prinz wichtige Verbündete. Prinz war als junger Rabbi in Berlin tätig gewesen, bis er 1937 in die USA emigrierte, wo er von 1958 bis 1966 Präsident des American Jewish Congress war. 1963 sprach er beim Marsch auf Washington kurz vor Kings berühmter Rede I Have a Dream. Im Sommer 1967 setzte eine kontroverse Debatte um die Haltung afroamerikanischer Gruppen zum israelisch-palästinensischen Konflikt ein. Kurz nach dem Sechstagekrieg veröffentlichte das afroamerikanische Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) einen Artikel, in dem es vehement gegen Israel und den Zionismus Stellung bezog. Antisemitische Karikaturen begleiteten den Beitrag, die in der Bildunterschrift unter anderem eine Parallele zwischen dem Vorgehen der israelischen Armee während der Suez-Krise und dem Konzentrationslager Dachau zogen. Der Text und die Karikaturen riefen laute Proteste insbesondere von jüdischen Gruppen (lesen ...) -
Rudolfsheim-Fünfhaus
Im Sommer 1987 zog ich vom Land nach Wien. Ich bezog eine kleine Zimmerküchewohnung in einem heruntergekommenen Gründerzeithaus im 15. Wiener Gemeindebezirk, Rudolfsheim-Fünfhaus, in einem toten Winkel zwischen den beiden großen Verkehrsachsen Wienzeile und Gürtel. Die Wohnung war desolat; das WC am Gang galt es mit fahlgesichtigen Nachbarn fortgeschritteneren Alters zu teilen, die bereits meinen Bruder, den Vorbewohner, inbrünstig gehasst hatten, weil sie ihn durch die dünnen Wände hörten. Trotz dieser widrigen Umstände genoss ich das städtische Leben, saß oft und gerne auf dem breiten Küchenfensterbrett und las, die Melange aus Grautönen ringsherum aufsaugend, das Bein kokett in den Lichthof baumeln lassend. Nach einigen Jahren des fröstelnden Studentinnenlebens mit viel Nachtaktivität und Kulturboheme – alles in anderen Bezirken und zumeist innerhalb des Gürtels – wurde ich dann aus der Wohnung geschmissen, weil ein neuer Eigentümer die kleinen Wohnungen zusammenlegen und mehr Geld verdienen wollte.
Rudolfsheim-Fünfhaus vermisste ich nicht. Im 16. Bezirk, in Ottakring, fand ich eine vergleichbar ärmliche, aber lebendigere Umgebung. Der Eiserne Vorhang fiel, Österreich trat der Europäischen Union bei, Wien wurde bunter; ich ging auf akademische Wanderschaften ins Ausland. G. und ich zogen irgendwann nach Neubau (7. Bezirk) und konnten dann dort über die mittlerweile neoliberalisierte Kulturboheme und AirBnB-Touristen vor der Haustür ätzen. Im letzten Jahr zogen wir von dort nach Rudolfsheim-Fünfhaus, und zwar in den nördlich der Westbahntrasse gelegenen Teil des Bezirks.
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Nippes
Nippes, gelegen im Kölner Norden, direkt an der Stadtgrenze zur Innenstadt, kann nur wenig Mythos für sich beanspruchen. Die Kölner Südstadt hat Böll und BAP, die Hausbesetzungen der achtziger Jahre und Lukas Podolskis Apartment im Rheinauhafen. Das Belgische Viertel kann sich mit den Studios von Mauricio Kagel und des »Sound of Cologne« schmücken. Außerdem waren dort die Redaktionsräume der Spex , und Rolf Dieter Brinkmann ist auch öfter mal durch die Straßen gelaufen. Nippes hat nichts von all dem. Rainer Werner Fassbinders Proletariats-Serie Acht Stunden sind kein Tag , die 1972 vom WDR ausgestrahlt wurde, spielt zwar in der Nippeser Turmstraße, gedreht wurde aber in Wuppertal. Das Nippeser Stadtbild besteht aus Gründerzeitbauten und den für Köln typischen verklinkerten Mehrfamilienhäusern aus der Nachkriegszeit. Es ist austauschbar. Kurz nach meinem Einzug hing ein Zettel an der Haustür. Nächste Woche könne man vor dem Haus nicht parken. Der Grund: Dreharbeiten – für Lutter, der Ruhrgebietskrimi .
Trotzdem gilt Nippes als das kölscheste der Kölner Veedel. Seitdem ich vor fast neun Jahren nach Köln gezogen bin, habe ich nie woanders gewohnt. Für mich ist Köln gleich Nippes und Nippes gleich Köln. Aber »kölsch« fungiert in dieser Stadt zuerst als leerer Signifikant. Die rechten Hooligans, die nach der Hetzjagd in Chemnitz am Kölner Hauptbahnhof gegen eine »Asylflut« auf die Straße gingen, bezeichnen sich ebenso als »kölsch« wie diejenigen, die beim Protest gegen den AfD-Parteitag 2017 den Stammbaum von den Bläck Fööss gesungen haben, in dem in kölscher Sprache die soziale Diversität Kölns gefeiert wird. Es gehört zum Kölner Selbstbild, sowohl interkulturelle als auch Klassenkonflikte so zu moderieren, dass man relativ reibungslos nebeneinander leben kann.
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Das Stolpern der Banalität. Über Helge Schneider
»Ach, das ist doch ein anderer.« Helge Schneider wirkt ein wenig genervt. Der komische Ton, in dem er sein Publikum eben noch nach dem Vornamen Beethovens gefragt hatte, ist plötzlich verschwunden. Und auch der halbwegs grinsende Gesichtsausdruck, mit dem Schneider auf seinem bärenfellbespannten Klavierhocker in einem strampelanzugartigen
