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Solidarität mit Belarus am Ende
Die Wirtschaft in Minsk läuft blendend, seit Russland Krieg gegen die Ukraine führt. Die Republik Belarus gehört zu den stillen Kriegsgewinnern. In der Karl-Marx-Straße eröffnete im historischen Zentrum mitten im russischen Krieg ein nobles Restaurant namens Malewitsch. Dort versuchten KGB-Offiziere kürzlich in mehreren Anläufen einen Wissenschaftler als Spitzel anzuwerben, der zu den wenigen gehört, die über internationale Kontakte verfügt und noch in der Republik Belarus verblieb. Er floh nach Polen, weil er nicht mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammenarbeiten will. Der Verdacht, dass andere auf diese Weise angeworben wurden, um die belarussische Opposition von innen zu zersetzen, bleibt. Dabei verlagert sich der Schwerpunkt derzeit vom Inland in die Zentren des Exils. (mehr …) -
Weltmeister des Vergessens (Nachtrag)
Toward the end of my essay, “Weltmeister des Vergessens” (Merkur, July 2025), I observed: “Our own pervasive culture of forgetting invisibly undergirds the extremism we are witnessing today.” I was wrong. What seemed then to be merely implicit has become – like so much else in this second Trump administration – shamelessly and repugnantly plain. (mehr …) -
Doch ein Strukturwandel? Eine Entgegnung auf Jan Wieles Polemik
Literaturkritik steht im Feuer, keine Frage. Jan Wiele hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 5. März 2025 seiner Frustration über diese Entwicklung Luft verschafft und dazu meinen Aufsatz zum Strukturwandel der literarischen Öffentlichkeit aus dem März-Heft dieser Zeitschrift ausgesucht. Damit hat er allerdings den falschen Gegner gewählt. Denn wie er bin auch ich in meinem Artikel der Meinung, dass es Experten wie Literaturkritiker geben sollte, Feuilletons eine wunderbare Einrichtung sind, die man erfinden müsste, wenn es sie nicht schon gäbe, und dass es schlechte Bücher gibt, die man auch so nennen sollte. Wir gehören derselben Stilgemeinschaft an. Dennoch hat Wiele eine Gattung gewählt, die das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft als „aggressive, auf Bloßstellung und moralische oder intellektuelle Vernichtung abzielende, gleichwohl argumentierende Kritik am Gegner in einem Streit“ beschreibt, als Polemik. Das lohnt eine Entgegnung. (mehr …) -
Vom Pferd Fallada – oder von der Schwierigkeit, Ingeborg Bachmanns Gedichte ins Englische zu übersetzen
Während meines Freisemesters in den 1990ern verbrachte ich reichlich Zeit in Mexiko. Es wurden gute Monate, denn die Kooperation mit den Kollegen lief erfolgreich. Und das Flanieren in der Kapitale, damals noch weitgehend unberührt von der Drogen-violencia, brachte überraschende Einsichten in Mexikos Österreich-Dekade: Wegweisend war Perez Gay, damals Mexikos Chef-Intellektueller und einflussreicher TV-Direktor. Sein Bestseller El imperio perdido (1991, fünf weitere Auflagen) feierte mit Exkursen über Karl Kraus, Joseph Roth und Elias Canetti das mitteleuropäische Wien um 1900. (Kein wankelmütiger Text, trotz manch örtlicher Verirrungen und Verwechseln von Cafés.) (mehr …) -
Das Vergessen ist ein Meister aus Deutschland. Zu einem symptomatischen Scheitern an der eigenen Geschichte
Wollte ein deutscher Journalist, sagen wir aus berufsbedingtem Zeitdruck, sich auf Wikipedia kurz über die Geschichte des Slogans »Nie wieder!« informieren, würde er in seiner eigenen Sprache nicht fündig. Es gibt Einträge auf Englisch, Französisch, Russisch, Hebräisch und Spanisch, aber nicht auf Deutsch. Soweit bekannt, spricht der Berliner Theaterkritiker Simon Strauß ausgezeichnet Englisch. Hätte er doch nur Gebrauch davon gemacht. Ihm wäre ein Abgrund an Peinlichkeit erspart geblieben. (mehr …) -
Zurückrudern auf Polnisch
Anderthalb Jahre nach dem Sieg der Bürgerplattform in den polnischen Parlamentswahlen sind die Folgen der national-katholischen Übernahme zentraler polnischer Kultureinrichtungen noch immer zu spüren. Sowohl die Geschwindigkeit als auch das Ausmaß der Veränderungen der Kulturpolitik unter der Ägide des PiS-Kulturministers Piotr Gliński stellt bis heute eine Herausforderung für die neue Regierung dar. Robert Piaskowski vom Polnischen Kulturinstituts beschreibt die Transformation als fragilen Prozess. Bei einer Diskussion Polnischer Perspektiven an der Berliner Akademie der Künste erklärte er, dass erst der Ausgang der Präsidentschaftswahlen im Mai Gewissheit über die Arbeitsbedingungen für polnische Kulturschaffende bringen werde. Olga Brzezińska vom Adam Mickiewicz Institut betont: „Der mühsame Weg zur Demokratie lässt sich nicht vorhersagen“ und fügt hinzu: „Die PiS hatte Kultursystematisch zur politischen Waffe gemacht.“ (mehr …) -
Republiken vernünftiger Menschen. Die Kulturgemeinschaft Borussia und das Ermland
und jetzt nur in Eile packen, ständig, täglich und atemlos fahren nach Lemberg, es ist ja vorhanden, ruhig und rein wie ein Pfirsich. Lemberg ist überall.
Adam Zagajewski, Nach Lemberg fahren (übersetzt von Karl Dedecius)
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Es ist der Text, der vorliegt (Kind, Mutter, Vater). Zu Yasushi Inoues Prosagedicht Februar
Ich kann kein Japanisch. Ich weiß nicht, wie die japanische Sprache funktioniert. Ich habe keine Ahnung von der japanischen Kultur. Dreifache Fremdheit, unüberbrückbar. Eine Assoziation, die zu einem Vergleich führt, von dem ich nicht weiß, ob er irgendwohin führt oder irgendetwas erhellt: Vielleicht sollte ich mir dieses Prosagedicht Februar von Yasushi Inoue so schnappen wie es Freud für Träume anordnete. Das Original aus der Nacht ist nicht erhältlich. Vergessen, Vagheit, oft ahnt man, da war noch was. Was soll dann Grundlage einer Deutung sein? Freud, forsch dezisionistisch. Das, was man aufschreibt, ist der Traum. Ein Original existiert nicht. Und für mich gibt es auch kein Original (japanische Schriftzeichen, Syntax/Semantik, Sprache, japanische Denkweisen). (mehr …) -
FOR REAL? Vernunft und Paranoia in trautem Zwiegespräch
Jetzt noch eine knappe Woche. Und die Frage: Werde ich jemals in dieses Land zurückkehren? Gerade dachte ich: nein. Oh! Aber was hat das zu bedeuten? Was sollte ich dann alles in den wenigen kommenden Tagen zum letzten Mal sehen? Spüre eine deutliche Endzeitspannung, die mich nervös macht. Am Ende werde ich heute das Haus gar nicht verlassen. Es ist auch Sonntag, ich muss mich sortieren. Den Übergang denken. Augen brennen. Ist das eine Allergie? Frühblüher, superfrüh in diesem Jahr. Das weite Land, immerzu in überhitzten Räumen weiteratmen. Komischer Körper. Was weiß ich. In die Zurückhaltung gehen. Gegangen sein. Zu nervös, um zu lesen, it feels. Fuchskadaver! Vögel im freien Fall. I-do-Bird-Sequenzen. [Inzwischen bin ich zurück in Deutschland und vieles, von dem, was ich vor wenigen Wochen beschrieben habe, ist schon wieder überholt, aber vielleicht nicht vollkommen obsolet.] (mehr …) -
Die schöne Stadt
Die Stadt war so schön, in der Morgendämmerung, im Abendlicht, mitten in der Nacht, am Vormittag, vor 25 Jahren, heute noch, stellenweise, an den Rändern, in der Mitte, unter all den Schritten, entlang ihres erstaunlichen Rasters. Gehen, gehen, gehen, stehenbleiben. Dann wieder gehen, über die Manhattan Bridge unter dem ohrenbetäubenden Rattern der Metrozüge, die in kurzen Abständen die Brücke passierten, von oben auf die Küstenlinie der Gentrifizierung schauen, weitergehen, einsteigen, zurückfahren. Was so schön und gestern noch lebendig war. Und es morgen wieder ist, mit anderen Lebendigen. Eintreten in eine lange Zeit und gleich darauf, kurz vor der Abreise, kaum je wirklich dort gewesen sein. (mehr …)
