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Mai 04, 2020 - Keine Kommentare
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Moritz Rudolph ist ein fleißiger Autor – kaum hatte ich die Information, der Weltgeist sei im Grunde ein Lachs, verdaut, erschien im Aprilheft des Merkur ein neuer Essay von ihm, über „Thüringen als politisches Formproblem“. Als jemand, der in Eisenach geboren wurde und in Weimar aufwachsen musste, war ich sofort interessiert. (mehr …) -
April 24, 2020 - 2 Kommentare
„Alle Gesellschaften - reich oder arm werden mit dem Diktum 'lernen oder untergehen' konfrontiert, auch wenn vielleicht einzelne sich nicht unmittelbar bedroht fühlen. Innovatives Lernen ist für eine Gruppe ganz besonders unerläßlich geworden - für diejenigen, die über die Macht verfügen, die menschliche Rasse auszulöschen.“
Dieser martialische Satz steht in einem Buch aus dem Jahr 1979, herausgegeben von Aurelio Peccei, dem damaligen Präsidenten des Club of Rome. Es hatte den Titel „Club of Rome – Zukunftschance lernen – Bericht für die achtziger Jahre.“ Es ist leider weit weniger bekannt als der erste Bericht des Club of Rome vom Ehepaar Meadows, welcher „Grenzen des Wachstums“ hieß und heute sehr modern für ein Gleichgewicht von wirtschaftlichem Wachstum und ökologischen Bedingungen plädierte. Heute, genauso intensiv wie damals, zeigt dieser zweite Bericht des Club of Rome jedoch eine weitere Facette des Versagens politischen Denkens jenseits des ungebremsten Wachstumsdenkens auf. (mehr …) -
April 20, 2020 - Keine Kommentare
Nun ist die Entscheidung gefallen: Es bleibt für die meisten erst einmal beim home schooling. Dieser Testfall für den digitalen Unterricht ist eine Chance für den normalen, physischen Schulbetrieb. Denn was im Digitalen scheinbar fehlt, weist auf ein Defizit aktueller Unterrichtsmethoden hin: die soziale Komponente. Gerade Unterricht aus der Ferne setzt schulische Beziehungsarbeit und kollaborative Arbeitsformen wieder auf die Agenda. Voraussetzung dafür ist, dass digitale Möglichkeiten – und diese sind eben nicht nur ‚technisch‘ – tatsächlich ausgeschöpft werden. Mit welchen Funktionen wollen wir Lernplattformen bestücken, mit welchen Inhalten und Methoden wollen wir digitale Endgeräte in Schülerhand bespielen? Wie verändert sich die Unterrichtssituation, die ‚Inszenierung‘, die Interaktion im digitalen Unterricht? Welche Übungstypen und Arbeitsformen sind kognitive Hemmschuhe, welche Siebenmeilenstiefel? (mehr …) -
April 06, 2020 - 3 Kommentare
Im Blick auf die Ansteckungsraten mit Covid19 erlaubt der Vergleich zwischen Ländern, die wie selbstverständlich auf das Tragen von Masken setzten und solchen, die gar nicht oder erst viel später dazu verpflichteten, den ersteren eine größere Kompetenz bei der Infektionseindämmung zuzusprechen. Wenn es die Statistik auch nicht einfach erlaubt, das Tragen von Masken als Ursache der großen Unterschiede in der Ausbreitung des Virus namhaft zu machen, so wird man trotzdem auf den Vorteil von Verhaltensmustern schließen dürfen, die mit dem Tragen von Masken einhergehen. Was also, wenn der Erfolg Singapurs, Südkoreas, Japans oder, wenn man den Zahlen glaubt, Chinas, auf entsprechende Verhaltensweisen zurückgehen, noch vor dem Social Tracking – oder möglicherweise in Verbindung mit diesem? (mehr …) -
April 02, 2020 - Keine Kommentare
Nachdem in den letzten Jahren die Zeitschriftenschauen in den Zeitungen fast alle abgeschafft wurden (löbliche Ausnahme: der Tagesspiegel, mit einer sonntäglich erscheinenden Zeitschriftenkolumne von Gregor Dotzauer), gibt es in der Welt am Sonntag unter Leitung von Jacques Schuster jetzt eine neue Rubrik "Aufgeblättert". Das ist für Medien wie den Merkur natürlich ohnehin erfreulich. Noch erfreulicher: Am letzten Wochenende gab es einen freundlichen Hinweis auf Moritz Rudolphs im Aprilheft erschienenen Thüringen-Text. Kurzes Zitat: "Ob der Vergleich zwischen Sands Tat und der NSU-Mordserie allen Lesern einleuchten wird, sei dahingestellt. Dennoch gelingt es Rudolph auf originelle Weise, das Sperrige an Thüringen durch historische Beispiele zu belegen."
Und auch auf der Geisteswissenschaften-Seite der FAZ gibt es immer wieder Hinweise auf Longreads, oft betrifft das aber akademische Fachliteratur. Diese Woche weist Thomas Thiel aber auf einen "lesenswerten Essay" hin, auch aus dem Merkur, auch von Moritz Rudolph, allerdings seinen Weltgeist als Lachs aus dem Februar (hier für 2 Euro erhältlich) - und notiert in seinem Kommentar, dass hier die Rückablösung Foucaults als Mikroanalytiker der Macht durch die eher auf den Staat fokussierte Kritische Theorie Gestalt annimmt. -
April 01, 2020 - 6 Kommentare
Das für mich persönlich Seltsamste in dieser Corona-Krise ist die Begeisterung des Westens über mein Heimatland Südkorea. Nicht nur Wirtschaftszeitungen wie die Financial Times oder liberale Medien wie New York Times und BBC, sondern auch linke Zeitungen wie die taz präsentierten die südkoreanischen Maßnahmen gegen die Covid-19-Ansteckungswelle als Vorbild für das Krisenmanagement auch im Westen. Die „Why don't we do it like the Koreans?“-Frage ist in den USA zum Klischee in Pressekonferenzen geworden. (mehr …) -
März 31, 2020 - Keine Kommentare
Am nördlichen Ende der Belvederer Allee liegt ein verwilderter Friedhof. Das Gras steht kniehoch. Vom Frühling bis tief in den Herbst hinein ist alles schreckendurchwuselt: Thettigonia viridissima, die ich sofort erkenne, und Chorthippi, die der Laie meist nicht exakt bestimmen kann, umspringen die Grabsteine. Einige Inschriften kann ich mühselig entziffern. „Gawril Alexejewitsch Frolow, 1911 bis 1946.“ „Iwan Ruibin, 1918 bis 1945.“ Auf anderen prangen nur noch beschädigte Fotografien. Die Witterung hat die Namen aus dem Stein gewaschen. (mehr …) -
März 24, 2020 - 3 Kommentare
Parallel zur virologischen und politberatenden (Was ist das und was können wir tun?) tobt derzeit eine politphilosophische Schlacht um die Zukunft der Welt. Da gibt es zwei Konflikte: Einmal den zwischen Kontraktionisten und Expansionistinnen um die Frage, ob die Globalisierung jetzt zurückgenommen (Claus Leggewie), wiederhergestellt (Ulrike Hermann) oder angetrieben wird, indem sie nun politische Strukturen bekommt. Zweitens wird über den Charakter der Nach-Corona-Politik gestritten: Ist der (Neo)Liberalismus am Ende (Heinz Bude), kommt jetzt eine autoritäre Welle (Giorgio Agamben, Naomi Klein, Groupe Tiqqun, Richard Sennett, Rene Schlott) oder doch noch der Kommunismus (Slavoj Žižek)?
Beide Fragen gehören zusammen, weil sie den Ort (national, supranational, transnational oder global) und die Idee politischer Gemeinschaften verhandeln (liberal, sozialistisch, faschistisch, ökologistisch), sie sich also fragen, welches politische Gebilde aus der Corona-Situation hervorgeht, welchen Umfang es nach außen und innen annimmt und wie es die Bevölkerungsinteraktionen kontrolliert. Es geht also darum, wie das Material (die Gesellschaft) in eine Form (ihre Organisation) gebracht wird und welche Form dieser Form (der Ort) die richtige ist.
Ort: Kontraktion und Expansion
Was fehlt, ist eine Zusammenführung der widerstreitenden Positionen, denn wahrscheinlich haben, wie so oft, beide Seiten recht und unrecht zugleich: Die Kontraktionisten, weil tatsächlich erst einmal Grenzen geschlossen werden und sich die Nationalstaaten um sich selbst kümmern (vielleicht sogar ihre eigenen Staatsbürgerinnen in den Krankenhäusern bevorzugt behandeln werden); weil der Welthandel zurückgeht und die Börsen einbrechen; weil globale Lieferketten unterbrochen werden, die wahrscheinlich etwas regionaler als zuvor wieder aufgebaut werden; und weil Firmenpleiten anstehen und die Arbeitslosigkeit steigt, was den protektionistischen Druck auf die Regierungen erhöhen dürfte. Aber auch die Expansionistinnen haben recht, weil alle weltweit über das Gleiche diskutieren (es also eine globale Öffentlichkeit gibt), fieberhaft an einem Gegenmittel forschen und weil nun Stimmen lauter werden dürften, die der Weltgesellschaft einen staatlichen Überbau verpassen wollen, der zunächst einmal europäisch ausfallen dürfte (gerade dass Europa derzeit handlungsunfähig ist, könnte es künftig stärken, weil Krisenressourcen zentral besser mobilisierbar sind; was aber nicht heißt, dass es als liberales Projekt fortgesetzt werden muss, wahrscheinlicher ist eine Gesundheitsfestung Europa, denn Grenzen sind jetzt sehr gefragt). Wie kann das sein, dass beide Seiten recht haben, obwohl sie einander zu widersprechen scheinen?
Die Globalisierung ist, und daran hält Maurizio Ferraris noch in seiner Turiner Corona-Isolation fest, unser „Schicksal“. Das mag schon sein, aber sie ist eines, das sich manchmal gegen sich selbst kehrt. Denn die Globalisierung meint nicht nur sich selbst, sie enthält zugleich ihr eigenes Gegenteil, die Deglobalisierung, die ihr wie ein Schatten durch die Geschichte folgt (was aber auch heißt, dass die Rücknahme ebenfalls wieder zurückgenommen wird, weshalb die Expansionistinnen doch wieder recht haben, aber auf andere, verschlungenere Weise als es ihnen vorschwebt). Schon ein flüchtigen Blick auf die Geschichte der Globalisierung (und der Formgenese ihrer Subjekte) zeigt, dass diese stets zwischen Expansion und Kontraktion oszillierte,
Dass sie jetzt unterbrochen, aber (lesen ...) -
März 13, 2020 - 4 Kommentare
⁸Wenn ein Verlag beschließt, ein Buch nicht zu drucken, aus was für Gründen auch immer, dann ist das keine Einschränkung der Meinungsfreiheit, sondern das gute Recht eines Verlages, in seinem Programm von seinem Geld die Bücher drucken zu lassen, die er drucken lassen möchte. Sonst könnten ja alle diejenigen, deren Manuskripte abgelehnt werden, von Zensur reden und ihr Recht auf Meinungsfreiheit einklagen. (mehr …) -
März 02, 2020 - 3 Kommentare
Seit Donnerstag, 28. Februar, wird wieder gestreikt. Vierzehn Tage lang, verteilt über vier Wochen, legen Universitätsangestellte der Gewerkschaft UCU an 74 schottischen, englischen, walisischen und nordirischen Universitäten die Arbeit nieder. Das sind mehr als die Hälfte aller britischen Unis. Die Streikenden arbeiten in der Lehre, in der Forschung, in Bibliotheken, Verwaltungen, Serviceeinrichtungen. Es ist der größte Streik in der Geschichte der britischen Hochschulen. (mehr …)