Kategorie: Zeitschrift – Gratis

Artikel der Kategorie: Zeitschrift – Gratis

  • Pop! Goes the DFG. Die neue Zeitschrift „Pop. Kultur & Kritik“

    Wenn es bei Pop um die Gegenwart geht (mit Eckhard Schumacher ums "Gerade Eben Jetzt"), dann hat die halbjährlich – jeweils im September und im März – erscheinende neue Zeitschrift Pop. Kultur & Kritik ein kleines Abstandsproblem: Zwischen dem Verfassen der Texte und ihrem Erscheinen liegt mindestens ein halbes Jahr,  also hechelt man der aktualistisch gesinnten Popgegenwart hinterher. Was kein Nachteil sein muss, denn Pop ist dann eben nicht Pop, sondern Wissenschaft, und es sind durchaus analytische Distanzgewinne zu erhoffen, wenn die Eule der Lady Gaga  ihren Flug in der Dämmerung der verhandelten Ereignisse beginnt. Andererseits dämmert es aber auch noch nicht richtig, denn für Wissenschaft ist Pop. Kultur & Kritik doch wieder verdammt schnell: Viele der Gegenstände, die die Zeitschrift verhandelt, sind von Hypnagogic Pop bis eben Lady Gaga noch brandheiß.  (mehr …)
  • Lob der Bürokratie

    Der Verdacht, dass etwas nicht stimmen könne, kam mir im Bundestagswahlkampf 2002. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber wollte den Sozialdemokraten Gerhard Schröder im Kanzleramt beerben und tingelte zu diesem Zweck durch die tiefe ostdeutsche Provinz. Erstes Ziel war die Sektkellerei Rotkäppchen in Freyburg an der Unstrut, die als einziges Unternehmen aus den neuen Ländern zum gesamtdeutschen Marktführer wurde und daher Politikern auf Landpartie als bevorzugtes Ausflugsziel diente. (mehr …)
  • Im Wolfspelz. Michel Houellebecq und Bernard-Henri Lévy haben sich etwas zu sagen

    Auf Michel Houellebecq ist Verlass. Kaum ein anderer Schriftsteller pflegt sein Bad-Boy-Image mit solch eiserner Konsequenz. Als er im November, wie immer betont nachlässig gekleidet, zur Verleihung des Prix Goncourt erschien, der bisherigen Krönung seiner Karriere, zelebrierte er im Blitzlichtgewitter mit routinierter Hingabe die Rolle, mit der er seit gut fünfzehn Jahren auch abseits der Feuilletons medial dauerpräsent ist: den sperrigen Sonderling und zynischen Nihilisten, vom Rummel um die eigene Person unbeeindruckt, dabei aber doch immer gut für einen kleinen Eklat oder wenigstens eine bedachtsam unbedachte Geschmacklosigkeit. (mehr …)
  • Die Tyrannei der Medien und die Literatur

    Was die Mediendebatten in den Seminaren und auf den Kongressen, in den wissenschaftlichen Publikationen ebenso wie in den Feuilletons beherrscht, ist in vielem ein Reflex der vielleicht weitreichendsten Beobachtung Marshall McLuhans: »Ein neues Medium ist nie ein Zusatz zu einem alten und läßt auch nicht das alte in Frieden. Es hört nicht auf, die älteren Medien zu tyrannisieren, bis es für diese neue Formen und Ver- wendungsmöglichkeiten findet.« (mehr …)
  • Austromanie oder der antifaschistische Karneval

    I Bei Gelegenheit einer von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften veranstalteten Debatte zu Fragen des »Anschlusses« vom März 1938 äußerte der deutsche Historiker Hans Mommsen die Vermutung, daß die österreichische Nationsbildung noch nicht abgeschlossen sei. Das war anläßlich des fünfzigsten Jahrestages der Annexion Österreichs durch Hitlerdeutschland im sogenannten »Bedenkjahr« 1988, mitten in der Waldheim-Affäre, und Mommsen hatte vielleicht recht − damals. Heute hätte er sicher unrecht. Und doch werden ähnliche Diagnosen, die mittlerweile schon zu Stereotypen geronnen sind, zur Zeit wieder geäußert, um damit auf fast magische Weise den Aufstieg der Haider-Partei zu erklären, deren Regierungsbeteiligung die Beziehungen Österreichs innerhalb der Europäischen Union in eine diplomatische Krise gestürzt hat. (mehr …)
  • Zwischen Einwanderungsdruck und Zuwanderungsbedarf. Zusammenleben in der multikulturellen Gesellschaft

    Ein Gespenst geht um in Europa und verwirrt seine zumeist kühl kalkulierenden Einwohner: Es heißt Furcht vor Masseneinwanderung. Die Europäer - zerrieben zwischen Volksgruppenkonflikten und sozialen Gegensätzen? Xenophobie und Fremdenhaß nehmen zu und lassen Wahlerfolge von rechtsextremen Parteien wie europäische Normalitäten erscheinen. (mehr …)
  • Kein Zugang zum Grand Hotel. Alfred Sohn-Rethel und die Frankfurter Schule

    Alfred Sohn-Rethel und die Frankfurter Schule – das ist ein trauriges und für die letztere nicht gerade ruhmvolles Kapitel. Während die Erinnerung an die Gründerheroen heute durch regelmäßige Messen in Form von Symposien und Gedenkveranstaltungen wachgehalten wird, hat Sohn-Rethel, der sie lange überlebt hat, bisher keine vergleichbare Würdigung erfahren; daß er überhaupt irgend etwas mit der Kritischen Theorie zu tun hatte, ist den einschlägigen Darstellungen entweder gar nicht oder nur mit Mühe zu entnehmen. (mehr …)
  • Provinzialismus

    Zur Einführung eine Szene aus dem Hochschulmilieu: Eine Universität hat Anlaß, ihren namhaftesten Historiker besonders zu ehren. Der Inhaber des Wissenschaftsministeriums überbringt die Grußworte der Landesregierung. Offenbar hat der zuständige, die Ansprache vorbereitende Staatssekretärsich nicht zu informieren gewußt über die besondere methodische und inhaltliche Bewandtnis des wissenschaftlichen Werks des zu Ehrenden. Denn anstatt eben diese eigentlich unübersehbare, in der historischen Fakultät dieser Universität singulä- re geistige Beschaffenheit kurz zu charakterisieren, verfällt der Inhaber des Ministeriums in nichtssagende genormte Sätze, um am Ende den zu Ehrenden der dominierenden Forschungstendenz dieser Fakultät zuzuschlagen, die viel mit der wissenschaftspolitischen Sympathie jener Landesregierung zu tun haben mag, gar nichts jedoch mit dem wissenschaftlichintellektuellen Habitus und Interesse desjenigen, dem diese Sätze gelten sollen. Resignierte Belustigung oder leicht abflachende Empörung bei den Eingeweihten der Zuhörer. Der Skandal bleibt aus. Wie ist eine solche Ahnungslosigkeit beim Wissenschaftsministerium eines Landes möglich? Wie kann dergleichen ohne Eklat über die Festbühne gehen? Der etwas bildungsgeschichtlich Informierte denkt zurück an die Zeiten, als ein preußischer Kultusminister namens Becker für derlei zuständig war. An ihm gemessen blieben nicht nur die an diesem Jubiläumstag verschwendeten Worte peinlich haften, sondern es wurde schmerzlich überdeutlich, daß es in allen bundesdeutschen Ländern, fast ohne Ausnahme, Inhaber des Wissenschaftsministeriums gab und gibt, die ihre Karriere vordergründiger Förderung verdanken, ohne jede geistige Begabung oder gar Leistung als Leitinstanz für ihr Amt zurVerfügung zu haben. Wir ersparen uns die Namen und Potenzen gegeneinander abzuwägen. Unter dem Strich käme überall, ob SPD- oder CDU-regiert, das gleiche klägliche Ergebnis heraus. Der politologisch Beschlagene belehrt einen nun, inwiefern Wissenschaftsministerien heute nach rein opportunen Gesichtspunkten politischer Verwaltung und Proporzinteresse vergeben werden, zumal es inzwischen da mehr um Geld denn um Geist gehe. Dennoch ist der Argwohn nicht einzudämmen, daß die intellektuellen shortcomings der fürWissenschaft und Kultur zuständigen Minister der Landesregierung etwas zu tun haben könnten eben mit dem Tatbestand, daß es sich um bloß regionale Zuständigkeiten handelt, die gewiß sein können, daß ihnen kein höheres kulturelles Gewissen zusieht: In Westdeutschland endete jede Perspektive in der jeweiligen Provinzhauptstadt. Im Unterschied zu den Zeiten eines preußischen Kultusministers Becker existiert nirgends die höhere Zentrifugalkraft eines Bildungs- und Kulturbewußtseins, an dem die Provinz sich ausrichten, ihre unübersehbaren, ganz verständlichen und notwendigen Defekte korrigieren könnte. Schlimmer: Man weiß inzwischen nicht mehr, daß man Provinz ist. Solange der Ministerpräsident eines Landes einer ihm mutlos zuhörenden Runde von Geisteswissenschaftlern erklären kann, Bücher über Bücher zu schreiben, sei nach seiner Ansicht keine zu unterstützende Wissenschaft, solange wird die institutionelle Provinzialisierung der geistigen Landschaft fortschreiten. Provinziell daran ist ein Doppeltes: Die Gewißheit, mit solch bornierter Selbstenthüllung - undenkbar in den Hauptstädten der europäischen Länder - ungestraft davonzukommen; und ihre Ursache: eine mangels geistig-urbaner Perspektive weit fortgeschrittene kleinbürgerliche Verspießerung solcher Amtsträger, die sich besonders in der Begeisterung für technisches Know-how äußert. Nicht nur im Bildungsbereich halten sich provinziale Provinzfürsten und ihre Diener für das Salz der Erde. Politik wird immer mehr verstanden als Landespolitik im Sinne einer kleinkarierten Souveränität, die ihre Beschränktheit nicht weiß, sondern sich mächtig aufbläst wie der König des Duodezfürstenturns in Georg Büchners Leonce und Lena. Irgendwann in den siebziger Jahren geschah es, daß die an sich ja nicht nachteilige föderative Struktur der Republik eine neue Tendenz zur gänzlichen Partialisierung von Regionalinteressen entwickelte. Wer zu diesem Zeitpunkt die Bundesrepublik von außen betrachtete, konnte vor allem den Trend zum hedonistischen Lokalpatriotismus feststellen, den es vorher so nicht gegeben hatte. Nunmehr statteten sich die Regionen, zumal die Landesmetropolen, mit einem neuen Look zwischen aufgehübschter Fußgängerzone, rekonstruierten Altstädten und zum Schlaraffenland umfunktionierten Bahnhöfen aus, so daß den Provinzbewohnern jenes für die Provinz notwendige Fernweh, irgendwo anders sei es irgendwie feiner, reicher, moderner, wichtiger, langsam abhanden kam. Düsseldorf und München sind hierfür die vielleicht sprechendsten Beispiele. Der Irrtum war, die aufgeblähte Provinz für das Urbane, ja die neue Metropole zu halten. Indem in Westdeutschland fünf, sechs, sieben »Metropolen« entstanden, eine reicher als die (lesen ...)
  • Sprachwandel und Ereignisgeschichte

    Sticks and stones will break my bones, but words (or names) will never hurt me. Wie alle Sprichworte enthält auch dieses eine eindeutige Wahrheit. Wer einmal zusammengeschlagen worden ist, weiß aus Erfahrung, daß sich hier mehr ereignet hat als Sprache leisten kann. Aber wie alle Sprichworte gibt uns auch dieses nur eine Teilwahrheit kund. Wer die sticks and stones beschwört, möchte nämlich einer sprachlichen Aggression entgehen. Auch Worte können vernichten. Herodot berichtet uns, wie die Verlesung von Briefen des Darius ausreichte, (mehr …)
  • Heidegger, abermals

    Ende der siebziger Jahre, als meine erste Auseinandersetzung mit Martin Heidegger erschien, war es durchaus schon möglich, zu einem allgemeinen Bild seiner Verwicklung in den Nationalsozialismus zu gelangen. Guido Schneebergers 1962 veröffentlichte Nachlese zu Heidegger enthielt die wesentlichen Texte. Hier konnte man die ultranationalistischen und nazifreundlichen öffentlichen Verlautbarungen finden, die Heidegger während seines (mehr …)