Kategorie: Zeitschrift – Kostenpflichtig
Artikel der Kategorie: Zeitschrift – Kostenpflichtig
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Neue Sinne: Die Digitalisierung der Wahrnehmung. Sinneskolumne
Die Revolution aus der Flasche heißt »air up«, besteht aus BPA-freiem Tritan ohne Weichmacher und hat ein Mundstück aus lebensmittelechtem Silikon, wie es auch in Babyschnullern verwendet wird. Den »No-Brainer unter den Geschenkbundles für air up® Newbies« gibt es zum Einstiegspreis von 39,95 Euro. Enthalten sind eine Trinkflasche für pures Wasser, eine Reinigungsbürste und sechs Pods. Mit diesem Begriff bezeichnet der Hersteller aufsteckbare Kunststoffringe, die ein aromatisiertes Duftkonzentrat enthalten, das den Konsumierenden während des Trinkvorgangs von der Flaschenmündung aus in die Nase steigt. (mehr …)
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Tunesiens revolutionäres Jahrzehnt
Bis vor kurzem galt die Entwicklung Tunesiens als die einzige Erfolgsgeschichte des Arabischen Frühlings. Doch am 25. Juli 2021 zitierte Präsident Kais Saied den Premierminister in den Präsidentenpalast in Karthago und entließ ihn, rief den Ausnahmezustand aus, suspendierte das Parlament und schickte die Armee, um die Zugänge zum Gebäude abzuriegeln. In den folgenden achtundvierzig Stunden wurde eine landesweite Ausgangssperre verhängt, der Leiter des staatlichen Fernsehsenders ausgetauscht und gewählten Amtsträgern die Immunität entzogen. Saied setzte die vielgepriesene postrevolutionäre Verfassung außer Kraft, löste das Parlament auf und regierte per Dekret. Seitdem wurden Regionalgouverneure abgesetzt, Zivilisten vor Militärgerichte gestellt, etliche Oppositionspolitiker inhaftiert und andere in Abwesenheit zu Gefängnisstrafen verurteilt. (mehr …) -
Von der Republik als innerer Tatsache. Nachruf auf Hans Magnus Enzensberger
Hans Magnus Enzensberger, der notorische Trickster und Renegat unter den Intellektuellen, der verspielte Ironiker und nie wirklich greifbare Metamorph – es ist diese oft erzählte Legende, die noch seinen Tod überdauern wird. In vielen Nachrufen, die in den deutschsprachigen Medien, aber auch in vielen internationalen Blättern erschienen sind, wird der wendige und schnelle Positionswechsel als hervorstechendes Charakteristikum seiner Autorschaft beschrieben. Die Bezugsgrößen Enzensbergers, deren Erwähnung ebenfalls nur selten versäumt wird, fügen sich mehr oder weniger bruchlos in dieses Bild. Es sind Denis Diderot und Heinrich Heine, die Aufklärer und Ironiker, die als historische Gewährsleute die gedanklichen Kapriolen des Fliegenden Robert – so Enzensbergers dem Struwwelpeter entnommenes Totem und lyrisches Selbstbild – in der europäischen Tradition verankern sollen.
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Abfall am Himmel
Eine Saturn-V-Rakete, mit der amerikanische Astronauten Ende der 1960er Jahre zum Mond fliegen konnten, wog beim Start 2900 Tonnen. Was die Hubschrauber und Rettungstaucher der Navy wenige Tage danach aus dem Meer fischten, brachte keine zwei Promille davon auf die Waage. Einzig das malträtierte Command Module kehrte zur Erde zurück, mit drei übermüdeten Astronauten, ein paar Kisten Mondgestein und einem großen Haufen belichteter Filme. Alles andere war verbrannt, im Meer versunken, in der Atmosphäre verglüht, auf dem Mond zurückgelassen oder mit unbekanntem Ziel im All unterwegs. (mehr …)
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Fußball Spiele
Jedenfalls sagte die oberbayerische Hebamme, während sie auf meinen kleinen Hintern haute: »Scho wieder so a damisches Weibsbild!« Es war eine Frage der Höhe des Trinkgelds. So waren die Spielregeln 1937.
Das erste Fußballspiel in einem richtigen Stadion, in einer richtigen Stadt erlebte ich im Alter von zwölf Jahren, kurz nach dem Krieg. Die Pubertät begann mich in Atem zu halten. Doch war ich noch nicht groß genug, von meinem Stehplatz aus über eine Wand von Männerrücken zu sehen.
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„Der Kapitalismus in der Gelehrtenwelt“
"Der Kapitalismus und sein gleichzeitig mit ihm gegebener Gegensatz, das Proletarierthum, mit welchem er zusammen nur eine einzige Erscheinung bildet, ist die Macht, auf dem Wege vollkommener wirthschaftlicher Freiheit und des positiven Rechts über den Arbeitsertrag Anderer zu verfügen.«1 Diese Definition setzt der Chemiker Adolf Mayer an den Anfang seiner Schrift Der Kapitalismus in der Gelehrtenwelt aus dem Jahr 1881. Die Bezüge zu der Wissenschaftskritik, die in der Bewegung #IchBinHanna geäußert wurde, sind auffallend, sie sind weitgehend und erstrecken sich vielfach bis in einzelne Formulierungen. Trotz zeitbedingter Unterschiede ist die Diagnose der Missstände im Wesentlichen dieselbe. Wie kann das sein? (mehr …)
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Ausweitung der Komfortzone
"Licht, das mit einem Fingerdruck an- oder ausgeht; eine Lufttemperatur, die unabhängig von den Jahreszeiten ist; Wasser, das auf Befehl, ganz nach Wunsch, jederzeit und überall heiß oder kalt fließt; all das und der Körper, der dadurch geformt wird …«. So beschreibt Lucien Febvre den »modernen, selbstzufriedenen Komfort« als Kernelement der westlich-urbanen Lebensweise.1 Künstliche Beleuchtung, Zentralheizungen und Klimaanlagen zählen neben elektrischen Haushaltsgeräten oder gepolsterten Möbeln zu den Requisiten des komfortablen Lebens, die in ihrer selbstverständlichen und allgegenwärtigen Verfügbarkeit den Gegensatz zu traditionellen Gesellschaften markieren. Die Ausrichtung auf Komfortbedürfnisse wirkt sich auf subtile, aber doch einflussreiche Weise auf die Gestaltung des Alltagslebens aus. (mehr …)
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Ein Platz für Tiere. Ein Zoodirektor als Gesamtkunstwerk
In der Bundesrepublik der 1960er und 70er Jahre war das vom Direktor des Frankfurter Zoologischen Gartens Bernhard Grzimek (1909–1987) moderierte und zumeist mit dessen eigenen Filmen bestückte Ein Platz für Tiere häufig die erste Sendung, die Kinder im Abendprogramm anschauen durften. Regelmäßig lauschten sie dienstags nach der Tagesschau der ziemlich einschläfernden Stimme Grzimeks, die am Ende verlässlich unter genauer Angabe der Kontonummer um eine Spende zur »Hilfe der bedrohten Tierwelt« bat. Besonders große Resonanz erfuhren die »tierischen Gäste« – etwa Geparden, Schimpansen oder Giftschlangen –, die er in jeder Sendung empfing; ein Ritual, das Loriot in seinem Sketch Die Steinlaus (1976) gekonnt auf die Schippe nahm.
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Philosophiekolumne. Sozialneid und Melancholie
Nach der Tugend leben wir schon lange nicht mehr. So lautete ja einmal die Diagnose, die Alasdair MacIntyre der liberalen Gesellschaft stellte: Sie sei eine Gesellschaft after virtue.1 Sachlich betrachtet reflektierte diese Einschätzung darauf, dass die liberale Gesellschaft Normen folgt, die vom Sein der Menschen absehen. In der liberalen Gesellschaft wird Gerechtigkeit zur Fairness, bei der alle die Plätze der anderen einnehmen können müssen: ungebunden durch ihr Sein; wird Volkssouveränität zum Verfahren, bei dem alle sich über ihre aufrichtigen Ansprüche verständigen können müssen: ungebunden durch ihr Sein; wird Wirtschaften zur Wertschöpfung, bei der alle im Äquivalententausch fungieren können müssen: ungebunden durch ihr Sein. Entsprechend befinden sich Recht, Politik, Wirtschaft dann in guter Verfassung, wenn sie fair, kommunikativ und akkumulierend vorgehen: ungebunden durch das menschliche Sein. (mehr …)
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Testfall Thüringen. Mittagessen bei der Konkubine
Im 4. Februar 2020, dem Tag vor der Ministerpräsidentenwahl, fuhr Thomas Kemmerich nach Berlin. Sein Pressesprecher Thomas Philipp Reiter dokumentierte einen Höhepunkt des Besuchs: Zum Mittagessen war man im China Club Berlin verabredet. Das Etablissement in einem Anbau des Hotels Adlon macht Werbung damit, dass es der exklusivste Privatclub Deutschlands sei. »Der China Club Berlin ist ein diskreter Rückzugsort, weg von der Hektik der Stadt und gleichzeitig ein Ort der Begegnung und des Austausches. Er ist ein Arkadien für seine Mitglieder geworden, das sie in eine Welt des Genusses entführt.« (mehr …)
