Kategorie: Zeitschrift – Kostenpflichtig

Artikel der Kategorie: Zeitschrift – Kostenpflichtig

  • Reise nach Pomurien

    Ich war über Wien mit dem alten Mercedes gekommen, der braucht seine Pausen, deshalb war ich spät dran. Der Schinkenpalast hatte eigentlich Ruhetag, hatte nur für uns geöffnet, deswegen fand ich sie gleich, verloren in einem Gastraum ohne Gäste, rustikal und riesig. Alle vier saßen schon am Tisch und redeten, schlechtes Englisch mit vier verschiedenen Akzenten. Sie sprachen einander nicht mit Namen an, sondern sagten Germany, Italy, Czech zueinander, so dass auch ich selbst mich ab dem dritten Handschlag Bavaria nannte. Der Fahrer stellte sich als Fahrer vor, und mein letzter Handschlag galt einer jungen Frau, die sich im Gespräch zurückhielt. Ich nannte mich Bavaria, und sie gab mir auf Deutsch zur Antwort: Ich bin Alina. Da saßen also Italien, Tschechien, der Fahrer, Alina und ich. (mehr …)

  • Bin ich da schon drin? Zur Frühgeschichte der Netzliteratur

    Der Tod ist seit jeher Anlass, sich zum Gedenken an die Verstorbenen zu versammeln. Welche Formen die Anteilnahme in Zeiten von Social Media findet, konnte man im Frühjahr 2021 auf dem Instagram-Profil der Autorin Elke Naters beobachten, deren Partner Sven Lager, eine ehemals prägende Figur der Popliteratur, am 19. April verstarb. »Gestern Mittag ist Sven von uns gegangen«, schrieb Naters in einem Post, den sie wenig später in der Welt zu einem persönlichen Nachruf aufbereitete und auf den eine Reihe von Einträgen folgten, die Weggefährten wie Eckhart Nickel, Christian Kracht, Tom Kummer und Moritz von Uslar zu Kommentaren und Likes animierten. Begleitet wurde der Tod des Autors zudem von zahlreichen Nachrufen im Feuilleton, wo Lagers Biografie zwischen popliterarischem Boheme-Leben, einem religiösen Erweckungserlebnis und gemeinnützigen Projekten in Südafrika und Berlin nachgezeichnet wurde. (mehr …)

  • Für Interpretation

    »In place of a hermeneutics we need an erotics of art.« Mit dieser Forderung schloss Susan Sontag 1964 ihren Essay Against Interpretation. Seit Platon und Aristoteles hätten sich Ästhetik, Kunst- und Literaturkritik auf die Inhalte konzentriert und vor allem versucht, in Texten und Kunstwerken tiefere Bedeutungen zu ergründen. So befreiend Interpretation in anderen Kulturen sein könne, in der Gegenwart sei sie »reactionary, impertinent, cowardly, stifling«. Statt um Inhalte sollten sich Kritiker um die Form kümmern und vor allem ihre Sinne wiederentdecken: »We must learn to see more, to hear more, to feel more.« (mehr …)

  • Tiflis

    Meine Tifliser Freundin Khatuna hat sich in den zwei Jahren der Corona-Pandemie die Augen verdorben. Weil sie wegen ausbleibender Touristen ihren Beruf als Reiseleiterin nicht mehr ausüben konnte, nahm sie einen schlechtbezahlten Job im Callcenter des Otto-Versands an, der ihr 500 Euro im Monat dafür bezahlt, dass sie die Anrufe deutscher Kunden entgegennimmt, die bei ihr einen Kühlschrank bestellen wollen oder sich über ausbleibende Lieferungen beschweren. Nach zwanzig Jahren in Hamburg spricht sie ein tadelloses Deutsch mit norddeutschem Akzent, was ihr gelegentlich einen Heiratsantrag von Anrufern aus den Hansestädten einbringt, aber nicht verhindern konnte, dass sie vom Starren auf den Bildschirm kurzsichtig wurde. (mehr …)

  • Die Mär vom großen Austausch

    Die Rede vom »Großen Austausch« unterstellt eine von liberalen Regierungen bewusst angestrebte Auswechslung der weißen (und christlichen) Mehrheit im Globalen Norden durch nichtweiße, überwiegend muslimische Einwandererfamilien aus dem Globalen Süden. Das Mittel dazu sei eine durch die Öffnung der Grenzen mögliche Masseneinwanderung; die diesbezügliche Einlassung der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, das sei zu schaffen, gilt Anhängern dieser Verschwörungstheorie als Beleg für das Vorliegen eines gezielten Plans. (mehr …)

  • Ludwig Feuerbach und die Philosophie der Zukunft

    Im Jahr 1843 konnte man in den Anekdota zur neuesten deutschen Philosophie und Publicistik lesen: »Und es gibt keinen andern Weg für euch zur Wahrheit und Freiheit, als durch den Feuer-bach. Der Feuerbach ist das Purgatorium der Gegenwart.«1 Der Satz wird meist dem begeisterten Feuerbach-Leser Karl Marx zugeschrieben, es gibt jedoch auch die These, er stamme von Feuerbach selbst.2 Falls das stimmt, dann zeigt der Text, wie klar sich Feuerbach über seine philosophiegeschichtliche Stellung war. Seit dem Sensationserfolg seiner Hauptschrift Das Wesen des Christentums von 1841 war Feuerbach eine feste, wenn auch hochumstrittene Größe im Kosmos der deutschen Philosophie. (mehr …)

  • Paranoia, Ressentiment und Re-enactment. Der russische politische Diskurs über den Ukraine-Krieg

    Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, warum die Russische Föderation am 24. Februar 2022 einen großangelegten, für die meisten Beobachter überraschenden Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen hat, brachte die russische Autorin Maria Stepanova Anfang März die These ins Spiel, es könnte sich dabei um eine Art opuskanie handeln.1 Der Begriff, der sich im Deutschen ungefähr mit »Herabsetzung« wiedergeben lässt, bezeichnet im Jargon des russischen Gefängnisses die Praxis der Gruppenvergewaltigung eines Insassen durch seine Zellennachbarn. (mehr …)

  • Die Rückkehr des Königs. Das Subjekt in der apollinischen Postmoderne

    Zu den wichtigsten Fragen der bürgerlichen Gesellschaft gehört, was nach ihr kommt: Denkbar sind zum Beispiel proletarische oder klassenlose Formationen oder der archaische Zerfall in Banden. Es wird jedoch zunehmend deutlich, dass wir auf etwas anderes zusteuern: auf eine Gesellschaft der Könige, die jenes Herrschaftsprinzip wiederherstellt, das die bürgerliche Gesellschaft einst überwunden hatte. Erzwungen wird dies von Entwicklungen der Technik und vom Druck der Umwelt, also durch Verschiebungen im Mensch-Natur-Verhältnis. Sie verlangen einen neuen Menschen, der nicht mehr viel zu tun hat mit dem markterobernden, frei zirkulierenden und auch ein wenig rücksichtslosen Subjekt der vergangenen Epoche.

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  • Untaugliche Versuche

    Aus einer rechtswissenschaftlichen Dissertation aus dem Jahr 1913: »So wird z.B. regelmäßig der Tatbestand der versuchten Abtreibung nicht vorliegen, falls der verbrecherische Angriff sich gegen eine nur in der Vorstellung des Täters existierende Leibesfrucht richtet. Das gilt aber nicht ausnahmslos. Wie von Liszt den strafbaren Versuch der Abtreibung dann als gegeben erachtet, ›wenn das Vorhandensein einer Schwangerschaft nicht völlig ausgeschlossen erscheint‹, so kommen auch wir nach unseren obigen Deduktionen zum gleichen Resultat, indem wir das Tatsachenwissen des Täters und das Erfahrungswissen der Allgemeinheit unter Berücksichtigung aller Umstände des konkreten Falles darüber entscheiden lassen, ob die Existenz resp. Tauglichkeit des Objektes gegeben war oder nicht. (mehr …)

  • Vogelfederleichtigkeit

    Im eintönigen Grau der Halle sitzt eine schmale Frau in leuchtend rotem Mantel. Sitzt regungslos, allein, als feuriger Farbfleck in der dämmrigen Zwischenwelt des Flughafens Marco Polo in Venedig. Auch ich bin – wie die Dame – zu früh am Zürich-Gate. Sie ist die Witwe eines Schweizer Schriftstellers, der es noch zu Lebzeiten in den Schulstoff geschafft hatte. Ich setze mich ein paar Reihen hinter die Frau in eine der Hartplastikschalen. Wir beide, zwei Witwen, warten ergeben wie vor dem Altar. (mehr …)