Kategorie: Zeitschriften
Artikel der Kategorie: Zeitschriften
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Kritik und Mündigkeit. Jacob Taubes und die Studentenproteste
Von den circa zweihundert Ordinarien an der FU gab es vielleicht eine Handvoll, die mit der aufsteigenden studentischen Linken sympathisierte, dazu zählten Helmut Gollwitzer, Peter Szondi und (etwas zurückhaltender) Richard Löwenthal.1 Aber niemand war so eindeutig in seiner Unterstützung der radikalen Studentenbewegung wie Jacob Taubes. Eine Zeitlang erschien er wie der spiritus rector der Neuen Linken an der FU. Er hatte chiliastische Erwartungen, die er noch aufrechterhielt, als die meisten anderen Professoren diese lange schon aufgegeben hatten. (mehr …)
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Selbstviktimisierung
Sommer 1992. Ich war gerade in die Schweiz gezogen, und mein ehemaliger Mitbewohner aus der Studienzeit war mich besuchen gekommen für eine Bergtour ins Tessin. Weil es unter der Woche war, hatten wir abends die Selbstversorgerhütte für uns alleine, auf 2000 Metern Höhe mit unglaublichem Blick über das Verzascatal. Es gab einen Herd mit Feuerholz und mehrere Flaschen mit lokalem Wein, für den man, wie fürs Übernachten, Geld in eine Kasse warf, auf Vertrauensbasis. Nach zwei Tellern Spaghetti und der angebrochenen Flasche dachte ich mit sonnenverbrannter Nase am knackenden Ofen, dass es besser doch gar nicht sein könne auf dieser Welt: selige, etwas beschwipste alpine Idylle.
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Die Wissenschaft des Bestsellers. Eine kurze Geschichte von „Sapiens“
Es ist gerade einmal zehn Jahre her, dass sich ein junger Historiker der Hebrew University Jerusalem auf die Suche nach einem englischsprachigen Verlag machte. Es ging um ein Buchmanuskript, dessen Thema nicht umfassender hätte sein können: eine Geschichte der Menschheit von den allerersten Anfängen in den Steppen Afrikas bis in die Gegenwart. Das Buch trug den Titel From Animals into Gods. Es war das Produkt einer Einführungsveranstaltung zur »Geschichte der Welt«, die der Historiker seit dem Jahr 2002 regelmäßig anbot. (mehr …)
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Kritik als identitäre Pose. Von der Studentenbewegung zu den Querdenkern?
Im bundesrepublikanischen Erinnerungskanon werden die Geschehnisse von 1968 meist mit der antiautoritären Studentenbewegung verbunden. Auch wenn heute eher die Vielfalt und Vielschichtigkeit der verschiedenen Entwicklungen betont wird, die sich zu den gesellschaftlichen Umbrüchen und Innovationen der 1960er Jahre bündelten, gehören die Bilder von hitzig diskutierenden Studierenden, von eskalierenden Demonstrationen und den nackten Hintern der Kommune 1 nach wie vor zu den ersten Assoziationen, die sich mit dem Label »Achtundsechzig« verbinden. (mehr …)
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Grün, grün, grün ist alles, was ich habe
Sie wollten wissen, was richtig, richtig gut aussieht, also was der schönste Anblick auf der ganzen Welt ist. Mein Wissen teile ich sehr gern: die Krone einer sehr hoch gewachsenen, alten Kastanie, die nachts von unten von einer Straßenlaterne angeleuchtet wird. Das Blätterdach der Kastanie ist so dicht, dass Sie von unten eine Art grünen Teppich sehen, strukturiert durch die Blätter und deren Adern. Natürlich kann der Lampenschein nicht die gesamte Krone beleuchten, sondern immer nur einen Teil des dichten, grünen Laubwerks. Aber Sie können sogar im Dunkeln erahnen, wie viel mehr Grün da noch ist. So ein Baum hat ja mehr Blätter, als man schnell oder überhaupt zählen kann; jeder Baum ist ein Zeichen von Überfluss, mehr Grün, mehr, mehr, mehr! Am allerbesten sieht der Lichtkreis auf den Blättern aus, wenn die Kastanie gerade aufgekerzt hat und weiß blüht (rot ist auch okay, aber weiß ist am besten), am zweitbesten sieht es davor und danach aus. (mehr …)
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Reise nach Pomurien
Ich war über Wien mit dem alten Mercedes gekommen, der braucht seine Pausen, deshalb war ich spät dran. Der Schinkenpalast hatte eigentlich Ruhetag, hatte nur für uns geöffnet, deswegen fand ich sie gleich, verloren in einem Gastraum ohne Gäste, rustikal und riesig. Alle vier saßen schon am Tisch und redeten, schlechtes Englisch mit vier verschiedenen Akzenten. Sie sprachen einander nicht mit Namen an, sondern sagten Germany, Italy, Czech zueinander, so dass auch ich selbst mich ab dem dritten Handschlag Bavaria nannte. Der Fahrer stellte sich als Fahrer vor, und mein letzter Handschlag galt einer jungen Frau, die sich im Gespräch zurückhielt. Ich nannte mich Bavaria, und sie gab mir auf Deutsch zur Antwort: Ich bin Alina. Da saßen also Italien, Tschechien, der Fahrer, Alina und ich. (mehr …)
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Bin ich da schon drin? Zur Frühgeschichte der Netzliteratur
Der Tod ist seit jeher Anlass, sich zum Gedenken an die Verstorbenen zu versammeln. Welche Formen die Anteilnahme in Zeiten von Social Media findet, konnte man im Frühjahr 2021 auf dem Instagram-Profil der Autorin Elke Naters beobachten, deren Partner Sven Lager, eine ehemals prägende Figur der Popliteratur, am 19. April verstarb. »Gestern Mittag ist Sven von uns gegangen«, schrieb Naters in einem Post, den sie wenig später in der Welt zu einem persönlichen Nachruf aufbereitete und auf den eine Reihe von Einträgen folgten, die Weggefährten wie Eckhart Nickel, Christian Kracht, Tom Kummer und Moritz von Uslar zu Kommentaren und Likes animierten. Begleitet wurde der Tod des Autors zudem von zahlreichen Nachrufen im Feuilleton, wo Lagers Biografie zwischen popliterarischem Boheme-Leben, einem religiösen Erweckungserlebnis und gemeinnützigen Projekten in Südafrika und Berlin nachgezeichnet wurde. (mehr …)
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Für Interpretation
»In place of a hermeneutics we need an erotics of art.« Mit dieser Forderung schloss Susan Sontag 1964 ihren Essay Against Interpretation. Seit Platon und Aristoteles hätten sich Ästhetik, Kunst- und Literaturkritik auf die Inhalte konzentriert und vor allem versucht, in Texten und Kunstwerken tiefere Bedeutungen zu ergründen. So befreiend Interpretation in anderen Kulturen sein könne, in der Gegenwart sei sie »reactionary, impertinent, cowardly, stifling«. Statt um Inhalte sollten sich Kritiker um die Form kümmern und vor allem ihre Sinne wiederentdecken: »We must learn to see more, to hear more, to feel more.« (mehr …)
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Tiflis
Meine Tifliser Freundin Khatuna hat sich in den zwei Jahren der Corona-Pandemie die Augen verdorben. Weil sie wegen ausbleibender Touristen ihren Beruf als Reiseleiterin nicht mehr ausüben konnte, nahm sie einen schlechtbezahlten Job im Callcenter des Otto-Versands an, der ihr 500 Euro im Monat dafür bezahlt, dass sie die Anrufe deutscher Kunden entgegennimmt, die bei ihr einen Kühlschrank bestellen wollen oder sich über ausbleibende Lieferungen beschweren. Nach zwanzig Jahren in Hamburg spricht sie ein tadelloses Deutsch mit norddeutschem Akzent, was ihr gelegentlich einen Heiratsantrag von Anrufern aus den Hansestädten einbringt, aber nicht verhindern konnte, dass sie vom Starren auf den Bildschirm kurzsichtig wurde. (mehr …)
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Die Mär vom großen Austausch
Die Rede vom »Großen Austausch« unterstellt eine von liberalen Regierungen bewusst angestrebte Auswechslung der weißen (und christlichen) Mehrheit im Globalen Norden durch nichtweiße, überwiegend muslimische Einwandererfamilien aus dem Globalen Süden. Das Mittel dazu sei eine durch die Öffnung der Grenzen mögliche Masseneinwanderung; die diesbezügliche Einlassung der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, das sei zu schaffen, gilt Anhängern dieser Verschwörungstheorie als Beleg für das Vorliegen eines gezielten Plans. (mehr …)
