• Klagenfurt, Tag 3, 4: Durch sein, fertig werden

    Dass es Sharon Dodua Otoo ist, die Bachmannpreisplastik und -geld mitnehmen darf, das ist ein gutes Staffelfinale! Dass nach drei Tagen Zuhören, Mitdenken, Diskutieren sich wenigstens für die Gewinner*innen wirklich etwas tut, vielleicht, das ist am wenigsten schlimm. Also an dieser Stelle jetzt kein Sinn-Narrativ aufmachen und erklären, für wen oder was Otoo gewonnen hat oder was ihr Sieg repräsentiert. Sie hat jetzt hoffentlich ein, zwei Möglichkeiten mehr, zu machen, was sie will. (mehr …)
  • Klagenfurt, Tag 2: Simulieren

    Ihr wusstet es alle besser, ihr wusstet es längst durch jahrelanges Livestream-Training. Ja. Und wir wollten ja *wirklich* nicht kritische Kritik performen, aber jetzt wollen wir *wirklich* wissen, was hier los ist! Wie machst du das, Klagenfurt, du gut, so gut "klappender" Text, dass hier wirklich nichts passiert? Dass du dich so verschließt, dass ich dich gern anschaue, aber dann will ich mit dir reden und dann merk ich, Zukunft, oder auch nur Gegenwart, also unser Nebeneinandersein, das ist einfach gar keine Kategorie für dich. (mehr …)
  • Neues aus KOKanien

    Karl Ove Knausgård stellt eine Frage: „Welchen Sinn sollte es haben, ein mittelmäßiger Literaturwissenschaftler zu sein?“ Auf Seite 397 von Träumen befindet sich Knausgård mitten im Literaturstudium in Bergen. Er hat eine Klausur zu Dantes Göttlicher Komödie geschrieben und entdeckt auf dem Schwarzen Brett des Instituts, dass sie mit einer 2,4 benotet wurde. Da sich Knausgård selbst für alles andere als einen Zweierschüler (aber für einen Dante-Kenner) hält, beantwortet er die Frage selbst so: „Das war doch vollkommen sinnlos.“ Träumen ist der fünfte und vorletzte Band von Knausgårds autobiographischem Projekt Min Kamp, und diese Szene findet sich ungefähr in der Mitte des Buches, das anders als die vorangegangenen Teile nicht zwischen Knausgårds Kindheit und seinem Erwachsenenleben hin- und herspringt, sondern chronologisch dem Zeitpunkt entgegengeht, an dem Knausgård als Autor etabliert ist und Bergen verlässt. Die Erzählung gliedert sich in zwei Teile: Wir begleiten KOK an die Akademie für Schriftsteller, wo er sich durch ein Jahr mit wenig Anerkennung für seine Schreibversuche und viel Liebeskummer quält, aus dem ihn erst seine Freundin Gunvor erlöst, die Ponys und Waffeln, Bücher aber weniger mag. Ihr zuliebe verbringt er ein Jahr auf Island, duscht in schwefeligem Wasser, versucht weiter zu schreiben. Er kehrt zurück nach Bergen, schläft mit einer anderen Frau, studiert weiter Literaturwissenschaft, arbeitet in einer Einrichtung für psychische Kranke und beim Campusradio, lernt seine erste Ehefrau kennen, verbringt Zeit in England, hat langsam Erfolg mit seinen Texten, kämpft mit seinem Vater, bis dieser stirbt, und die Leserinnen und Leser an eine Stelle geraten, an der sie schon mal waren. Knausgårds Ehe ist am Ende, er nimmt den Nachtzug nach Oslo; es soll alles anders werden. Wir wissen: bald wird er seine neue Frau kennenlernen, nicht mehr lang, bis er sich noch einmal so sehr verliebt, dass ein erster Kuss direkt in die Ohnmacht führt: es geht weiter. Um an diesen Punkt zu kommen, brauchen wir mit Knausgård lange, über 2000 Seiten – aber was sind schon ein paar Monate, Jahre, was sind schon ein paar hundert Seiten, wenn es darum geht, Hoffnung zu haben. (mehr …)
  • Kommentar zu Ingo Meyers „Niedergang des Romans“

    Kommentar zu Ingo Meyers im Novemberheft erschienenem Essay Niedergang des Romans? Sondierungen im Bezugsrahmen eines Topos, der im Archiv hier abrufbar ist. Abgesehen davon, dass Essaylektüren über Krisen des Romans bei mir schon etwas länger zurückliegen, sehe ich durchaus einen Sinn für das Thema, weil ich vermute, dass sich hier inzwischen nicht so sehr ein Genre als gleich eine ganze Lesegewohnheit/Einteilungsgewohnheit verloren hat oder dabei ist, sich zu verlieren, ein Paradigma. (mehr …)
  • Bücher von Merkur-Autor/inn/en: Uljana Wolf

    Uljana Wolf, Christian Hawkey: SONNE FROM ORT  Ausstreichungen/Erasures, engl.-dt., nach den »Sonnets from the Portuguese« von Elizabeth Barrett Browning und den Übertragungen von Rainer Maria Rilke. Erschienen im Oktober 2012 bei kookbooks. Verlagsseite. Zuletzt im Merkur: Uljana Wolf: Drei Bögen: Bougainville
  • Nüchtern: Bachmannpreis als Casting-Show

    In der aktuellen Ausgabe des Falter sieht Klaus Nüchtern schwarz für den Bachmannpreis, bei dem er 2004 bis 2008 als Juror tätig war. Nach der Verabschiedung der langjährigen Organisatorin Michaela Monschein durch die ORF-Verantwortlichen sei nun "in gewöhnlich gut informierten Kreisen apokalyptisches Geraune zu vernehmen ... (sogar die Ekelvokabel 'Casting-Show' ist gefallen)."  Da viel spekuliert, manches dementiert und bislang niemand genau informiert wurde, sei das mit allen Anzeichen des Entsetzens weitergegeben und, weil im Falter printgebunden, in den öffentlichen Raum dieser Kurzmitteilung gestellt. (Anderes Thema, selber Autor: Klaus Nüchtern hat gerade auch ein sehr schönes Buch über Buster Keaton geschrieben. Hier ein Videogespräch zwischen ihm und Alexander Horwath, Direktor des Wiener Filmmuseums.)

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  • Blogroll: literaturkritik.de

    Das Rezensionsportal literaturkritik.de, das an den Lehrstuhl von Professor Thomas Anz an der Universität Marburg agebunden ist, ist eines der ältesten literaturkritischen Angebote im deutschsprachigen Internet. In großer Zahl und Breite und auf hohem Niveau werden hier literarische und kulturwissenschaftliche Neuerscheinungen besprochen. Die Texte erscheinen in monatlichen Ausgaben, die in der Regel um einen Themenschwerpunkt geordnet sind; von Anfang an gibt es die Texte des Onlinemagazins auch im Printformat. Der Literaturwissenschaftler und -kritiker Jan Süselbeck, Redaktionsleiter von literaturkritik.de, hat unsere Fragen per E-Mail beantwortet. (mehr …)
  • Bodenständigkeitsverblödetheit. Rainald Goetz‘ Deutschland in „Johann Holtrop“

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    Fährt man mit dem ICE von München in sieben langen Stunden nach Berlin, bleibt ausreichend Zeit um einzusehen, wo die „Strafkolonie Krölpa“ liegt, jener fiktive Ort in Rainald Goetz’ Roman Johann Holtrop. Es eröffnen sich dem Betrachter zwischen Erlangen und Jena, Merseburg und Jüterbog „trostlos weggeduckte Flecken, lächerliche Wüsten dazwischen“ – Krölpa, das ist jede kleine bis mittelgroße deutsche Stadt mit angeschlossenem Industriepark, das ist die deutsche Version von David Foster Wallaces Peoria in seinem posthumen Bürokratieroman The Pale King, Krölpa ist Goetz’ apokalyptische Allegorie deutscher „Bodenständigkeitsverblödetheit“: „Die Verhältnisse waren kaputt, aber sie funktionierten.“

    In der Beschreibung Krölpas vereinen sich im Anfangskapitel des Romans die „hysterisch kalt und verblödet konzipierte“ Architektur der Neunziger und der deutsche Wald. Die Natur scheint sich dagegen zu wehren, jene einst von Helmut Kohl heraufbeschworene blühende Landschaft sein zu müssen. Sie rüttelt bedrohlich an den Scheiben der „Büromonolithen“, übertönt die Nichtgespräche der Angestellten der Firma Assperg: „Die Menschen waren stumm, und draußen schlugen Wind und Regen an.“ Diese stürmische Natur diktiert dem Chef und Macher Holtrop seine Daseinsmetapher: „Ein Eiswind sollte von Holtrop her in den Raum hineinfegen.“ Holtrop, eine Naturgewalt, die Leben in die Stille beleuchteter Wiesen und ruhendes Kapital in Bewegung bringt. (mehr …)
  • No pasarán! Notizen zur Buchmesse

    Der Mond ist aufgegangen in Neuseelands finst'ren Hallen. In schmalen Kojen baumeln ein paar Bücher mit teils irgendeinem Neuseelandbezug, in dunkler Ecke hinter schwarzer Wand tragen Dichterinnen vor und Dichter. Kann sein, dass Menschen fallen, ins flache Wasser nämlich, das weite Teile des Bodens bedeckt. Ansonsten bleibt vieles im Dunklen, vor allem, was das Selbst genau sein soll, als das das Buchmessengastland sich nachtschwarz und dann doch weitgehend buchlos und in Großprojektionen auf Videoleinwänden darstellt. Macht durchaus Eindruck, diese Installation, besser wär's nur, man wüsste auch welchen.  (mehr …)
  • Interview mit Teju Cole

    Das Buch "Open City" des 1975 geborenen nigerianisch-amerikanischen Autors Teju Cole war in den USA gewiss eines der bestbesprochenen Romandebüts der vergangenen Jahre. Julius, der zur Introspektion neigende Protagonist des Romans, arbeitet an seiner Dissertation in Psychiatrie. Vor allem aber ist er, ein Flaneur der Gegenwart, auf den Straßen New Yorks unterwegs.  Die Geschichten, die ihm die unterschiedlichsten Leute erzählen, fügen sich zu einem Mosaik der Stadt, die im Jahr 2006 noch unter den Nachwirkungen von 9/11 leidet. Das einzige Kapitel, das nicht in New York – sondern in Brüssel – spielt, haben wir im Augustheft abgedruckt, in der deutschen Übersetzung von Christine Richter-Nilsson, die unlängst bei Suhrkamp erschienen ist.   Mr. Cole, Sie sind als Schriftsteller erst vergleichsweise spät hervorgetreten. Das hat sicher damit zu tun, dass Sie nicht nur ein Medizinstudium, sondern auch eine Universitätskarriere als Kunsthistoriker hinter sich haben. Das mit der Verspätung stimmt, jedenfalls wenn man es mit einer genau gleichaltrigen Autorin wie Zadie Smith vergleicht. Ihre Karriere hat zehn Jahre vor meiner begonnen. Das hat ein wenig damit zu tun, dass ich den Status "Schriftsteller" zwar schätze und mich freue, ihn erreicht zu haben – so richtig darauf abgesehen hatte ich es aber nicht. Es gab keinen unbedingten Ehrgeiz, dass ich bis da und dahin mein erstes Buch veröffentlicht haben muss. Aus irgendeinem Grund dachte ich, dass eine Veröffentlichung so unwahrscheinlich wäre, dass ich nicht recht sah, warum ich mich um diesen Teil der Sache so sehr bemühen sollte. Also habe ich mich aufs Schreiben selbst konzentriert, gedacht, dass ich vielleicht im Netz publiziere. Wenn ich es wirklich darauf angelegt hätte, hätte ich wohl "Creative Writing" studiert. Ich war vom Gang der Dinge dann schlicht überrascht. (mehr …)