Kategorie: Blog

Artikel der Kategorie: Blog

  • Akzelerationismus vs. Akademismus (im Centre Pompidou)

    Letzten Montag wurde im Centre Pompidou das »Manifesto for an Accelerationist Politics« von Alex Williams und Nick Srnicek vorgestellt. Vor genau einem Jahr hatte Armen Avanessian zur deutschen Buchpremiere des Manifests bei Merve über fünfhundert Leute am Alexanderplatz versammelt. Nachdem das Manifest inzwischen in knapp zwanzig Sprachen vorliegt, reagiert auch Paris. Übersetzt und rausgebracht hat den Text nun Yves Citton, Literaturprofessor aus Genf, in seiner Zeitschrift Multitudes. Die hat einen so lupenreinen linken Ruf, dass ich sie im Prinzip für eine der besten halte, tatsächlich aber noch nie gelesen habe. Auch in Paris zieht der Akzelerationismus. Von über zweihundert Interessenten müssen, weil der Saal zu klein ist, etwa fünfzig draußen bleiben. Wie nimmt das französische Establishment ein politisches Programm wahr, das von zwei Londoner Doktoranden in International Relations aufgesetzt wurde und seit einem guten Jahr die internationale Theoriebranche mit Schlagworten beliefert? Um das Ende vorweg zu nehmen: als Ärgernis, ja als Bedrohung. Ein paar anerkennende Worte gab es zwar, die wirkten aber wie minimale Höflichkeitsadressen in einer ansonsten allergischen Abwehrreaktion. Williams und Srnicek, die wegen eines Visumsproblems (Srnicek ist Australier) nicht hatten anreisen können, durften sich per Skype zwei Totalverrisse ihres Manifests anhören. (mehr …)
  • Was ist literarischer Erfolg? Ein Jahr mit den Goncourts (VIII)

    Ich werde nie das Kreuz der Ehrenlegion bekommen, ich werde nie zur Académie gehören, ich werde nie eine dieser Auszeichnungen erhalten, die mein Talent bestätigen. Beim Publikum werde ich immer ein Paria sein, ja, ein Paria! (Émile Zola in: Bd. VI, S. 154)

    Im 6. Band der insgesamt 11 Tagebuchbände, der die Jahre 1873-80 nach dem Tod seines Bruders umfasst, wird das Hadern Edmonds mit sich und dem gemeinsamen Werk überdeutlich. Es ist ein Hadern nicht nur mit Resonanz: dem immer auch eitlen und etwas selbstgefälligen Topos des verkannten Schriftstellers kann er sich ebensowenig entziehen wie der eingangs zitierte Émile Zola. Es ist vor allem ein Hadern mit der so schmerzlich vermissten öffentlich bekundeten und institutionell ratifizierten Anerkennung: Ehrenkreuz, Akademie, Preise. Ist es allein das, was Edmond zum Jahresbeginn 1875, fünf Jahre nach dem Tod seines geliebten Bruders, vermisst? Nicht nur. Es ist das gemeinsame Schreiben als solches, wie Edmond erkennt, als er den Titel La Fille Élisa (erschienen im übernächsten Jahr) erstmals notiert: (mehr …)
  • „That’s My Hood“: Bei Westbam zuhause

    Schon vorletzte Woche machte Stuckrads Homestory alles richtig. Da war Katja Ebstein zu Gast in der Sendung, deren Prinzip ganz einfach ist: Benjamin von Stuckrad-Barre trifft Leute, weiß aber vorher nicht wen. Leider hat Ulf Poschardt einfach so lange behauptet, das deutsche Boot sei voll mit humorlosen, lustfeindlichen, protestantischen Ex-68ern, die längst zu rot-grünen Spießbürgern verkommen sind, dass es irgendwann für plausibel gehalten wurde. Dieses falsche Bild wird von Katja Ebstein einmal komplett auseinander genommen. Im Gespräch mit Stuckrad-Barre ist sie so offen, selbstironisch und berichtet mit beinahe buddhistischer Lässigkeit aus ihrem Leben. Auch das war 68. Ich fand’s großartig. Diese Woche legt die Sendung noch eine Schippe drauf, was ich fast nicht für möglich gehalten habe. Besuch bei Westbam. Gleich zu Beginn wird ein Einspieler aus Westbams Kokszeit Anfang der neunziger Jahre gezeigt. Schweiß auf der Stirn, Redeschwall, der ganze Pipapo. Stuckrad machte ähnliche Erfahrungen mit der Droge. Seine Kokainabhängigkeit war sogar Gegenstand einer Doku, die ich mir allerdings bis heute nicht angesehen hab. (Kommt noch.) Ich kannte nur Rainald Goetz’ obsessive Auseinandersetzung mit der Persona Stuckrad-Barres, also mit der Art und Weise, wie seine persönlichen Hochs und Tiefs von Stuckrad selbst in den medialen Raum eingespeist werden. Die Texte waren so schön, weil es nie darum ging, die Massenmedien einmal im Kreis durch die kulturkritische Manege zu führen. Viel eher waren es Bausteine für eine neue Theorie des Boulevards, die da weitermachten, wo Les Stars, das 1957 erschienene Buch des französischen Philosophen Edgar Morin, aufgehört hatte. (mehr …)
  • Intellektuelle Beißhemmung

    Veranstaltungshinweis: Gemeinsam mit dem DFG-Netzwerk "Gelehrte Polemik" und dem Deutschen Theater lädt der Merkur zu einer kleinen Konferenz zur Frage von "Polemik und Wissen in der Wissenschaftskultur". Datum: 5. 12. Ort: Foyer des Deutschen Theaters Berlin. Zeit: 17 Uhr bis 21.30 Uhr. Mit dabei:  Caspar Hirschi, Thorsten Wilhelmy , Eva Geulen , Carlos Spoerhase, Jürgen Kaube, Christoph Möllers, Christian Demand und Nina Verheyen. Eintritt kostet 6 Euro: Kartenverkauf auf der Seite des Deutschen Theaters. Hier der genaue Ablauf: 17.00–17.15    Empfang und Begrüßung durch Carlos Spoerhase und Kai Bremer (DFG-Netzwerk "Gelehrte Polemik") 17.15–18.15    Vortrag von Caspar Hirschi (Universität St. Gallen): "Kritikfrei spielen: Zur Selbstverniedlichung der Geisteswissenschaften". Respondenz von Thorsten Wilhelmy (Wissenschaftskolleg zu Berlin) 18.15–18.30    Kurze Pause 18.30–19.30    Vortrag von Eva Geulen (Goethe-Universität Frankfurt am Main): "Unbestritten oder unbestreitbar? Vier Beobachtungen zum Wandel geisteswissenschaftlicher Streitkultur". Respondenz von Carlos Spoerhase (Humboldt-Universität zu Berlin) 19.30–20.00    Apéro 20.00–21.30    Diskussion mit Jürgen Kaube (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Christoph Möllers (Humboldt-Universität zu Berlin) und Nina Verheyen (Universität zu Köln) Moderation von Christian Demand (Merkur)
  • Generation Triple A

    Gerade habe ich „Generation Merkel“ zu Ende gelesen, Titelthema des Spiegel von letzter Woche. Der Text ist lesenswert, sofern einen das Thema interessiert, aber in einer Sprache geschrieben, die einen total für dumm verkauft. Beziehungsweise: in einer Sprache geschrieben, bei der ich einfach nicht von dem Gedanken loskomme, dass sie sich an einen Leser richtet, der einer Generation angehört, die weit vorne im Alphabet liegt. Irgendwelche über 60-Jährigen. Und das wäre schon eine dieser Ergänzungen, die ich anzubringen habe; ich werde am Ende darauf zurückkommen. Denn immerhin scheine ich mit meinem Geburtsjahr '91 zu eben diesen heute 20- bis 30-Jährigen zu gehören. Zur „Generation Merkel“, wie Dirk Kurbjuweit nicht müde wird zu erwähnen – als würde er ganz sicher gehen wollen, dass dieser enorm einfallsreiche Begriff auch wirklich auf seinem journalistischen Konto gutgeschrieben wird. Wir sind also der Nachfolger der „Null-Bock-Generation“, auch Generation X genannt. Auf X folgt – ganz logisch – die Y. So hießen wir, bevor Kurbjuweit seine Idee hatte. Und wenn ich davon einmal extrapolieren darf, dann bezeichnet man meine Kinder irgendwann mit „Z“. Und wenn die Generationen an den Journalistenschulen bis dahin nicht einfallsreicher geworden sind, trifft sich das ganz gut, dass der Klimawandel uns bis dahin alle gekillt hat. Ende vom Alphabet, bumm. (mehr …)
  • Spread Your Word Like a Fever

    Manche Zeitungsartikel beschwören Bedrohungen, um sie umso besser bannen zu können. Gerade die Zeit steht für eine Entwicklung, in der der Journalismus  zunehmend zu einer Agentur der symbolischen Immunisierung wird, wie Sloterdijk diese Zielvorgabe mal genannt hat. Nicht Neugier, sondern das Bedürfnis nach Absicherung ist die treibende Kraft. Als Mittel dient den Texten oft ein dramatisches Setup. So inszenieren Amrai Coen und Malte Henk in ihrer ausführlichen Ebola-Reportage vom 6. November 2014 einen Showdown zwischen Mensch und Virus. Von Beginn an lässt der Text keinen Zweifel daran, dass es ihm vor allem darum geht, die Identität des Gegenübers genau zu bestimmen. Womit hat man es überhaupt zu tun, einem "Feind? Einer Naturgewalt? Einer unsichtbaren, ungreifbaren Gefahr?". Reporter wollen so nahe am Menschen sein, dass sie sich über die begrifflichen Verstrickungen des eigenen Schreibens nicht genug Gedanken machen. So nahe am Menschen, dass selbst das Virus gnadenlos anthropomorphisiert und somit textlich handhabbar gemacht wird. Im Epilog erkennt man zwar an, dass ein Virus nur eins "will": existieren. Aber derartige Details aus der Biologie wollen nicht recht in die Spannungskurve passen. Man muss sich das Virus nämlich, wenn nicht als glücklichen Menschen, so doch als "Massenmörder" vorstellen, der mitunter einem Tier ähnelt. (mehr …)
  • Kommentar zu Ingo Meyers „Niedergang des Romans“

    Kommentar zu Ingo Meyers im Novemberheft erschienenem Essay Niedergang des Romans? Sondierungen im Bezugsrahmen eines Topos, der im Archiv hier abrufbar ist. Abgesehen davon, dass Essaylektüren über Krisen des Romans bei mir schon etwas länger zurückliegen, sehe ich durchaus einen Sinn für das Thema, weil ich vermute, dass sich hier inzwischen nicht so sehr ein Genre als gleich eine ganze Lesegewohnheit/Einteilungsgewohnheit verloren hat oder dabei ist, sich zu verlieren, ein Paradigma. (mehr …)
  • Welt-Talk: Zukunft der Tagesordnung

    Das Buchmessengespräch mit Christian Demand (plus Petra Eggers, Jo Lendle, Stefan Aust und Richard Kämmerlings) zur "Zukunft der Tagesordnung" gibt es jetzt im Videostream bei der Welt
  • Pharaonische Felsinschriften im Gebiet von Aswân (Archiv)

    Der Ägyptologe Stephan Seidlmayer, Direktor der Abteilung Kairo des Deutschen Archäologischen Instituts, erhält in diesem Jahr den Gerda Henkel Preis, der alle zwei Jahre für herausragende Forschungen auf dem Feld der historischen Geisteswissenschaften vergeben wird und mit 100 000 Euro dotiert ist. Im Augustheft haben wir Stephan Seidlmayers Beitrag zu unserer Reihe "Neues aus der Alten Welt" veröffentlicht. Bis zum Ende des Monats schalten wir ihn hier frei.  *** Das Alte Ägypten ist, jedenfalls für den Historiker und Gesellschaftsforscher, das Land der Inschriften schlechthin. Die historisch-politischen Verlautbarungen der Könige, die Berichte der großen Funktionäre über ihr Wirken, alles das ist erstrangig im inschriftlichen Format überliefert, obwohl solche Texte nachweislich auch in Buchhandschriften zirkulierten. Doch am Stein bissen sich die Jahrtausende die Zähne aus. Deshalb ist die Epigraphik für den Ägyptologen der Kern des Kerngeschäfts.[1] In der großen Welt der Inschriften hat in jüngerer Zeit eine marginal scheinende Gruppe besonderes Interesse auf sich gezogen: das Feld der Fels- und Sekundärinschriften, das heißt der epigraphischen Marken, deren Anbringung nicht mit Bau oder Weihung eines Monuments verbunden war, weil sie sich natürlicher Felsflächen oder der Wände schon bestehender Bauten bedienten. Von diesen Inschriften geht eine doppelte Faszination aus. Keine andere Textgruppe kommt so dem aktuellen Interesse für "den Raum", dem spatial turn, entgegen, führt sie den Blick doch weit über Siedlungen, ja über besiedelte und zivilisierte Räume hinaus. Seit Satellitenbilder, GPS und Geländewagen der Forschung die Courage eingeflößt haben, den einst als Niltalhockern verschrienen Ägyptern auf ihren Zügen ins Weite zu folgen, Hunderte von Kilometern in die verlassensten Winkel der Sahara, vergeht kein Jahr ohne die überraschendsten Entdeckungen. Die Inschrift Mentuhotep Nebhepetres am Dreiländereck Ägypten-Sudan-Libyen oder die Inschrift Ramses III. bei der Oase Tayma auf der Arabischen Halbinsel.[2] Zu meiner Studienzeit hätte man sich nicht träumen lassen, dass es so etwas geben könnte. (mehr …)
  • Merkur auf der Buchmesse

    Morgen von 12.00 bis 13.30 Uhr auf der Frankfurter Buchmesse: Herausgeber Christian Demand beim Buchmesse Talk im Gespräch mit Petra Eggers, Jo Lendle, Stefan Aust und Richard Kämmerlings. Thema: "Die Zukunft der Tagesordnung".