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September 13, 2016 - Keine Kommentare
"Was heißt und zu welchem Ende schreibt man Populärwissenschaft?", wird sich Michel Serres Mitte der Neunziger gefragt haben. In gewohnt heiterer und ambitionierter Tonlage versammelt der französische Philosoph 1997 in seinem Thesaurus der exakten Wissenschaften Erkenntnisse und Methoden aus den jungen Spezialdisziplinen der Teilchenphysik, der Gentechnik und den Neurowissenschaften unter dem Vorwand, sie auf verständliche Weise darzustellen, ohne ihre immanenten Komplexitäten zu übergehen. Erfordert die lexikalische Form zunächst vor allem Prägnanz und Knappheit im Ausdruck, lässt er sich in einigen Einträgen dennoch zu ganzen Absätzen mit Anekdoten, Beispielen und scheinbar Randständigem hinreißen: Er ist überzeugt, dass Populärwissenschaft erst gelungen ist, wenn sie es schafft, die Verfahren und Bräuche der Wissenschaften in "umgangssprachliche Erzählungen" zu verwandeln. (mehr …) -
August 19, 2016 - Keine Kommentare
Allerhöchste Zeit ist es, auf ein Buch hinzuweisen: Euro Trash. Es ist bei Merve erschienen, herausgegeben von Svenja Bromberg, Birthe Mühlhoff (auch: Cover-Illustration) und Danilo Scholz. Gewisse Merkur-Affinitäten von Teilen des Herausgeberteams sind nicht zu leugnen. Es ist ganz unabhängig davon ein großartiges Buch, das Texte zu Europa versammelt: teils erstmals in deutscher Sprache zugängliche, teils ganz neue Essays, Aufsätze, Interventionen, Gespräche. Aus dem Klappentext:
"Die hier versammelten Beiträge bilden keine thematische Einheitsfront für oder gegen die EU. Wenn man über Europa spricht, geht es um Lampedusa, Migration und die europäischen Grenzen genauso wie um die Frage, wer den Haushalt macht. Roboter noch nicht. Es geht um Steuerpolitik, Schulden, die Korruption in Bosnien und Herzegowina, die Revolution in der Ukraine und den Schrott im Weltall. Es geht um eine andere Geschichte der Gemeinschaftswährung und Ideen für ein Leben jenseits des Nationalstaats."
Das stimmt. Schon der erste Text, eie frühes Europa-Memorandum von Alexandre Kojève, ist eine veritable Entdeckung. Michel Houellebecq erklärt sich politisch. Vertreten sind neben vielen anderen Alain Badiou, Etienne Balibar, Slavoj Zizek, Paul B. Preciado. Mein Lieblingstext im Buch ist das lange und sehr offene Gespräch mit Toni Negri. Schon schwerer erträglich (wie immer, für mich): Bernard Stiegler. Trotzdem: Die Lektüre von Euro Trash lohnt sich von vorne bis hinten. Zum Buch gehört auch ein exklusiver DJ-Mix von Carlos Souffront. Den gibt es hier. -
August 15, 2016 - Keine Kommentare
Widerstand und Bürgerlichkeit im post-Flüchtlingskrisen-Deutschland: Die Aktion „Flüchtlinge fressen“ des Zentrums für Politische Schönheit
Im frühsommerlichen Berlin-Mitte hat jüngst das Aktionskunst-Kollektiv „Zentrum für Politische Schönheit“ (ZPS) ein Gesellschaftsstück mit dem Titel „Flüchtlinge fressen“ zur Aufführung gebracht, das für viele Uneingeweihte eine Rolle vorgesehen hatte. Über knapp zwei Wochen hinweg trotteten vier Tiger in einer eigens am Maxim-Gorki-Theater errichteten Arena umher; Schaulustige kamen zusammen, vor allem auch, weil die syrische Schauspielerin May Skaf angekündigt hatte, sich von diesen Tigern fressen zu lassen, falls die Bundesregierung nicht einem vom ZPS gecharterten Flugzeug, das mehr als 100 asylberechtigte Kriegsflüchtlinge sicher von der Türkei nach Deutschland bringen sollte, die Einreise erlaubte. (mehr …) -
August 02, 2016 - Keine Kommentare
China heute, ein Schwerpunkt: Da geht es um das Wachstum der Städte, wie es der Sinologe und Globalhistoriker Dominic Sachsenmaier beschreibt. China heute ist aber auch ein riesiges Land, in dessen Grenzregionen politische Mischlagen entstehen - eine solche beschreibt der Ethnologe Hans Steinmüller aus eigener Anschauung. Er ist viel im von einer Rebellenarmee regierten Wa-Staat unterwegs, der zu Burma gehört, aber unter massivem Einfluss Chinas steht. Durch seine Bevölkerungspolitik hat China in den letzten Jahrzehnten einen enormen Umbruch erlebt, der sich in der Zukunft stark auswirken wird: Als Zeugin einer dank Ein-Kind-Politik alternden Gesellschaft porträtiert Alec Ash eine junge Frau namens Ash. Und Sheng Yun, auch ein Einzelkind und Redakteurin bei der Shanghai Review of Books, schildert ihr Aufwachsen in einer erinnerungspolitisch zerklüfteten, ja verminten Landschaft.
"Fernmoral", das ist der Appell, beim Handeln im persönlichen Bereich die Welt als Ganze mitzubedenken: David Kuchenbuch schildert aus eigener Erfahrung die Geschichte des sich seit den siebziger Jahren verbreitenden Phänomens. (Der Text ist online frei lesbar.) In ihrer Rechtskolumne zeigt Gertrude Lübbe-Wolff für die Geheimniskrämerei bei den TTIP- und CETA-Verhandlungen wenig Verständnis. (Der Text ist gratis als pdf abrufbar.) Christian Demand behandelt in seiner Memorialkolumne Denkmalfragen: vom NS-Erbe bis zu ersten Krim-Monumenten. Zwei Autoren und eine untergehende Welt: Jakob Hessing liest den Briefwechsel zwischen Stefan Zweig und Joseph Roth.
Mit einem Gedicht der kanadischen Lyrikerin Erín Moure, das Uljana Wolf übersetzt hat und mit einem Essay begleitet, eröffnen wir eine Reihe mit zeitgenössischer Dichtung, für die wir mit der von Daniel Graf konzipierten Veranstaltungsserie »inter_poems« kooperieren. Parlamente sind nicht zum Reden da, sondern zum Entscheiden, argumentiert Philip Manow seinerseits sehr entschieden. Harry Walter befasst sich mit einem Foto, das eine Schrankwand zeigt und über das er einiges eruiert hat.
Die einzelnen Artikel und das ganze Heft in digitalen Formaten können Sie auf unserer Volltextarchivseite anlesen und kaufen, die Printausgabe gibt es versandkostenfrei hier. Eine schön handliche Übersicht über die Aboformen finden Sie wiederum hier. -
Juli 04, 2016 - Keine Kommentare
Dass es Sharon Dodua Otoo ist, die Bachmannpreisplastik und -geld mitnehmen darf, das ist ein gutes Staffelfinale! Dass nach drei Tagen Zuhören, Mitdenken, Diskutieren sich wenigstens für die Gewinner*innen wirklich etwas tut, vielleicht, das ist am wenigsten schlimm. Also an dieser Stelle jetzt kein Sinn-Narrativ aufmachen und erklären, für wen oder was Otoo gewonnen hat oder was ihr Sieg repräsentiert. Sie hat jetzt hoffentlich ein, zwei Möglichkeiten mehr, zu machen, was sie will. (mehr …) -
Juli 01, 2016 - Keine Kommentare
Ihr wusstet es alle besser, ihr wusstet es längst durch jahrelanges Livestream-Training. Ja. Und wir wollten ja *wirklich* nicht kritische Kritik performen, aber jetzt wollen wir *wirklich* wissen, was hier los ist! Wie machst du das, Klagenfurt, du gut, so gut "klappender" Text, dass hier wirklich nichts passiert? Dass du dich so verschließt, dass ich dich gern anschaue, aber dann will ich mit dir reden und dann merk ich, Zukunft, oder auch nur Gegenwart, also unser Nebeneinandersein, das ist einfach gar keine Kategorie für dich. (mehr …) -
Juli 01, 2016 - Keine Kommentare
Rausgehen. Nach Klagenfurt fahren. Ein fiebriges Kind bei den anderen zuständigen Sorgearbeiter*innen lassen oder eher: in Form von schlechtem Gewissen mitnehmen. Beim nächtlichen Vier-Stunden-Aufenthalt in Salzburg wieder merken, dass es auch Zugfahrten jenseits der Strecke München-Berlin gibt, dass es also Kilometer gibt, obwohl es zum selben historischen Zeitpunkt auch Internet gibt. So sind wir hierher gekommen, das ist das schwache Wir, das hier postet. "Am Rande der Erschöpfung weiter", so ist Reinhard Baumgarts Klagenfurt-Bericht für den Merkur von 1980 überschrieben. (mehr …) -
Juni 29, 2016 - 2 Kommentare
Wer Daniel Häni kennt, weiß, dass er in den besten Momenten von der Idee erstrahlt, die ihn seit Jahren umtreibt: Das bedingungslose Grundeinkommen verkörpert für den Unternehmer aus Basel die Vision einer modernen Volkswirtschaft, in der technologische Entwicklung, wirtschaftliche und gesellschaftliche Prosperität mit der freien Entfaltung aller Einzelnen versöhnt sind. Was sich für manche nach einer Neuauflage alter sozialistischer Forderungen nach mehr Teilhabe mit dem Schreckgespenst staatlich verordneter Umverteilung anhören muss, versteht sich selbst allerdings als ein Konzept wirtschaftlicher Förderung: Die Schweiz soll sich mit Hilfe des BGE als unabhängiger, moderner Standort im 21. Jahrhundert behaupten. (mehr …) -
Juni 21, 2016 - Keine Kommentare
Die Ecke Castro Street und Market Street ist die wohl schwulste Ecke der USA. Hier, am Fuß der Twin Peaks in San Francisco, weht weithin sichtbar eine riesige Regenbogenfahne. Einen Block weiter lag früher der Fotoladen, den einmal Harvey Milk betrieb, bevor er als erster schwuler Mann zum Stadtverwalter San Franciscos gewählt wurde. Wenn man die Market Street herunter sieht, die im Juni für San Francisco Pride ebenfalls festlich mit Regenbogenfahnen beflaggt ist, fällt der Blick auf die goldene Kuppel der City Hall, wo Milk und Bürgermeister George Moscone im November 1978 erschossen wurden. (mehr …) -
Juni 16, 2016 - Keine Kommentare
Über Jahrzehnte galt als ausgemacht, dass gut geplante Städte aus funktional getrennten Sphären zu bestehen hätten: Für Wohnen, Arbeit und Konsum waren deshalb unterschiedliche Standorte vorgesehen, und die zentrale städtebauliche Herausforderung lag darin, diese Standorte verkehrstechnisch zu vernetzen. Dieses urbanistische Paradigma, das den Wohn- und Siedlungsbau an die Peripherie verschob, gilt allgemein als überholt. Seit gut zehn Jahren sind die Innenstädte vieler deutscher Metropolen zunehmend wieder als Wohnraum gefragt, zugleich steigen die Einwohnerzahlen in Berlin, München, Frankfurt a.M. oder auch Stuttgart weit über das Maß hinaus, das der bestehende Wohnungsmarkt aufnehmen kann. (mehr …)