• Echte Leben, echte Texte

    Die Veröffentlichung des ersten Albums des Hiphop-Produzenteams KitschKrieg im vergangenen Sommer hat für eine gewisse Aufregung gesorgt, aber von einem Skandal wird man nicht sprechen wollen. Foucault, Butler und Nietzsche konnten diesmal liegenbleiben; Cancel Culture, die Freiheit von Meinung und Kunst, Backlash und Ressentiment standen als Schlagworte jeweils bereit, aber warfen nur ihre Schatten auf eine Kritik, die in vielen ähnlichen Fällen bisweilen als ratlos bezeichnet werden könnte. Ratlos, weil sie zu den Phänomenen selbst oft wenig zu sagen hat, sondern jede künstlerische Äußerung so bereitwillig einer theoretischen Vorannahme unterwirft, dass man »Meinungsfreiheit« oder »struktureller Rassismus« fast nicht mehr auszusprechen braucht – es wissen ohnehin alle, was gemeint ist. (mehr …)

  • Vom Pöbel zum Populismus

    Wer ist das Volk? Die Münchner Satirezeitschrift Simplicissimus hat diese noch immer umstrittene Frage 1897 mit einer klugen Karikatur unter dem Titel Der – Die – Das beantwortet. »Das Volk« besteht darin ausschließlich aus den gebildeten Ständen, die zur Demonstration in Frack und Zylinder aufwarten. »Der Pöbel« hingegen wird als eine schmutzige, schreiende, mit Stöcken und Pistolen bewaffnete Personengruppe dargestellt. »Die Menge« schließlich vermittelt zwischen Volk und Pöbel nicht nur durch ihr grammatisches Geschlecht, sondern auch politisch. Sie ist das passive Pendant zum militanten Pöbel und bewundert die Parade der Armee. Es ist die soziale Seite des Volks-Begriffs, an welche die Karikatur damit indirekt appelliert: Dieses Volk in Frack und Zylindern, will sie sagen, ist nicht das eigentliche, zumindest nicht das ganze Volk. Wer das Volk sucht, findet es eher in den anderen Bildsegmenten: Es ist gespalten in eine Figur widerständiger Militanz (Pöbel) und die Neugierigen und Bewunderer (Menge). In allen drei Teilen spielt allerdings die Armee eine wichtige Rolle: Die von der Menge bewunderte Armee dient offenbar dazu, das Volk der Gebildeten und Gesättigten vor der militanten Entrüstung des Pöbels zu schützen.  (mehr …)

  • Kinderland

    Sommer 2019. Nördlich von Stockholm sitze ich auf der Terrasse des Ferienhauses und blicke auf die windstille Ostsee, als Franzi anruft. Am Tag zuvor hatte ich ihr einen Text von mir geschickt, in dem auch sie vorkommt. Um über unsere gemeinsame Kindheit weiterschreiben zu können, möchte ich mir ihre Erlaubnis einholen. »Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen«, sagt sie, und dann beginnen wir zu reden. (mehr …)

  • Lobbydemokratie

    Gleichstellungsbeauftragte gibt es reichlich. Aber kommt die Gleichstellung der Geschlechter auch gut voran? Daran zweifelt neuerdings sogar eine starke Strömung in der CDU. Eine Bundeskanzlerin, mehrere Ministerinnen, eine Parteivorsitzende – das genügt ihr nicht mehr. Erst wenn bis hinunter auf die kommunale Ebene alle Parteifunktionen und -ämter zur Hälfte mit Frauen besetzt seien, könne von durchgesetzter Gleichstellung die Rede sein. Auch immer mehr einflussreiche Männer in der Partei freunden sich mit der 50-Prozent-Frauenquote an. Deren Einführung scheint kurz bevorzustehen. (mehr …)

  • Verlegt, verwahrt und vergessen. Die Bücher aus den ehemaligen deutschen Bibliotheken in Polen

    Man kennt den Ausdruck »displaced person«, im folgenden Artikel geht es um »displaced books«: Millionen von Büchern, die mit der Verlegung der deutsch-polnischen Grenze an Oder und Neiße 1945 aus privaten, kirchlichen und öffentlichen Sammlungen aus Hinterpommern, Schlesien und Ostpreußen in einen neuen nationalen Kontext gelangten. Aus polnischer Perspektive wurden diese »zurückgelassenen« Bücher aus deutschen Bibliotheken als Staatseigentum betrachtet und als solches vor weiteren Plünderungen, Verwüstungen und Zerstörungen geschützt. Während man in polnischen Publikationen bis heute von den »sichergestellten Büchersammlungen« spricht,  fallen in Deutschland dieselben Bücher schnell unter die Rubrik »Beutekunst«. Zwei Länder, zwei Erinnerungskulturen, die das Trennende betonen. Man könnte aber – ich will es hier versuchen – die Geschichte dieser Bücher aus einer europäischen Perspektive neu erzählen. (mehr …)

  • Über meinen Lehrer Hans Blumenberg

    Nachteil des Alters: Man kann nichts mehr werden – Ausnahmen wie der erste Bundeskanzler bestätigen die Regel. Durch Einverständnis lässt sich das Manko ins Gegenteil verkehren (nolentem trahunt, volentem ducunt fata)Vorzug des Alters: Man will nichts mehr werden – außer noch älter; nicht zuletzt davon hängt die Alterszufriedenheit ab. Man steht nicht mehr unter dem Druck, dem die jungen Kollegen, die noch etwas werden wollen, ausgesetzt sind, nämlich anderen etwas beweisen zu müssen; man muss niemandem mehr etwas beweisen als allenfalls sich selbst, nämlich dass – und was – man noch schafft: in körperlicher Hinsicht eine bestimmte Anstrengung wie zum Beispiel vier Kilometer am Stück zu schwimmen, in geistiger, dass man noch ein Buch zustande bringt in der restlichen Zeit. Je weniger einem davon bleibt, je kürzer die Ausblicke nach vorne hin werden, umso mehr schaut man zurück in die immer tiefer werdende Vergangenheit und auf die immer reicheren Erfahrungen, die man gemacht hat. (mehr …)

  • Verhältnismäßig grenzenlos. Rechtskolumne

    Die juristische Sprache unterscheidet wie selbstverständlich zwischen der abstrakten Geltung eines individuellen Rechts und seiner Reichweite im konkreten Einzelfall. Etwa in Fällen wie diesen: Eigentümer haben das Recht, mit ihrer Sache nach Belieben zu verfahren (§ 903 BGB). Handelt es sich dabei um gefährliche Waffen, ist es mit dem Belieben mit Recht nicht weit her. Oder: Allgemein herrscht Vertragsfreiheit, aber nicht für schikanöse Arbeitsverträge. Besonders große Bedeutung hat diese Unterscheidungstechnik bei Grundrechten: Ihre abstrakte Geltung reicht textlich sehr weit: Artikel 12 des Grundgesetzes »schützt« die Berufsausübung in jeder Form. Trotzdem sind die allermeisten Berufszugangsregelungen, Sicherheits- und Arbeitsschutznormen natürlich verfassungsgemäß. Jede staatliche Unterscheidung zwischen Personen »berührt« die Gleichheit vor dem Gesetz. Gleichwohl dürfen Arm und Reich im Steuerrecht unterschieden werden. (mehr …)

  • Werk mit Autoren. Gerhard Richters Birkenau-Zyklus

    Die Fotos

    Es gibt vier berühmte Fotos aus Auschwitz, die ein Häftling des Sonderkommandos, der Grieche Alberto Errera, 1944 im Rahmen einer kollektiven Aktion heimlich und unter großer Gefahr im Lager Auschwitz-Birkenau aufgenommen hat. Die Fotos wurden aus dem Lager geschmuggelt, tauchten jedoch erst nach dem Ende des Kriegs in Krakau auf. Sie waren in großer Eile aufgenommen, zwei durch die Tür des Krematoriums V hindurch. Auf zwei der schwarzweißen Fotos sind Leichen zu sehen, die auf dem Verbrennungsplatz vor der Gaskammer des Krematoriums V verbrannt werden, man sieht Rauch und sechs beziehungsweise acht Männer, ein paar schleifen die Leichen in Richtung Feuer. Auf dem dritten Foto sieht man mehrere laufende nackte Frauen vor einem Wäldchen, sie sind auf dem Weg in die Gaskammer, zwei Frauen heben sich vorn vor der Menschengruppe ab, die anderen sind nur undeutlich zu erkennen. Auf dem vierten Bild sieht man nur ein paar dunkle Äste und etwas Himmel. Das Besondere dieser vier Fotos ist, dass es die einzigen bekannten Fotografien sind, die KZ-Häftlinge in Auschwitz selbst gemacht haben, und dass es die einzigen Fotos sind, auf denen zu sehen ist, wie KZ-Opfer verbrannt werden. Sie gelten als Akt des Widerstands und gehören zu den wichtigsten fotografischen Zeugnissen der Shoah.

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  • Denkpause für Globalgeschichte

    Von Zeit zu Zeit fegen auf beiden Seiten des Atlantiks Stürme der Begeisterung durch die Geschichtswissenschaft. Es ist in solchen Zeiten blamabel, die Leitwerke der »kritischen Sozialgeschichte«, der »historischen Anthropologie«, der »Neuen Kulturgeschichte« – oder was auch immer das jeweils glanzvollste Paradigma sein mag – nicht zu kennen. Charismatische Exponenten vertreten die neueste Richtung mit öffentlicher Wirkung auch jenseits der akademischen Welt. (mehr …)

  • Exkursion ins Hinterland

    Das Material mancher Wissenschaften der Gegenwart ist so gewöhnlich, dass man es kaum für erwähnenswert hält. Weder ist es stofflich frappant, noch sind seine Verwendungsweisen besonders vielfältig. Es zieht eher eine lokale als eine Globalgeschichte hinter sich her, ist nur für wenige Fachgebiete von Bedeutung, liegt zumeist herum, ohne gebraucht zu werden. Vielleicht ist es auch längst ausrangiert worden und führt eine vergessene Existenz in den Schubladen irgendwelcher Büros oder in den Kellern irgendwelcher Institute. Häufig handelt es sich um Material aus Papier, mit Buchstaben drauf. Bekommt man es zu Gesicht, ist ihm aufgrund seines Allerweltscharakters nicht anzusehen, dass es einst zum Gegenstand epistemischer Leidenschaften wurde. (mehr …)