• Ins Unklare

    Heraklit, Hegel, Heidegger: Das Unklare macht Geschichte. Geschichte des Denkens jedenfalls; die Geschichte der Taten braucht, wie es scheint, klare Parolen. Denken lässt sich mehr Zeit als Tun. Aber das allein erklärt nicht, weshalb sich Unklares so gut hält. Denn zunächst ist Unklarheit ja ein Hindernis der Beschäftigung mit etwas; wer Zeichen der Unklarheit – seltsame Kombinationen von Worten oder Satzungetüme zum Beispiel – an einem Text wahrnimmt und daraufhin abwinkt, für den ist dieser erledigt. Er wird die ihm verfügbaren Stunden mit anderem zubringen, von dem er sich mehr – mehr Erhellung, mehr Anregung, mehr Vergnügen – verspricht. Woran genau liegt es also, dass über den unklaren Heidegger nach wie vor ernsthaft nachgedacht und auch gestritten wird, während über seine klaren Zeitgenossen Bertrand Russell und Karl Popper die Akten, durchaus wohlwollend, geschlossen sind?

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  • Klasse, Frauen

    Am 24. Februar 2018 forderte Marie Schmidt in der Zeit unter dem Titel Hört die Signale! , dass die neue Internationale (Bewegung) #MeToo »Folgen für den modernen Arbeitskampf haben« müsse. Sie beschreibt die Frauenrechtsbewegung »Time’s Up«, die sich über Missbrauch und Ungleichheit am Arbeitsplatz empört, als ein Moment der Arbeiterbewegung. Feminismus ist Klassenkampf, möchte man zuspitzen, würde Schmidts Artikel nicht gleichzeitig den Befund formulieren, dass man von »Klassen« heute höchstens noch in Anführungszeichen sprechen kann, so wie auch niemand mehr vom »Proletariat reden mag«.

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  • Intimität. Klangkolumne

    Sie hören ein Rascheln. Nicht fern, zu nah fast. Fast unerträglich nah. Ein leichtes Stöhnen, es wird stärker; nun sind andere Materialien zu hören, Kleidungsstücke, Möbelstücke, Schmuck; sie werden in Bewegung versetzt, rhythmisch – sofort stellt sich die Erinnerung an die skurrilsten Exemplare von Italopornos oder BRD-Sexploitationfilmen der sechziger und siebziger Jahre ein. Quietschende Bettgestelle, dumpfe Schläge auf Daunendecken, auf Hautoberflächen. Doch dann, fast unhörbar, ein leises Atmen. Hörbares Schwitzen, Keuchen, fast Flüstern, wieder Atmen, Bewegungen. (mehr …)
  • Merkur Nr. 827 - Manow

    „Dann wählen wir uns ein anderes Volk…“ Populisten vs. Elite, Elite vs. Populisten

    Bei den Debatten, die momentan unter dem Oberbegriff »Populismus« stehen, gewinnt man mitunter den Eindruck, hier gäben vornehmlich Repräsentanten der Oberschicht zu Protokoll, wie sehr sie mittlerweile von der Unterschicht angewidert sind. Denn die wählt doch tatsächlich anders, als ihr vorher – natürlich nur mit den allerbesten Absichten und mit sehr vielen guten Gründen – nahegelegt worden war: für das wirtschaftlich verheerende und komplett irrationale »Leave« statt für das vernünftige »Remain«; für einen Troll als Präsidenten statt für eine erfahrene und seriöse Profipolitikerin; für den Rückfall in solche Atavismen wie Abschottung, Nationalismus und Unmenschlichkeit statt für Weltoffenheit, die Vereinigten Staaten von Europa und »Mitmenschlichkeit« (Bedford-Strohm). Aber was tun, wenn die Leute nicht wählen, wie sie sollen? Zur Rettung der Demokratie die Wahlen abschaffen?  Oder einfach die Idioten davon ausschließen? [2. Vgl. Jason Brennan, Gegen Demokratie. Warum wir die Politik nicht den Unvernünftigen überlassen dürfen. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer. Berlin: Ullstein 2017.] (mehr …)
  • Maikäfer, flieg! Das Sterben der Arten und das Schweigen der Literaten

    Anfang der 1960er Jahre häufen sich auf dem Schreibtisch von Rachel Carson, einer Chemikerin im US-amerikanischen Fish and Wildlife Service in Washington, die Zuschriften aus allen Winkeln Nordamerikas. Mal beredt, mal unbeholfen dokumentieren sie, dass Tierarten, die früher waren, heute nicht mehr sind. Es sind Reaktionen auf das Buch The Silent Spring, in dem Carson 1962 gegen massive Widerstände aus der Industrie den wissenschaftlichen Nachweis führen konnte, dass die flächendeckende Ausbringung von DDT und anderen Insektiziden die Hauptursache für dieses Artensterben war. Historiker lassen die moderne globale Umweltbewegung oft mit diesem einprägsamen Schlagwort vom »stummen Frühling« beginnen. (mehr …)
  • Fata, Libelli. Literaturkolumne

    Ein Buch ist idealtypisch das, was eine Autorin verfasst, ein Agent in ihrem Namen verkauft, eine Lektorin lektoriert, ein Verlag setzen lässt, publiziert und bewirbt, was ein Händler online oder im Laden verkauft, eine Rezensentin rezensiert, eine Käuferin kauft. Ein Buch ist also ein ziemlich komplexes, aus geistigen, materiellen, ökonomischen Aspekten zusammengesetztes Objekt. Als Gegenstand gewinnt das Buch erst nach und nach seine Form, es wechselt von einer Hand in die andere, im übertragenen wie im wörtlichen Sinn. (mehr …)
  • Metropole des Populismus – Berlin als Totem der Elitenkritik

    Populisten erheben den Anspruch, das »wahre« Volk – the real people – zu vertreten, das bei einer abgehobenen Elite immer weniger Gehör finde. Eine der wesentlichen Voraussetzungen für ihren politischen Erfolg ist deshalb, dass es ihnen gelingt, einen Gegensatz zwischen Volk und Elite zu konstruieren. Dabei stehen sie vor zwei Herausforderungen. Zunächst einmal müssen sie einen Begriff davon entwickeln, wer zum »Volk« gehört und wer nicht. In den Worten Jan-Werner Müllers: Sie benötigen Strategien, »das wahre Volk« aus der Gesamtheit der Bürger »herauszupräparieren«. (mehr …)
  • Der Prolet ist ein anderer. Klasse und Imaginäres heute

    An ihren Begriffen sollt ihr sie erkennen. Dass Begriffe nicht einfach nur neutrale generalisierte Bezeichnungen von Dingen, Vorstellungsinhalten und Praktiken, oder reflektierter: von zuvor selbst erst gesetzten Differenzen sind, wie das der Commonsense oder die Wissenschaftstheorie annehmen, sondern potentiell immer auch politische »Kampfformeln« (Eric Voegelin), vermittels derer Sachverhalte und Verhältnisse zugespitzt und einer politischen Entscheidung zugetrieben werden, das hat die politische Rechte unserem Verständnis von Begriff hinzugefügt. Ein Virtuose dieser Form von Begriffsgebrauch war Carl Schmitt. Begriffe sortieren Gegenstandsfelder nicht nur, sondern richten sie aus; und sie werden selbst zu Kennmarken, nach denen sich – gut schmittianesk – Freund und Feind gruppieren. Dabei spielen weniger analytische Trennschärfe und Präzision der Begriffe eine Rolle als die affektive Ladung, die sie als Elemente von Sprache nolens volens immer aufweisen und die selbst in der kältesten Wissenschaftsprosa nie ganz neutralisiert werden kann. Das eigentlich poetische Moment jeder Theorie liegt in ihrer Nomenklatur, behauptet Giorgio Agamben irgendwo: in der Belehnung bestimmter Wörter (und eben gerade keiner anderen) mit Begriffsfunktion. (mehr …)
  • Punk féminine. Popkolumne

    Und woher kennen Sie die Raincoats? Vielleicht aus dem Kino: prominent platziert in Mike Mills' 20th Century Women von 2016, der Geschichte von fünf Menschen, die als Mutter und Sohn, Fotografin, Schulfreundin und Handwerker mehr oder minder feste Bewohner eines gemeinsamen Hauses sind. In Episoden eher als in einem narrativen Zusammenhang erzählt der Film unter anderem von der Einführung des männlichen Teenagers Jamie in die Welt der Subkultur, und die heißt 1979, zur Zeit der Filmhandlung: Punk und die Folgen. Die Untermieterin Abbie (Greta Gerwig) nimmt den noch jungen Sohn ihrer Vermieterin Dorothea (Annette Bening) mit in den Club, sie versorgt ihn mit feministischen Büchern, und sie spielt ihm Musik vor, zuerst Fairytale in the Supermarket von den Raincoats: »It makes no difference || Night or day || No one teaches you how to live || Cups of tea are a clock || A clock, a clock, a clock«. (mehr …)
  • Bogenhausener Gespräche

    Wenn es nach ihm ginge, sagte Lothar Matthäus am Vorabend der Wahl 2017, könne man die Fernseher daheim ausschalten, er selbst mache sich nun jedenfalls schnurstracks auf den Weg zurück ins Hotel. Reiner Calmund lachte ein herzhaftes Lachen, während die Moderatorin noch einmal den Programmhinweis wiederholte. Dabei stimmte das natürlich nicht, der Experte hatte die Zuschauer angeflunkert, spurtete er doch nur deshalb aus dem Fernsehstudio in Unterföhring hinaus und einen Nebenarm der Isar entlang, um mich, der ich bereits seit zehn Minuten vor einer Bogenhausener Eisdiele wartete, auf einen Cup Tropicana zu treffen. (mehr …)