• Punk féminine. Popkolumne

    Und woher kennen Sie die Raincoats? Vielleicht aus dem Kino: prominent platziert in Mike Mills' 20th Century Women von 2016, der Geschichte von fünf Menschen, die als Mutter und Sohn, Fotografin, Schulfreundin und Handwerker mehr oder minder feste Bewohner eines gemeinsamen Hauses sind. In Episoden eher als in einem narrativen Zusammenhang erzählt der Film unter anderem von der Einführung des männlichen Teenagers Jamie in die Welt der Subkultur, und die heißt 1979, zur Zeit der Filmhandlung: Punk und die Folgen. Die Untermieterin Abbie (Greta Gerwig) nimmt den noch jungen Sohn ihrer Vermieterin Dorothea (Annette Bening) mit in den Club, sie versorgt ihn mit feministischen Büchern, und sie spielt ihm Musik vor, zuerst Fairytale in the Supermarket von den Raincoats: »It makes no difference || Night or day || No one teaches you how to live || Cups of tea are a clock || A clock, a clock, a clock«. (mehr …)
  • Bogenhausener Gespräche

    Wenn es nach ihm ginge, sagte Lothar Matthäus am Vorabend der Wahl 2017, könne man die Fernseher daheim ausschalten, er selbst mache sich nun jedenfalls schnurstracks auf den Weg zurück ins Hotel. Reiner Calmund lachte ein herzhaftes Lachen, während die Moderatorin noch einmal den Programmhinweis wiederholte. Dabei stimmte das natürlich nicht, der Experte hatte die Zuschauer angeflunkert, spurtete er doch nur deshalb aus dem Fernsehstudio in Unterföhring hinaus und einen Nebenarm der Isar entlang, um mich, der ich bereits seit zehn Minuten vor einer Bogenhausener Eisdiele wartete, auf einen Cup Tropicana zu treffen. (mehr …)
  • Fünfzig Jahre Black Box

    2012 schrieb ich in der Süddeutschen Zeitung über das Trendthema Algorithmenkritik und erwähnte darin einen Artikel über den Netflix Prize, der vier Jahre zuvor in der New York Times erschienen war. Darin hieß es, die Empfehlungsalgorithmen für Filme würden zwar immer besser, aber auch immer unverständlicher, nicht nur für die Anwender, sondern auch für die Entwickler selbst: »Chris Volinsky admits that his team's program has become a black box, its internal logic unknowable.« Ich übernahm diese Aussage in meinen Beitrag. (mehr …)
  • Augmented Reality

    Kurz nachdem die Firma Apple im September 2017 unter gewohnt großspurigem Willkommen-in-der-Zukunft-Getöse die neueste Generation des iPhone vorgestellt hatte, präsentierte der Einrichtungskonzern Ikea eine dafür maßgeschneiderte App, die es aus dem Stand auf die Liste der beliebtesten Anwendungen schaffte. Ikea Place nutzt die von Apple neuerdings in das hauseigene Betriebssystem implementierten Augmented-Reality-Funktionen. (mehr …)
  • Binging Bouffier: NSU-Berichterstattung

    Die Aufarbeitung der NSU-Verbrechen geht ihrem Ende entgegen. In dem seit Mai 2013 laufenden Prozess am Münchner Oberlandesgericht gegen Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben, André Eminger, Carsten Schultze und Holger Gerlach wurde vor der Sommerpause dieses Jahres die Beweisaufnahme abgeschlossen. Es ist die Zeit der Plädoyers, die Urteilsverkündung wird für Anfang 2018 erwartet. Seine Arbeit abgeschlossen hat zum Ende der zurückliegenden Legislaturperiode der NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag (es war bereits der zweite), zugleich sind in verschiedenen Landtagen noch immer eigene Untersuchungsausschüsse tätig: in Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen ebenfalls zum zweiten Mal, in Hessen seit 2015 und in Brandenburg seit 2016; in Mecklenburg-Vorpommern wurde der Forderung der Fraktion Die Linke vorerst mit einem Kompromiss nachgegeben – in Form eines Unterausschusses des dortigen Innenausschusses, was die sowieso begrenzten Möglichkeiten der Aufklärung noch einmal limitiert: Ein Unterausschuss ist nicht mit eigenen Ermittlungskompetenzen ausgestattet, und er tagt in nichtöffentlicher Sitzung. (mehr …)
  • Sankt Petersburg – Petrograd – Leningrad. Überlegungen zu einer Geschichte diesseits des Großen Oktober

    Als ich vor ein, zwei Jahren Freunde und Kollegen in Petersburg darauf ansprach, was die Stadt denn zum einhundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution unternehmen würde, ob sie sich für das Jahr 2017 nicht um den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ bemühen sollte, blickten die mich ziemlich erstaunt, um nicht zu sagen entgeistert an. Vielleicht hat es Petersburg einfach gar nicht nötig, sich als „europäische Kulturhauptstadt“ zu bewerben, spielt es doch in einer anderen Klasse als Kosice (Kaschau, Kasso), das Ruhrgebiet oder Tallinn. Vielleicht hatte man es auch satt, sich an dem Recycling von Jubiläen und Jahrestagen, das so oft an die Stelle wirklicher Bewegung getreten ist, zu beteiligen. Aber mein Verdacht ging in eine andere Richtung: dass die Stadt jenen Augenblick, jenen historischen Moment, in dem sie tatsächlich Hauptstadt der europäischen Geschicke im 20. Jahrhundert geworden war, nicht wahrhaben wollte, ihn verdrängte. Was sollte man mit 1917 zu tun haben, in dem die einen Jahrzehnte lang den Anbruch eines neuen Zeitalters gepriesen und die anderen den Untergang einer ganzen Welt beklagt hatten. Und wie soll man diese so gegensätzlich wahrgenommenen „zehn Tage, die die Welt erschütterten“, das Ineinander von Aufbruch und Untergang zusammenbringen! (mehr …)
  • Warten auf die Außerirdischen (I)

    Im Oktober des Jahres 1995 findet in Florenz eine denkwürdige astronomische Fachtagung statt. Zum einen wird dort der erste Exoplanet vorgestellt, ein Planet also, der einen regulären Stern umkreist, einen Stern, der nicht die Sonne ist.  Es ist der Anfang einer Revolution. Denn da nach heutigem Wissensstand nur Planeten Bedingungen bieten, unter denen Leben entstehen kann, ist die Nachricht, dass in fernen Welten, die noch nicht durch Raumsonden erreicht werden können, Planeten existieren, eine Sensation. Was eben noch Science-Fiction war, wird jetzt zu einem ordentlichen Forschungsprogramm. (mehr …)
  • Todesalgorithmus

    Das Überleben der digitalen Technologien hängt von Anfang an in hohem Maß auch von ihrem Tötungsinstinkt ab. Diese Gleichung gilt bereits für die E-Mail-Kommunikation, die nie erfolgreich gewesen wäre ohne die Lösung des Spam-Problems. Der berühmte Algorithmus, der hier früh Abhilfe versprach, heißt »SpamAssassin« – ein martialischer Name für einen Filter, der das Rauschen im neuen Kommunikationsmedium durch die Trennung der erwünschten von der unerwünschten Post reduzierte. (mehr …)
  • Die Angst vor der Leitkultur

    Ausgerechnet den Begriff »Leitkultur« für etwas an sich richtig Gedachtes zu wählen, hieß dem Pietismus der ideologischen Leisetreterei ein Geschenk zu machen. Daß die häßliche Metapher nun auch noch einhergeht mit dem größten Reizwort für den hiesigen Politmoralismus, nämlich »deutsch«, erklärt die wü- tende, die herablassende oder die moralisch erpresserische Reaktion. Aber auch wenn es nicht das Wort »Leitkultur« gewesen wäre, sondern »kulturelle Norm«, also der Hinweis darauf, daß in komplexen Gesellschaften bei aller privaten Liberalität so etwas wie eine historische und mentale Dominante vorherrschen müsse, wäre die Aufregung nicht minder gewesen. Denn eine solche Norm könnte hier nicht türkisch, arabisch, südamerikanisch oder russisch sein, sondern sie müßte eben deutsch sein. Daß Freundschaft mit Ausländern immer schon zum Reichtum einer Person gehörte, daß Internationalität das Salz einer nationalen Kultur ist, ändert an der Wichtigkeit des Normbegriffs nichts, sollte jedenfalls kein Anlaß sein, die Kategorien, um die es hier geht, zu verwechseln. (mehr …)
  • Gegründet 2017 als House of European History

    Eigentlich sollte das House of European History im Laufe des Jahres 2014 eröffnet werden. Seit es 2007 durch den damaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering, initiiert wurde, war es anhaltender Kritik ausgesetzt. Wie zuvor schon einzelne, aber gescheiterte Vorgängerprojekte soll es dazu beitragen, eine nicht näher definierte Form europäischer Identität zu fördern. Ähnlich wie das Besucherzentrum des Europäischen Parlaments, 2011 eröffnet, ist das House ein Projekt der politischen Elite in Brüssel. Die Intransparenz in der Entwicklungsphase, die Vermeidung jeglicher öffentlichen Diskussion ruft die Kritiker auf den Plan. (mehr …)