• Die Vermessung der Welt, jetzt aber richtig

    Am Morgen des 9. Dezember 2013 startet im europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana eine Rakete. An Bord ist der Satellit Gaia, und in ihm ein Teleskop, das die nächsten Jahre im Weltraum verbringen wird. In St Andrews, wo ich den Erstsemestern Astronomie beibringe, ist gerade Prüfungszeit. Während wir Studenten beraten, Examen korrigieren, Kurse beenden, Sitzungen absolvieren und über Notenverteilungen diskutieren, fliegt der Satellit Gaia einmal um die Erde herum, am Mond vorbei, und dann zu seinem Zielort, einem Librationspunkt der Erde. Librationspunkte sind Stellen im Weltraum, an denen kleine Körper kräftefrei ruhen können, festgehalten von den Schwerekräften zweier größerer Körper, in diesem Fall Sonne und Erde. Von nun an wird Gaia die Sonne umkreisen, immer gleich weit von der Erde entfernt, eineinhalb Millionen Kilometer über der Nachtseite unseres Planeten. (mehr …)
  • Wollt ihr die totale Ironie? Warum Christian Krachts Texte nicht harmloser geworden sind

    Der Pulverdampf um Christian Kracht und sein Imperium hat sich verzogen. An die Stelle der Empörung über seine Texte sind die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihnen und ihre Kanonisierung getreten. Die Herausforderung der ›Meinungsmacht der Achtundsechziger‹, in der sich die Faszination für totalitäre Regime unauflöslich mit ihrer Ironisierung vermischt, ist auf den Begriff der »Methode Kracht« gebracht worden. Das Ziel dieser Methode soll nach Mehrheitsmeinung darin bestehen, die »Kultur der Selbstreflexion nicht ins Stocken« geraten zu lassen.   (mehr …)
  • Eine neue Sicherheitsarchitektur für Europa? Einige politikstrategische Überlegungen

    Die Lage

    Die Blütenträume einer weithin konfliktfreien Welt, wie sie nach dem Ende des Ost-West-Konflikts aufgekommen waren, sind längst dahin, ebenso die US-amerikanische Vorstellung einer unipolaren Weltordnung mit den Vereinigten Staaten als »Hüter« dieser Ordnung, in der es Kriege allenfalls noch als mit militärischen Mitteln durchgeführte Polizeiaktionen geben werde. Die Polizeiaktionen führten jedoch nicht zum angestrebten Erfolg oder sie wuchsen sich zu veritablen Kriegen aus, die, wenn sie länger dauerten, die materiellen Ressourcen der USA über Gebühr in Anspruch nahmen oder zumindest die Bereitschaft der US-Bevölkerung überforderten, die Last der Weltpolizistenrolle dauerhaft zu tragen. Was wir zurzeit beobachten, ist der relative Niedergang eines Imperiums mit globalem Ordnungsanspruch, und es gibt trotz des rasanten Aufstiegs Chinas in den letzten Jahrzehnten keinen ernsthaften Aspiranten, der die vakante Rolle übernehmen kann oder will. Diese Konstellation macht Kriege wahrscheinlicher, denn in vielen der von den USA aufgegebenen Räume stehen Hegemonialaspiranten bereit, die eine regionale Vormachtstellung anstreben und dabei mit anderen Mächten in Konflikt geraten. Wenn der »Hüter« einer Ordnung schwächelt, gerät diese Ordnung aus den Fugen.

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  • Kunst und Krempel

    »it is easy for a museum to get objects – it is hard for a museum to get brains« John Cotton Dana, 1920

    Arsprototo ist der Titel einer Zeitschrift, mit der die Kulturstiftung der Länder vierteljährlich ein Publikum abseits der Fachöffentlichkeit über ihre Aktivitäten informiert. Es ist ein professionell gemachtes Hochglanzmagazin, das sich in seiner aufwändigen und zugleich betont gediegenen Aufmachung an die Sorte üppig illustrierter Kunstzeitschriften im Tablebook-Format anlehnt, in denen Auktionshäuser mit Schwerpunkt auf Antiquitäten und Alte Meister ihre Anzeigen schalten. Die Kulturstiftung der Länder ist auf ihrem Wirkungsfeld einer der angesehensten und zugleich wichtigsten Akteure in Deutschland. Seit 1988 unterstützt und berät sie Museen, Archive und Bibliotheken beim Erwerb und Erhalt von Kunstwerken und Kulturgütern von »nationaler Bedeutung« und fördert überdies Ausstellungsprojekte – im Lauf der vergangenen dreißig Jahre hat sie nach eigenen Angaben für Ankäufe Finanzbeihilfen von 170 Millionen Euro bereitgestellt. Allein in den vergangenen zwei Jahren unterrichtete Arsprototo unter anderem über den Kauf umfangreicher fürstlicher Sammlungen, aber auch einzelner grafischer Blätter, von Autografen und Planwerken, Notizbüchern, Gemälden, Fotokonvoluten, biografischen Nachlässen, mittelalterlichen Altären und Münzhorten, frühbarocken Prachtgefäßen, klassizistischen Möbeln, kleinen und großen Skulpturen von der Antike bis zur Gegenwart, Kleidung, Fayencen, Tapisserien, Manuskripten, Briefwechseln, einem literarischen Vorlass, einem chinesischen Stellschirm und einer japanischen Samurai-Rüstung.

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  • Rechtskolumne. Geld und Demokratie

    Bisher wird das Verhältnis von Geld und Demokratie vor allem dort diskutiert, wo das Empörungspotential groß und die Bewertung scheinbar besonders klar ist, nämlich bei den Ausgaben für den demokratischen Prozess. Besonders auffällig war die Debatte in dieser Hinsicht etwa nach der letzten Bundestagswahl, als aufgrund des im Jahr 2013 geänderten Wahlrechts die Zahl der Bundestagsabgeordneten erstmals von der Soll-Größe von 598 auf die neue Ist-Größe von 709 Mandaten anstieg und den Bundestag damit zum zweitgrößten Parlament der Welt nach dem Nationalen Volkskongress Chinas machte.

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  • Ulrike Meinhof, der Schah von Persien und mein Vater. Zur Bedeutung von 1968

    Ein Mann mit graumeliertem Haar und perfekt sitzender Uniform schaut auf ein Schild. Er hält seine Uniformmütze in beiden Händen vor dem Bauch, er trägt eine dunkle Sonnenbrille, und er ist umgeben von anderen Männern in Militäruniformen. Neben ihm steht ein jüngerer Mann in dunklem Anzug mit Fliege. Er hat schon eine Halbglatze und redet, erklärt offenbar das Schild und wird dabei beäugt von einem weiteren Anzugträger, der in den Reihen der Uniformträger steht. Kleidung und Mimik lassen keinen Zweifel: Der Anlass ist feierlich und ernst. (Auch wenn einige der Militärs gelangweilt aus dem Bild herausschauen.) Die Szene spielt in einer Halle, vielleicht einer Messehalle, das lässt sich an der Stangen- und Blechkonstruktion am linken oberen Bildrand erkennen. Hinter den Männern steht ein Bus, links oben ist das Ende eines schwarzen Banners mit arabischen Schriftzeichen zu erkennen. Die Schrift auf der Rückseite des Schilds ist sowohl arabisch als auch lateinisch. Der Sonnenbrillenträger in der Bildmitte ist Mohammad Reza Pahlavi, der Schah von Persien. (mehr …)
  • Ins Unklare

    Heraklit, Hegel, Heidegger: Das Unklare macht Geschichte. Geschichte des Denkens jedenfalls; die Geschichte der Taten braucht, wie es scheint, klare Parolen. Denken lässt sich mehr Zeit als Tun. Aber das allein erklärt nicht, weshalb sich Unklares so gut hält. Denn zunächst ist Unklarheit ja ein Hindernis der Beschäftigung mit etwas; wer Zeichen der Unklarheit – seltsame Kombinationen von Worten oder Satzungetüme zum Beispiel – an einem Text wahrnimmt und daraufhin abwinkt, für den ist dieser erledigt. Er wird die ihm verfügbaren Stunden mit anderem zubringen, von dem er sich mehr – mehr Erhellung, mehr Anregung, mehr Vergnügen – verspricht. Woran genau liegt es also, dass über den unklaren Heidegger nach wie vor ernsthaft nachgedacht und auch gestritten wird, während über seine klaren Zeitgenossen Bertrand Russell und Karl Popper die Akten, durchaus wohlwollend, geschlossen sind?

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  • Klasse, Frauen

    Am 24. Februar 2018 forderte Marie Schmidt in der Zeit unter dem Titel Hört die Signale! , dass die neue Internationale (Bewegung) #MeToo »Folgen für den modernen Arbeitskampf haben« müsse. Sie beschreibt die Frauenrechtsbewegung »Time’s Up«, die sich über Missbrauch und Ungleichheit am Arbeitsplatz empört, als ein Moment der Arbeiterbewegung. Feminismus ist Klassenkampf, möchte man zuspitzen, würde Schmidts Artikel nicht gleichzeitig den Befund formulieren, dass man von »Klassen« heute höchstens noch in Anführungszeichen sprechen kann, so wie auch niemand mehr vom »Proletariat reden mag«.

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  • Vor, bei und nach dem Übersetzen

    Was ist ein übersetzter Text, und wem gehört er? Was macht eine Übersetzung mit dem Was ihrer Ausgangssprache, wenn sie ihn in das neu zu gestaltende Wie ihrer Zielsprache schiebt? Lässt sich das Was eines Textes von der jeweiligen sprachlichen Äußerung überhaupt trennen? Diese Fragen treiben mich um, seit ich übersetze, und das ist, neben früheren Gelegenheitskontakten, seit gut zehn Jahren. (mehr …)
  • Intimität. Klangkolumne

    Sie hören ein Rascheln. Nicht fern, zu nah fast. Fast unerträglich nah. Ein leichtes Stöhnen, es wird stärker; nun sind andere Materialien zu hören, Kleidungsstücke, Möbelstücke, Schmuck; sie werden in Bewegung versetzt, rhythmisch – sofort stellt sich die Erinnerung an die skurrilsten Exemplare von Italopornos oder BRD-Sexploitationfilmen der sechziger und siebziger Jahre ein. Quietschende Bettgestelle, dumpfe Schläge auf Daunendecken, auf Hautoberflächen. Doch dann, fast unhörbar, ein leises Atmen. Hörbares Schwitzen, Keuchen, fast Flüstern, wieder Atmen, Bewegungen. (mehr …)