• Der Ziz. Der Kampf ist aus

    Wir sind es gewohnt, die Geschichte der Herrschaft als Kampf zwischen Leviathan und Behemoth zu erzählen, zwischen Staat und Unstaat, Ordnung und Revolution, Verfestigung und Verflüssigung, Einheit und Zerfall. Daran hat sich seit Thomas Hobbes kaum etwas geändert. Carl Schmitt vertauschte lediglich die Symbole und behauptete, das Seeungeheuer Leviathan (damit zielte er auf Großbritannien und die Vereinigten Staaten) sei aufgrund seiner meerisch-fließenden Existenzweise überhaupt nicht in der Lage, eine feste Ordnung zu errichten, und ergriff Partei für den Behemoth vom Land, den er mit dem nationalsozialistischen Deutschland identifizierte und später mit dem tellurischen Partisanen, der gegen die Einheit der Welt vorgeht. (mehr …)

  • Papa, was hast du im Krieg gemacht? Der Algerienkrieg in der europäischen Erinnerungskultur

    Ob sich Väter und Großväter im Zweiten Weltkrieg schuldig gemacht und welche traumatischen Erlebnisse sie mit nach Hause gebracht hatten, blieb eine meist unvollständig beantwortete Frage deutscher Kinder und Enkel. Gestellt wurde sie auch in Frankreich, nicht an die Kombattanten der drôle de guerre 1939ff., sondern an die appelés, an Berufssoldaten und Wehrpflichtige, die zwischen 1954 und 1962 im Algerienkrieg gedient hatten. Ehefrauen und Kinder erfuhren wenig von ihren Erlebnissen, oft kam das Gespräch erst mit dem Ableben eines Einberufenen in Gang.

    Generell deckte eine kollektive Amnesie »die Ereignisse« zu, die offiziell nie als ein Krieg deklariert worden waren, vom Gros der Franzosen wenig beachtet und von den meisten als zulässige Bekämpfung eines bewaffneten Aufstands bewertet wurden. Anders als retrospektiv bei der deutschen Wehrmacht waren da nach allgemeiner Überzeugung keine unzulässigen Eroberer weitab von der Heimat unterwegs gewesen, sondern Ordnungskräfte auf dem Gebiet der französischen Republik, »une et indivisible«, die nach den Worten von François Mitterrand und Charles de Gaulle »von Dünkirchen bis Tamanrasset«, vom Ärmelkanal bis in die südliche Sahara reichte.

    Krieg ohne Namen

    Die an der Universität Paris-Nanterre lehrende Zeithistorikerin Raphaëlle Branche hat vor zwanzig Jahren die maßgebliche Bilanz von Folter- und Kriegsverbrechen im Algerienkrieg vorgelegt und sich nun der mündlichen Geschichtsschreibung des »familiären Schweigens« gewidmet.  Von 1954 an wurden wehrfähige Franzosen der Jahrgänge 1938ff. für achtzehn Monate einberufen, in der Summe rund 1,5 Millionen conscrits, viele nicht einmal volljährig, bei damals 45 Millionen Einwohnern. Eingezogen zu werden war seinerzeit nichts, wogegen man sich wehren konnte oder sollte, man »machte« Algerien so selbstverständlich wie die Großväter »14/18« und die Väter »39/45«.

    Alles andere als normal war hingegen, dass jenseits des Mittelmeers ein Krieg ohne formellen Gegner, ohne Schlachten, ohne Regeln geführt wurde, kaschiert als Polizeiaktion zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung. Völlig unvorbereitet waren die jungen Männer mit schrecklichen Gewaltakten konfrontiert respektive daran beteiligt; dem Front National de Libération (FLN), einer aus dem Hinterhalt operierenden Guerilla, wollte die Armee mit Folter und Razzien beikommen.

    Der Wehrdienst war ein rite de passage für junge, meist unverheiratete Arbeiter oder Studenten, die in der Regel noch bei ihren Eltern wohnten; nach der Demobilisierung würden sie »ins Leben treten«, eine Arbeit oder ein Studium antreten und Familien gründen. So auch hier, doch diese von Scham und Ekel besetzte Passage verschlug den Heimgekehrten die Sprache – es wollte auch kaum jemand davon hören, und da am Ende jeder einzeln entlassen wurde, konnte sich auch keine »Algerien-Generation« bilden und Gehör verschaffen.

    Vor allem die letzten Jahrgänge hatten in einem »Nichtkrieg« gedient, den de Gaulle 1960 zu beenden begonnen hatte, womit der Kampf fürs Vaterland vollends sinnlos wurde. Die Appelés verkörperten die Niederlage, nach dem Fiasko von Ðiện Biên Phủ 1954 war in Nordafrika der Rest des Kolonialimperiums verlorengegangen. Die französische Gesellschaft kümmerte sich weder um Schuld noch Trauma und ging 1962 rasch zur Tagesordnung über. Sie wollte absolut modern werden, und das algerische Drama sank in ein kollektives Vergessen, was die von de Gaulle verfügte Generalamnestie noch verstärkte.

    Die Jungen waren nicht durchweg traumatisiert, auch sie genossen die trente glorieuses, das französische Wirtschaftswunder. Doch nicht wenige waren arbeitsunfähig, wurden gewalttätig gegen Frauen und Kinder oder versanken in Depression und Trunksucht. Die »Bewältigungsarbeit« hatten die Familien zu leisten. Zaghafte Rückfragen der Kinder und Enkel erhoben Einspruch gegen das Schweigen, Anlässe waren Souvenirstücke, Fotoalben, kulinarische Extravaganzen, auch die exotischen Namen für manche Kinder.

    Einberufene hatten aber auch rebelliert, bis hin zur Fahnenflucht. Den einen widerstrebte es, die Ernte nicht einfahren zu können, den gerade begonnenen Job aufgeben zu müssen, Freunde und Freudinnen verlassen zu sollen; andere standen der Kommunistischen Partei (PCF) und der Friedensbewegung (lesen ...)

  • Entnazifizierungskitsch: Thomas Hettches Puppenkiste

    Thomas Hettches neuer Roman galt vielen als Favorit beim Deutschen Buchpreis und war auch ohne den Sieg die Konsenslektüre des Herbsts 2020. Die zuständige Kritik war berührt und begeistert. Berührt, weil die Geschichte possierlich ist. Begeistert, weil Thomas Hettches Herzfaden die Geburt der Bundesrepublik aus der moralischen Ambivalenz ihrer Gründerfiguren heraus abgeleitet habe. Und zwar »virtuos«. So urteilt jedenfalls die überwältigende Mehrheit der etablierten Kritiker. (mehr …)

  • Der lange Abschied der SPD. Kleine Parteienkunde I

    »But I’m never sure you can bribe the electorate financially. They are cleverer than that.« Sasha Swire, Diary of an MP’s Wife

    1. Am 23. September 2020, als die Partei nicht eben im Vordergrund des allgemeinen Interesses stand, titelte die FAZ in ihrer Hauptschlagzeile: »Das Ansehen der SPD auf neuem Tiefstand«. Als Anlass für diese Meldung genügte eine Umfrage. Wie beim von der Boulevardpresse vorgeblich fürsorglich begleiteten langen Sterben eines Prominenten kann bei der »ältesten Partei Deutschlands« immer noch jede kleine Verschlechterung der Lage als Neuigkeit zählen. Auch ist eine gewisse Lust am Siechtum selbst bei denen zu beobachten, die die Moribunde eigentlich mögen. (mehr …)

  • Die leere Mitte

    "Nun ist es also doch so weit. Nach verlängerter Bauzeit und kräftig erhöhten Baukosten wurde das Humboldt-Forum eröffnet, wenigstens teilweise. Wie hatte vor vier Jahren der Initiator des Baus prophezeit? »Das neue Schloss von Berlin wird das erste sein, dass [!] die Bürger Deutschlands freiwillig bezahlten […]: Weil es zurückersehnt wurde.« (mehr …)

  • Polarisieren oder solidarisieren? Ein Rückblick auf die Mbembe-Debatte

    Deutschland hat gegenwärtig ein dramatisches Antisemitismus-Problem. Die Identität der Deutschen ist von der Judenvernichtung, die von Nazideutschland ausgegangen ist, nicht abzulösen. Die historische Verantwortung für dieses Menschheitsverbrechen ist mit einer besonderen Verantwortung für den Staat Israel verbunden. Sie ist Teil der deutschen Staatsräson und zeigt sich in enger Kooperation mit den Menschen in diesem Staat und seinen Institutionen. Dass Juden und Jüdinnen der dritten und vierten Generation nach dem Holocaust wieder in Deutschland leben und hier eine Grundlage für ihre Existenz gefunden haben, grenzt an ein Wunder. Umso erschütternder ist es, dass dieses jüdische Leben in Deutschland inzwischen schon wieder in einer dramatischen Weise gefährdet ist. (mehr …)

  • Echte Leben, echte Texte

    Die Veröffentlichung des ersten Albums des Hiphop-Produzenteams KitschKrieg im vergangenen Sommer hat für eine gewisse Aufregung gesorgt, aber von einem Skandal wird man nicht sprechen wollen. Foucault, Butler und Nietzsche konnten diesmal liegenbleiben; Cancel Culture, die Freiheit von Meinung und Kunst, Backlash und Ressentiment standen als Schlagworte jeweils bereit, aber warfen nur ihre Schatten auf eine Kritik, die in vielen ähnlichen Fällen bisweilen als ratlos bezeichnet werden könnte. Ratlos, weil sie zu den Phänomenen selbst oft wenig zu sagen hat, sondern jede künstlerische Äußerung so bereitwillig einer theoretischen Vorannahme unterwirft, dass man »Meinungsfreiheit« oder »struktureller Rassismus« fast nicht mehr auszusprechen braucht – es wissen ohnehin alle, was gemeint ist. (mehr …)

  • Vom Pöbel zum Populismus

    Wer ist das Volk? Die Münchner Satirezeitschrift Simplicissimus hat diese noch immer umstrittene Frage 1897 mit einer klugen Karikatur unter dem Titel Der – Die – Das beantwortet. »Das Volk« besteht darin ausschließlich aus den gebildeten Ständen, die zur Demonstration in Frack und Zylinder aufwarten. »Der Pöbel« hingegen wird als eine schmutzige, schreiende, mit Stöcken und Pistolen bewaffnete Personengruppe dargestellt. »Die Menge« schließlich vermittelt zwischen Volk und Pöbel nicht nur durch ihr grammatisches Geschlecht, sondern auch politisch. Sie ist das passive Pendant zum militanten Pöbel und bewundert die Parade der Armee. Es ist die soziale Seite des Volks-Begriffs, an welche die Karikatur damit indirekt appelliert: Dieses Volk in Frack und Zylindern, will sie sagen, ist nicht das eigentliche, zumindest nicht das ganze Volk. Wer das Volk sucht, findet es eher in den anderen Bildsegmenten: Es ist gespalten in eine Figur widerständiger Militanz (Pöbel) und die Neugierigen und Bewunderer (Menge). In allen drei Teilen spielt allerdings die Armee eine wichtige Rolle: Die von der Menge bewunderte Armee dient offenbar dazu, das Volk der Gebildeten und Gesättigten vor der militanten Entrüstung des Pöbels zu schützen.  (mehr …)

  • Lobbydemokratie

    Gleichstellungsbeauftragte gibt es reichlich. Aber kommt die Gleichstellung der Geschlechter auch gut voran? Daran zweifelt neuerdings sogar eine starke Strömung in der CDU. Eine Bundeskanzlerin, mehrere Ministerinnen, eine Parteivorsitzende – das genügt ihr nicht mehr. Erst wenn bis hinunter auf die kommunale Ebene alle Parteifunktionen und -ämter zur Hälfte mit Frauen besetzt seien, könne von durchgesetzter Gleichstellung die Rede sein. Auch immer mehr einflussreiche Männer in der Partei freunden sich mit der 50-Prozent-Frauenquote an. Deren Einführung scheint kurz bevorzustehen. (mehr …)

  • Verlegt, verwahrt und vergessen. Die Bücher aus den ehemaligen deutschen Bibliotheken in Polen

    Man kennt den Ausdruck »displaced person«, im folgenden Artikel geht es um »displaced books«: Millionen von Büchern, die mit der Verlegung der deutsch-polnischen Grenze an Oder und Neiße 1945 aus privaten, kirchlichen und öffentlichen Sammlungen aus Hinterpommern, Schlesien und Ostpreußen in einen neuen nationalen Kontext gelangten. Aus polnischer Perspektive wurden diese »zurückgelassenen« Bücher aus deutschen Bibliotheken als Staatseigentum betrachtet und als solches vor weiteren Plünderungen, Verwüstungen und Zerstörungen geschützt. Während man in polnischen Publikationen bis heute von den »sichergestellten Büchersammlungen« spricht,  fallen in Deutschland dieselben Bücher schnell unter die Rubrik »Beutekunst«. Zwei Länder, zwei Erinnerungskulturen, die das Trennende betonen. Man könnte aber – ich will es hier versuchen – die Geschichte dieser Bücher aus einer europäischen Perspektive neu erzählen. (mehr …)