• Kunstmarkt und Globalkultur

    Fast jede Woche im Herbst und im Frühjahr purzelt eine Meldung vom internationalen Kunstmarkt herein, begleitet von Kopfschütteln, weniger von Empörung, wie in anderen Fällen heilloser Ressourcenverschwendung. Dass jemand Millionen und Abermillionen für ein Bild zu zahlen bereit ist, wird offenbar immer noch als Privatangelegenheit betrachtet und noch nicht als Verstoß gegen ethische Normen, die inzwischen wie Pilze aufschießen und jede Praktik des zeitgenössischen Lebens brandmarken können. Kulturwerte sind menschenrechtskonform und weitgehend klimaneutral, meistens jedenfalls, es gibt schon erste Ausnahmen. Dennoch erscheint die finanzielle Verausgabung für Kunst, wiewohl sie doch auf obszöne Weise materielle Ungleichheitsverhältnisse zum Ausdruck bringt, als persönliches Schicksal von jemandem, der es ertragen kann. Früher tauchte ein teurer Kauf in den bunten Seiten der Zeitungen auf, heute ist das Interesse daran nicht nur größer, sondern auch differenzierter: Von argwöhnischen Kommentaren werden die Ereignisse des Kunstmarkts hierzulande begleitet, in China bejubelt man in Rekordpreisen sich selbst und seine Finanzkraft. (mehr …)

  • Der tätowierte Mensch

    Die Hitzesommer der letzten zweieinhalb Jahrzehnte haben unübersehbar gemacht, dass die europäischen Durchschnittskörper sich in Zeichenträger verwandelt haben, in einen bunten halböffentlichen Skizzenblock aus menschlicher Haut. Im Sommer krabbeln all die Rosen, Augen, Reptilien und Flügel wieder heraus aus den Ausschnitten und Ärmeln, in denen sie den langen Kunstlichtwinter verbracht haben. Sie sind Post von den Besitzerinnen und Besitzer dieser Körper, sie haben etwas zu sagen. Ich bin eine ganz besonders wichtige Nachricht, flüstert jede von ihnen, bitte schau mich an. Also schaue ich. (mehr …)

  • Was bleibt? Sieben Befunde zur DDR-Literatur

    Der DDR-Literatur-Bleibetest: Wie lesen Studierende in Österreich heute Ankunft im AlltagChrista T. oder Der fremde Freund? Wie lese ich es, mehr als dreißig Jahre nach der ersten Lektüre und auf einem anderen Kontinent lebend, und was lässt sich dazu überhaupt sagen, in einer Vorlesung in Graz, im Sommersemester 2019? Gleicht dieser Gegenstand DDR-Literatur mittlerweile einem Gerät, dessen Gebrauchsweise vergessen ist? Mir wurde einmal ein metallisches, schweres, zangengroßes Ding in die Hand gegeben, das Markierungen, Zahlen, Striche usw. und vier Ausstülpungen aufwies – wie ich es auch drehte, es blieb ein Rätsel. Verhält es sich mit der DDR-Literatur ähnlich? Offenbar nicht. Die Studierenden lesen die Texte durchaus mit einiger Begeisterung, und auch ich bin nicht gelangweilt. Und das ist der erste Befund. (mehr …)
  • Bemerkungen zur jüngsten Kanon-Debatte

    David Lodges Roman Ortswechsel (Changing Places) handelt von einem britisch-amerikanischen Austauschprogramm für Akademiker, an dem zwei Professoren der Literaturwissenschaft teilnehmen. Der Roman erschien 1975 und spielt 1969, dementsprechend häufig wird »groovy« gesagt. Philip Swallow, der von seiner britischen Heimatuniversität an die amerikanische »State University of Euphoria« entsandt worden ist, führt unter seinen dortigen Kolleginnen und Kollegen ein Partyspiel namens »Demütigung« ein. Alle Teilnehmenden nennen reihum ein berühmtes Buch, das sie nur dem Namen nach kennen. Jeder Gast, der es wirklich gelesen hat, bringt einen Punkt. Wer am Ende die meisten Punkte erhält, gewinnt dadurch, dass er sich selbst am besten gedemütigt hat. Eines Abends in Euphoria findet bei einer Party eine Runde »Demütigung« statt. Ein besonders ehrgeiziger und unbeliebter Anglist geht aufs Ganze und wirft Hamlet in die Runde, womit er mühelos das Spiel gewinnt.  Dafür wird ihm eine in Aussicht stehende Verstetigung seiner Stelle an der Universität verwehrt, weil die Nachricht die Runde macht, dass es ihm an Grundkenntnissen seines eigenen Faches fehlt. (mehr …)
  • Eurofaschismus – Wer gegen ihn ist, könnte für ihn sein

    An diesem EU-Wahlkampf fiel auf, wie viele abstrakte Unterstützer Europa hat: Fast alle großen Parteien, Redaktionen, Verwaltungen (»Berlin ist vereint, Europa soll es bleiben. Gib Europa deine Stimme!«) und Unternehmen (Bahn, VW, Spotify, Gesamtmetall und fritz-kola) riefen zur Wahl auf, um »den Rechten« (fritz-kola) das Wasser abzugraben. Ganz abgesehen davon, dass die wichtigste EU-Wahl wohl die deutsche Bundestagswahl ist (und vielleicht noch die französische Präsidentenkür), wo sich entscheidet, was der Rat entscheidet, also diesen demokratietheoretisch unschönen Fleck einmal beiseite gelassen und angenommen, es gäbe bei der EU-Parlamentswahl tatsächlich so viel zu bestimmen, wie alle behaupten, ist es doch seltsam, wie selbstverständlich eine Verwandtschaft von Europa und Liberalismus oder gar Emanzipation vorausgesetzt wird. (mehr …)

  • Musikwissenschaftsdämmerung. Anmerkungen zu einem unzeitgemäßen Fach

    Frühsommerlich anmutende Apriltage in einem ehemaligen Bonner Gutshof. Die Atmosphäre ist familiär, es gibt Schnittchen aller Art, Obst in bunter Auswahl, selbstgebackenen Kuchen und Spezereien. Internationale Referenten sind angereist, allesamt Doktor(inn)en und Professor(inn)en der Musikwissenschaft, illustre Namen. Ein Symposium für Joseph Woelfl (1773–1812), Klaviervirtuose, Sänger, Komponist, Mozart-Schüler, Sparringpartner im öffentlichen Wettstreit mit Beethoven am Klavier, Komponist mit einigem Erfolg. Nach seinem Tod aus der Musikgeschichte ausgeschieden, vergessen, wie die meisten seiner Zeitgenossen. Ein Kleinmeister. Und dennoch bemüht sich das Musikwissenschaftler-Ehepaar Prof. Dr. Hermann Dechant und Prof. Dr. Margit Haider-Dechant, unbeirrt vom Urteil der Historie sein Werk wieder repertoirefähig zu machen. Sie veranstalten Symposien, veröffentlichen einen Almanach, verwalten ein Woelfl-Haus (Tagungsstätte und Museum), gründeten und leiten eine Woelfl-Gesellschaft, geben eine Gesamtausgabe von dessen Werken im eigenen Verlag heraus, veranstalten Konzerte.

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

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  • Zwischen Gesetz und Urteil gibt es keine Hermeneutik. Oder wie 1912 die traditionellen Auslegungsmethoden ihr Ende fanden

    Aber was weiß so ein Rationalist denn vom wirklichen Leben? Carl Schmitt Auf welche Weise wird entschieden? Das ist die reflexive Frage zum Phänomen des Rechtlichen par excellence: dem Urteil. Was passiert da eigentlich, wie kommt es dazu? Die Antwort auf diesen Fragenkomplex bewegt sich zwischen Bindung und Freiheit, zwischen Gesetz und Souveränität, zwischen Deduktion und Dezision. Fangen wir, um die Aufklärung darüber, worum es geht, auf die Spitze zu treiben, mit einem Ende an, dem Ende der Vorstellung des in der Demokratie üblichen Verfahrensgangs bei der Herstellung von Gesetzen und Urteilen. Reden wir zu Beginn von einer Lage, in der Hermeneutik, Aufklärung und Recht sich in der Defensive befinden, so wie heute im Übrigen auch, wenn etwa bajuwarische Diktate zur Ausbreitung kommen. Reden wir zunächst von 1922, also dem Jahr, in dem Carl Schmitt, eine der zentralen Figuren des politischen, literarischen und wissenschaftlichen 20. Jahrhunderts, einen seither weltberühmt gewordenen Satz aufschrieb: »Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.«

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

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  • Homestorys (I). Betreutes Wohnen

    Netflix, mit 140 Millionen Abonnenten und einem Bilanzgewinn in Milliardenhöhe der größte und einträglichste Online-Streamingdienst der Welt, eine Firma also mit sicherem Gespür für die Unterhaltungsbedürfnisse eines gigantischen Konsumentenpools, hat seit dem Frühjahr die erste Staffel einer Serie im Programm, bei der man anderen Menschen beim Hausputz zusehen kann. Tidying up with Marie Kondo basiert auf einer japanischen Ratgeberreihe zur optimalen Haushaltsorganisation, die innerhalb weniger Jahre, begleitet von einem bemerkenswerten Medienecho, millionenfach verkauft und in mehr als drei Dutzend Sprachen übersetzt worden ist (die deutsche Ausgabe trägt den Titel Magic Cleaning).

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

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  • Vor dem Brexit

    Der Glaube, dass Menschen Wahlentscheidungen vor allem mit Rücksicht auf ihre ökonomischen Interessen treffen, war bis vor kurzem weit verbreitet. Die amerikanische Präsidentschaftswahl 2016 und der britische Volksentscheid zum Austritt aus der Europäischen Union wenige Monate davor haben diese vermeintliche Gewissheit jedoch erschüttert. Man hatte nicht damit gerechnet, so formulierte es Jürgen Habermas mit Blick auf das EU-Referendum, »dass sich Identitätsfragen gegen Interessenlagen durchsetzen würden«. Tatsächlich hatte die Strategie der Remain-Seite, den Britinnen und Briten die wirtschaftliche Zukunft ihres Landes außerhalb der EU in schwarzen Farben auszumalen, offenkundig nicht verfangen – und dies nur ein Jahr, nachdem der Wahlkampfstratege Lynton Crosby von den Medien als brillanter Kopf gefeiert worden war, der mit einer nüchtern auf die wirtschaftliche Kompetenz der Tories fokussierten Botschaft einen zwar nicht fulminanten, aber doch deutlichen und vor allem, angesichts anders lautender Umfragewerte: unerwarteten Sieg für die Partei des Premierministers bei den Unterhauswahlen eingefahren hatte. (mehr …)

  • Keine Quallen. Anthropozän und Negative Anthropologie

    Allen anderslautenden Verkündungen zum Trotz leben wir noch immer nicht im Anthropozän.  Zwar liegt der International Commission on Stratigraphy seit August 2016 endlich die offizielle Empfehlung vor, in ihre erdgeschichtliche Periodisierung eine neue geologische Epoche einzuführen, in der der Einfluss des Menschen im Erdstratum ablesbar geworden ist. [2. Zuletzt hatte sich abgezeichnet, dass ihr Beginn wohl auf die jüngste Vergangenheit festgesetzt werden würde – etwa auf die great acceleration, die industrielle Beschleunigung der Nachkriegszeit (Jan Zalasiewicz u.a., The Working Group on the Anthropocene: Summary of evidence and interim recommendations. In: Anthropocene, Nr. 19, 2017) oder auf das Jahr 1945, genauer auf den 16. Juli: Mit dem ersten Atombombentest in der Wüste New Mexicos wäre der Mensch, eine Spezies, die nur 0,01 Prozent irdischen Lebens ausmacht, zu einem geologischen Faktor geworden, dessen Existenz sich auch noch Jahrmillionen später chronostratigrafisch identifizieren ließe (Colin N. Waters u.a., Can nuclear weapons fallout mark the beginning of the Anthropocene Epoch? In: Bulletin of the Atomic Scientists, Nr. 3 vom 1. Mai 2015).] (mehr …)