• Europa-Kolumne. Ein Lehrstück in europäischer Solidarität

    Die durch den russischen Angriff auf die Ukraine eingeleitete Serie europäischer Gipfel- und Fachministertreffen ist lang und geht weiter. Die meisten der Treffen sind schnell vergessen. Eines davon lohnt die genauere Betrachtung, weil auf ihm eine Konfliktkonstellation sichtbar wurde, die normalerweise unter der Oberfläche des Beobachtbaren verbleibt. Gemeint ist der 26. Juli 2022, an dem der Rat der EU den Gasnotfallplan beschloss. Was da geschah, war eigentümlich: Deutschland, vom russischen Gaslieferstopp schwerer getroffen als alle Nachbarn, trat ungewöhnlicherweise als Bittsteller auf – und erhielt eine schmerzhafte Lektion in europäischer Solidarität. (mehr …)

  • Unsere Werte

    »…, doch plötzlich war ein Wort in aller Munde, ›Werte‹ – auch wenn niemand explizit sagte, welche Werte gemeint waren –, ein Wort, das nach einer grundsätzlichen Missbilligung der Jugend, der Erziehung, der Pornographie, der Lebenspartnerschaft, des Cannabis und des Niedergangs der Rechtschreibung klang.«

    Annie Ernaux

    Überall Werte. Im Koalitionsvertrag der Ampel nimmt der Wertbegriff eine prominentere Rolle ein als im Vorgängerdokument der letzten großen Koalition. Die CDU hat auf ihrem letzten Parteitag eine »Charta« mit drei Grundwerten beschlossen, aus der sie ihr Parteiprogramm entwickeln will. Der Präsident des Europäischen Gerichtshofs sagt die Wertformel des Art. 2 des EU-Vertrags in verschiedenen Sprachen auswendig auf. Das Bundesverfassungsgericht hat den lange gemiedenen Begriff der grundgesetzlichen »Wertordung« wieder in seine Rechtsprechung übernommen. Unternehmer, Ministerinnen und Opernintendanten »bekennen« sich zu eigenen Werten, ebenso die FIFA und die Vereinten Nationen. (mehr …)

  • Die Wissenschaft des Bestsellers. Eine kurze Geschichte von „Sapiens“

    Es ist gerade einmal zehn Jahre her, dass sich ein junger Historiker der Hebrew University Jerusalem auf die Suche nach einem englischsprachigen Verlag machte. Es ging um ein Buchmanuskript, dessen Thema nicht umfassender hätte sein können: eine Geschichte der Menschheit von den allerersten Anfängen in den Steppen Afrikas bis in die Gegenwart. Das Buch trug den Titel From Animals into Gods. Es war das Produkt einer Einführungsveranstaltung zur »Geschichte der Welt«, die der Historiker seit dem Jahr 2002 regelmäßig anbot. (mehr …)

  • Kritik als identitäre Pose. Von der Studentenbewegung zu den Querdenkern?

    Im bundesrepublikanischen Erinnerungskanon werden die Geschehnisse von 1968 meist mit der antiautoritären Studentenbewegung verbunden. Auch wenn heute eher die Vielfalt und Vielschichtigkeit der verschiedenen Entwicklungen betont wird, die sich zu den gesellschaftlichen Umbrüchen und Innovationen der 1960er Jahre bündelten, gehören die Bilder von hitzig diskutierenden Studierenden, von eskalierenden Demonstrationen und den nackten Hintern der Kommune 1 nach wie vor zu den ersten Assoziationen, die sich mit dem Label »Achtundsechzig« verbinden. (mehr …)

  • Rasender Stillstand. Flucht aus Shenzhen

    Es war in der letzten Märzwoche – noch vor dem Beginn der Taifun-Saison –, als ein Wolkenbruch meine kleine Familie und mich völlig durchnässte, die Schirme halfen da nichts. Wir versuchten gar nicht erst, dem Regen zu entfliehen, es ging uns um eine viel wichtigere Flucht. Wir hatten alles für unseren transeurasischen Flug nach Deutschland gepackt. Ein befristeter Forschungsaufenthalt in Essen hatte das möglich gemacht, und so planten wir den Aufbruch von unserer Wohnung auf dem Universitäts-Campus von Shenzhen, einer Megalopolis an der Grenze zu Hongkong, das Zentrum des chinesischen Technologiesektors, vor allem der Elektronikindustrien, aber auch einer der größten Häfen der Welt. Fast sechs Jahre lang war die Stadt unsere Heimat gewesen. (mehr …)

  • Beim Denken eines Anderswo. Zu den Film- und Videoarbeiten der documenta fifteen

    1971 gibt Sun Ra mehrere Konzerte in Kairo. Nach Ägypten reist der Jazzmusiker, Poet und Denker mit viel Gepäck, weil die Zeit der Pharaonen für ihn, der die Vorstellungen von schwarzer Kultur wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen prägt, eine mythologische Basis darstellt. Aus diesem glorreichen Vorvorgestern leiten sich der Entwurf und der Traum einer Zukunft ab, so dass die Nöte der Gegenwart – die Segregation in den Südstaaten der USA ist erst seit wenigen Jahren aufgehoben – überwindbar erscheinen. Der nach vorne, nach hinten, zur Seite und in den Kosmos mäandernde Zeitfluss des Afrofuturismus umschließt die Pyramiden von Gizeh, und die Ägypten-Reise ist für Sun Ra eine Rückkehr in ein imaginäres Zuhause. (mehr …)

  • Fehler in der Politik?

    Der Beitrag von Ulrich K. Preuß über Fehler in der Politik, der im Juliheft des Merkur erschienen ist, lohnt eine genauere Lektüre. Die Argumentationsstrukturen und -strategien, auf denen er aufbaut, sind exemplarisch für einen ganz bestimmten Typ von Kommentaren und Diskussionsbeiträgen zu Russlands Krieg gegen die Ukraine. Deren Autoren sind oft Wissenschaftler oder Intellektuelle, die bisher nicht mit eigenen Forschungsbeiträgen zu Geschichte und Gegenwart der Ukraine oder Russlands aufgefallen sind, sich nun aber meinungsstark zu Wort melden. In der Regel stehen sie der Vorstellung von einer außenpolitischen »Zeitenwende« und auch der offiziellen Entscheidung der Bundesregierung, die Ukraine mit Waffen zu unterstützen, kritisch gegenüber. (mehr …)

  • Erfurt zum Beispiel. Zur Frage der Straßennamen

     

    Im Dezember 1991 stimmte der Erfurter Stadtrat über die Umbenennung einer Reihe von Straßen ab, die nach historischen Persönlichkeiten benannt waren. Begründet wurde der Vorgang mit einem lapidaren Satz: »Eine Überprüfung der Biographien der betreffenden Personen ergab, daß aus heutiger Sicht ihre Leistungen eine Straßennamensvergabe kaum rechtfertigen.« (mehr …)

  • Die Angst vor der Leitkultur

    Ausgerechnet den Begriff »Leitkultur« für etwas an sich richtig Gedachtes zu wählen, hieß dem Pietismus der ideologischen Leisetreterei ein Geschenk zu machen. Daß die häßliche Metapher nun auch noch einhergeht mit dem größten Reizwort für den hiesigen Politmoralismus, nämlich »deutsch«, erklärt die wü- tende, die herablassende oder die moralisch erpresserische Reaktion. Aber auch wenn es nicht das Wort »Leitkultur« gewesen wäre, sondern »kulturelle Norm«, also der Hinweis darauf, daß in komplexen Gesellschaften bei aller privaten Liberalität so etwas wie eine historische und mentale Dominante vorherrschen müsse, wäre die Aufregung nicht minder gewesen. Denn eine solche Norm könnte hier nicht türkisch, arabisch, südamerikanisch oder russisch sein, sondern sie müßte eben deutsch sein. Daß Freundschaft mit Ausländern immer schon zum Reichtum einer Person gehörte, daß Internationalität das Salz einer nationalen Kultur ist, ändert an der Wichtigkeit des Normbegriffs nichts, sollte jedenfalls kein Anlaß sein, die Kategorien, um die es hier geht, zu verwechseln. (mehr …)
  • Pop! Goes the DFG. Die neue Zeitschrift „Pop. Kultur & Kritik“

    Wenn es bei Pop um die Gegenwart geht (mit Eckhard Schumacher ums "Gerade Eben Jetzt"), dann hat die halbjährlich – jeweils im September und im März – erscheinende neue Zeitschrift Pop. Kultur & Kritik ein kleines Abstandsproblem: Zwischen dem Verfassen der Texte und ihrem Erscheinen liegt mindestens ein halbes Jahr,  also hechelt man der aktualistisch gesinnten Popgegenwart hinterher. Was kein Nachteil sein muss, denn Pop ist dann eben nicht Pop, sondern Wissenschaft, und es sind durchaus analytische Distanzgewinne zu erhoffen, wenn die Eule der Lady Gaga  ihren Flug in der Dämmerung der verhandelten Ereignisse beginnt. Andererseits dämmert es aber auch noch nicht richtig, denn für Wissenschaft ist Pop. Kultur & Kritik doch wieder verdammt schnell: Viele der Gegenstände, die die Zeitschrift verhandelt, sind von Hypnagogic Pop bis eben Lady Gaga noch brandheiß.  (mehr …)