• Gesinnung

    Auf der Glastür eines Universitätsgebäudes klebt ein Plakat. Es fordert mich auf, die Basisgruppe Lehramt eines großen geisteswissenschaftlichen Faches ins Studentenparlament, oder Studierendenparlament, zu wählen, »denn wir sind« – jedes der folgenden Worte nimmt eine ganze Zeile ein – »* antirassistisch |* antifaschistisch |* antiableistisch |* antisexistisch |* (queer-)feministisch |* antiheteronormativ |* klimagerecht |* kapitalismuskritisch |* emanzipatorisch«. Neben den Worten sehe ich Bildchen sympathischer Gesichter; sie gehören denjenigen, die für die Basisgruppe kandidieren. Irgendwie schauen sie aus wie die Adjektive, derentwegen ich sie wählen soll, denke ich; aber vielleicht rede ich mir das auch nur ein. Genaugenommen soll auch nicht ich sie wählen, sondern andere, denn meine Studentenzeit liegt lange zurück. Und in dieser vergangenen Ära sollte ich, so scheint es mir, Basisgruppen, obgleich sie sich auch damals schon als kapitalismuskritisch und emanzipatorisch verstanden, eher anderer Dinge wegen wählen. (mehr …)

  • Die Mittelschichtsgesellschaft als Projektion: Wie soziologische Zeitdiagnose gesellschaftliche Selbstbilder nachzeichnet und dabei ihren Gegenstand verfehlt

    Soziologische Zeitdiagnosen sind – wo sie erfolgreich sind – Beiträge zur gesellschaftlichen Selbstverständigung, wirken also an der Konstitution ihres Gegenstands mit. Die Anschlussfähigkeit einer Zeitdiagnose in der öffentlichen Debatte erweist sich darin, inwiefern sie der Gesellschaft hilft, ihr Selbstverständnis zu finden. Die Zeitdiagnose muss ein Deutungsangebot vorlegen, das den praktischen Alltagserfahrungen der Rezipientinnen und Rezipienten nicht grundlegend widerspricht und auch theoretisch nah genug am Vertrauten bleibt, um nachvollzogen werden zu können; und sie muss zugleich eine neue Sicht der Dinge anbieten, die dabei hilft, gesellschaftliche Probleme so zu fassen, dass sie bearbeit- oder zumindest hinnehmbar werden. Das bedeutet, dass eine erfolgreiche Zeitdiagnose, unabhängig von ihrer fachlichen Qualität, immer auch ideologisch in dem Sinn wirkt, dass sie standpunktgebundene Sichtweisen und Bewertungen bestätigen muss, um wirken zu können. Das macht es aber auch für eine Soziologie soziologischer Zeitdiagnosen interessant, sich mit ihnen auseinanderzusetzen: Warum wird eine Zeitdiagnose gesellschaftlich aufgenommen? Was lernt eine Gesellschaft über sich selbst, und was versäumt sie zu lernen, wenn sie sich darin wiederzuerkennen meint?

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  • Keine Lust auf niemanden

    Man sagt den Deutschen bisweilen nach, dass sie den vielbeschworenen Ingenieursgeist hätten, also einen inneren Drang zu rationalem Denken, lösungsorientiertem Handeln und nüchterner Sachanalyse. Wie immer, wenn einer Millionenbevölkerung derartige Kollektiveigenschaften zugeschrieben werden, ist das natürlich unsinnig; doch wie immer gibt es auch einen wahren Kern, und sei es nur als Autosuggestion. Umso überraschender, dass sich all diese löblichen Eigenschaften in Luft aufzulösen scheinen, konfrontiert man den man in the street in diesem Bundestagswahljahr mit Politik im Allgemeinen, Berufspolitik im Besonderen und Berufspolitikern sowieso. Ob während des Wahlkampfs oder nach dem Urnengang, ob einzeln oder im Verbund – wohin man auch schaut, verweben sich Gezeter und Geschimpfe zu einem Meinungsteppich der Unzufriedenheit. Unweigerlich denkt man an den ebenso einfältigen wie zwanghaften Slogan »Merkel muss weg!«,  der jahrelang viele Straßen und noch mehr Köpfe beherrscht hat: Jetzt liegt die Kanzlerin politisch in den letzten Zügen, ihre Partei ist waidwund geschossen, doch der redemptive Effekt scheint ausgeblieben zu sein. (mehr …)

  • Eine kurze Geschichte der Betroffenheits(kritik) in der Bundesrepublik

    Anfang des Jahres entbrannte eine rege Debatte um Identitätspolitik, deren Hitze immer noch nicht erloschen ist. Im Zentrum des Feuers stand Wolfgang Thierse mit seiner Warnung vor den Gefahren einer »cancel culture«, welche die Gesellschaft spalte. In einem Radio-Interview hatte Thierse unter anderem erklärt: »Aber unsere Tradition seit der Aufklärung ist doch die, nicht die Betroffenheit, nicht das subjektive Empfinden darf entscheidend sein, sondern das vernünftig begründende Argument, das muss uns miteinander verbinden, das muss den Diskurs strukturieren. Denn sonst ist klar: Thierse ist ein alter weißer heterosexueller Mann. Seine Ansichten sind so definiert und damit ist der Fall erledigt.« (mehr …)
  • Politikkolumne. Reflexionen über „Verdienst“ nach Besuch eines Schachturniers

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    Eine meritokratische Gesellschaft, also eine, in der »Verdienst«, wie auch immer man dieses definiert, der einzige Grund für Status und Erfolg ist, sähe vermutlich nicht wie ein Golfclub aus. Sähe sie vielleicht aus wie ein Schachclub? Den Golfclub stellen wir uns als Verein mit homogener Mitgliedschaft besserer Stände vor. Diese Homogenität wird durch Mitgliedsbeiträge gesichert. Die Mitglieder beanspruchen einen sozialen Status, von dem sie nicht selten glauben dürfen, sie hätten ihn verdient. Jedenfalls tendieren Menschen mit wachsendem Erfolg dazu, diesen für berechtigt zu halten.  Erfolg lässt sich zudem einfach darstellen, namentlich in Geld. Verdienst dagegen ist eine unklare und umstrittene Figur. Dazu passt es, dass der Status in einem Golfclub oft nicht von der gut messbaren sportlichen Leistung abhängen dürfte, sondern von anderen Umständen. Den Golfclub verdienen sich manche durchs Golfspiel. Für andere ist er eine Institution, in der externer Erfolg intern abgebildet wird.

     
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  • Müll-Philosophie. Des Teufels Staub und der Engel Anteil

    Philosophie erforscht traditionell nicht den Müll, sondern Ideen. Nachdem mit dem Gerechten, dem Schönen und dem Guten schon die Top drei genannt sind, hakt Parmenides (Christoph Paret hat im Oktoberheft daran erinnert) bei Sokrates nach, ob es nicht auch für sich bestehende Ideen von »Haar, Kot, Schmutz« gebe, »und was sonst recht verachtet und geringfügig ist«. Die Antwort fällt eindeutig aus: »Keineswegs, habe Sokrates geantwortet«, und drehte diesen Dingen »schnell wieder den Rücken, aus Furcht, hier in einen wahren Abgrund der Albernheit zu versinken und darin umzukommen«. (mehr …)

  • Die Rückkehr der Scheune

    Die Mitglieder des indonesischen Künstlerkollektivs ruangrupa haben das Konzept für die von ihnen kuratierte documenta 15 (offizielle Schreibweise: documenta fifteen) vorgestellt. Die – zumindest nach Besucherzahlen – weltweit größte Ausstellung von Gegenwartskunst, die im Sommer 2022 in Kassel eröffnen soll, wird die Überschrift lumbung tragen. Was ist »lumbung«?

    Eine traditionelle indonesische Reisscheune, wie ruangrupa erläutert. Sie besteht aus Bambus, ist strohgedeckt und steht auf vier Holzpfählen, um die Ernte vor Ungeziefer zu schützen. Die Omega-Form der Fassade, wie sie in der vom Künstlerkollektiv zur Verfügung gestellten Skizze zu sehen ist, ist typisch für die Insel Lombok. (mehr …)

  • Im Widerspruch beflügelt: Über Karl Heinz Bohrer

    »Meine Kollegen verstehen nichts von Kunst.« Dieses Urteil, geäußert im Zimmer seiner Hilfskräfte, die er nie Hilfskräfte, immer nur Assistenten genannt und deren gelegentlich ganz anders gelagertes Verständnis von Kunst er immer ernst genommen und neugierig distanziert verfolgt hat, war natürlich zu hart und zu pauschal, hinsichtlich der Kollegen an der Universität wie gegenüber der hier allgemein mitadressierten »Germanistikgermanistik«. Aber die Geste der Distanzierung macht einen Grundzug von Karl Heinz Bohrers Selbstverständnis deutlich, das ihn als Literaturwissenschaftler, Kritiker, Essayisten, Autor und Intellektuellen gleichermaßen geprägt hat. (mehr …)
  • Erregungswellen: »Identitätspolitik« mit Lisa Eckhart und Hengameh Yaghoobifarah

    Es ist ja so, dass seit einiger Zeit im Grunde ununterbrochen darüber gestritten wird, wer im Denken totalitärer ist, wer falscher liegt, wer den Schuss weniger gehört hat: all jene, die unter den Schlagwörtern »jung«, »woke«, »Identitätspolitik«, »schreibt im Internet und ist kein alter weißer Mann« einsortiert und für verrückt erklärt werden, oder die Gegenseite, also die sogenannten alten, weißen Männer beziehungsweise deren aus den alten Zeitungshäusern heraus produzierten Meinungstexte, die sich besorgt mit dieser »Identitätspolitik« befassen. Debatten, die unter diesem Label laufen, scheinen weniger Vorgänge zum Inhalt zu haben als die Frage, wer was wie gesagt hat, und damit bewegen sie sich auf der Ebene der Zeichen, des Symbolischen, woraus wiederum regelmäßig der Vorwurf folgt, »Identitätspolitik« sei elitär, abgehoben etc. (mehr …)
  • Am Stammtisch der Sachlichkeit: Markiertes Sprechen in Deutschland

    Die Deutschen oder besser die Deutschsprachigen diskutieren, seit sie nicht mehr oder nur eingeschränkt vor die Tür gehen können, das, was sie Identitätspolitik nennen. Vorher hatte es das auch schon gegeben, und es hat ähnlich geklungen, aber es hat nicht so viel bewirkt; denn es gab ja noch die so genannte soziale Realität da draußen, in der jede und jeder sich immer schon irgendwie eingerichtet hatte. In der Covid-Zeit, in der es diesen Sicherheitsanker nicht mehr gab, glaubten all die NZZ- und Welt-Leser tatsächlich, sie dürften ihren Lieblingsbeschäftigungen nicht mehr ungestört nachgehen, weil eine woke Kulturpolizei es ihnen verbietet: etwa dem leidenschaftlichen Übersetzen afroamerikanischer Slampoetry. Anders als in den meisten Kulturen der Welt sind es nicht soziale Medien, universitäre Debatten oder offen politisch geführte Auseinandersetzungen, die das Medium der Deutschsprachigen und ihrer Streits ausmachen. Es ist das, was nur noch in ihrer Kultur einen hohen Wert und gesellschaftlichen Einfluss hat, das Feuilleton. In diesem haben bestimmte Männer das Sagen, die gern im Genre des Machtworts etwas zurechtrücken. Vielleicht irre ich mich, aber ich könnte schwören, dass man Machtworttexte wie die der diversen Chefs von Welt oder FAZ weder in El Pais noch in der New York Times loswerden würde. (mehr …)