• Hausbesuche IV: Bayreuth. Wagner sucht Wagner

    Samstag, 27. Juli 2019

    Wir fahren mit einem Mietwagen von Berlin nach Bayreuth, kommen gegen Mittag bei meiner Cousine an, wir können bei ihr übernachten, und gehen mit ihr und ihrem Mann in einen Biergarten, um uns mit fränkischen Bratwürsten für die Meistersinger von Nürnberg am Nachmittag zu stärken. Weil sie weiß, wie kompliziert es um das Festspielhaus herum mit dem Parken ist, bringt meine Cousine uns in ihrem Auto zum Grünen Hügel hinauf – und dann, wir trinken noch einen Kaffee, sitzen wir auch schon auf den Klappsitzen im Parkett, die keine Armlehnen und keine Polster haben, jede Bewegung der Sitznachbarn links und rechts überträgt sich, in allen Reihen wird mit den buchdicken Programmheften, mit Fächern oder der flachen Hand wild herumgewedelt, denn es ist furchtbar heiß im Festspielhaus. Während der Ouvertüre – heute ist die Wiederaufnahme-Premiere der Inszenierung von Barry Kosky aus dem Jahr 2018 – klingelt das erste Telefon. (mehr …)
  • Einig, uneins zu sein

    Beginnen möchte ich vor der Haustür, mit einem Spaziergang durch das Afrikanische Viertel in Berlin-Wedding. Gehe ich aus dem Haus, bin ich in einer Minute an der Lüderitzstraße, benannt nach Adolf Lüderitz, einem Bremer Händler, der im späten 19. Jahrhundert der Kolonisierung des heutigen Namibia den Weg bereitete. Folge ich der Straße in Richtung Nordwesten, komme ich nach etwa zehn Minuten Fußweg zum Dauerkleingartenverein Togo e.V., dessen Betreiber sich lange Zeit weigerten, vom ursprünglichen Namen »Dauerkolonie Togo« abzulassen. Ein paar Schritte weiter, am Rand des Rehberge-Parks, findet sich eine zweite Kleingartenanlage, sie nennt sich Kolonie Klein-Afrika. Zwei Gehminuten östlich liegt der Nachtigalplatz, dessen Namenspate, Gustav Nachtigal, 1884 Reichskommissar in Deutsch-Westafrika wurde. 2018 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung, die nach Kolonialherren benannten Straßen umzubenennen. Weil Anwohner und Anwohnerinnen Widerspruch einlegten, ist dies noch nicht geschehen. Eine Petersallee gibt es auch; dazu komme ich später. (mehr …)

  • Der absolute Geist, die Cholera und die Himmelfahrt des Philosophen. Hegels Tod und Bestattung (1831)

    Hegel starb am Montag, dem 14. November 1831, in seiner Wohnung am Berliner Kupfergraben. Der Tod kam überraschend. Am Freitag zuvor hatte er mit den Vorlesungen des Wintersemesters über Rechtsphilosophie und Geschichte der Philosophie begonnen, am Samstag Prüfungen abgehalten. Am Sonntag zeigten sich die ersten Symptome der Krankheit, der er nach einer unruhigen Nacht am nächsten Tag gegen 17 Uhr erliegen sollte. Am 16. November wurde er seinem Wunsch entsprechend auf dem evangelischen Dorotheenstädtisch-Friedrichswerderschen Friedhof neben seinen Vorgängern Solger und Fichte begraben. Zahlreiche Equipagen und ein unabsehbar langer Zug der Studenten gaben ihm das letzte Geleit. (mehr …)

  • Kunst und Kunstkritik in Zeiten politischer Polarisierung. Ein Kippmodell des politischen Raums

    In wenigen Jahren hat sich die Situation in den Künsten sehr verändert: Bilder werden aus Museen entfernt, Gedichte werden übermalt, politische Kriterien überschreiben ästhetische, und Künstler werden aufgrund ihrer politischen Äußerungen von Ausstellungen ausgeladen.  Wie konnte es zu einer solchen Politisierung der Künste kommen? Man wird diese Frage nicht unabhängig von politischen Theorien beantworten können, die beschreiben, wie und warum die Gesellschaft sich heute polarisiert. Entsprechend handelt dieser Text zur politischen Kunst zunächst einmal von politischer Theorie.

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  • Appropriation und Begehren. Popkolumne

    Fragen kultureller Aneignung standen in den 2010er Jahren immer wieder auf der Tagesordnung öffentlicher Debatten um Pop. Wenn sich nun auch das der popkulturellen Politikreflexion eher unverdächtige US-Teenager-Magazin Seventeen diesem Thema widmet, zeigt sich deutlich, dass es im Mainstream angekommen ist. 11 Celebrities who have been accused of cultural appropriation titelt Carolyn Twersky und illustriert in einer Liste mit prominenten Beispielen, worum es geht. Sei es Ariana Grande mit ihrem Video zu 7 Rings, das Versatzstücke japanischer Kawai-Kultur in einem Hip-Hop-Szenario nutzt, seien es die zu braids geflochtenen Haare Kim Kardashians auf dem roten Teppich oder Katy Perrys cornrows in ihrem Video This Is How We Do – die Struktur der Appropriation besteht jeweils in der Übernahme kulturell codierter Details, die ihrem Ursprungskontext entrissen und wie eine Maske, als Kostümierung oder in stereotyper Imitation verwendet werden. (mehr …)
  • Homestorys (II): Living

    »Unser living-room, – Wohnzimmer kann man solche Räume ja nun wirklich nicht mehr nennen…«

    Alfred Andersch, Opferung eines Widders (1963)

    Anfang März 2015 empfingen der griechische Wirtschaftswissenschaftler Yanis Varoufakis und seine Frau Danae Stratou ein Reporter- und Fotografenteam der Illustrierten Paris Match in ihrem Penthouse in der Altstadt von Athen. Varoufakis war zu diesem Zeitpunkt seit etwas mehr als einem Monat Finanzminister des Kabinetts von Alexis Tsipras. Als erste wichtige Amtshandlung, nur drei Tage nach seiner Vereidigung, hatte er die Zusammenarbeit Griechenlands mit der Troika, dem von der Euro-Gruppe eingesetzten haushaltspolitischen Kontrollgremium, einseitig für beendet erklärt. (mehr …)

  • Funktionsstörung

    Ich funktioniere nicht richtig. Sonst wäre ich mit der Religionsgründung inzwischen weiter.

    Die einzige Ansage meiner Auftraggeber für diese Kolumne lautet, dass ich machen soll, was ich will. Ich muss also nicht im eigentlichen Sinne funktionieren. Nicht zu funktionieren, ohne funktionieren zu müssen, ist natürlich verschärft.

    Neulich bin ich in das eingedrungen, was Leitartikler den »Maschinenraum der Demokratie« nennen würden. Das hat mit meinem Eintritt in die SPD zu tun. Auf Ortsvereinsebene war es, die in Berlin Abteilungsebene heißt. (mehr …)

  • »Monsieur, ich hasse Sie«. Urbanormativität und Populismus

    Urbane Abhängigkeit und Hegemonie

    Es ist ungefähr 14 500 Jahre her, dass wir sesshaft geworden sind. Damals sind jedenfalls erste Siedlungen im Jordan-Tal entstanden. 8000 Jahre später gab es Städte. Nicht mehr als 13 Prozent der Menschheitsgeschichte, so rechnen Gregory M. Fulkerson und Alexander R. Thomas, kannten also urbanes Leben. Und erst die jüngsten 0,06 Prozent haben global cities gesehen. Gleichwohl scheint uns eine immer weiter fortschreitende Urbanisierung der natürliche Gang der Dinge zu sein. An die vorstädtischen 87 Prozent der Geschichte wird kaum je gedacht. Anders wissen die amerikanischen Soziologen nicht zu erklären, dass sich gegen das world urban experiment so wenig Widerstand regt: Es muss an der historischen Amnesie liegen und, mehr noch, an »urbanormativity«. Den eigens geprägten Begriff haben sie in den Titel ihres neuen Buches gestellt.

    In The Evolution of the Ancient City (2010) hat Thomas mit Blick auf den fruchtbaren Halbmond, ein wasserreiches Gebiet, das sich sichelförmig zwischen dem anatolischen Bergland und der syrischen Wüste erstreckt, eine um 9500 vor Christus mit der Gründung von Dörfern beginnende »Urbanisierung« beschrieben, die 5000 Jahre später städtische Knotenpunkte in Netzen des Handels entstehen ließ. [2. Alexander R. Thomas, The Evolution of the Ancient City. Urban Theory and the Archaeology of the Fertile Crescent. Lanham: Lexington 2010.]

    Dass Kapitalismus und Städte im Grunde ein und dasselbe sind, wissen wir von Fernand Braudel. [3. Fernand Braudel, Sozialgeschichte des 15.–18. Jahrhunderts. Bd. 1: Der Alltag. Aus dem Französischen von Siglinde Sumerer. München: Kindler 1999.] Thomas und Fulkerson sind der Ansicht, dass viele der meist mit dem modernen Industriekapitalismus in Zusammenhang gebrachten Erscheinungen auf frühere Prozesse der Vernetzung zurückzuführen sind. Ihre Betrachtung reicht demnach nicht nur weiter zurück, sie greift auch tiefer. Gewinnen wir mit der longue-durée-Perspektive eine bessere Sicht auf die Gegenwart?

    Lange Zeit schien es so, als habe eine funktionale Differenzierung der Gesellschaft Verhältnisse von Zentrum und Peripherie bedeutungslos werden lassen. Mochte ihr Hinterland für die europäischen Städte des Mittelalters noch eine, so Braudel, »echte Kolonialwelt« gewesen sein, in Betracht der folgenden Jahrhunderte wollte man eine neuzeitliche Entwicklung feststellen, die solche Vorherrschaft und Ausbeutung zur Vergangenheit machte.

    Nicht zufällig war es ein Geograf, der vor wenigen Jahren die bleibende Relevanz räumlicher Unterschiede und Beziehungen aufwies. [4. Christophe Guilluy, La France périphérique. Comment on a sacrifié les classes populaires. Paris: Flammarion 2014.] Der in die globale Wirtschaft eingebundenen »France métropolitaine« stellt Christophe Guilluy eine »France périphérique et populaire« gegenüber und will damit die unbrauchbar gewordene Unterscheidung zwischen urbanen und ruralen Räumen ersetzen. Die Kategorie des Peripheren umfasst ländliche Klein- und Mittelstädte, sie umfasst auch Vorstädte und andere Teile größerer Agglomerationen. Wie die ältere Kategorie des Ländlichen gewinnt indes auch sie Kontur durch den Gegensatz zur Metropole.

    Die neue Unterscheidung ist wie gemacht, eine Vorherrschaft sichtbar zu machen, die zuletzt zu Unruhen führte. Plötzlich sah man sich mit dem anderen Frankreich konfrontiert. Obwohl die große Mehrheit der Bevölkerung in der Peripherie lebt, war diese lange Zeit politisch wie kulturell unsichtbar gewesen. Durch die Wahl des Front National und Proteste anderer Art machte sie dann auf sich aufmerksam.

    Ist Populismus mit »Urbanormativität« zu erklären? Das Konzept soll im Zusammenhang mit dem materiellen ein kulturelles Moment der Urbanisierung erschließen: Prozesse der Bevölkerungsverdichtung gehen mit einer wachsenden Abhängigkeit der schon bald nicht mehr selbstversorgungsfähigen Städte von ihrem Umland einher. Nachdem die Tragfähigkeit der eigenen Siedlungsfläche überschritten ist, sichern urbane Zentren ihre Fortexistenz, indem sie Handelswege so (lesen ...)

  • »Das habe ich erst einmal in den deep freezer getan«. Nachlassfragen bei Max Frisch

    Max Frisch besaß ein ausgeprägtes Nachlassbewusstsein. Natürlich kann es ein wenig befremdlich wirken, wenn jemand schon zu Lebzeiten ganz gezielt das eigene literarische Nachleben zu regeln versucht, doch in seinem Fall war es begründet: Max Frisch wusste genau, dass sein Nachlass nicht bloß aus Vorstufen seiner veröffentlichten Werke oder aus verstreuten Notizen oder aus sachlichen Briefwechseln mit bedeutenden Persönlichkeiten der Zeitgeschichte bestand – das alles auch –, sondern dass darin zwei der legendenumwobensten Textkonvolute der neueren deutschsprachigen Literatur schlummerten: das Berliner Journal aus den siebziger Jahren in der Tradition seiner berühmten Tagebücher und der Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann, die offene Wunde der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, bis heute. Max Frisch selbst hat die Legende um diese beiden Konvolute kräftig befördert, indem er zum Beispiel in Interviews darauf anspielte und verklärende Hinweise gab. Aber er hat auch dafür gesorgt, dass die heißen Eisen in professionelle Hände gelangen, wenn er eines Tages nicht mehr am Leben sein würde. (mehr …)

  • Digitale Souveränität. Macrons Digitalisierungspolitik als Blaupause für die EU?

    In seiner Sorbonne-Rede vom 26. September 2017 stellte Emmanuel Macron einen Begriff ins Zentrum seiner Überlegungen, der sich wie eine Art Leitmotiv durch seine Politik zieht: die Verteidigung, ja Erlangung europäischer Souveränität. Darin konnte man zum einen den Versuch erkennen, einen vom Front National (heute Rassemblement National) okkupierten Begriff wieder für die demokratische Mitte zu reklamieren. Zum anderen sollte damit schlicht das demokratische Versprechen politischer Gestaltung gegen den postdemokratischen Fatalismus verteidigt werden.

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