• Homestorys (I). Betreutes Wohnen

    Netflix, mit 140 Millionen Abonnenten und einem Bilanzgewinn in Milliardenhöhe der größte und einträglichste Online-Streamingdienst der Welt, eine Firma also mit sicherem Gespür für die Unterhaltungsbedürfnisse eines gigantischen Konsumentenpools, hat seit dem Frühjahr die erste Staffel einer Serie im Programm, bei der man anderen Menschen beim Hausputz zusehen kann. Tidying up with Marie Kondo basiert auf einer japanischen Ratgeberreihe zur optimalen Haushaltsorganisation, die innerhalb weniger Jahre, begleitet von einem bemerkenswerten Medienecho, millionenfach verkauft und in mehr als drei Dutzend Sprachen übersetzt worden ist (die deutsche Ausgabe trägt den Titel Magic Cleaning).

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

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  • Vor dem Brexit

    Der Glaube, dass Menschen Wahlentscheidungen vor allem mit Rücksicht auf ihre ökonomischen Interessen treffen, war bis vor kurzem weit verbreitet. Die amerikanische Präsidentschaftswahl 2016 und der britische Volksentscheid zum Austritt aus der Europäischen Union wenige Monate davor haben diese vermeintliche Gewissheit jedoch erschüttert. Man hatte nicht damit gerechnet, so formulierte es Jürgen Habermas mit Blick auf das EU-Referendum, »dass sich Identitätsfragen gegen Interessenlagen durchsetzen würden«. Tatsächlich hatte die Strategie der Remain-Seite, den Britinnen und Briten die wirtschaftliche Zukunft ihres Landes außerhalb der EU in schwarzen Farben auszumalen, offenkundig nicht verfangen – und dies nur ein Jahr, nachdem der Wahlkampfstratege Lynton Crosby von den Medien als brillanter Kopf gefeiert worden war, der mit einer nüchtern auf die wirtschaftliche Kompetenz der Tories fokussierten Botschaft einen zwar nicht fulminanten, aber doch deutlichen und vor allem, angesichts anders lautender Umfragewerte: unerwarteten Sieg für die Partei des Premierministers bei den Unterhauswahlen eingefahren hatte. (mehr …)

  • Keine Quallen. Anthropozän und Negative Anthropologie

    Allen anderslautenden Verkündungen zum Trotz leben wir noch immer nicht im Anthropozän.  Zwar liegt der International Commission on Stratigraphy seit August 2016 endlich die offizielle Empfehlung vor, in ihre erdgeschichtliche Periodisierung eine neue geologische Epoche einzuführen, in der der Einfluss des Menschen im Erdstratum ablesbar geworden ist. [2. Zuletzt hatte sich abgezeichnet, dass ihr Beginn wohl auf die jüngste Vergangenheit festgesetzt werden würde – etwa auf die great acceleration, die industrielle Beschleunigung der Nachkriegszeit (Jan Zalasiewicz u.a., The Working Group on the Anthropocene: Summary of evidence and interim recommendations. In: Anthropocene, Nr. 19, 2017) oder auf das Jahr 1945, genauer auf den 16. Juli: Mit dem ersten Atombombentest in der Wüste New Mexicos wäre der Mensch, eine Spezies, die nur 0,01 Prozent irdischen Lebens ausmacht, zu einem geologischen Faktor geworden, dessen Existenz sich auch noch Jahrmillionen später chronostratigrafisch identifizieren ließe (Colin N. Waters u.a., Can nuclear weapons fallout mark the beginning of the Anthropocene Epoch? In: Bulletin of the Atomic Scientists, Nr. 3 vom 1. Mai 2015).] (mehr …)

  • Macht und Ohnmacht des Völkerrechts. Interview mit Anne Peters

    Anne Peters ist Direktorin am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg. Sie war im Frühling 2018 Gast am Zentrum »Geschichte des Wissens« (ZGW) der Universität Zürich und der ETH Zürich. Das folgende Interview ist die überarbeitete Fassung eines Gesprächs über die Geschichte des Völkerrechts und seine Bedeutung in der Gegenwart, über die Macht und Ohnmacht des Völkerrechts gegenüber bewaffneten Konflikten, über nationalistische Kritik am Völkerrecht und die Kontroversen um den Migrationspakt.

    Sie haben im Januar 2018 auf dem Blog des European Journal of International Law vor den Folgen eines »Schweigens der Lämmer« (gemeint ist die internationale Staatengemeinschaft) angesichts der türkischen Offensive auf die syrisch-kurdische Stadt Afrin gewarnt. Afrin steht seitdem unter türkischer Besatzung. Was stand und steht hier aus der Sicht des Völkerrechts auf dem Spiel?

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  • Das vergessene Amt

    Die Leitung der Behörde sah sich genötigt, ihre Belegschaft zur Ordnung zu rufen: »Vorkommnisse der letzten Tage geben Veranlassung darauf hinzuweisen, daß das Ausspucken auf Fluren, Treppen und in den Zimmern unstatthaft und ein Zeichen schlechter Erziehung ist. Derartige Unsauberkeiten sind zu unterlassen.« Damit nicht genug. Die Mitarbeiter mussten auch darauf hingewiesen werden, dass das Werfen von »Zigarettenresten, Briefklammern und dergleichen« aus den Zimmern in den Innenhof zu unterlassen sei, zumal genügend Aschenbecher und Papierkörbe zur Verfügung stünden. (mehr …)
  • Let’s Go East!

    Der bulgarische Politologe und Intellektuelle Ivan Krastev hat mit seinen brillanten Thesen und Deutungen der europäischen Migrationskrise großen Eindruck gemacht, aber, soweit ich sehe, ist eine Diskussion seiner Thesen noch nicht in Gang gekommen. Krastev hat wie kein anderer die Spaltung Europas in Ost und West über die letzten Jahre aufmerksam beobachtet und analysiert. Seine Stimme und seine Diagnose sind so wichtig, weil er aus der Perspektive Osteuropas spricht. Interessant an seinem Kommentar sind seine prägnanten und paradoxen Formulierungen sowie sein Interesse, die Ereignisse statt auf einer politisch-strategischen auf einer kollektiv-psychologischen Ebene zu diskutieren. (mehr …)
  • Eine eurozentrische Geschichte des Kapitalismus. Gefangen in der Kritik der Kapitalismuskritik

    Die kaum ein Jahrzehnt zurückliegende Finanzkrise hat das Interesse am Kapitalismus wiederbelebt. Und doch sollte man die Krisenkonjunktur als Ursache eines solchen Interesses nicht überschätzen. Schließlich kommt dem Kapitalismus auch jenseits seiner Krisenhaftigkeit eine zentrale Bedeutung in nahezu allen theoretischen Konzeptionen der modernen Welt und damit im Selbstverständnis westlicher Gesellschaften zu. Max Webers Versuch, den Stellenwert des modernen Kapitalismus für eine spezifisch okzidentale Sonderentwicklung zu bestimmen, ist nur eine besonders bekannte Variante. Noch im 21. Jahrhundert trifft man auf historische Soziologen wie Richard Lachmann, die ihre Werke mit der Feststellung beginnen: »Something happened in Western Europe in the fifteenth through eighteenth centuries. Sociology’s founders believed the task of their discipline was to define that something and to explain why it happened where and when it did.« (mehr …)
  • Weltbürgerlichkeit als repräsentative Kultur? Soziologiekolumne

    Das Ende des Ost-West-Konflikts und der mit ihm verbundenen bipolaren Weltordnungen hat Veränderungen epochalen Charakters angestoßen und wird längerfristig vermutlich auch die Vorstellungen von Gesellschaftskörpern, ihren Ausdehnungen, Grenzen und Binnengliederungen verändern. Der Übergang in ein neues System von Wahrnehmungen und Deutungen der Wirklichkeit dürfte noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Wie die Matrix der politischen und sozialen Ordnungen steckt auch ihr Vokabular im Umbruch. (mehr …)
  • Ostküste. Popkolumne

    Und jetzt sind sie wirklich überall und nicht mehr zu übersehen. Feine Sahne Fischfilet finden sich nicht mehr nur auf den Partys und Sweatshirts von Antifa, vorpommerscher Jugend und linken Studierenden. Als im September 2018 in Chemnitz innerhalb kürzester Zeit auf Initiative der Band Kraftklub ein Musikfestival unter dem Hashtag #WirSindMehr die Straßen und Plätze der Stadt vom rassistischen Mob zurückerobert, ist das Provokationspotential von Feine Sahne Fischfilet so hoch, dass der Bundespräsident für seinen via Facebook geteilten Hinweis auf das Konzert massiv kritisiert wird. (mehr …)
  • Blickwende. Von der Erfahrung, eine zu große Minderheit zu sein

    In Parodie auf einen berühmten Buchanfang ließe sich sagen: Als Ostdeutscher wird man nicht geboren, zum Ostdeutschen wird man gemacht. Millionen erfuhren seit 1990 von ihrem Geburtsort Ostdeutschland per Fremdzuschreibung. Die DDR als Sozial- und Erfahrungskollektiv schien erst nach ihrer staatlichen Auflösung zu entstehen. (mehr …)