• Der Brexit, Irland und Deutschland

    Im Frühjahr 1986 fragte mich eine Kommilitonin an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel: »Bist du Ire oder Nordire?« »Ja«, antwortete ich, was sie aber nur verwirrte. Ich erklärte ihr, dass ich als gebürtiger Belfaster mit zwar doppelter Staatsbürgerschaft, aber nur einem einzigen (irischen) Pass sowohl Nordire als auch Ire sein könne – genau wie sie als Kielerin sowohl Norddeutsche als auch Deutsche sei. Mit Politik habe das nichts zu tun, meinte ich. Im Herbst 1987 in Rostock, DDR, fragte ich, frisch angekommener Englischlektor an der Wilhelm-Pieck-Universität, einen Studenten aus Schwerin: »Sag mal, hältst du dich für einen Deutschen?« »Natürlich bin ich Deutscher«, erwiderte er vehement, »was denn sonst?« Die Frage hatte ihn beleidigt. (mehr …)
  • Kult der Inkompetenz

    Als das »Volk« Barack Obama anstelle von George Bush jr. gewählt hatte, war es vernünftig – nach der Wahl Donald Trumps gilt hingegen »Mehrheit statt Wahrheit« (Hermann Lübbe). Wählt das Volk »falsch«, steigt das Interesse für Fragen der politischen Bildung kurzzeitig an. Mangelnde Bildung soll die lädierte Demokratietauglichkeit der politikverdrossenen und emotional unkontrollierten Bürgerinnen und Bürger erklären helfen.
  • Literaturkolumne. Feuerzeug, du

    Auf Twitter las ich »docbuelle ist tot«. Den Namen hatte ich lange nicht gehört, die Erinnerungen, die der Tweet weckt, sind vage, ich weiß aber noch, dass docbuelle zu den Bloggern bei Antville gehörte. Antville, das waren, vor zehn und mehr Jahren, bov und sofa und kutter (später Dichtheit und Wahrung) und etc. pp und don und micro robert und supatyp und the frank und einige mehr.
  • Jenseits der Kindeskinder. Nachhaltigkeit im Anthropozän

    Seit dem 29. August 2016 leben wir offiziell im Anthropozän. Oder besser: werden wir gelebt haben. An diesem Tag präsentierte die Anthropocene Working Group, eine hochkarätig besetzte interdisziplinäre Untergruppe der International Commission on Stratigraphy, in Kapstadt ihren Vorschlag, die geologische Epoche der Gegenwart von »Holozän« in »Anthropozän« umzubenennen. Angefangen, so die Wissenschaftler, habe das neue Erdzeitalter in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, mit der »Great Acceleration«, dem Plutonium-Fallout der Atomtests, dem scharfen Anstieg von fossilem Brennstoffverbrauch, dem dadurch verursachten CO2-Ausstoß und mit vielen anderen Stoffen (Plastik, Aluminium), die eine distinkte und dauerhafte geologische Markierung in der Oberfläche der Erde bilden werden. Das Datum markiert eine Zäsur, nämlich die offizielle Anerkennung einer Einsicht, die im Grunde schon seit Jahren unser Bewusstsein von der Gegenwart prägt: dass der Mensch tiefgreifend und im globalen Maßstab das Lebenssystem des Planeten verändert. (mehr …)
  • Romantische Fiktionen. Der Traum von der Welt ohne Geld

    Geld ist ein eigentümlicher Stoff. Die Belege dafür, wie sehr es die Menschheit zu allen Zeiten beschäftigt, ja fasziniert hat, reichen bis zu den Anfängen schriftlicher Überlieferung zurück. Dabei zeichnete sich sehr früh ab, dass die große Aufmerksamkeit, die dem Geld zuteil wird, zugleich starke moralische Abwehrreflexe mobilisiert. Dementsprechend umfangreich ist das Korpus der Schriften, deren Autoren im Geldhabenwollen das Verhängnis der Menschheit schlechthin sehen mochten.
  • Von der Kunst, die Wirklichkeit unmöglich zu machen. Zu Heiner Müller

    »Und die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen – die Wirklichkeit, in der ich lebe, die ich kenne.« Diesen berühmt gewordenen Satz formulierte Heiner Müller 1977.  Ein Jahr später arbeitet er an seinem Stück Der Auftrag: Erinnerung an eine Revolution, uraufgeführt 1980 an der Volksbühne Berlin, unter der Verwendung von Motiven aus Anna Seghers' Erzählung Das Licht auf dem Galgen, die er sich bereits in den 1960er Jahren notiert hatte. [2. Heiner Müller, Motiv bei A.S. In: Ders., Der Auftrag und andere Revolutionsstücke. Hrsg. v. Uwe Wittstock. Stuttgart: Reclam 1988.] Diese Motive betreffen das Schicksal französischer Revolutionsemissäre auf Jamaika, wo sich die revolutionären Hoffnungen zwischen »schwarzen Brüsten« erfüllen und zugleich erledigen, [3. Vgl. Joachim Fiebach, Inseln der Unordnung: Fünf Versuche zu Heiner Müllers Theatertexten. Berlin: Henschelverlag 1990.] den Tod Robespierres (»mit zerbrochenem Kinn«), die Unfähigkeit der Revolution, die Ernährung des Volks zu sichern (»Danton kann der Straße kein Fleisch geben || Seht seht doch das Fleisch auf der Straße« – nämlich jenes unter der Guillotine), und den »Verrat« von Christus an den Teufel (»Der Teufel zeigt ihm die Reiche der Welt«). (mehr …)
  • Im Wartezimmer des Lebens. Heimat für Flüchtlinge?

    Das Grübeln über Heimat und Heimatlosigkeit ist eine konstante Begleiterscheinung meines Lebens, seitdem ich in Deutschland bin; zum einen, weil ich oft darauf angesprochen werde, und zum anderen, weil ich selbst die bestimmt-unbestimmte Sehnsucht nach Heimat verspüre. Doch inzwischen glaube ich zu wissen, dass meine Sehnsucht nach Heimat nicht erfüllt werden kann; deshalb verwandelt sie sich oft in ein Hadern mit dem Schicksal, das irgendwo zwischen mir und der weiten Welt draußen seinen schwebenden Platz hat. (mehr …)
  • Echte Tränen. Theaterkolumne

    Die Saison ist noch einigermaßen jung, und ich habe schon so viele Menschen auf Theaterbühnen weinen sehen. Maryam Zaree hat im Gorki-Theater geweint, eine schöne junge Schauspielerin, die mit ihrer Mutter nie über ihre Geburt in einem iranischen Gefängnis kurz nach der islamischen Revolution gesprochen hat und ausgerechnet im Theater das unausgesprochene Schweigegebot bricht. Maia Morgenstern hat in der Schaubühne geweint, auch eine wunderbare Theaterfrau und obendrein Direktorin des Jüdischen Theaters in Bukarest. Warum sie weinte, war mir während der Aufführung nicht ganz klar, aber rückblickend ist es natürlich mehr als zum Weinen, wenn man im Film ganz große Mutterrollen spielt – die Mutter Jesu in Die Passion Christi –, aber im echten Leben seine Kinder kaum sieht. Und kurz darauf, wieder am Gorki, hat die ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiterin Mai-Phuong Kollath bittere Tränen der Wut vergossen, als sie sich an die Parole »Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!« erinnerte, die besoffene Kunden nach dem Mauerfall bei der Eröffnung von Kollaths Gaststätte in Rostock-Lichtenhagen gegrölt hatten. (mehr …)
  • Von der Kunst, Auschwitz darzustellen

    Es ist genau zwanzig Jahre her, dass der Schriftsteller Maxim Biller konstatierte, dass er mal wieder genervt sei: »Ich bin genervt«, schrieb er 1996 in einem Zeit-Artikel unter der Überschrift Heiliger Holocaust. Genervt von den »endlosen Bewältigungsarien« der Deutschen, davon, dass kein öffentliches Gespräch ohne Auschwitz möglich schien, genervt vor allem davon, dass diese Auseinandersetzungen zu keinem benennbaren Ergebnis führten, sich nur im Kreis und um sich selber zu drehen schienen. »Ich will trotzdem darüber reden«, heißt es im gleichen Text. (mehr …)
  • Rosa Luxemburg, das Klassenbewusstsein und der Donbass. Zur Wiederentdeckung von Andrej Platonow

    Sie sind wieder da: Empörte, die ganz plötzlich und voller Realitätsverachtung irgendwo aus der Provinz hervorkommen. Fast ohne jede politische Bildung, maßen sie sich auf einmal eine Stimme an, obwohl sie in ihrer sonderbaren Interesselosigkeit eigentlich mit niemandem reden wollen. Für viele bilden sie eine große Gefahr, für andere sind sie die einzige Hoffnung, das Unrecht zu überwinden, das ihre Existenz bedeutet. Bei Andrej Platonow (1899–1951) gibt es sie schon. »Die Übrigen« nennt er einen Teil von ihnen in aller Schlichtheit. Es ist also ganz folgerichtig, dass Platonow im Jahr 2016 hierzulande wiederentdeckt wurde: von Frank Castorf mit seiner Inszenierung von Tschewengur (1929) am Schauspiel Stuttgart oder vom Suhrkamp Verlag mit einer Neuübersetzung von Die Baugrube (1930) durch Gabriele Leupold sowie Hans Günthers Biografie.  Platonow entführt uns in seinen Texten in eine seltsam verwirrte und zugleich mutig politische Welt, die nicht von ungefähr erstaunliche Ähnlichkeiten mit unserer desorientierten Gegenwart hat. Erzählt man die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit Platonow und seinen Texten, dann hat sie drei Protagonisten: Rosa Luxemburg, das Klassenbewusstsein und den Donbass. (mehr …)