• Romantische Fiktionen. Der Traum von der Welt ohne Geld

    Geld ist ein eigentümlicher Stoff. Die Belege dafür, wie sehr es die Menschheit zu allen Zeiten beschäftigt, ja fasziniert hat, reichen bis zu den Anfängen schriftlicher Überlieferung zurück. Dabei zeichnete sich sehr früh ab, dass die große Aufmerksamkeit, die dem Geld zuteil wird, zugleich starke moralische Abwehrreflexe mobilisiert. Dementsprechend umfangreich ist das Korpus der Schriften, deren Autoren im Geldhabenwollen das Verhängnis der Menschheit schlechthin sehen mochten.
  • Von der Kunst, die Wirklichkeit unmöglich zu machen. Zu Heiner Müller

    »Und die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen – die Wirklichkeit, in der ich lebe, die ich kenne.« Diesen berühmt gewordenen Satz formulierte Heiner Müller 1977.  Ein Jahr später arbeitet er an seinem Stück Der Auftrag: Erinnerung an eine Revolution, uraufgeführt 1980 an der Volksbühne Berlin, unter der Verwendung von Motiven aus Anna Seghers' Erzählung Das Licht auf dem Galgen, die er sich bereits in den 1960er Jahren notiert hatte. [2. Heiner Müller, Motiv bei A.S. In: Ders., Der Auftrag und andere Revolutionsstücke. Hrsg. v. Uwe Wittstock. Stuttgart: Reclam 1988.] Diese Motive betreffen das Schicksal französischer Revolutionsemissäre auf Jamaika, wo sich die revolutionären Hoffnungen zwischen »schwarzen Brüsten« erfüllen und zugleich erledigen, [3. Vgl. Joachim Fiebach, Inseln der Unordnung: Fünf Versuche zu Heiner Müllers Theatertexten. Berlin: Henschelverlag 1990.] den Tod Robespierres (»mit zerbrochenem Kinn«), die Unfähigkeit der Revolution, die Ernährung des Volks zu sichern (»Danton kann der Straße kein Fleisch geben || Seht seht doch das Fleisch auf der Straße« – nämlich jenes unter der Guillotine), und den »Verrat« von Christus an den Teufel (»Der Teufel zeigt ihm die Reiche der Welt«). (mehr …)
  • Im Wartezimmer des Lebens. Heimat für Flüchtlinge?

    Das Grübeln über Heimat und Heimatlosigkeit ist eine konstante Begleiterscheinung meines Lebens, seitdem ich in Deutschland bin; zum einen, weil ich oft darauf angesprochen werde, und zum anderen, weil ich selbst die bestimmt-unbestimmte Sehnsucht nach Heimat verspüre. Doch inzwischen glaube ich zu wissen, dass meine Sehnsucht nach Heimat nicht erfüllt werden kann; deshalb verwandelt sie sich oft in ein Hadern mit dem Schicksal, das irgendwo zwischen mir und der weiten Welt draußen seinen schwebenden Platz hat. (mehr …)
  • Echte Tränen. Theaterkolumne

    Die Saison ist noch einigermaßen jung, und ich habe schon so viele Menschen auf Theaterbühnen weinen sehen. Maryam Zaree hat im Gorki-Theater geweint, eine schöne junge Schauspielerin, die mit ihrer Mutter nie über ihre Geburt in einem iranischen Gefängnis kurz nach der islamischen Revolution gesprochen hat und ausgerechnet im Theater das unausgesprochene Schweigegebot bricht. Maia Morgenstern hat in der Schaubühne geweint, auch eine wunderbare Theaterfrau und obendrein Direktorin des Jüdischen Theaters in Bukarest. Warum sie weinte, war mir während der Aufführung nicht ganz klar, aber rückblickend ist es natürlich mehr als zum Weinen, wenn man im Film ganz große Mutterrollen spielt – die Mutter Jesu in Die Passion Christi –, aber im echten Leben seine Kinder kaum sieht. Und kurz darauf, wieder am Gorki, hat die ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiterin Mai-Phuong Kollath bittere Tränen der Wut vergossen, als sie sich an die Parole »Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!« erinnerte, die besoffene Kunden nach dem Mauerfall bei der Eröffnung von Kollaths Gaststätte in Rostock-Lichtenhagen gegrölt hatten. (mehr …)
  • Von der Kunst, Auschwitz darzustellen

    Es ist genau zwanzig Jahre her, dass der Schriftsteller Maxim Biller konstatierte, dass er mal wieder genervt sei: »Ich bin genervt«, schrieb er 1996 in einem Zeit-Artikel unter der Überschrift Heiliger Holocaust. Genervt von den »endlosen Bewältigungsarien« der Deutschen, davon, dass kein öffentliches Gespräch ohne Auschwitz möglich schien, genervt vor allem davon, dass diese Auseinandersetzungen zu keinem benennbaren Ergebnis führten, sich nur im Kreis und um sich selber zu drehen schienen. »Ich will trotzdem darüber reden«, heißt es im gleichen Text. (mehr …)
  • Rosa Luxemburg, das Klassenbewusstsein und der Donbass. Zur Wiederentdeckung von Andrej Platonow

    Sie sind wieder da: Empörte, die ganz plötzlich und voller Realitätsverachtung irgendwo aus der Provinz hervorkommen. Fast ohne jede politische Bildung, maßen sie sich auf einmal eine Stimme an, obwohl sie in ihrer sonderbaren Interesselosigkeit eigentlich mit niemandem reden wollen. Für viele bilden sie eine große Gefahr, für andere sind sie die einzige Hoffnung, das Unrecht zu überwinden, das ihre Existenz bedeutet. Bei Andrej Platonow (1899–1951) gibt es sie schon. »Die Übrigen« nennt er einen Teil von ihnen in aller Schlichtheit. Es ist also ganz folgerichtig, dass Platonow im Jahr 2016 hierzulande wiederentdeckt wurde: von Frank Castorf mit seiner Inszenierung von Tschewengur (1929) am Schauspiel Stuttgart oder vom Suhrkamp Verlag mit einer Neuübersetzung von Die Baugrube (1930) durch Gabriele Leupold sowie Hans Günthers Biografie.  Platonow entführt uns in seinen Texten in eine seltsam verwirrte und zugleich mutig politische Welt, die nicht von ungefähr erstaunliche Ähnlichkeiten mit unserer desorientierten Gegenwart hat. Erzählt man die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit Platonow und seinen Texten, dann hat sie drei Protagonisten: Rosa Luxemburg, das Klassenbewusstsein und den Donbass. (mehr …)
  • Plaudertasche emeritus. Religionskolumne

    Das Münchner Literaturhaus liegt nur wenige Schritte vom erzbischöflichen Palais entfernt, dem Wohn- und Amtssitz von Reinhard Kardinal Marx. Dies hinderte Kurienerzbischof Georg Gänswein am Mittag des 12. September 2016 nicht daran, im Foyer des Literaturhauses die harsche Kritik zu bekräftigen, die Papa emeritus Benedikt XVI. abermals an der deutschen Amtskirche geübt hatte. Als Benedikt am 11. Februar 2013 seinen am 28. Februar wirksam gewordenen Rücktritt vom Amt des Bischofs von Rom erklärte, sicherte er seinem – damals ja noch unbekannten – Nachfolger unbedingten Gehorsam zu und kündigte an, sich aus der Öffentlichkeit in ein klösterliches Leben des Betens, Nachdenkens und Schweigens zurückziehen zu wollen. (mehr …)
  • Nahkampf auf der Langstrecke. Elena Ferrante und Karl Ove Knausgård

    In der deutschen Gegenwartsliteratur hat derzeit Konjunktur, was Uwe Tellkamps Hauptfigur im Roman Der Turm die »Blauwale« in seinem Bücherregal nennt: Peter Kurzeck und Andreas Maier, Frank Witzel und Clemens S. Setz, Thomas Glavinic und Maxim Biller üben sich im Erzählmarathon, und dies mit Vorliebe auf autobiografischem Grund. Als internationaler Star des Monumentalen hat sich der Norweger Karl Ove Knausgård etabliert, so dass hier eine literarische Disziplin vermutet werden könnte, in der vor allem männliche Autoren das epische Potential von Lebenserzählungen erkunden. Mit beträchtlicher Verspätung erschien Ende August auch in Deutschland das Buch einer weiblichen Variante dieses Formats: Mit Elena Ferrantes Meine geniale Freundin, dem Auftaktroman ihrer etwa 1700 Seiten umfassenden Neapolitanischen Tetralogie, beginnt der Suhrkamp Verlag die deutsche Publikation einer Gesellschafts-, Familien- und Künstlerinnenerzählung im neorealistischen Cinemascope. (mehr …)
  • Frauen, Serien. Filmkolumne

    Am Anfang, 2012, war Girls. Die HBO-Show von Lena Dunham (Jahrgang 1986) wurde für eine Reihe von Tabubrüchen gefeiert. Ungeschönter Sex und das Sprechen über HPV-Viren gehörten dazu, vor allem aber die offensive Zurschaustellung eines weiblichen Körpers, den man Rubens-Schönheit nennen könnte, der aber sicherlich nicht televisuellen Schönheitsidealen gehorchte. Dabei beruhte die Serie, die um das Leben von vier jungen Frauen in New York kreist, auf einem recht konservativen Modell, einem Bauplan, dem sich die allermeisten Frauengeschichten, die das Fernsehen erzählt, unterwerfen – dem Quartett. (mehr …)
  • Über Literaturjurys

    Jury-Sitzungen beginnen in der Regel leicht verspätet. Irgendetwas mit der Bahn, dem Flieger, dem Taxi oder bei der Parkplatzsuche ist, wenn sieben Menschen sich treffen, eigentlich immer. Die Sitzungen kommen aber auch meist nur langsam in Fahrt, und die Gründe dafür sind verwickelter. Es dauerte ein bisschen, bevor ich verstand, dass diese Anlaufschwierigkeiten nicht trotz, sondern gerade wegen der hohen Motivation aller Beteiligten – oder zumindest der allermeisten Beteiligten – zustande kommen. (mehr …)