• Kriegszivilgesellschaft. Philosophiekolumne

    I

    Eigentlich sind das Zivile und der Krieg Gegensätze. Der Zivilist ist kein Soldat. Jene Formel, die nach zwei Weltkriegen den deutschen Militarismus überwinden wollte, die Formel vom Bürger in Uniform, zielte auf die Zivilisierung des Militärs, auf dessen Bindung an Gesetz und Grundrechte. Nicht hingegen zielte sie auf die Militarisierung des Bürgers. Das hieß: Das Militär sollte vom Zweck des Krieges weggerissen und unter den Zweck des bürgerlichen Friedens gestellt werden. Wie auch immer die Wirklichkeit dieses Ideals aussah, so lautete der Gedanke. Er beruhte auf nichts anderem als dem Sachverhalt, dass der Bürger – und sei er in Uniform – eben kein Krieger ist. (mehr …)

  • Über Fehler in der Politik

    Zum Unterschied zwischen einem Verbrechen und einem Fehler

    »Das ist mehr als ein Verbrechen, das ist ein Fehler« – dieser dem französischen Staatsmann Charles Maurice de Talleyrand zugeschriebene Aphorismus kommt einem in den Sinn, wenn man die Diskussion darüber verfolgt, wie Bundespräsident Steinmeier über seine Russland-Politik als Außenminister der Großen Koalition unter Angela Merkel spricht und sich dabei vor allem gegen Vorwürfe des ukrainischen Botschafters in Deutschland und deren mediales Echo verteidigt. Im Spiegel-Interview vom 8. April 2022 erklärte er zu dem Vorwurf, dass er persönlich bis zuletzt an Nord Stream 2 festgehalten habe: »Das war ein Fehler, ganz klar. Ich habe mich zu lange damit beruhigt, dass Planungen für diese Pipeline schon vor 2014 stattgefunden hatten, und ich habe auf Dialog gesetzt.« Auf den vom Spiegel zitierten ukrainischen Vorwurf, er habe jahrelang eine naive Russland-Politik betrieben, antwortete er: »Wir sollten Putin nicht den Gefallen tun, die Verantwortung für seinen Angriffskrieg auf uns zu ziehen. Unabhängig davon müssen wir jetzt natürlich genau aufarbeiten, wo wir Fehler gemacht haben«, wobei er in das »Wir« ausdrücklich sich selbst einbezieht. (mehr …)

  • Der Krieg in den Knochen. Christiane Hoffmanns Familiengeschichte „Alles, was wir nicht erinnern“

    Mit diesem Buch hatte ich nicht gerechnet. Christiane Hoffmann hat soeben die Erinnerung ihrer Familie für eine breite Öffentlichkeit aufbereitet.  Ist denn die Fluchtgeschichte deutscher Familien um 1945 noch ein Thema? Es wurde doch unmittelbar nach dem Krieg ausführlich behandelt, dann trat es einige Jahrzehnte in den Hintergrund und hatte durch Günter Grass’ Novelle Im Krebsgang nach 2002 eine zweite Konjunktur. Es gab wichtige literarische Texte zum Thema, historische Forschung, mediale Aufbereitung und zwei große Ausstellungen in Bonn und Berlin. All das mündete 2021 in das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin. Damit hat das Thema »Flucht« auf der Berliner Erinnerungsmeile ein sichtbares Zeichen bekommen, und dieses Zeichen ist auf Versöhnung ausgerichtet. Es schien dort nicht nur gut aufgehoben, sondern auch erledigt zu sein. (mehr …)

  • Putin und ich

    1993. Achtzehn Monate Zivildienst im Ausland mit der Aktion Sühnezeichen bei Memorial Sankt Petersburg. Offene Altenarbeit mit Opfern des Nationalsozialismus und Stalinismus. Fast ein Jahr vorbei. August, eine Expedition mit Memorial auf die Solowezki-Inseln im Weißen Meer, 600 Kilometer nördlich von Petersburg. Auf dem Archipel wurden noch unter Lenin die ersten politischen Gefangenen inhaftiert. Für Alexander Solschenizyn bezeichnete Der Archipel Gulag zweierlei: die reelle Solowezki-Inselgruppe und die metaphorischen Lagerinseln, die sich wie ein Archipel über die gesamte UDSSR erstreckten. Wir sind im ehemaligen Kloster auf der Hauptinsel untergebracht, Schlafsäle nach Geschlechtern getrennt. (mehr …)

  • Arbeiten Tiere?

    Wenn man Wien nach Südwesten verlässt, passiert man zwei Tiergärten. Der erste, in der zu Schloss Schönbrunn gehörigen Parkanlage gelegen, ist ein Zoo im klassischen Sinn: Tiere im Gehege. Der Zoo darf sich rühmen, der älteste der Welt zu sein (und auch der beste Europas, das zugehörige Gütesiegel wurde ihm zuletzt 2018 verliehen). Wie jeder Zoo behauptet auch der älteste und beste, sich Tierwohl, Artenschutz und Wissenschaft verschrieben zu haben. Einige wenige architektonische Restbestände der historischen Menagerie wurden modernisiert, die Anlage darüber hinaus aber neugebaut. (mehr …)

  • Anschwellender Popgesang. Botho Strauß und die Ästhetisierung des Politischen

    Vorspiel auf dem österreichischen Politiktheater

    Zu den vielen Provokationsgesten, mit denen die Popliteratur der späten 1990er Jahre die Aufmerksamkeit auf sich zog, zählte die Behauptung, es handle sich auch bei moralischen oder politischen Problemen um ästhetische Herausforderungen, um Fragen also, die den guten oder schlechten Geschmack betreffen. Christian Krachts Faserland, so ein Bonmot von Florian Illies, habe die »Generation Golf« zu dem Bekenntnis ermutigt, dass ihr die Entscheidung zwischen einer grünen oder blauen Barbour-Jacke schwerer falle als die Wahl zwischen CDU und SPD. »Es wirkte befreiend, daß man endlich den gesamten Bestand an Werten und Worten der 68er-Generation, den man immer als albern empfand, auch öffentlich albern nennen konnte.« (mehr …)

  • Mommy Media. Filmkolumne

    Vor kurzem bin ich beim Anblick eines Säuglings in Tränen ausgebrochen. Ich war im Netz auf Fotos der neuseeländischen Ministerpräsidentin Jacinda Ardern gestoßen, die 2018 zu einer Rede vor der UN-Vollversammlung in New York ihre damals drei Monate alte Tochter mitgebracht hatte. Während Ardern ihren Job machte und ihre Rede hielt, saß ihr Partner auf dem Zuschauerrang und kümmerte sich um das Baby. Jacinda Ardern makes history titelte der Guardian, auch andere Zeitungen berichteten wohlwollend.   (mehr …)

  • Im Dienst der guten Sache. Anmerkungen aus Anlass des Klimabeschlusses des Bundesverfassungsgerichts

    Vorspiel

    Am 20. November 2020 strahlte die ARD im Rahmen einer Themenwoche »#WieLeben« unter dem Titel Ökozid einen Film über eine fiktive Gerichtsverhandlung aus. Man schreibt darin das Jahr 2034; verhandelt wird die Klage von 31 Ländern des Globalen Südens, die vom Klimasünder Bundesrepublik Schadensersatz für die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen verlangen; Ort der Szene ist der Internationale Gerichtshof, der wegen ständiger Sturmfluten kurzfristig von Den Haag nach Berlin umziehen musste. Auf dem Bild, mit dem der Film beworben wird, sieht man den Schauspieler Edgar Selge, wie er als Vorsitzender Richter der von Martina Eitner-Acheampong gespielten Angela Merkel sanft ins Gewissen redet: (mehr …)

  • Der Globus. Bericht aus der Kunstförderung

    Der Künstler war am Ende seines Lebens zu alt und zu schwach gewesen, um sein Atelier aufzulösen. Die Erben, nach seinem Tod mühsam ermittelt, waren am Nachlass nicht interessiert. Dieser bestand vor allem aus dem Inhalt des Ateliers. Da der Künstler zwar lokalen Respekt genoss, doch keine größere Berühmtheit erlangt hatte, war der Anreiz gering, ein unübersichtliches Gebirge aus Bildhauerwerkzeugen, Steinblöcken, Kunstwerken in verschiedenen Produktions- und Erhaltungszuständen, sehr vielen verstaubten Büchern, Kisten voller Dokumente und Krimskrams aller Art abzutragen. Nach einer Inspektion des Ateliers beschloss daher die zuständige Kulturbehörde als Vermieterin des Ateliers, die Räumung zu übernehmen. Die Aufgabe war mir zugefallen, da ich für die Kunstförderung verantwortlich war. Normalerweise sollte ich die künstlerische Kreativität und Produktion befeuern. Nun erfuhr ich, dass auch die Auseinandersetzung mit ihren Folgen dazugehören konnte. (mehr …)

  • Kamel oder Dromedar? Zur Diagnose der gesellschaftlichen Polarisierung

    Die Diagnose der gesellschaftlichen Polarisierung ist zu so etwas wie dem Masternarrativ sozialer Wandlungsprozesse geworden, mit dem Subtext, dass das, was einstmals als integriert und harmonisch erschien, nun auseinanderzureißen drohe. Ohne die Diagnose der Polarisierung geht nichts mehr – keine Auseinandersetzung um das Klima, keine um Corona-Maßnahmen, keine um das Gender-Sternchen. In dem Bild der Polarisierung ist die Gesellschaft in zwei Lager aufgeteilt, die nun mit widerstreitenden Interessen und Orientierungen als Gegensatzpaar aufeinandertreffen. Man könnte eine solche Gesellschaft auch als Kamelrücken beschreiben – zwischen den aufragenden Höckern ein trennendes Tal unüberbrückbarer Unterschiede. (mehr …)