• Eine Weltkarte der Ungleichheit. Thomas Pikettys neues Buch »Kapital und Ideologie«

    "Die soziale Ungleichheit ist weder ein technologisches noch ein ökonomisches Phänomen, sondern ein politisches und ideologisches.« So lautet in einem Satz die Hauptthese von Thomas Pikettys neuem Buch Kapital und Ideologie.  Stolze 1300 Seiten Text umfasst der Band, in dem der französische Starökonom sich anschickt, eine ökonomische, soziale und politische Geschichte inegalitärer Systeme von den Feudal- und Sklavenhaltergesellschaften bis zu den postkolonialen und »hyperkapitalistischen« Gesellschaften der Gegenwart zu schreiben. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der Ideologie, denn, wie es bei Piketty immer wieder heißt, »jede Gesellschaft muss ihren Ungleichheiten einen Sinn geben«, damit diese gerechtfertigt und folgerichtig akzeptiert werden können.

    (mehr …)
  • Permanent Kid. Das Internet, der Digital Native und Edward Snowdens Memoiren

    Da haben wir ihn nun, den waschechten Digital Native, den Digital Native, wie er im Buche steht, den Bewohner der digitalen Welt par excellence. Die Buchkritiken sind alle schon erschienen, aber um Buchkritik geht es hier auch nicht. Wohl aber um die Kritik, zu der dieses Buch erneut Anlass gibt: Permanent Record, die Autobiografie Edward Snowdens, Jahrgang 1983, aufgewachsen mit einem Commodore 64 und einem Compaq Presario 425, eigene erste Programmierversuche im zarten Alter von sieben Jahren, netzsüchtig seit der Pubertät: »Seit ich zwölf Jahre alt war, bemühte ich mich, in jedem wachen Augenblick meines Lebens online zu sein. Wenn das nicht möglich war, war ich in Gedanken schon bei meiner nächsten Session. Das Internet war mein Heiligtum.« (mehr …)

  • Arbeit und Selbst im Zeitmeer. Heike Geißlers »Saisonarbeit«

    Sechs oder sieben Minuten nach Beginn von Meshes of the Afternoon, einem Kurzfilm aus dem Jahr 1943, gibt es diese eine ganz kurze Szene, eigentlich nur ein paar Einstellungen: Die Hauptfigur (Regisseurin Maya Deren selbst) kriecht mit rudernden Armen über die Wohnzimmerdecke in ihrem Spanish-Colonial-Revival-Haus in den Hollywood Hills. Immer wieder versucht sie sich von der Decke zu lösen, immer wieder wird sie zurückgezogen und entdeckt sich selbst dann von dort oben tief schlafend in einem der Wohnzimmersessel unter ihr, wo sie von sich selbst träumt, die mit rudernden Armen über die Wohnzimmerdecke in ihrem Spanish-Colonial-Revival-Haus in Hollywood kriecht, sich von dort oben im Sessel unten beobachtet. Und so weiter. Einige Schnitte später, am Fenster, betrachtet Derens Figur sich, wie sie wiederholt die Einfahrt hinauf- und hinunterläuft, einer geheimnisvollen Kreatur in Mönchskutte und mit Spiegelgesicht hinterher. (mehr …)

  • Homo migrans: Schlaglichter aus der Dunkelheit der »Deep History«

    Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte der Migration. Dies gilt in einem solch tiefgreifenden Sinn, dass unsere übliche Vorstellung von Migration diesem Sachverhalt gar nicht gerecht werden kann. Migration wird allgemein nämlich verstanden als »Verlassen des gewöhnlichen Wohnsitzes« – eine Definition,  die offenbar die Sesshaftigkeit unterstellt, um die Migration implizit als den Ausnahmezustand oder die Abweichung von der Norm zu bestimmen. Allein, historisch war es umgekehrt, die Migration ging der Sesshaftigkeit voraus. (mehr …)

  • Walden Inc. Die letzten Männer

    Der »große Meister« Henry David Thoreau, Gründungsfigur des modernen Ein-Mann-allein-im-Wald-Mythos, hat, seitdem 1854 Walden, or: Life in the Woods erschien, eine nicht endenwollende Reihe von Nachahmern gefunden. Wildnis und (innere) Wildheit sind, darin besteht die Anziehungskraft dieses Mythos, nie tot gewesen – höchstens überdeckt, verformt, pervertiert. Tatsächlich gehört der Call of the Wild (Jack London) ebenso zum Sound der Moderne wie der von Eisenbahnen und Schnellstraßen. (mehr …)

  • Die Zuspätrevoltierenden

    In Ostdeutschland wirbt die AfD erfolgreich mit dem Slogan »Vollende die Wende« und appelliert damit an das verbreitete Gefühl, hier sei 1989 etwas Erstaunliches auf den Weg gebracht worden, dann aber ins Stocken geraten und seither unabgegolten. Tatsächlich ist die ostdeutsche Revolte von 1989, die zur ersten erfolgreichen Revolution in der deutschen Geschichte hätte werden können, auf halber Strecke steckengeblieben. Die radikalen Anfangsideen, die sich nicht zur Vulgarität des Konkreten hinreißen ließen, sondern zunächst einmal nur eine utopische Spannung erzeugten, die das Gefühl nährte, alles sei möglich, diese fabelhaften Ideen von Leipzig und Berlin wurden, als die Kleinbürger aus Ost (D-Mark-Lüstlinge) und West (die mit der D-Mark im Gepäck) Lunte gerochen hatten, rasch überwältigt und im Einheitskitsch erstickt (»Wir sind ein Volk«). (mehr …)

  • Demokratisierung der Demokratie

    Demokratische Repräsentation war ursprünglich die Lösung für ein Problem, das Pöbel oder Menge hieß. Mit ihr ließen sich zwei Unterscheidungen zur gleichen Zeit vollziehen: die zwischen Repräsentanten und Repräsentierten und die zwischen repräsentierbar und nicht repräsentierbar.  Das aber etabliert zwei potentielle politische Bruchstellen. Einerseits den Verdacht, dass die Repräsentanten die Interessen der Repräsentierten vergessen oder vernachlässigen, oder diejenigen, die zu repräsentieren sie beauftragt sind, gar gänzlich verachteten. Aber es geht nicht nur um diese beständige Möglichkeit einer Repräsentationslücke – »representative government as we know it leaves open a ›gap‹ between governors and governed, so that despite being represented, the people remain outside« –, [2. Margaret Canovan, The People. Cambridge: Polity 2005.] sondern auch andererseits um die Frage, was in der Demokratie als repräsentierbar eingeschlossen und was als nichtrepräsentierbar ausgeschlossen werden muss. (mehr …)

  • Landschaft mit Windrädern

    Das Schwarzwalddorf, in dem ich aufwuchs, zählte etwa zweihundert Einwohner. Es gab dort ein Hotel, zwei Gasthöfe, einen Tante-Emma-Laden und ein Postamt. Dienstags parkte die »fahrende Volksbank« ihren mobilen Schalterraum in der Dorfmitte, mittwochs hatte die Sparkasse ihren Kassenraum geöffnet. Im Schulhaus wurden die ersten beiden Klassen gemeinsam von der Dorflehrerin unterrichtet, im Rathaus daneben tagte der Bürgermeister mit acht Gemeinderäten. Seit den prosperierenden siebziger Jahren wurde gebaut: Geräteräume für Feuerwehr und Weidegemeinschaft, später ein Gemeindehaus mit einem Veranstaltungssaal und einem Leseraum für die Feriengäste. In jedem Stall standen ein paar Kühe, an sonnigen Sommertagen sah man auf beiden Seiten des Tals Traktoren mit Mähmaschinen oder Ladewagen ihre Bahnen ziehen. Zum Leben reichte die Landwirtschaft allerdings schon lange nicht mehr, deshalb arbeiteten die Männer auf dem Bau, als Lkw- oder Busfahrer, während sich die Frauen zu Hause um Kinder und Feriengäste kümmerten. Wie viele andere Höfe boten auch wir »Zimmer mit Frühstück« an. Die Gäste kamen in den Sommerferien mit dem vollgepackten Familienauto aus dem Ruhrgebiet, blieben drei Wochen und unternahmen Ausflüge und Wanderungen in der näheren Umgebung. (mehr …)

  • „etwas vorlautes widriges“ – Das Judenbild der Brüder Grimm

    Heinz Rölleke, der hochverdiente Nestor der Märchenforschung, schrieb 2007 in einem Aufsatz, man sage den Brüdern Grimm »zuweilen unbesehen, einigermaßen töricht und ganz zu Unrecht« Antisemitismus nach.  Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Rölleke selbst Wilhelm Grimms Wiesbadener Kurtagebuch von 1833 herausgegeben hat, in dem es heißt: »Ich bemerke nur daß die Juden immer mehr überhand nehmen, ganze Tische u. Plätze sind damit angefüllt, da sitzen sie mit der ihnen eigenen Unverschämtheit, fressen Eis u. legen es auf ihre dicken u. wulstigen Lippen, daß einem alle Lust nach Eis vergeht. Getaufte Juden sind auch zu sehen, aber erst in der 5ten oder 6ten Generation wird der Knoblauch zu Fleisch.« [2. Wilhelm Grimms Wiesbadener Kurtagebuch. Hrsg. u. kommentiert vom Germanistischen Oberseminar der Universität Wuppertal unter Leitung von Heinz Rölleke. In: Brüder Grimm Gedenken. Bd. 8. Hrsg. v. Ludwig Denecke. Marburg: Elwert 1988.] Auch von Jacob Grimm sind Stellungnahmen überliefert, die im Widerspruch zu Röllekes Worten stehen. »Alle Judenwörter, wenn wir sie in unserm christlichen Sprachhaushalt brauchen wollen, klingen unedel und schmutzig; sie rühren aus dem gemeinen Umgang mit dem schachernden, wuchernden, trödelnden, fleischschächenden Volke her«, erklärte Jacob Grimm 1815 in einem Sendschreiben an Herrn Hofrath –r. in dem Periodikum Friedensblätter.

    (mehr …)
  • Kunstmarkt und Globalkultur

    Fast jede Woche im Herbst und im Frühjahr purzelt eine Meldung vom internationalen Kunstmarkt herein, begleitet von Kopfschütteln, weniger von Empörung, wie in anderen Fällen heilloser Ressourcenverschwendung. Dass jemand Millionen und Abermillionen für ein Bild zu zahlen bereit ist, wird offenbar immer noch als Privatangelegenheit betrachtet und noch nicht als Verstoß gegen ethische Normen, die inzwischen wie Pilze aufschießen und jede Praktik des zeitgenössischen Lebens brandmarken können. Kulturwerte sind menschenrechtskonform und weitgehend klimaneutral, meistens jedenfalls, es gibt schon erste Ausnahmen. Dennoch erscheint die finanzielle Verausgabung für Kunst, wiewohl sie doch auf obszöne Weise materielle Ungleichheitsverhältnisse zum Ausdruck bringt, als persönliches Schicksal von jemandem, der es ertragen kann. Früher tauchte ein teurer Kauf in den bunten Seiten der Zeitungen auf, heute ist das Interesse daran nicht nur größer, sondern auch differenzierter: Von argwöhnischen Kommentaren werden die Ereignisse des Kunstmarkts hierzulande begleitet, in China bejubelt man in Rekordpreisen sich selbst und seine Finanzkraft. (mehr …)