• Eurofaschismus – Wer gegen ihn ist, könnte für ihn sein

    An diesem EU-Wahlkampf fiel auf, wie viele abstrakte Unterstützer Europa hat: Fast alle großen Parteien, Redaktionen, Verwaltungen (»Berlin ist vereint, Europa soll es bleiben. Gib Europa deine Stimme!«) und Unternehmen (Bahn, VW, Spotify, Gesamtmetall und fritz-kola) riefen zur Wahl auf, um »den Rechten« (fritz-kola) das Wasser abzugraben. Ganz abgesehen davon, dass die wichtigste EU-Wahl wohl die deutsche Bundestagswahl ist (und vielleicht noch die französische Präsidentenkür), wo sich entscheidet, was der Rat entscheidet, also diesen demokratietheoretisch unschönen Fleck einmal beiseite gelassen und angenommen, es gäbe bei der EU-Parlamentswahl tatsächlich so viel zu bestimmen, wie alle behaupten, ist es doch seltsam, wie selbstverständlich eine Verwandtschaft von Europa und Liberalismus oder gar Emanzipation vorausgesetzt wird. (mehr …)

  • Musikwissenschaftsdämmerung. Anmerkungen zu einem unzeitgemäßen Fach

    Frühsommerlich anmutende Apriltage in einem ehemaligen Bonner Gutshof. Die Atmosphäre ist familiär, es gibt Schnittchen aller Art, Obst in bunter Auswahl, selbstgebackenen Kuchen und Spezereien. Internationale Referenten sind angereist, allesamt Doktor(inn)en und Professor(inn)en der Musikwissenschaft, illustre Namen. Ein Symposium für Joseph Woelfl (1773–1812), Klaviervirtuose, Sänger, Komponist, Mozart-Schüler, Sparringpartner im öffentlichen Wettstreit mit Beethoven am Klavier, Komponist mit einigem Erfolg. Nach seinem Tod aus der Musikgeschichte ausgeschieden, vergessen, wie die meisten seiner Zeitgenossen. Ein Kleinmeister. Und dennoch bemüht sich das Musikwissenschaftler-Ehepaar Prof. Dr. Hermann Dechant und Prof. Dr. Margit Haider-Dechant, unbeirrt vom Urteil der Historie sein Werk wieder repertoirefähig zu machen. Sie veranstalten Symposien, veröffentlichen einen Almanach, verwalten ein Woelfl-Haus (Tagungsstätte und Museum), gründeten und leiten eine Woelfl-Gesellschaft, geben eine Gesamtausgabe von dessen Werken im eigenen Verlag heraus, veranstalten Konzerte.

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

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  • Zwischen Gesetz und Urteil gibt es keine Hermeneutik. Oder wie 1912 die traditionellen Auslegungsmethoden ihr Ende fanden

    Aber was weiß so ein Rationalist denn vom wirklichen Leben? Carl Schmitt Auf welche Weise wird entschieden? Das ist die reflexive Frage zum Phänomen des Rechtlichen par excellence: dem Urteil. Was passiert da eigentlich, wie kommt es dazu? Die Antwort auf diesen Fragenkomplex bewegt sich zwischen Bindung und Freiheit, zwischen Gesetz und Souveränität, zwischen Deduktion und Dezision. Fangen wir, um die Aufklärung darüber, worum es geht, auf die Spitze zu treiben, mit einem Ende an, dem Ende der Vorstellung des in der Demokratie üblichen Verfahrensgangs bei der Herstellung von Gesetzen und Urteilen. Reden wir zu Beginn von einer Lage, in der Hermeneutik, Aufklärung und Recht sich in der Defensive befinden, so wie heute im Übrigen auch, wenn etwa bajuwarische Diktate zur Ausbreitung kommen. Reden wir zunächst von 1922, also dem Jahr, in dem Carl Schmitt, eine der zentralen Figuren des politischen, literarischen und wissenschaftlichen 20. Jahrhunderts, einen seither weltberühmt gewordenen Satz aufschrieb: »Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.«

    (Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

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  • Homestorys (I). Betreutes Wohnen

    Netflix, mit 140 Millionen Abonnenten und einem Bilanzgewinn in Milliardenhöhe der größte und einträglichste Online-Streamingdienst der Welt, eine Firma also mit sicherem Gespür für die Unterhaltungsbedürfnisse eines gigantischen Konsumentenpools, hat seit dem Frühjahr die erste Staffel einer Serie im Programm, bei der man anderen Menschen beim Hausputz zusehen kann. Tidying up with Marie Kondo basiert auf einer japanischen Ratgeberreihe zur optimalen Haushaltsorganisation, die innerhalb weniger Jahre, begleitet von einem bemerkenswerten Medienecho, millionenfach verkauft und in mehr als drei Dutzend Sprachen übersetzt worden ist (die deutsche Ausgabe trägt den Titel Magic Cleaning).

    (Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

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  • Vor dem Brexit

    Der Glaube, dass Menschen Wahlentscheidungen vor allem mit Rücksicht auf ihre ökonomischen Interessen treffen, war bis vor kurzem weit verbreitet. Die amerikanische Präsidentschaftswahl 2016 und der britische Volksentscheid zum Austritt aus der Europäischen Union wenige Monate davor haben diese vermeintliche Gewissheit jedoch erschüttert. Man hatte nicht damit gerechnet, so formulierte es Jürgen Habermas mit Blick auf das EU-Referendum, »dass sich Identitätsfragen gegen Interessenlagen durchsetzen würden«. Tatsächlich hatte die Strategie der Remain-Seite, den Britinnen und Briten die wirtschaftliche Zukunft ihres Landes außerhalb der EU in schwarzen Farben auszumalen, offenkundig nicht verfangen – und dies nur ein Jahr, nachdem der Wahlkampfstratege Lynton Crosby von den Medien als brillanter Kopf gefeiert worden war, der mit einer nüchtern auf die wirtschaftliche Kompetenz der Tories fokussierten Botschaft einen zwar nicht fulminanten, aber doch deutlichen und vor allem, angesichts anders lautender Umfragewerte: unerwarteten Sieg für die Partei des Premierministers bei den Unterhauswahlen eingefahren hatte. (mehr …)

  • Keine Quallen. Anthropozän und Negative Anthropologie

    Allen anderslautenden Verkündungen zum Trotz leben wir noch immer nicht im Anthropozän.  Zwar liegt der International Commission on Stratigraphy seit August 2016 endlich die offizielle Empfehlung vor, in ihre erdgeschichtliche Periodisierung eine neue geologische Epoche einzuführen, in der der Einfluss des Menschen im Erdstratum ablesbar geworden ist. [2. Zuletzt hatte sich abgezeichnet, dass ihr Beginn wohl auf die jüngste Vergangenheit festgesetzt werden würde – etwa auf die great acceleration, die industrielle Beschleunigung der Nachkriegszeit (Jan Zalasiewicz u.a., The Working Group on the Anthropocene: Summary of evidence and interim recommendations. In: Anthropocene, Nr. 19, 2017) oder auf das Jahr 1945, genauer auf den 16. Juli: Mit dem ersten Atombombentest in der Wüste New Mexicos wäre der Mensch, eine Spezies, die nur 0,01 Prozent irdischen Lebens ausmacht, zu einem geologischen Faktor geworden, dessen Existenz sich auch noch Jahrmillionen später chronostratigrafisch identifizieren ließe (Colin N. Waters u.a., Can nuclear weapons fallout mark the beginning of the Anthropocene Epoch? In: Bulletin of the Atomic Scientists, Nr. 3 vom 1. Mai 2015).] (mehr …)

  • Macht und Ohnmacht des Völkerrechts. Interview mit Anne Peters

    Anne Peters ist Direktorin am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg. Sie war im Frühling 2018 Gast am Zentrum »Geschichte des Wissens« (ZGW) der Universität Zürich und der ETH Zürich. Das folgende Interview ist die überarbeitete Fassung eines Gesprächs über die Geschichte des Völkerrechts und seine Bedeutung in der Gegenwart, über die Macht und Ohnmacht des Völkerrechts gegenüber bewaffneten Konflikten, über nationalistische Kritik am Völkerrecht und die Kontroversen um den Migrationspakt.

    Sie haben im Januar 2018 auf dem Blog des European Journal of International Law vor den Folgen eines »Schweigens der Lämmer« (gemeint ist die internationale Staatengemeinschaft) angesichts der türkischen Offensive auf die syrisch-kurdische Stadt Afrin gewarnt. Afrin steht seitdem unter türkischer Besatzung. Was stand und steht hier aus der Sicht des Völkerrechts auf dem Spiel?

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  • Das vergessene Amt

    Die Leitung der Behörde sah sich genötigt, ihre Belegschaft zur Ordnung zu rufen: »Vorkommnisse der letzten Tage geben Veranlassung darauf hinzuweisen, daß das Ausspucken auf Fluren, Treppen und in den Zimmern unstatthaft und ein Zeichen schlechter Erziehung ist. Derartige Unsauberkeiten sind zu unterlassen.« Damit nicht genug. Die Mitarbeiter mussten auch darauf hingewiesen werden, dass das Werfen von »Zigarettenresten, Briefklammern und dergleichen« aus den Zimmern in den Innenhof zu unterlassen sei, zumal genügend Aschenbecher und Papierkörbe zur Verfügung stünden. (mehr …)
  • Let’s Go East!

    Der bulgarische Politologe und Intellektuelle Ivan Krastev hat mit seinen brillanten Thesen und Deutungen der europäischen Migrationskrise großen Eindruck gemacht, aber, soweit ich sehe, ist eine Diskussion seiner Thesen noch nicht in Gang gekommen. Krastev hat wie kein anderer die Spaltung Europas in Ost und West über die letzten Jahre aufmerksam beobachtet und analysiert. Seine Stimme und seine Diagnose sind so wichtig, weil er aus der Perspektive Osteuropas spricht. Interessant an seinem Kommentar sind seine prägnanten und paradoxen Formulierungen sowie sein Interesse, die Ereignisse statt auf einer politisch-strategischen auf einer kollektiv-psychologischen Ebene zu diskutieren. (mehr …)
  • Eine eurozentrische Geschichte des Kapitalismus. Gefangen in der Kritik der Kapitalismuskritik

    Die kaum ein Jahrzehnt zurückliegende Finanzkrise hat das Interesse am Kapitalismus wiederbelebt. Und doch sollte man die Krisenkonjunktur als Ursache eines solchen Interesses nicht überschätzen. Schließlich kommt dem Kapitalismus auch jenseits seiner Krisenhaftigkeit eine zentrale Bedeutung in nahezu allen theoretischen Konzeptionen der modernen Welt und damit im Selbstverständnis westlicher Gesellschaften zu. Max Webers Versuch, den Stellenwert des modernen Kapitalismus für eine spezifisch okzidentale Sonderentwicklung zu bestimmen, ist nur eine besonders bekannte Variante. Noch im 21. Jahrhundert trifft man auf historische Soziologen wie Richard Lachmann, die ihre Werke mit der Feststellung beginnen: »Something happened in Western Europe in the fifteenth through eighteenth centuries. Sociology’s founders believed the task of their discipline was to define that something and to explain why it happened where and when it did.« (mehr …)