• Die Angst vor der Leitkultur

    Ausgerechnet den Begriff »Leitkultur« für etwas an sich richtig Gedachtes zu wählen, hieß dem Pietismus der ideologischen Leisetreterei ein Geschenk zu machen. Daß die häßliche Metapher nun auch noch einhergeht mit dem größten Reizwort für den hiesigen Politmoralismus, nämlich »deutsch«, erklärt die wü- tende, die herablassende oder die moralisch erpresserische Reaktion. Aber auch wenn es nicht das Wort »Leitkultur« gewesen wäre, sondern »kulturelle Norm«, also der Hinweis darauf, daß in komplexen Gesellschaften bei aller privaten Liberalität so etwas wie eine historische und mentale Dominante vorherrschen müsse, wäre die Aufregung nicht minder gewesen. Denn eine solche Norm könnte hier nicht türkisch, arabisch, südamerikanisch oder russisch sein, sondern sie müßte eben deutsch sein. Daß Freundschaft mit Ausländern immer schon zum Reichtum einer Person gehörte, daß Internationalität das Salz einer nationalen Kultur ist, ändert an der Wichtigkeit des Normbegriffs nichts, sollte jedenfalls kein Anlaß sein, die Kategorien, um die es hier geht, zu verwechseln. (mehr …)
  • Gegründet 2017 als House of European History

    Eigentlich sollte das House of European History im Laufe des Jahres 2014 eröffnet werden. Seit es 2007 durch den damaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering, initiiert wurde, war es anhaltender Kritik ausgesetzt. Wie zuvor schon einzelne, aber gescheiterte Vorgängerprojekte soll es dazu beitragen, eine nicht näher definierte Form europäischer Identität zu fördern. Ähnlich wie das Besucherzentrum des Europäischen Parlaments, 2011 eröffnet, ist das House ein Projekt der politischen Elite in Brüssel. Die Intransparenz in der Entwicklungsphase, die Vermeidung jeglicher öffentlichen Diskussion ruft die Kritiker auf den Plan. (mehr …)
  • The Monuments Men Are Back

    Kulturgüterschutz als sicherheitspolitische Herausforderung

    »When tracking down terrorists, we now find antiquities.« Matthew Bogdanos

    Im Oktober 2016 beschloss das britische Unterhaus, die Streitkräfte künftig durch eine »specialist cultural protection unit« zu ergänzen. Modern-day Monuments Men Wanted by the British Army titelte The Art Newspaper. Tatsächlich verfügte die britische Armee seit Ende des Zweiten Weltkriegs über keine Spezialeinheit mehr, die ausdrücklich mit dem Schutz von Kulturgütern vor Zerstörung, Raub und Plünderungen befasst gewesen wäre – »wherever its forces are deployed.«[2. Der Einsatzbericht der »originalen« britischen »Monuments Men« im Zweiten Weltkrieg ist nach Kriegsende veröffentlicht worden und stellt ein in mehrfacher Hinsicht beeindruckendes Dokument dar. Vor allem fällt auf, dass sich bestimmte Problemlagen in den letzten siebzig Jahren nur unwesentlich verändert haben. Lt.-Col. Sir Leonard Woolley, A Record of the Work Done by the Military Authorities for the Protection of the Treasures of Art & History in War Areas. London: His Majesty's Stationery Office 1947.] Inzwischen wird der Beschluss des House of Commons umgesetzt, die Einheit befindet sich im Aufbau. (mehr …)
  • Das Geschichtsbild der Neuen Chronologie

    An der Moskauer Staatsuniversität wird die historische Zeitrechnung radikal revidiert

    Vor einiger Zeit wurde aus der Universität Salento (Lecce) eine dezidierte Neudatierung der sogenannten Kapitolinischen Wölfin gemeldet, eines Meisterwerks etruskischer Plastik, das den Gründungsmythos der Stadt Rom vergegenwärtigt und allein deshalb schon immer zu kontroversen Spekulationen Anlass gegeben hat. Durch Radiokarbontests und andere Materialstudien ist nun nachgewiesen, dass die angeblich aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert stammende Skulptur nicht vor dem 12. Jahrhundert hat entstehen können. Diesbezügliche Vermutungen gab es schon früher. Obwohl sie durch die jüngsten Untersuchungen zur Gewissheit geworden sind, bleibt in weiten Kreisen (und selbst unter Experten) ein Rest von Skepsis. Noch heute wird die Wölfin mit den beiden Säuglingen Romulus und Remus auf der Homepage der Kapitolinischen Museen ambivalent datiert auf »5. Jahrhundert v. Chr. oder Mittelalter«. (mehr …)
  • Bildung und Umgebung (I)

    Wege aus der pädagogischen Provinz

    Was einem angehört, wird man nicht los, und wenn man es wegwürfe. Goethe, Wanderjahre (1829)

    Das Kompetenzwunder

    Als die Menschen bei Bethsaida am See Genezareth von Jesus aufgefordert wurden, sich »in Gruppen zu je fünfzig zu setzen« (Lukas 9,14), spielte dabei die durchschnittliche Klassenstärke im deutschen Schulsystem wahrscheinlich noch keine Rolle. Die Zahl wäre ohnehin leicht übertrieben gewesen und galt vor allem für die sogenannte Armenschule und für die noch späteren Volksschulen. Wilhelm Raabe hat dieser Armenschule mit seinem Helden Hans Unwirrsch 1864 in Der Hungerpastor ein Denkmal gesetzt. Die soziale Wirklichkeit hatte sich eben auch in Deutschland im Zeichen von Bildung im Jahrhundert des Bildungsbürgertums nicht einfach verflüchtigt. Im Gegenteil: Bildung war immer und überall eine knappgehaltene Ressource, über deren Verteilung streng gewacht wurde. Alphabetisierung und humanistischer Feinschliff waren schließlich nicht schon dasselbe – und sollten es auch nie sein. Daran wurde erst seit Ende der 1960er Jahre gerüttelt. Doch die konsequente Vergemeinschaftung höherer Bildung brachte Probleme ganz anderer Art mit sich. Die zitierten Evangelien handeln von der Armut und dem Hunger, die noch Hans Unwirrsch treffen sollten, bevor er von Berufs wegen und endlich auskömmlich über sie predigte. Aber sie handeln auch von einer wundersamen Vermehrung und Teilbarkeit. Als aus fünf Broten und zwei Fischen Speise für fünftausend Abnehmer geschaffen wurde, zeichnete sich auch der pädagogische Kompetenzbegriff unserer Tage schon am Horizont des christlichen Abendlands ab. Begriff und Phänomen sind noch gar nicht lange in der bildungspolitischen Diskussion, und doch erhält schon jetzt jede Klasse, jeder Jahrgang, jeder Studiengang – (Bundes)landauf und (Bundes)landab – ungefragt und in unvorstellbarer Überfülle und Reichlichkeit davon. Viertausend verschiedene Kompetenzen soll man kürzlich allein für die Schweizer Schulen gezählt haben. Und das entspräche ja auch exakt den abweichenden Zahlenangaben zum Brotwunder bei Markus (8,9). Die Deutschen bringen es angeblich schon für eine einzige Jahrgangsstufe, nach Lehrplanstichproben, auf dreihundert.[2. Vgl. Jürgen Kaube, Non Vitae. In: FAZ vom 19. Januar 2017.] Ganz sicher werden sie sich am Ende des Tages nicht haben lumpen lassen. »Der Deutsche«, schreibt Goethe schon 1829 in dem Aus Makariens Archiv genannten Anhang zu den Wanderjahren, »läuft keine größere Gefahr, als sich mit und an seinen Nachbarn zu steigern«.

    Lesen im Buch

    Bildung hatte auf undurchsichtige Weise mit dem Lesen von Büchern zu tun. Was genau beim Lesen von Büchern passierte, ist auch rückblickend immer noch schwer zu beschreiben. Jemand empfahl ein Buch. Man schaffte es an, weil man demjenigen Urteilskraft zutraute. Man fing an zu lesen. Wenn man »reinkam« in das Buch – wie es so schön hieß –, las man weiter und strich sich Stellen an, die für besonders wichtig, für prägnant befunden wurden, oder Stellen, die einen begeisterten, die eine eigene Lebenssituation wunderbar auf den Punkt brachten. Da »prägnant« und »pregnant« verwandte Wörter sind, ging man mit dem Buch eine Weile schwanger.[3. Vgl. Albert Paris Gütersloh, Über Prägnanz. In: Ders., Die Rettung. Blätter zur Erkenntnis der Zeit. Bd. I. Wien: Karl Harbauer 1919.] Jahre später nahm man das Buch wieder hervor, um es anhand der eigenen Unterstreichungen noch einmal durchzugehen. Man wollte – jetzt ganz ökonomisch – die durch die Unterstreichungen von einem selbst verfertigte Kurzform des Buchs benutzen. Man kannte es ja schon. Merkwürdigerweise aber stellte man fest, dass nur unwichtige Stellen angestrichen worden waren. Oder auch Stellen, die aus der Distanz der Jahre furchtbar kitschig wirkten – gerade mit Blick auf vermeintliche Gefühlslagen von damals. Das Buch wurde also erneut durchgegangen. In diesem Moment setzte ein Lernprozess über die Bandbreite und Tiefe des Themas und der Erzählung ein. Es fanden sich neue wichtige Stellen, und gleichzeitig lernte man etwas über sich als Leser oder Leserin – und über das Lesen als solches. Es begann sich eine Art historischer Sinn auszuprägen. Man sah, dass man durch ein bestimmtes Lesen ein Anderer wurde, beziehungsweise dass man als ein Anderer – Älterer – auch anders las. Für ein im weitesten Sinn auf Bildung zielendes Lesen und Lernen brauchte es also lange Zeit angeblich einfach nur die richtigen Bücher – die man dann mindestens zweimal zu lesen hatte.[4. Vgl. Georg Stanitzek, »0/1«, »einmal/zweimal« – der Kanon in der Kommunika­tion. In: Bernhard J. Dotzler (Hrsg.), Technopathologien. München: Fink 1992.] Heute ist man unsicherer denn je, welche Bücher wohl die richtigen sein könnten und ob das überhaupt alles noch so stimmt. Das hängt – neben der politischen (lesen ...)
  • Wir, die Bürger(lichen)

    Ob liberale Demokratien überleben, erscheint heute überraschend ungewiss. Vielleicht hat eine Ordnung, an der Mehrheiten kein Interesse haben, weil sie bloß versorgt und unterhalten werden wollen, keine Zukunft – schon gar nicht, wenn sich die Ordnung selbst als Mehrheitsherrschaft versteht. Doch ist offen, ob die, die sich heute auf eine Mehrheit berufen, um deren Herrschaft aus den Angeln zu heben, tatsächlich in der Mehrheit sind. Denn Präsident Trump, der Brexit oder die knapp gescheiterte Wahl von Norbert Hofer in Österreich, der einen höheren Stimmenanteil erhielt als Trump, sind nur unter zwei Bedingungen möglich: Sie bedürfen einer nicht mehrheitsfähigen Linken, die Kandidaten wie Corbyn oder Mélenchon unterstützt und so rechtsautoritäre Siege wahrscheinlicher macht.
  • Dreitagebart (I)

    Ich hätte es mir denken können. Ich musste erst auf eine Party gehen, um den großen Elefanten im Raum der deutschen Universitäten in seinem fetten Grau glasklar vor mir zu sehen. Zu sehen war natürlich nichts. Der Ort war New York. Es war der 31. August 2015. Die Party wurde von der Zeitschrift The New Yorker veranstaltet. Alex Ross war da, Elif Batuman war da, Adrian Tomine, Emily Nussbaum. Françoise Mouly; Art Spiegelman und Reinhold Martin hatten ein Glas in der Hand. Ich natürlich auch. Seymour Hersh und Chris Kraus sollen später noch vorbeigeschaut haben.
  • Der alte Karl Marx

    Wie Sie wirklich zu Marx stehen, das zeigt sich in Ihrem Verhältnis zum Kapital. Auf den jungen Marx kann sich jeder berufen; er ist, so wird gesagt, kämpferisch, leidenschaftlich und humanistisch, philosophisch, politisch und romantisch. Genau aus diesem Grund, so konnte schon Alfred Schmidt in seiner Dissertation Der Begriff der Natur in der Lehre von Karl Marx von 1962 süffisant feststellen, ist der junge Marx auch zum Lieblingsautor der evangelischen Akademien avanciert.
  • Theoriemüdigkeit. Designkolumne

    Wenn in dreißig oder vielleicht auch fünfunddreißig Jahren die ersten Wissenschaftshistorikerinnen und -historiker darangehen werden, das plötzliche Verschwinden der kleinen deutschen geisteswissenschaftlichen Buchverlage im ersten Drittel des 21. Jahrhunderts aufzuarbeiten, dann wird, da bin ich mir ziemlich sicher, die Diagnose in vielen Fällen »fahrlässige Selbstabschaffung« lauten. Damals, so werden sie konstatieren, flossen die öffentlichen Druckkostenzuschüsse in derart breiten Strömen und vermeintlich so zuverlässig durch die Republik, dass zahlreiche Unternehmen ihr bisheriges Geschäftsmodell als unnötig riskant zu empfinden begannen und lieber auf das Prinzip der feudalen Pfründewirtschaft umstellten. (mehr …)
  • Oscars, O.J. Filmkolumne

    Oh my God. Die Oscars 2017 endeten mit einem phänomenalen Schnitzer, »einem der bizarrsten – und unangenehmsten – Momente in der Geschichte der Oscars«, fand CNN. Ausgerechnet in der Kategorie Bester Film, zum Höhepunkt der ganzen Zeremonie, wurde der falsche Preisträger verkündet, schuld sollen zwei vertauschte Briefumschläge gewesen sein. Das Team von La La Land jubelte jedenfalls schon auf der Bühne, und die Produzenten hielten ihre Dankesreden, als Security auf die Bühne trat und diffuse Unruhe entstand. Preisverkünder Faye Dunaway und Warren Beatty, früher mal Bonnie und Clyde, heute ältere Leute, standen verwirrt herum, bis der Produzent von La La Land Beatty den richtigen Umschlag aus der Hand riss und ihn zum Beweis in die Kameras hochhielt: »Moonlight ist der Gewinner. Das ist kein Witz! Sie haben das Falsche vorgelesen!«, und Moderator Jimmy Kimmel bekräftigte: »Nein, Leute, es war ein Fehler, Moonlight hat gewonnen.« Die minutenlange Verwirrung darüber, was Inszenierung war und was nicht, zeigt, wie schwer es ist, aus einer missglückten Performance herauszukommen und einen Sprechakt zu widerrufen. »Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das hier wirklich ist«, sagte die Produzentin von Moonlight anschließend in ihrer Dankesrede, und wer wollte es ihr verdenken. (mehr …)