• Rechtskolumne. Geld und Demokratie

    Bisher wird das Verhältnis von Geld und Demokratie vor allem dort diskutiert, wo das Empörungspotential groß und die Bewertung scheinbar besonders klar ist, nämlich bei den Ausgaben für den demokratischen Prozess. Besonders auffällig war die Debatte in dieser Hinsicht etwa nach der letzten Bundestagswahl, als aufgrund des im Jahr 2013 geänderten Wahlrechts die Zahl der Bundestagsabgeordneten erstmals von der Soll-Größe von 598 auf die neue Ist-Größe von 709 Mandaten anstieg und den Bundestag damit zum zweitgrößten Parlament der Welt nach dem Nationalen Volkskongress Chinas machte.

    (mehr …)

  • Ulrike Meinhof, der Schah von Persien und mein Vater. Zur Bedeutung von 1968

    Ein Mann mit graumeliertem Haar und perfekt sitzender Uniform schaut auf ein Schild. Er hält seine Uniformmütze in beiden Händen vor dem Bauch, er trägt eine dunkle Sonnenbrille, und er ist umgeben von anderen Männern in Militäruniformen. Neben ihm steht ein jüngerer Mann in dunklem Anzug mit Fliege. Er hat schon eine Halbglatze und redet, erklärt offenbar das Schild und wird dabei beäugt von einem weiteren Anzugträger, der in den Reihen der Uniformträger steht. Kleidung und Mimik lassen keinen Zweifel: Der Anlass ist feierlich und ernst. (Auch wenn einige der Militärs gelangweilt aus dem Bild herausschauen.) Die Szene spielt in einer Halle, vielleicht einer Messehalle, das lässt sich an der Stangen- und Blechkonstruktion am linken oberen Bildrand erkennen. Hinter den Männern steht ein Bus, links oben ist das Ende eines schwarzen Banners mit arabischen Schriftzeichen zu erkennen. Die Schrift auf der Rückseite des Schilds ist sowohl arabisch als auch lateinisch. Der Sonnenbrillenträger in der Bildmitte ist Mohammad Reza Pahlavi, der Schah von Persien. (mehr …)
  • Ins Unklare

    Heraklit, Hegel, Heidegger: Das Unklare macht Geschichte. Geschichte des Denkens jedenfalls; die Geschichte der Taten braucht, wie es scheint, klare Parolen. Denken lässt sich mehr Zeit als Tun. Aber das allein erklärt nicht, weshalb sich Unklares so gut hält. Denn zunächst ist Unklarheit ja ein Hindernis der Beschäftigung mit etwas; wer Zeichen der Unklarheit – seltsame Kombinationen von Worten oder Satzungetüme zum Beispiel – an einem Text wahrnimmt und daraufhin abwinkt, für den ist dieser erledigt. Er wird die ihm verfügbaren Stunden mit anderem zubringen, von dem er sich mehr – mehr Erhellung, mehr Anregung, mehr Vergnügen – verspricht. Woran genau liegt es also, dass über den unklaren Heidegger nach wie vor ernsthaft nachgedacht und auch gestritten wird, während über seine klaren Zeitgenossen Bertrand Russell und Karl Popper die Akten, durchaus wohlwollend, geschlossen sind?

    (mehr …)

  • Klasse, Frauen

    Am 24. Februar 2018 forderte Marie Schmidt in der Zeit unter dem Titel Hört die Signale! , dass die neue Internationale (Bewegung) #MeToo »Folgen für den modernen Arbeitskampf haben« müsse. Sie beschreibt die Frauenrechtsbewegung »Time’s Up«, die sich über Missbrauch und Ungleichheit am Arbeitsplatz empört, als ein Moment der Arbeiterbewegung. Feminismus ist Klassenkampf, möchte man zuspitzen, würde Schmidts Artikel nicht gleichzeitig den Befund formulieren, dass man von »Klassen« heute höchstens noch in Anführungszeichen sprechen kann, so wie auch niemand mehr vom »Proletariat reden mag«.

    (mehr …)
  • Vor, bei und nach dem Übersetzen

    Was ist ein übersetzter Text, und wem gehört er? Was macht eine Übersetzung mit dem Was ihrer Ausgangssprache, wenn sie ihn in das neu zu gestaltende Wie ihrer Zielsprache schiebt? Lässt sich das Was eines Textes von der jeweiligen sprachlichen Äußerung überhaupt trennen? Diese Fragen treiben mich um, seit ich übersetze, und das ist, neben früheren Gelegenheitskontakten, seit gut zehn Jahren. (mehr …)
  • Intimität. Klangkolumne

    Sie hören ein Rascheln. Nicht fern, zu nah fast. Fast unerträglich nah. Ein leichtes Stöhnen, es wird stärker; nun sind andere Materialien zu hören, Kleidungsstücke, Möbelstücke, Schmuck; sie werden in Bewegung versetzt, rhythmisch – sofort stellt sich die Erinnerung an die skurrilsten Exemplare von Italopornos oder BRD-Sexploitationfilmen der sechziger und siebziger Jahre ein. Quietschende Bettgestelle, dumpfe Schläge auf Daunendecken, auf Hautoberflächen. Doch dann, fast unhörbar, ein leises Atmen. Hörbares Schwitzen, Keuchen, fast Flüstern, wieder Atmen, Bewegungen. (mehr …)
  • „Dann wählen wir uns ein anderes Volk…“ Populisten vs. Elite, Elite vs. Populisten

    Bei den Debatten, die momentan unter dem Oberbegriff »Populismus« stehen, gewinnt man mitunter den Eindruck, hier gäben vornehmlich Repräsentanten der Oberschicht zu Protokoll, wie sehr sie mittlerweile von der Unterschicht angewidert sind. Denn die wählt doch tatsächlich anders, als ihr vorher – natürlich nur mit den allerbesten Absichten und mit sehr vielen guten Gründen – nahegelegt worden war: für das wirtschaftlich verheerende und komplett irrationale »Leave« statt für das vernünftige »Remain«; für einen Troll als Präsidenten statt für eine erfahrene und seriöse Profipolitikerin; für den Rückfall in solche Atavismen wie Abschottung, Nationalismus und Unmenschlichkeit statt für Weltoffenheit, die Vereinigten Staaten von Europa und »Mitmenschlichkeit« (Bedford-Strohm). Aber was tun, wenn die Leute nicht wählen, wie sie sollen? Zur Rettung der Demokratie die Wahlen abschaffen?  Oder einfach die Idioten davon ausschließen? [2. Vgl. Jason Brennan, Gegen Demokratie. Warum wir die Politik nicht den Unvernünftigen überlassen dürfen. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer. Berlin: Ullstein 2017.] (mehr …)
  • Maikäfer, flieg! Das Sterben der Arten und das Schweigen der Literaten

    Anfang der 1960er Jahre häufen sich auf dem Schreibtisch von Rachel Carson, einer Chemikerin im US-amerikanischen Fish and Wildlife Service in Washington, die Zuschriften aus allen Winkeln Nordamerikas. Mal beredt, mal unbeholfen dokumentieren sie, dass Tierarten, die früher waren, heute nicht mehr sind. Es sind Reaktionen auf das Buch The Silent Spring, in dem Carson 1962 gegen massive Widerstände aus der Industrie den wissenschaftlichen Nachweis führen konnte, dass die flächendeckende Ausbringung von DDT und anderen Insektiziden die Hauptursache für dieses Artensterben war. Historiker lassen die moderne globale Umweltbewegung oft mit diesem einprägsamen Schlagwort vom »stummen Frühling« beginnen. (mehr …)
  • Fata, Libelli. Literaturkolumne

    Ein Buch ist idealtypisch das, was eine Autorin verfasst, ein Agent in ihrem Namen verkauft, eine Lektorin lektoriert, ein Verlag setzen lässt, publiziert und bewirbt, was ein Händler online oder im Laden verkauft, eine Rezensentin rezensiert, eine Käuferin kauft. Ein Buch ist also ein ziemlich komplexes, aus geistigen, materiellen, ökonomischen Aspekten zusammengesetztes Objekt. Als Gegenstand gewinnt das Buch erst nach und nach seine Form, es wechselt von einer Hand in die andere, im übertragenen wie im wörtlichen Sinn. (mehr …)
  • Metropole des Populismus – Berlin als Totem der Elitenkritik

    Populisten erheben den Anspruch, das »wahre« Volk – the real people – zu vertreten, das bei einer abgehobenen Elite immer weniger Gehör finde. Eine der wesentlichen Voraussetzungen für ihren politischen Erfolg ist deshalb, dass es ihnen gelingt, einen Gegensatz zwischen Volk und Elite zu konstruieren. Dabei stehen sie vor zwei Herausforderungen. Zunächst einmal müssen sie einen Begriff davon entwickeln, wer zum »Volk« gehört und wer nicht. In den Worten Jan-Werner Müllers: Sie benötigen Strategien, »das wahre Volk« aus der Gesamtheit der Bürger »herauszupräparieren«. (mehr …)