• Ich koche, also bin ich. Die Geburt der Haute Cuisine aus dem Geist des Rationalismus

    Ein farcierter Truthahn mit Himbeeren, ein Kapaun mit Austern oder ein Hühnerragout, das in der Flasche gegart wurde, deren Boden anschließend mit einem Diamanten aufgeritzt wird – da wundert sich der Fachmann, es staunt der Laie und hält dergleichen vielleicht für typischen Sterne-Irrsinn. Ganz falsch läge er damit nicht. Denn ausgedacht hat sich diese kulinarischen Aberwitzigkeiten ein Ahnherr der heutigen Sterneköche: François-Pierre de La Varenne. (mehr …)

  • Kurt Scheel, eine Erinnerung

    Er war im Leben und Tod einer der mir fremdesten Menschen, die ich kenne und gekannt habe. Oder sollte ich sagen: einer der ungewöhnlichsten? Als wir uns zum ersten Mal trafen, um herauszufinden, ob wir zusammen den Merkur machen könnten, fiel die bejahende Entscheidung meinerseits nicht wegen einer ähnlichen oder sich annähernden Idee zum Projekt. Die ließ noch einige Zeit auf sich warten. Aber ich hatte den Eindruck, einen völlig unabhängigen, originellen, ehrlichen, eben seltenen Charakter vor mir zu haben. Das war im Juni 1983, als ich die Professur in Bielefeld übernommen hatte und die Herausgeberschaft des Merkur vor mir lag. (mehr …)

  • Die freien Frauen von 1832. Wie Arbeiterinnen den Feminismus erfanden

    Dieser Text ist im Oktoberheft 2018 erschienen. Den Überblick über das Heft finden Sie hier. Marx und Engels hatten wenig für sie übrig. Sie hielten sie für Träumer, die nichts als Luftschlösser ersinnen und noch dafür an die "Philanthropie der bürgerlichen Herzen und Geldsäcke" appellieren müssen. Ohne Einsicht in die geschichtliche Kraft des Proletariats hingen sie den Ideen ihrer Vordenker an, ergrübelten voller Pedanterie die Gesetze des Zusammenlebens, um den "bestmöglichen Plan der bestmöglichen Gesellschaft" auszuhecken und hernach wundergläubig ihre soziale Wissenschaft anzubeten. So steht es im Kommunistischen Manifest von 1848, und die Rede ist von jener sozialistischen Strömung, die Marx und Engels, wenn sie ihr auch nicht jede kritische Kraft absprechen mochten, so doch "utopistisch" nannten und die seither, neutraler, unter dem Begriff des "utopischen Sozialismus" bekannt ist. Es gab sie in verschiedenen Versionen und Schattierungen, die Owenisten in England, die Fourieristen und die Saint-Simonisten in Frankreich, um nur einige wenige zu nennen, darunter mit Letzteren auch jene, um die es hier geht. (mehr …)
  • Architekturkolumne. Vorbild Frankfurt: Restaurative Schizophrenie

     Manchmal passieren erstaunliche Dinge vor aller Augen, ohne dass sie bemerkt werden. So dieser Tage in Frankfurt am Main, wo gerade in zentraler Lage ein kleines Neubauviertel mit 35 Wohnhäusern, einigen Gewerbeeinheiten sowie einer öffentlichen Einrichtung fertiggestellt wird. Die Ein- und Zweifamilienhäuser in hochwertiger Ausführung fallen mit Gesamtkosten von etwa 15 000 Euro je Quadratmeter inklusive Grundstückskosten und Erschließung in das Luxussegment des Wohnungsmarkts. Die gutbetuchten Käufer dieser Immobilien mussten allerdings mit 5000 bis 7000 Euro pro Quadratmeter nicht einmal die Hälfte der Kosten tragen, denn die Stadt schoss aus Steuergeldern etwa 9000 Euro pro Quadratmeter zu.
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  • Soziologiekolumne. Eine Welle der Nostalgie. Die akademische Mittelschicht und die illiberale Gesellschaft

    Warum gewinnen in westlichen Gesellschaften, die jahrzehntelang durch Pluralisierungs-, Individualisierungs- und Liberalisierungsprozesse geprägt waren, Haltungen, Einstellungen und Gesellschaftsbilder an Bedeutung, die konträr zu diesen Trends stehen? Wieso haben eskalierende Ungleichheiten, anders als noch um die Jahrhundertwende von Linken vorausgesagt, nicht primär zum Erstarken der Kapitalismuskritik geführt, sondern zum Aufstieg rechter Protestbewegungen? (mehr …)
  • Die Vermessung der Welt, jetzt aber richtig

    Am Morgen des 9. Dezember 2013 startet im europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana eine Rakete. An Bord ist der Satellit Gaia, und in ihm ein Teleskop, das die nächsten Jahre im Weltraum verbringen wird. In St Andrews, wo ich den Erstsemestern Astronomie beibringe, ist gerade Prüfungszeit. Während wir Studenten beraten, Examen korrigieren, Kurse beenden, Sitzungen absolvieren und über Notenverteilungen diskutieren, fliegt der Satellit Gaia einmal um die Erde herum, am Mond vorbei, und dann zu seinem Zielort, einem Librationspunkt der Erde. Librationspunkte sind Stellen im Weltraum, an denen kleine Körper kräftefrei ruhen können, festgehalten von den Schwerekräften zweier größerer Körper, in diesem Fall Sonne und Erde. Von nun an wird Gaia die Sonne umkreisen, immer gleich weit von der Erde entfernt, eineinhalb Millionen Kilometer über der Nachtseite unseres Planeten. (mehr …)
  • Wollt ihr die totale Ironie? Warum Christian Krachts Texte nicht harmloser geworden sind

    Der Pulverdampf um Christian Kracht und sein Imperium hat sich verzogen. An die Stelle der Empörung über seine Texte sind die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihnen und ihre Kanonisierung getreten. Die Herausforderung der ›Meinungsmacht der Achtundsechziger‹, in der sich die Faszination für totalitäre Regime unauflöslich mit ihrer Ironisierung vermischt, ist auf den Begriff der »Methode Kracht« gebracht worden. Das Ziel dieser Methode soll nach Mehrheitsmeinung darin bestehen, die »Kultur der Selbstreflexion nicht ins Stocken« geraten zu lassen.   (mehr …)
  • Eine neue Sicherheitsarchitektur für Europa? Einige politikstrategische Überlegungen

    Die Lage

    Die Blütenträume einer weithin konfliktfreien Welt, wie sie nach dem Ende des Ost-West-Konflikts aufgekommen waren, sind längst dahin, ebenso die US-amerikanische Vorstellung einer unipolaren Weltordnung mit den Vereinigten Staaten als »Hüter« dieser Ordnung, in der es Kriege allenfalls noch als mit militärischen Mitteln durchgeführte Polizeiaktionen geben werde. Die Polizeiaktionen führten jedoch nicht zum angestrebten Erfolg oder sie wuchsen sich zu veritablen Kriegen aus, die, wenn sie länger dauerten, die materiellen Ressourcen der USA über Gebühr in Anspruch nahmen oder zumindest die Bereitschaft der US-Bevölkerung überforderten, die Last der Weltpolizistenrolle dauerhaft zu tragen. Was wir zurzeit beobachten, ist der relative Niedergang eines Imperiums mit globalem Ordnungsanspruch, und es gibt trotz des rasanten Aufstiegs Chinas in den letzten Jahrzehnten keinen ernsthaften Aspiranten, der die vakante Rolle übernehmen kann oder will. Diese Konstellation macht Kriege wahrscheinlicher, denn in vielen der von den USA aufgegebenen Räume stehen Hegemonialaspiranten bereit, die eine regionale Vormachtstellung anstreben und dabei mit anderen Mächten in Konflikt geraten. Wenn der »Hüter« einer Ordnung schwächelt, gerät diese Ordnung aus den Fugen.

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  • Kunst und Krempel

    »it is easy for a museum to get objects – it is hard for a museum to get brains« John Cotton Dana, 1920

    Arsprototo ist der Titel einer Zeitschrift, mit der die Kulturstiftung der Länder vierteljährlich ein Publikum abseits der Fachöffentlichkeit über ihre Aktivitäten informiert. Es ist ein professionell gemachtes Hochglanzmagazin, das sich in seiner aufwändigen und zugleich betont gediegenen Aufmachung an die Sorte üppig illustrierter Kunstzeitschriften im Tablebook-Format anlehnt, in denen Auktionshäuser mit Schwerpunkt auf Antiquitäten und Alte Meister ihre Anzeigen schalten. Die Kulturstiftung der Länder ist auf ihrem Wirkungsfeld einer der angesehensten und zugleich wichtigsten Akteure in Deutschland. Seit 1988 unterstützt und berät sie Museen, Archive und Bibliotheken beim Erwerb und Erhalt von Kunstwerken und Kulturgütern von »nationaler Bedeutung« und fördert überdies Ausstellungsprojekte – im Lauf der vergangenen dreißig Jahre hat sie nach eigenen Angaben für Ankäufe Finanzbeihilfen von 170 Millionen Euro bereitgestellt. Allein in den vergangenen zwei Jahren unterrichtete Arsprototo unter anderem über den Kauf umfangreicher fürstlicher Sammlungen, aber auch einzelner grafischer Blätter, von Autografen und Planwerken, Notizbüchern, Gemälden, Fotokonvoluten, biografischen Nachlässen, mittelalterlichen Altären und Münzhorten, frühbarocken Prachtgefäßen, klassizistischen Möbeln, kleinen und großen Skulpturen von der Antike bis zur Gegenwart, Kleidung, Fayencen, Tapisserien, Manuskripten, Briefwechseln, einem literarischen Vorlass, einem chinesischen Stellschirm und einer japanischen Samurai-Rüstung.

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  • Rechtskolumne. Geld und Demokratie

    Bisher wird das Verhältnis von Geld und Demokratie vor allem dort diskutiert, wo das Empörungspotential groß und die Bewertung scheinbar besonders klar ist, nämlich bei den Ausgaben für den demokratischen Prozess. Besonders auffällig war die Debatte in dieser Hinsicht etwa nach der letzten Bundestagswahl, als aufgrund des im Jahr 2013 geänderten Wahlrechts die Zahl der Bundestagsabgeordneten erstmals von der Soll-Größe von 598 auf die neue Ist-Größe von 709 Mandaten anstieg und den Bundestag damit zum zweitgrößten Parlament der Welt nach dem Nationalen Volkskongress Chinas machte.

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