• Im Wartezimmer des Lebens. Heimat für Flüchtlinge?

    Das Grübeln über Heimat und Heimatlosigkeit ist eine konstante Begleiterscheinung meines Lebens, seitdem ich in Deutschland bin; zum einen, weil ich oft darauf angesprochen werde, und zum anderen, weil ich selbst die bestimmt-unbestimmte Sehnsucht nach Heimat verspüre. Doch inzwischen glaube ich zu wissen, dass meine Sehnsucht nach Heimat nicht erfüllt werden kann; deshalb verwandelt sie sich oft in ein Hadern mit dem Schicksal, das irgendwo zwischen mir und der weiten Welt draußen seinen schwebenden Platz hat. (mehr …)
  • Echte Tränen. Theaterkolumne

    Die Saison ist noch einigermaßen jung, und ich habe schon so viele Menschen auf Theaterbühnen weinen sehen. Maryam Zaree hat im Gorki-Theater geweint, eine schöne junge Schauspielerin, die mit ihrer Mutter nie über ihre Geburt in einem iranischen Gefängnis kurz nach der islamischen Revolution gesprochen hat und ausgerechnet im Theater das unausgesprochene Schweigegebot bricht. Maia Morgenstern hat in der Schaubühne geweint, auch eine wunderbare Theaterfrau und obendrein Direktorin des Jüdischen Theaters in Bukarest. Warum sie weinte, war mir während der Aufführung nicht ganz klar, aber rückblickend ist es natürlich mehr als zum Weinen, wenn man im Film ganz große Mutterrollen spielt – die Mutter Jesu in Die Passion Christi –, aber im echten Leben seine Kinder kaum sieht. Und kurz darauf, wieder am Gorki, hat die ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiterin Mai-Phuong Kollath bittere Tränen der Wut vergossen, als sie sich an die Parole »Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!« erinnerte, die besoffene Kunden nach dem Mauerfall bei der Eröffnung von Kollaths Gaststätte in Rostock-Lichtenhagen gegrölt hatten. (mehr …)
  • Von der Kunst, Auschwitz darzustellen

    Es ist genau zwanzig Jahre her, dass der Schriftsteller Maxim Biller konstatierte, dass er mal wieder genervt sei: »Ich bin genervt«, schrieb er 1996 in einem Zeit-Artikel unter der Überschrift Heiliger Holocaust. Genervt von den »endlosen Bewältigungsarien« der Deutschen, davon, dass kein öffentliches Gespräch ohne Auschwitz möglich schien, genervt vor allem davon, dass diese Auseinandersetzungen zu keinem benennbaren Ergebnis führten, sich nur im Kreis und um sich selber zu drehen schienen. »Ich will trotzdem darüber reden«, heißt es im gleichen Text. (mehr …)
  • Rosa Luxemburg, das Klassenbewusstsein und der Donbass. Zur Wiederentdeckung von Andrej Platonow

    Sie sind wieder da: Empörte, die ganz plötzlich und voller Realitätsverachtung irgendwo aus der Provinz hervorkommen. Fast ohne jede politische Bildung, maßen sie sich auf einmal eine Stimme an, obwohl sie in ihrer sonderbaren Interesselosigkeit eigentlich mit niemandem reden wollen. Für viele bilden sie eine große Gefahr, für andere sind sie die einzige Hoffnung, das Unrecht zu überwinden, das ihre Existenz bedeutet. Bei Andrej Platonow (1899–1951) gibt es sie schon. »Die Übrigen« nennt er einen Teil von ihnen in aller Schlichtheit. Es ist also ganz folgerichtig, dass Platonow im Jahr 2016 hierzulande wiederentdeckt wurde: von Frank Castorf mit seiner Inszenierung von Tschewengur (1929) am Schauspiel Stuttgart oder vom Suhrkamp Verlag mit einer Neuübersetzung von Die Baugrube (1930) durch Gabriele Leupold sowie Hans Günthers Biografie.  Platonow entführt uns in seinen Texten in eine seltsam verwirrte und zugleich mutig politische Welt, die nicht von ungefähr erstaunliche Ähnlichkeiten mit unserer desorientierten Gegenwart hat. Erzählt man die Geschichte des 20. Jahrhunderts mit Platonow und seinen Texten, dann hat sie drei Protagonisten: Rosa Luxemburg, das Klassenbewusstsein und den Donbass. (mehr …)
  • Plaudertasche emeritus. Religionskolumne

    Das Münchner Literaturhaus liegt nur wenige Schritte vom erzbischöflichen Palais entfernt, dem Wohn- und Amtssitz von Reinhard Kardinal Marx. Dies hinderte Kurienerzbischof Georg Gänswein am Mittag des 12. September 2016 nicht daran, im Foyer des Literaturhauses die harsche Kritik zu bekräftigen, die Papa emeritus Benedikt XVI. abermals an der deutschen Amtskirche geübt hatte. Als Benedikt am 11. Februar 2013 seinen am 28. Februar wirksam gewordenen Rücktritt vom Amt des Bischofs von Rom erklärte, sicherte er seinem – damals ja noch unbekannten – Nachfolger unbedingten Gehorsam zu und kündigte an, sich aus der Öffentlichkeit in ein klösterliches Leben des Betens, Nachdenkens und Schweigens zurückziehen zu wollen. (mehr …)
  • Nahkampf auf der Langstrecke. Elena Ferrante und Karl Ove Knausgård

    In der deutschen Gegenwartsliteratur hat derzeit Konjunktur, was Uwe Tellkamps Hauptfigur im Roman Der Turm die »Blauwale« in seinem Bücherregal nennt: Peter Kurzeck und Andreas Maier, Frank Witzel und Clemens S. Setz, Thomas Glavinic und Maxim Biller üben sich im Erzählmarathon, und dies mit Vorliebe auf autobiografischem Grund. Als internationaler Star des Monumentalen hat sich der Norweger Karl Ove Knausgård etabliert, so dass hier eine literarische Disziplin vermutet werden könnte, in der vor allem männliche Autoren das epische Potential von Lebenserzählungen erkunden. Mit beträchtlicher Verspätung erschien Ende August auch in Deutschland das Buch einer weiblichen Variante dieses Formats: Mit Elena Ferrantes Meine geniale Freundin, dem Auftaktroman ihrer etwa 1700 Seiten umfassenden Neapolitanischen Tetralogie, beginnt der Suhrkamp Verlag die deutsche Publikation einer Gesellschafts-, Familien- und Künstlerinnenerzählung im neorealistischen Cinemascope. (mehr …)
  • Frauen, Serien. Filmkolumne

    Am Anfang, 2012, war Girls. Die HBO-Show von Lena Dunham (Jahrgang 1986) wurde für eine Reihe von Tabubrüchen gefeiert. Ungeschönter Sex und das Sprechen über HPV-Viren gehörten dazu, vor allem aber die offensive Zurschaustellung eines weiblichen Körpers, den man Rubens-Schönheit nennen könnte, der aber sicherlich nicht televisuellen Schönheitsidealen gehorchte. Dabei beruhte die Serie, die um das Leben von vier jungen Frauen in New York kreist, auf einem recht konservativen Modell, einem Bauplan, dem sich die allermeisten Frauengeschichten, die das Fernsehen erzählt, unterwerfen – dem Quartett. (mehr …)
  • Über Literaturjurys

    Jury-Sitzungen beginnen in der Regel leicht verspätet. Irgendetwas mit der Bahn, dem Flieger, dem Taxi oder bei der Parkplatzsuche ist, wenn sieben Menschen sich treffen, eigentlich immer. Die Sitzungen kommen aber auch meist nur langsam in Fahrt, und die Gründe dafür sind verwickelter. Es dauerte ein bisschen, bevor ich verstand, dass diese Anlaufschwierigkeiten nicht trotz, sondern gerade wegen der hohen Motivation aller Beteiligten – oder zumindest der allermeisten Beteiligten – zustande kommen. (mehr …)
  • Die Politisierung der Scham. Didier Eribons »Rückkehr nach Reims«

    Coming-out-Geschichten sind Migrationsgeschichten. Wer zu einer sexuellen Minorität gehört, der wandert, vom Staat, der ihn verfolgt, in den Staat, der es nicht tut, vom Land in die größere Stadt, von der größeren Stadt in die Kapitale mit ausdifferenzierter Community. Wie alle Migranten gehen auch Schwule und Lesben aus guten Gründen dorthin, wo andere von ihnen bereits sind, denn das neue Leben, in dem man das zu sein erlernt, was man in der Heimat geworden ist, muss ja gemeinsam mit den anderen und am Beispiel dieser anderen in einer neuen Welt eingeübt werden, als ein gänzlich neuer Habitus. (mehr …)
  • The Great American Songbook

       Der junge Amerikaner neigt, wie Jungspunde anderer Herkunft auch, unweigerlich jenem Dialekt zu, den er zuhause hört, und dieser Dialekt, mit seinen deftigen Neologismen, seiner heftigen Verachtung für den Regelfall, seinem vollständigen Mangel an Verlegenheit, ist beinahe das Gegenteil der harten und steifen Sprache, die aus Büchern herauspräpariert wird. Die Prinzipien dieses Dialekts leiten sich nicht aus der subtilen Logik dumm-gelehrter Männer ab, sondern aus der ungehobelten Logik des Alltäglichen. Er hat ein ganz eigenes Vokabular, eine ganz eigene Syntax, ja sogar eine eigene Grammatik.

    H.L. Mencken, The American Language (1919)

    a Wir Amerikaner, so schrieb der streitlustige H.L. Mencken vor beinahe einhundert Jahren, sprechen kein Englisch. Angetrieben von ununterbrochenen Immigrationswellen schlugen wir Kapital aus unserer geografischen Isolation und entwickelten eine Sprache, deren Syntax, Redewendungen und Vokabular zur dynamischen Datenbank unserer widerspenstigen Vielgestaltigkeit wurden. Unsere größten Künstler machten sich immer wieder daran, die Vielfalt dieser neuen amerikanischen Sprache vor Augen zu führen. Ich beziehe mich dabei nicht nur auf Dichter und Romanautoren wie Faulkner, Hemingway und Morrison, obwohl auch sie die Umgangssprache in ihre Werke aufnahmen und in hohe Kunst verwandelten. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass es unsere Songwriter sind, die den raffiniertesten Gebrauch von der amerikanischen Sprache machten, sie, die seit den zwanziger Jahren bis heute geschickt zwischen den Registern wandeln: zwischen Official English und Slang, zwischen Hochgestochenem und Volkstümlichem, zwischen ethnischem und normativem Bezug – so haben sie die Alltagssprache von Grund auf verändert. Dieses immer neue Aushandeln der sprachlichen Register findet eine großartige Fortsetzung in Lin-Manuel Mirandas Musical Hamilton, derzeit eine Sensation am Broadway – ich komme am Ende darauf zurück. Doch vielleicht hat niemand die Variationsbreite, Vielseitigkeit und schiere Brillanz, zu denen die amerikanische Sprache fähig ist, eindringlicher sondiert als die Songwriter und Texter, die man gemeinhin im sogenannten Great American Songbook zusammenführt, das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand: absolute Könner wie Irving Berlin, Lorenz Hart, Ira Gershwin, Cole Porter, Oscar Hammerstein, Frank Loesser. Diese Songs feiern überschwänglich den demokratisierenden Impuls, der die beste Seite Amerikas repräsentiert, während sie zugleich die Anpassungsfähigkeit der amerikanischen Sprache beträchtlich steigern. Dieses Potential überführt Miranda in ein 21. Jahrhundert, das mit einer anderen, doch zumindest vergleichbaren Dynamik aufwartet. Das Great American Songbook ist in der Tat durch und durch amerikanisch. Wie die Ideale unserer Gründungsdokumente – »Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden« – hat es keine physische Existenz. Es gibt dieses Liederbuch nicht, auf das Sänger, Musiker oder Komponisten verweisen könnten. Es handelt sich hierbei um eine ermöglichende Fiktion in einem rein konzeptuellen Raum, die aus einer großen Bandbreite höchst unterschiedlicher Volkslieder, Melodien aus Broadway-Shows und Filmmusik aus dem Zeitraum zwischen 1920 bis 1950 besteht. Das Songbook bildete sich in einer Ära tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen heraus und geht auf einen lockeren Zusammenschluss von Außenseitern zurück – jüdische Immigranten der ersten und zweiten Generation und/oder homosexuelle Männer –, die die afroamerikanischen Kunstformen Blues und Jazz mit ihren eigenen ethnomusikalischen Traditionen vereinten. Man nehme einen Teil jüdisches Ghetto, vermische es mit einem Teil ausdrucksstarker schwarzer Kultur, dazu ein Spritzer Operette: in ein Cocktailglas gießen und schütteln, nicht rühren. [embed]https://www.youtube.com/watch?v=9LdIL5WCso8[/embed] Was dabei herauskommt, sind große, ja wahrhaft großartige Songs: »Someone to Watch Over Me« oder »Embraceable You« (Musik von George Gershwin, Text von Ira Gershwin); »Thou Swell« oder »Manhattan« (Musik von Richard Rodgers, Text von Moss Hart); »You're the Top« (Musik und Text von Cole Porter); »June is Bustin' Out All Over« oder »Shall We Dance?« (Musik von Richard (lesen ...)