• Das vergessene Amt

    Die Leitung der Behörde sah sich genötigt, ihre Belegschaft zur Ordnung zu rufen: »Vorkommnisse der letzten Tage geben Veranlassung darauf hinzuweisen, daß das Ausspucken auf Fluren, Treppen und in den Zimmern unstatthaft und ein Zeichen schlechter Erziehung ist. Derartige Unsauberkeiten sind zu unterlassen.« Damit nicht genug. Die Mitarbeiter mussten auch darauf hingewiesen werden, dass das Werfen von »Zigarettenresten, Briefklammern und dergleichen« aus den Zimmern in den Innenhof zu unterlassen sei, zumal genügend Aschenbecher und Papierkörbe zur Verfügung stünden. (mehr …)
  • Let’s Go East!

    Der bulgarische Politologe und Intellektuelle Ivan Krastev hat mit seinen brillanten Thesen und Deutungen der europäischen Migrationskrise großen Eindruck gemacht, aber, soweit ich sehe, ist eine Diskussion seiner Thesen noch nicht in Gang gekommen. Krastev hat wie kein anderer die Spaltung Europas in Ost und West über die letzten Jahre aufmerksam beobachtet und analysiert. Seine Stimme und seine Diagnose sind so wichtig, weil er aus der Perspektive Osteuropas spricht. Interessant an seinem Kommentar sind seine prägnanten und paradoxen Formulierungen sowie sein Interesse, die Ereignisse statt auf einer politisch-strategischen auf einer kollektiv-psychologischen Ebene zu diskutieren. (mehr …)
  • Eine eurozentrische Geschichte des Kapitalismus. Gefangen in der Kritik der Kapitalismuskritik

    Die kaum ein Jahrzehnt zurückliegende Finanzkrise hat das Interesse am Kapitalismus wiederbelebt. Und doch sollte man die Krisenkonjunktur als Ursache eines solchen Interesses nicht überschätzen. Schließlich kommt dem Kapitalismus auch jenseits seiner Krisenhaftigkeit eine zentrale Bedeutung in nahezu allen theoretischen Konzeptionen der modernen Welt und damit im Selbstverständnis westlicher Gesellschaften zu. Max Webers Versuch, den Stellenwert des modernen Kapitalismus für eine spezifisch okzidentale Sonderentwicklung zu bestimmen, ist nur eine besonders bekannte Variante. Noch im 21. Jahrhundert trifft man auf historische Soziologen wie Richard Lachmann, die ihre Werke mit der Feststellung beginnen: »Something happened in Western Europe in the fifteenth through eighteenth centuries. Sociology’s founders believed the task of their discipline was to define that something and to explain why it happened where and when it did.« (mehr …)
  • Weltbürgerlichkeit als repräsentative Kultur? Soziologiekolumne

    Das Ende des Ost-West-Konflikts und der mit ihm verbundenen bipolaren Weltordnungen hat Veränderungen epochalen Charakters angestoßen und wird längerfristig vermutlich auch die Vorstellungen von Gesellschaftskörpern, ihren Ausdehnungen, Grenzen und Binnengliederungen verändern. Der Übergang in ein neues System von Wahrnehmungen und Deutungen der Wirklichkeit dürfte noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Wie die Matrix der politischen und sozialen Ordnungen steckt auch ihr Vokabular im Umbruch. (mehr …)
  • Ostküste. Popkolumne

    Und jetzt sind sie wirklich überall und nicht mehr zu übersehen. Feine Sahne Fischfilet finden sich nicht mehr nur auf den Partys und Sweatshirts von Antifa, vorpommerscher Jugend und linken Studierenden. Als im September 2018 in Chemnitz innerhalb kürzester Zeit auf Initiative der Band Kraftklub ein Musikfestival unter dem Hashtag #WirSindMehr die Straßen und Plätze der Stadt vom rassistischen Mob zurückerobert, ist das Provokationspotential von Feine Sahne Fischfilet so hoch, dass der Bundespräsident für seinen via Facebook geteilten Hinweis auf das Konzert massiv kritisiert wird. (mehr …)
  • Blickwende. Von der Erfahrung, eine zu große Minderheit zu sein

    In Parodie auf einen berühmten Buchanfang ließe sich sagen: Als Ostdeutscher wird man nicht geboren, zum Ostdeutschen wird man gemacht. Millionen erfuhren seit 1990 von ihrem Geburtsort Ostdeutschland per Fremdzuschreibung. Die DDR als Sozial- und Erfahrungskollektiv schien erst nach ihrer staatlichen Auflösung zu entstehen. (mehr …)

  • Die Spex-Jahre

    Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 836, erschienen.

    Die vorletzte Ausgabe der Spex enthält ein Osterei. In einem Interview mit Jens Friebe stellt Maximilian Sippenauer eine Frage zu den Produktionsbedingungen von Popmusik-Kritik. Die Antwort von Friebe ist auch eine Lagebeschreibung der Spex :

    »Maximilian Sippenauer: Auch im Musikjournalismus geht es prekär zu. Du hast früher für Intro geschrieben, das vor kurzem eingestellt wurde. Als jemand, der beide Seiten kennt: Wie empfindest du das langsame Verschwinden eines kritischen Gegengewichts in der Popmusik?

    Jens Friebe: Als Musiker bedauere ich das … Aber ich muss auch zugeben, dass ich selbst nicht mehr viel Musikjournalismus konsumiere, weil mir einfach die Gründe fehlen. Früher wollte man lesen, ob man sich eine Platte kaufen soll. Heute höre ich sie mir in Snippets vorher an. Hintergrundgeschichten, oder wie Musiker persönlich sind, haben mich nie so interessiert.« (mehr …)

  • Derrick, Walter Sedlmayr, die Schauspielkunst und ich

    Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 836, erschienen. Ich wachse in einer Einfamilienhaussiedlung auf. Waldrand, Jägerzaun. Kochrezeptsammlung aus der Hausfrauenzeitschrift Ich und meine Familie , die in Meine Familie und ich umbenannt wird, weil eine deutsche Hausfrau an sich selbst zuletzt denkt. Siebziger Jahre, ein Hauch von Freiheit, das heißt: Man kocht auch mal gewagte Gerichte mit Curry und Ananas. Man weiß, welcher Nachbar seine Frau schlägt; wahrscheinlich tun es die meisten. Das geht einen nichts an. (mehr …)
  • Betriebshellsichtigkeit. Zur Souveränität des Theaters

    Der Essay ist im Dezemberheft 2018, Merkur # 835, erschienen.

    Es hat Vorwürfe sexueller Belästigung gebraucht, damit am Theater wieder über Machtverhältnisse geredet wurde. Wieder – denn politisch motivierte Kritik am Machtgefüge der Theaterarbeit gab es schon früher, sogar welche mit Konsequenzen. Aber da der Anlass diesmal männliche Regisseure sind, die ihre souveräne Position missbrauchen, rückt auch die Souveränität dieser Position mit in den Fokus: Ruft die Macht des Regisseurs nicht geradezu nach ihrem Missbrauch? Ja, besteht sie nicht auch dort, wo jemand sie ganz im Sinne ihrer Einrichtung ausübt, stets ein Stück weit darin, die Grenze des Anstands zu überschreiten und mit den Körpern anderer Menschen Dinge zu tun, die deren Recht auf Selbstbestimmung zwischenzeitlich suspendieren? (mehr …)

  • The Trouble With Talking

    Der Essay ist im Dezemberheft 2018, Merkur # 835, erschienen.

    2013 nahm ich in der Schweiz an einer Diskussionsveranstaltung teil, in deren Verlauf ein Herr aus dem Publikum sagte, das Internet tauge schon aus dem einfachen Grund nichts, weil es voll Zank und Streit sei. Der wiederum entstehe aus den Missverständnissen, die die schriftliche Kommunikation zwangsläufig mit sich bringe und die man nur im persönlichen Gespräch vermeiden oder ausräumen könne. Das Argument begegnete mir nicht zum ersten Mal, und ich sagte das, was ich immer sage, nämlich dass meine Erfahrungen andere sind. Ich unterhalte mich lieber schriftlich als mündlich, und der größere, oft auch der interessantere Teil meiner Kommunikation findet schriftlich statt. Ich arbeite seit zwanzig Jahren in räumlich verstreuten Teams und lebe seit fünfzehn Jahren in einer Fernbeziehung, in der nie telefoniert wird. (mehr …)