• Im Widerspruch beflügelt: Über Karl Heinz Bohrer

    »Meine Kollegen verstehen nichts von Kunst.« Dieses Urteil, geäußert im Zimmer seiner Hilfskräfte, die er nie Hilfskräfte, immer nur Assistenten genannt und deren gelegentlich ganz anders gelagertes Verständnis von Kunst er immer ernst genommen und neugierig distanziert verfolgt hat, war natürlich zu hart und zu pauschal, hinsichtlich der Kollegen an der Universität wie gegenüber der hier allgemein mitadressierten »Germanistikgermanistik«. Aber die Geste der Distanzierung macht einen Grundzug von Karl Heinz Bohrers Selbstverständnis deutlich, das ihn als Literaturwissenschaftler, Kritiker, Essayisten, Autor und Intellektuellen gleichermaßen geprägt hat. (mehr …)
  • Erregungswellen: »Identitätspolitik« mit Lisa Eckhart und Hengameh Yaghoobifarah

    Es ist ja so, dass seit einiger Zeit im Grunde ununterbrochen darüber gestritten wird, wer im Denken totalitärer ist, wer falscher liegt, wer den Schuss weniger gehört hat: all jene, die unter den Schlagwörtern »jung«, »woke«, »Identitätspolitik«, »schreibt im Internet und ist kein alter weißer Mann« einsortiert und für verrückt erklärt werden, oder die Gegenseite, also die sogenannten alten, weißen Männer beziehungsweise deren aus den alten Zeitungshäusern heraus produzierten Meinungstexte, die sich besorgt mit dieser »Identitätspolitik« befassen. Debatten, die unter diesem Label laufen, scheinen weniger Vorgänge zum Inhalt zu haben als die Frage, wer was wie gesagt hat, und damit bewegen sie sich auf der Ebene der Zeichen, des Symbolischen, woraus wiederum regelmäßig der Vorwurf folgt, »Identitätspolitik« sei elitär, abgehoben etc. (mehr …)
  • Am Stammtisch der Sachlichkeit: Markiertes Sprechen in Deutschland

    Die Deutschen oder besser die Deutschsprachigen diskutieren, seit sie nicht mehr oder nur eingeschränkt vor die Tür gehen können, das, was sie Identitätspolitik nennen. Vorher hatte es das auch schon gegeben, und es hat ähnlich geklungen, aber es hat nicht so viel bewirkt; denn es gab ja noch die so genannte soziale Realität da draußen, in der jede und jeder sich immer schon irgendwie eingerichtet hatte. In der Covid-Zeit, in der es diesen Sicherheitsanker nicht mehr gab, glaubten all die NZZ- und Welt-Leser tatsächlich, sie dürften ihren Lieblingsbeschäftigungen nicht mehr ungestört nachgehen, weil eine woke Kulturpolizei es ihnen verbietet: etwa dem leidenschaftlichen Übersetzen afroamerikanischer Slampoetry. Anders als in den meisten Kulturen der Welt sind es nicht soziale Medien, universitäre Debatten oder offen politisch geführte Auseinandersetzungen, die das Medium der Deutschsprachigen und ihrer Streits ausmachen. Es ist das, was nur noch in ihrer Kultur einen hohen Wert und gesellschaftlichen Einfluss hat, das Feuilleton. In diesem haben bestimmte Männer das Sagen, die gern im Genre des Machtworts etwas zurechtrücken. Vielleicht irre ich mich, aber ich könnte schwören, dass man Machtworttexte wie die der diversen Chefs von Welt oder FAZ weder in El Pais noch in der New York Times loswerden würde. (mehr …)
  • Erinnerung im globalen Zeitalter: Warum die Vergangenheitsdebatte gerade explodiert

    Geschichte lebt wieder in Deutschland, ist präsent im öffentlichen Raum wie lange nicht mehr. Konflikte und polemische Debatten überall: das Humboldt-Forum und koloniale Beutekunst; die Umbenennung der M-Straße; einhundertfünfzig Jahre Deutsches Kaiserreich; Achille Mbembe, Holocaust und Kolonialismus, die Deutschen mit »Nazihintergrund« und nicht zu vergessen die Machenschaften der Hohenzollern. So unterschiedlich die Debatten im Einzelnen sind, immer wird dabei die Deutung der NS-Zeit oder des Kolonialismus mitverhandelt; häufiger sogar beides. Kein Tag, an dem das Feuilleton nicht bebt, die Twitter-Sphäre ohnehin. Die Dinge, um die es geht, liegen alle lange zurück, sehr lange; manche waren beinahe vergessen. Jetzt sind die Diskussionen gleichwohl so heftig, als ginge es um alles. Warum regen sich gerade alle so auf? (mehr …)

  • Digitales Theater (Sebastian Hartmann): Über Medienverhältnisse in der Krise

    Mit der Schließung der Häuser in den bisher zwei »Lockdowns« standen die Stadt- und Staatstheater in Deutschland vor einem Problem. Viele Intendanten reagierten mit Klagen, dass sie von der Politik als nicht systemrelevantes Freizeitvergnügen einsortiert wurden, in einem Atemzug mit Freizeitparks und Bordellen, nicht als das für die Gesellschaft überlebenswichtige Essential, als das sie sich sehen.  Geklagt wurde auf vergleichsweise hohem Niveau, jedenfalls soweit es die Intendanten betraf, denn die staatlichen Gelder, die in die Hochkultur (zum Glück) reichlich fließen, wurden weiter gezahlt. Dank Kurzarbeit sahen die Bilanzen mancher Theater im Lockdown am Ende sogar besser aus, als sie es mit laufendem Betrieb getan hätten. In Existenznot also gerieten die Theater keineswegs, anders als viele Soloselbständige der freien Szene. (mehr …)
  • Homestorys (III): Zeige mir, wie du wohnst

    In der monatlichen Magazinbeilage der Neuen Zürcher Zeitung erscheint unter dem Titel Wer wohnt da? seit 2005 eine außergewöhnlich langlebige Kolumne. Welchen Stellenwert Redaktion und Verlag ihr beimessen, lässt sich an der Tatsache ablesen, dass sie alle konzeptionellen und formalen Umgestaltungen, mit denen die NZZ auf die im Lauf der vergangenen gut anderthalb Jahrzehnte auch in der Schweiz chronisch gewordene Krise der Printmedien reagierte, fast unverändert überstanden hat. Wer wohnt da? ist eine unterhaltsam verkomplizierte Homestory, eine Mischung aus Wohlfühlreportage, alltagshermeneutischem Detektivspiel und spätmodernem Wohnknigge. Den Ausgangspunkt jeder Folge bilden drei professionell gefertigte Farbfotos, wie man sie auch in einem Wohnmagazin finden könnte. Jedes davon gibt großzügig Einblick in unterschiedliche Räume – meist Wohnzimmer und /oder Küche, häufig aber auch Schlaf- und /oder Badezimmer – einer Privatwohnung, über die darüber hinaus nichts bekannt ist und deren Nutzer nicht nur unsichtbar, sondern auch ungenannt bleiben. (mehr …)

  • Trennlinien – Die Bildungsklassengesellschaft der achtziger Jahre

    Die Schwestern verließen die Stadt 1981, im Jahr meiner Einschulung. Über hundert Jahre hatten sie Mädchen aus der Gegend unterrichtet. In Bayern galt ab 1802 die Schulpflicht. Die Klassenstärke von etwa siebzig Schülerinnen und Schülern war beachtlich, die pädagogischen Fähigkeiten der Schwestern und ausgedienter oder invalider Militärs waren aus heutiger Sicht sicherlich begrenzt. Nach sechs, später sieben Jahren war es außerdem verpflichtend, im Anschluss an den Sonntagsgottesdienst noch für drei Jahre die Feiertagsschule zu besuchen, um die sogenannte Christenlehre des Katechismus zu studieren.

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  • Ortsbesuch in Hambach

    »Kennst Du den Hambacher Forst, war das nicht der Ort, an dem Du Rettungsgrabungen gemacht hast?« Dies schrieb ich kurz vor meiner Fahrt in das rheinische Braunkohlerevier einem befreundeten Archäologen, Klaus Hilbert, der heute in Brasilien lehrt. Klaus antwortete sogleich, sandte sogar Fotos von der damaligen Grabung. »Das war Ende der 1970er Jahre. Wir haben die Erdschichten damals Zentimeter für Zentimeter abgezogen, teilweise mithilfe von Baggern, die das ganz vorsichtig abkratzen, zum Teil aber auch mit Maurerkellen von Hand.« Die Archäologen waren fündig geworden, unter anderem entdeckte man das Grab eines römischen Legionärs, der vor rund 1700 Jahren dort beerdigt wurde. Von ihm war nur ein Schatten übriggeblieben, mit wenigen Habseligkeiten und seinem Hund hatte man ihn begraben. »Carpe diem, denk an den Legionär« hatte die Mail von Klaus geendet. (mehr …)

  • Linien und Spannungsfelder linker Sicherheitspolitik

    Auch in diesem Jahr war der Parteitag der Linken wieder von zwei Themen geprägt: der Sicherheitspolitik – und dem Regieren. Beide gehören aufs Engste zusammen, gilt ein außenpolitisches Umdenken doch als wesentliche Voraussetzung dafür, dass Die Linke als Koalitionspartner für Sozialdemokratie und Grüne überhaupt denkbar wird. Das hat der SPD-Chef Walter-Borjans im Februar 2021 deutlich gemacht: Ohne ein Ja zu Bundeswehreinsätzen keine Regierungsbeteiligung. Dass Die Linke »außenpolitisch unzuverlässig« ist, wird nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Partei befürchtet: Während viele Außenstehende kritisieren, dass Die Linke die Bundesrepublik aus der NATO herausführen und die Bundeswehr aus ihren Auslandseinsätzen zurückholen will, fürchten viele Mitglieder, dass ihre Partei genau diese klare Haltung in der Außen- und Sicherheitspolitik aufgeben könnte, um als Regierungspartnerin von SPD und Grünen infrage zu kommen. (mehr …)

  • Bedarf die Paulskirche einer erinnerungspolitischen Revision? Architekturkolumne

    In der Wiederherstellung und Neugestaltung der Paulskirche in Frankfurt/Main in den Jahren 1946 bis 1948 artikulierte sich erstmals nach Kriegsende baulich der demokratische Aufbruchswille. Dem Aufruf der Stadt, die Kirche zum hundertjährigen Jubiläum der Nationalversammlung von 1848 als Haus aller Deutschen »im Stein wie Geiste« gemeinsam wiederaufzubauen, folgten trotz großer Not Hunderte Städte, Vereine, Unternehmen und Institutionen aus ganz Deutschland – Ost wie West – und spendeten Material und Geld. (mehr …)