• Wir, die Bürger(lichen)

    Ob liberale Demokratien überleben, erscheint heute überraschend ungewiss. Vielleicht hat eine Ordnung, an der Mehrheiten kein Interesse haben, weil sie bloß versorgt und unterhalten werden wollen, keine Zukunft – schon gar nicht, wenn sich die Ordnung selbst als Mehrheitsherrschaft versteht. Doch ist offen, ob die, die sich heute auf eine Mehrheit berufen, um deren Herrschaft aus den Angeln zu heben, tatsächlich in der Mehrheit sind. Denn Präsident Trump, der Brexit oder die knapp gescheiterte Wahl von Norbert Hofer in Österreich, der einen höheren Stimmenanteil erhielt als Trump, sind nur unter zwei Bedingungen möglich: Sie bedürfen einer nicht mehrheitsfähigen Linken, die Kandidaten wie Corbyn oder Mélenchon unterstützt und so rechtsautoritäre Siege wahrscheinlicher macht.
  • Dreitagebart (I)

    Ich hätte es mir denken können. Ich musste erst auf eine Party gehen, um den großen Elefanten im Raum der deutschen Universitäten in seinem fetten Grau glasklar vor mir zu sehen. Zu sehen war natürlich nichts. Der Ort war New York. Es war der 31. August 2015. Die Party wurde von der Zeitschrift The New Yorker veranstaltet. Alex Ross war da, Elif Batuman war da, Adrian Tomine, Emily Nussbaum. Françoise Mouly; Art Spiegelman und Reinhold Martin hatten ein Glas in der Hand. Ich natürlich auch. Seymour Hersh und Chris Kraus sollen später noch vorbeigeschaut haben.
  • Der alte Karl Marx

    Wie Sie wirklich zu Marx stehen, das zeigt sich in Ihrem Verhältnis zum Kapital. Auf den jungen Marx kann sich jeder berufen; er ist, so wird gesagt, kämpferisch, leidenschaftlich und humanistisch, philosophisch, politisch und romantisch. Genau aus diesem Grund, so konnte schon Alfred Schmidt in seiner Dissertation Der Begriff der Natur in der Lehre von Karl Marx von 1962 süffisant feststellen, ist der junge Marx auch zum Lieblingsautor der evangelischen Akademien avanciert.
  • Theoriemüdigkeit. Designkolumne

    Wenn in dreißig oder vielleicht auch fünfunddreißig Jahren die ersten Wissenschaftshistorikerinnen und -historiker darangehen werden, das plötzliche Verschwinden der kleinen deutschen geisteswissenschaftlichen Buchverlage im ersten Drittel des 21. Jahrhunderts aufzuarbeiten, dann wird, da bin ich mir ziemlich sicher, die Diagnose in vielen Fällen »fahrlässige Selbstabschaffung« lauten. Damals, so werden sie konstatieren, flossen die öffentlichen Druckkostenzuschüsse in derart breiten Strömen und vermeintlich so zuverlässig durch die Republik, dass zahlreiche Unternehmen ihr bisheriges Geschäftsmodell als unnötig riskant zu empfinden begannen und lieber auf das Prinzip der feudalen Pfründewirtschaft umstellten. (mehr …)
  • Oscars, O.J. Filmkolumne

    Oh my God. Die Oscars 2017 endeten mit einem phänomenalen Schnitzer, »einem der bizarrsten – und unangenehmsten – Momente in der Geschichte der Oscars«, fand CNN. Ausgerechnet in der Kategorie Bester Film, zum Höhepunkt der ganzen Zeremonie, wurde der falsche Preisträger verkündet, schuld sollen zwei vertauschte Briefumschläge gewesen sein. Das Team von La La Land jubelte jedenfalls schon auf der Bühne, und die Produzenten hielten ihre Dankesreden, als Security auf die Bühne trat und diffuse Unruhe entstand. Preisverkünder Faye Dunaway und Warren Beatty, früher mal Bonnie und Clyde, heute ältere Leute, standen verwirrt herum, bis der Produzent von La La Land Beatty den richtigen Umschlag aus der Hand riss und ihn zum Beweis in die Kameras hochhielt: »Moonlight ist der Gewinner. Das ist kein Witz! Sie haben das Falsche vorgelesen!«, und Moderator Jimmy Kimmel bekräftigte: »Nein, Leute, es war ein Fehler, Moonlight hat gewonnen.« Die minutenlange Verwirrung darüber, was Inszenierung war und was nicht, zeigt, wie schwer es ist, aus einer missglückten Performance herauszukommen und einen Sprechakt zu widerrufen. »Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das hier wirklich ist«, sagte die Produzentin von Moonlight anschließend in ihrer Dankesrede, und wer wollte es ihr verdenken. (mehr …)
  • Eine kleine Geschichte der Digitalisierung

    Es hat wenig Sinn, die Geschichte der Digitalisierung auf einen einzelnen Kopf zurückzuführen, sei es, dass man von einer Turing- oder von einer Von- Neumann-Maschine spricht oder Konrad Zuse zum Vater des Computers erklärt. Eine solche Personalisierung verkennt den entschieden kollektiven Charakter der universalen Maschine, den Umstand, dass man es mit einer kulturellen Metempsychose zu tun hat,
  • Der Brexit, Irland und Deutschland

    Im Frühjahr 1986 fragte mich eine Kommilitonin an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel: »Bist du Ire oder Nordire?« »Ja«, antwortete ich, was sie aber nur verwirrte. Ich erklärte ihr, dass ich als gebürtiger Belfaster mit zwar doppelter Staatsbürgerschaft, aber nur einem einzigen (irischen) Pass sowohl Nordire als auch Ire sein könne – genau wie sie als Kielerin sowohl Norddeutsche als auch Deutsche sei. Mit Politik habe das nichts zu tun, meinte ich. Im Herbst 1987 in Rostock, DDR, fragte ich, frisch angekommener Englischlektor an der Wilhelm-Pieck-Universität, einen Studenten aus Schwerin: »Sag mal, hältst du dich für einen Deutschen?« »Natürlich bin ich Deutscher«, erwiderte er vehement, »was denn sonst?« Die Frage hatte ihn beleidigt. (mehr …)
  • Kult der Inkompetenz

    Als das »Volk« Barack Obama anstelle von George Bush jr. gewählt hatte, war es vernünftig – nach der Wahl Donald Trumps gilt hingegen »Mehrheit statt Wahrheit« (Hermann Lübbe). Wählt das Volk »falsch«, steigt das Interesse für Fragen der politischen Bildung kurzzeitig an. Mangelnde Bildung soll die lädierte Demokratietauglichkeit der politikverdrossenen und emotional unkontrollierten Bürgerinnen und Bürger erklären helfen.
  • Literaturkolumne. Feuerzeug, du

    Auf Twitter las ich »docbuelle ist tot«. Den Namen hatte ich lange nicht gehört, die Erinnerungen, die der Tweet weckt, sind vage, ich weiß aber noch, dass docbuelle zu den Bloggern bei Antville gehörte. Antville, das waren, vor zehn und mehr Jahren, bov und sofa und kutter (später Dichtheit und Wahrung) und etc. pp und don und micro robert und supatyp und the frank und einige mehr.
  • Jenseits der Kindeskinder. Nachhaltigkeit im Anthropozän

    Seit dem 29. August 2016 leben wir offiziell im Anthropozän. Oder besser: werden wir gelebt haben. An diesem Tag präsentierte die Anthropocene Working Group, eine hochkarätig besetzte interdisziplinäre Untergruppe der International Commission on Stratigraphy, in Kapstadt ihren Vorschlag, die geologische Epoche der Gegenwart von »Holozän« in »Anthropozän« umzubenennen. Angefangen, so die Wissenschaftler, habe das neue Erdzeitalter in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, mit der »Great Acceleration«, dem Plutonium-Fallout der Atomtests, dem scharfen Anstieg von fossilem Brennstoffverbrauch, dem dadurch verursachten CO2-Ausstoß und mit vielen anderen Stoffen (Plastik, Aluminium), die eine distinkte und dauerhafte geologische Markierung in der Oberfläche der Erde bilden werden. Das Datum markiert eine Zäsur, nämlich die offizielle Anerkennung einer Einsicht, die im Grunde schon seit Jahren unser Bewusstsein von der Gegenwart prägt: dass der Mensch tiefgreifend und im globalen Maßstab das Lebenssystem des Planeten verändert. (mehr …)