Kategorie: Zeitschriften
Artikel der Kategorie: Zeitschriften
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Ludwig Feuerbach und die Philosophie der Zukunft
Im Jahr 1843 konnte man in den Anekdota zur neuesten deutschen Philosophie und Publicistik lesen: »Und es gibt keinen andern Weg für euch zur Wahrheit und Freiheit, als durch den Feuer-bach. Der Feuerbach ist das Purgatorium der Gegenwart.«1 Der Satz wird meist dem begeisterten Feuerbach-Leser Karl Marx zugeschrieben, es gibt jedoch auch die These, er stamme von Feuerbach selbst.2 Falls das stimmt, dann zeigt der Text, wie klar sich Feuerbach über seine philosophiegeschichtliche Stellung war. Seit dem Sensationserfolg seiner Hauptschrift Das Wesen des Christentums von 1841 war Feuerbach eine feste, wenn auch hochumstrittene Größe im Kosmos der deutschen Philosophie. (mehr …)
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Paranoia, Ressentiment und Re-enactment. Der russische politische Diskurs über den Ukraine-Krieg
Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, warum die Russische Föderation am 24. Februar 2022 einen großangelegten, für die meisten Beobachter überraschenden Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen hat, brachte die russische Autorin Maria Stepanova Anfang März die These ins Spiel, es könnte sich dabei um eine Art opuskanie handeln.1 Der Begriff, der sich im Deutschen ungefähr mit »Herabsetzung« wiedergeben lässt, bezeichnet im Jargon des russischen Gefängnisses die Praxis der Gruppenvergewaltigung eines Insassen durch seine Zellennachbarn. (mehr …)
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Die Rückkehr des Königs. Das Subjekt in der apollinischen Postmoderne
Zu den wichtigsten Fragen der bürgerlichen Gesellschaft gehört, was nach ihr kommt: Denkbar sind zum Beispiel proletarische oder klassenlose Formationen oder der archaische Zerfall in Banden. Es wird jedoch zunehmend deutlich, dass wir auf etwas anderes zusteuern: auf eine Gesellschaft der Könige, die jenes Herrschaftsprinzip wiederherstellt, das die bürgerliche Gesellschaft einst überwunden hatte. Erzwungen wird dies von Entwicklungen der Technik und vom Druck der Umwelt, also durch Verschiebungen im Mensch-Natur-Verhältnis. Sie verlangen einen neuen Menschen, der nicht mehr viel zu tun hat mit dem markterobernden, frei zirkulierenden und auch ein wenig rücksichtslosen Subjekt der vergangenen Epoche.
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Rasender Stillstand. Flucht aus Shenzhen
Es war in der letzten Märzwoche – noch vor dem Beginn der Taifun-Saison –, als ein Wolkenbruch meine kleine Familie und mich völlig durchnässte, die Schirme halfen da nichts. Wir versuchten gar nicht erst, dem Regen zu entfliehen, es ging uns um eine viel wichtigere Flucht. Wir hatten alles für unseren transeurasischen Flug nach Deutschland gepackt. Ein befristeter Forschungsaufenthalt in Essen hatte das möglich gemacht, und so planten wir den Aufbruch von unserer Wohnung auf dem Universitäts-Campus von Shenzhen, einer Megalopolis an der Grenze zu Hongkong, das Zentrum des chinesischen Technologiesektors, vor allem der Elektronikindustrien, aber auch einer der größten Häfen der Welt. Fast sechs Jahre lang war die Stadt unsere Heimat gewesen. (mehr …)
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Beim Denken eines Anderswo. Zu den Film- und Videoarbeiten der documenta fifteen
1971 gibt Sun Ra mehrere Konzerte in Kairo. Nach Ägypten reist der Jazzmusiker, Poet und Denker mit viel Gepäck, weil die Zeit der Pharaonen für ihn, der die Vorstellungen von schwarzer Kultur wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen prägt, eine mythologische Basis darstellt. Aus diesem glorreichen Vorvorgestern leiten sich der Entwurf und der Traum einer Zukunft ab, so dass die Nöte der Gegenwart – die Segregation in den Südstaaten der USA ist erst seit wenigen Jahren aufgehoben – überwindbar erscheinen. Der nach vorne, nach hinten, zur Seite und in den Kosmos mäandernde Zeitfluss des Afrofuturismus umschließt die Pyramiden von Gizeh, und die Ägypten-Reise ist für Sun Ra eine Rückkehr in ein imaginäres Zuhause. (mehr …)
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Untaugliche Versuche
Aus einer rechtswissenschaftlichen Dissertation aus dem Jahr 1913: »So wird z.B. regelmäßig der Tatbestand der versuchten Abtreibung nicht vorliegen, falls der verbrecherische Angriff sich gegen eine nur in der Vorstellung des Täters existierende Leibesfrucht richtet. Das gilt aber nicht ausnahmslos. Wie von Liszt den strafbaren Versuch der Abtreibung dann als gegeben erachtet, ›wenn das Vorhandensein einer Schwangerschaft nicht völlig ausgeschlossen erscheint‹, so kommen auch wir nach unseren obigen Deduktionen zum gleichen Resultat, indem wir das Tatsachenwissen des Täters und das Erfahrungswissen der Allgemeinheit unter Berücksichtigung aller Umstände des konkreten Falles darüber entscheiden lassen, ob die Existenz resp. Tauglichkeit des Objektes gegeben war oder nicht. (mehr …)
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Vogelfederleichtigkeit
Im eintönigen Grau der Halle sitzt eine schmale Frau in leuchtend rotem Mantel. Sitzt regungslos, allein, als feuriger Farbfleck in der dämmrigen Zwischenwelt des Flughafens Marco Polo in Venedig. Auch ich bin – wie die Dame – zu früh am Zürich-Gate. Sie ist die Witwe eines Schweizer Schriftstellers, der es noch zu Lebzeiten in den Schulstoff geschafft hatte. Ich setze mich ein paar Reihen hinter die Frau in eine der Hartplastikschalen. Wir beide, zwei Witwen, warten ergeben wie vor dem Altar. (mehr …)
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Konkurrenz oder Koproduktion. Zur Erinnerung an Holocaust und Kolonialverbrechen
Die Kritik an der deutschen Holocaust-Erinnerung ist so alt wie diese selbst. Dabei war und ist die Stoßrichtung der Kritik immer auch Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen und Kontroversen. So wird seit einigen Jahren im Kontext einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft die These geäußert, dass die Aufmerksamkeit auf die Schoah die Erinnerung an die koloniale Vergangenheit in Deutschland behindert habe. Um dies zu plausibilisieren, verweisen Forscherinnen auf ein Modell der Aufmerksamkeitsökonomie, demzufolge der Holocaust »die Aufmerksamkeit von Historikern und Kulturwissenschaftlern beansprucht [habe] und im Vergleich andere Fluchtlinien der deutschen Geschichte als marginal erscheinen« lasse.1
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Die Irrtümer der Soziologie
Der Zeitraum der Menschheitsgeschichte, in dem man sich in Europa voller Überzeugung als »modern« bezeichnen konnte, umfasst kaum hundert Jahre, von den Umbrüchen der 1870er bis zu denen der 1970er Jahre. Es war eine Ära, in der der bürokratische Nationalstaat das stabile Bauelement geopolitischer Macht, der Wohlfahrtsstaat das Modell sozialer Gerechtigkeit schien. Die liberale Demokratie sollte sich durch die stetige Ausweitung des Wahlrechts und der gesetzlich geschützten Menschenrechte verwirklichen. (mehr …)
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Post vom Volk. Geschichtskolumne
er als einfache Staatsbürgerin der eigenen Stimme politisches Gehör verschaffen möchte, hat in der liberalen Demokratie die Qual der Wahl. Sie kann eine Petition an Behörden oder Institutionen richten, eine Demonstration organisieren, eine Initiative ins Leben rufen oder gleich eine Partei, eine Zeitung, eine Online-Plattform oder einen YouTube-Kanal gründen. Die Mittel, die bereitstehen, wenn die Fiktion der Repräsentation durch gewählte Abgeordnete und durch politische Parteien nicht mehr verfängt, erfordern keine Mehrheiten. Doch sie verlangen eine kritische Masse an Mitstreiterinnen, um die Chance auf Resonanz zu erhöhen. (mehr …)
