Kategorie: Blog
Artikel der Kategorie: Blog
-
Beware of the Dogs: Fokus Lyrik in Frankfurt
Ah ok, die deutschsprachige Lyrikszene ist also doch älter, als sie alt ist, täusche ich mich bei der „idealen Eröffnung“ des Festivalkongresses Fokus Lyrik zur Lage und Zukunft der Gegenwartslyrik. Aber es ist ja erst der Anfang, der Auftakt und die cool kids kommen immer zu spät. Ich bin jedenfalls schon hier, im großen Saal, beim Käsespieß-All-you-can-eat. Ich kenne niemanden, erkenne nur ein paar bekannte Gesichter, denn ich bin keine betriebsinterne Lyrik-Spezi, sondern ein bisschen verlegen und vor allem neugierig, während ich versuche, mich beim Atmen angesichts der aktiven Wortschätze der Anwesenden nicht zu verschlucken. (mehr …) -
Thomas Thiel gärtnert für Siegen / Wartungsarbeiten an einer Freisprechanlage / Verwirrte Leser finden eigene Klarheit
(Zur Vorgeschichte) Es soll Leute geben, die glauben der FAZ jedes Wort. Wenn Thomas Thiel einen Artikel über die Universität Siegen veröffentlicht, schreiben sie als Kommentar:Unvorstellbare Zustände / "bürgerliche" Regierung in NRW?
Offenbar haben die "postmodern" / quasi-marxistisch / linksextremen Geistesverwirrungen, die per Internet an den US- und kanadischen Hochschulen nachvollzogen werden können, längst voll auch auf deutsche Hochschulen übergegriffen. Es ist für mich unvorstellbar, unzumutbar, unerträglich, wie hier unter dem Deckmantel gewisser Formalisierungen und vorgeblicher "Gerechtigkeit" die Grundlagen unserer Freiheit, unseres Wohlstands und unseres eigentlich noch wünschenswerten Fortschritts als Gesellschaft auf dem Altar radikaler Machtverfolgung geopfert werden.
Skandalös ist daran insbesondere, dass dergleichen Zustände offenbar von den politischen Verantwortlichen der jeweiligen Landesregierungen toleriert werden, in diesem Fall durch die NRW-Regierung von Union und FDP! Man könnte noch verstehen, wenn dergleichen in Berlin oder Bremen stattfindet. Aber unter einer bürgerlichen Regierung?
Es ist einfach widerlich und erschütternd. Danke für den Report an die FAZ. (mehr …)
-
Fortsetzung und Abschluss des Berichts: Installation einer Freisprechanlage
Die bisherigen Briefe von Erhard Schüttpelz finden sich in diesem Blog-Eintrag 7.1.2019 Lieber Dieter, Thilo Sarrazins Einladung an die Universität Siegen darf keine Nobilitierung oder auch nur eine Anerkennung der Wissenschaftlichkeit Sarrazins bewirken. Im Gegenteil, Thilo Sarrazins Schriften sind nach übereinstimmender Einschätzung der Forschung wissenschaftsfremd und wissenschaftlich irreführend. Es ist für die Universität zentral, diese Tatsache beim Vortrag Sarrazins geltend zu machen. Thilo Sarrazin ist an die Universität Siegen nicht als Wissenschaftler eingeladen worden, sondern weil Du Deine eigene Wissenschaftsfreiheit beweisen wolltest, und dies durch die Einladung Thilo Sarrazins getan hast. Mit Wissenschaft hat das noch nichts zu tun, nur mit Wissenschaftsfreiheit. Die Wissenschaftlichkeit des Seminars und damit der grundständigen Lehre muss im Rahmen des Vortrags erst noch erarbeitet worden; was bereits im Falle Marc Jongens m.E. nur in Ansätzen gelungen ist. Ich möchte Dich bitten, für einen wissenschaftlichen Rahmen zu sorgen, in dem die Seminardiskussion stattfinden kann. Mit besten Grüssen, Erhard Schüttpelz (mehr …) -
Wir gratulieren: Heinrich-Mann-Preis 2019 an Danilo Scholz
„Danilo Scholz ist ein ebenso kenntnisreicher wie leichtfüßiger und witziger Intellektueller, der die öffentliche Debatte mit begrifflicher Schärfe und brillanter Formulierungskunst bereichert. Scholz ist ein europäischer Geist, […] nicht zuletzt seine Vertrautheit mit der französischen Szene macht ihn als Vermittler und Polemiker zu einem würdigen Nachfolger Heinrich Manns im Kampf gegen deutsche Provinzialismen“, so heißt es in der Begründung der Jury. Auto dalys internetu iš ŠIAULIŲ AUTODOTA. Zur Feier des Anlasses haben wir eine Sonderseite mit allen Merkur-Beiträgen von Danilo Scholz eingerichtet, inklusive seiner furiosen Blogartikel und eines Videogesprächs in unserer Reihe Zweite Lesung. Wir wünschen viel Vergnügen. -
Berechtigte Anklage oder Fake News? Zu Frank Ligtvoets Beitrag „Ein Mann und ein Junge“
Wir haben uns mal geduzt, F.L. und ich. Nachdem er mich neuerdings offensichtlich verachtet, zögere ich, einfach Frank zu sagen. Eigentlich sollte es ein offener Brief an F.L. werden, nun ist es ein Traktat geworden, in dem es vordergründig um F.L.’s „Buchbesprechung“ des von mir herausgegebenen Briefwechsels zwischen F. W. Buri und W. Frommel geht. [2. Wolfgang Frommel – Friedrich W. Buri, Briefwechsel 1933-1984. Hrsg. und eingeleitet von Stephan C. Bischoff. Wallstein Verlag, Göttingen, 2017.] Tatsächlich geht es um eine Debatte über Homoerotik und möglichen sexuellen Missbrauch im „George-Kreis“ in Deutschland und im „Frommel-Kreis“ in Holland. Sie wurde 2017 von F.L. mit Beiträgen in der Zeitschrift „Vrij Nederland“ initiiert und 2018 in der deutschen Presse aufgegriffen. (mehr …) -
Warum Adamowicz?
Am Montagnachmittag ist der Stadtpräsident von Danzig, Paweł Adamowicz, gestorben. Am Abend davor wurde der 53-jährige Politiker bei einer Messerattacke auf der Bühne einer Benefizveranstaltung von einem 27-jährigen Mann niedergestochen. Nach der Attacke griff sich der vorbestrafte Täter ein Mikrofon und brüllte, er sei von der 2007 bis 2015 regierenden Bürgerplattform ungerechterweise ins Gefängnis gesteckt und gefoltert worden. Deshalb müsse Adamowicz umgebracht werden. Das Land ist im Schock. In ganz Polen fanden am Montagabend Gedenkveranstaltungen und Schweigemärsche statt. (mehr …) -
Poetik des Macronismus: Michel Houellebecqs „Serotonin“
I In Serotonin lässt Michel Houellebecq altbekannte europäische Dämonen aufmarschieren: einen deutschen Pädophilen, Kochsendungen, Holländer, Technokratenpaare im Nudistendorf, Thomas Mann, eine Japanerin, die Hunde “lutscht”, Tierärztinnen, die Ich-Erzähler lutschen, verzweifelte Bauern, die ihre Schrotflinten lutschen, Ex-Bauernfrauen, die nun Pianisten lutschen, Praktikanten, Macron, Alkoholiker. Freilich bildet das nicht die allererste Garnitur europäischer Dämonen, und würde gerade deswegen, eigentlich, hypothetisch, allerbesten Erzählstoff bieten. Keine Philologen, kein prekarisiertes Lumpenprofessoriat wie in Unterwerfung. Houellebecq gibt – und das ist ein Novum – den kulturellen Europhilen: Der deutsche Kinderschänder nennt sein zehnjähriges Opfer bei der Fellatio “Mein Liebchen”, und zwar auf Deutsch im französischen Originaltext. “Noch nie hat Michel Houellebecq so ernsthaft und voller Emotion über die Liebe geschrieben”, verspricht uns der Klappentext. (mehr …) -
Der Maßstab der Wirklichkeit – Zur Kontroverse um Takis Würgers Roman Stella
Der Roman Stella von Takis Würger ist zum Gegenstand eines feuilletonistischen Scherbengerichts geworden. In den extrem feindseligen Besprechungen bemerkt man einen Furor der Kritik, der Rezensent*innen vor allem dann überfällt, wenn man den Eindruck hat, es mit einem Buch zu tun zu haben, das nicht nur misslungen ist, sondern auch auf eine Art misslungen, die auf eine allgemeine literaturhistorische Misere verweist. In der Süddeutschen Zeitung etwa wurde das Buch zum „Symbol einer Branche, die jeden ethischen oder ästhetischen Maßstab verloren zu haben scheint.“ Und inzwischen ist der Streit um den Roman sogar bildzeitungsnotorisch geworden („Riesenstreit um Nazi-Buch!“) und hat so den esoterischen Bereich des ‚Betriebs‘ endgültig, wenn auch auf eine etwas unglückliche Art, transzendiert. Der Großverriss erscheint als diskursive Bühne, auf der wichtige Fragen der Zeit verhandelt werden können. Das ist unschön für den Autor, dessen Werk unversehens zum Schauplatz einer Debatte wird, die über den konkreten Text und dessen Qualität hinausweist; als diskursives Ereignis erscheint der Großverriss – das zeigt die Rezeption von Stella – allerdings unverzichtbar. (mehr …) -
Nach der Freiheit. Die polnische Netflix-Serie „1983“
Während der polnische Präsident im November vor einem Zug mit roten Bengalfeuern und rechtsradikalen Sprechchören den Republik-Geburtstag feierte, machte Netflix überall in Warschaus Innenstadt Werbung mit den Silhouetten junger Protestierender. Schnell sprach sich herum, dass 1983 die erste polnische Eigenproduktion des amerikanische Unterhaltungskonzerns ist, die Ende November gleichzeitig auf Deutsch, Englisch, Französisch und Polnisch zugänglich wurde. Sie zeigt den vergeblichen Aufstand einer Generation von Jugendlichen, die herausfinden, dass sie von einem autoritären polnischen Staat um ihre wahre Identität betrogen wurde. Im (alternativhistorisch) fiktionalen Jahr 2003 entscheiden sie sich dafür, den Freiheits-Kampf ihrer Eltern aus den frühen 1980er Jahren wieder aufzunehmen. Doch nun sehen sie sich einem weitaus mächtigeren Staat gegenüber, in dem jeder Bürger über ein eigenes mobiles Gerät überwacht wird. (mehr …) -
Heimat als sozial-räumliche Praxis – Replik auf Fritz-Gerd Mittelstädt [Die Grenzen der Heimat. Merkur 834]
Fritz-Gerd Mittelstädts Essay "Die Grenzen der Heimat" ist in Merkur #834 erschienen. Wir schalten ihn aus Anlass dieser Kritik für begrenzte Zeit frei. Mancherlei Einwände sind möglich, aber in einem Punkt ist Fritz-Gerd Mittelstädt unbedingt zuzustimmen: Heimat ist immer ein Konstrukt, und jeder konstruiert Heimat auf seine, oft recht abenteuerliche Weise. Geradezu atemberaubend indessen mutet Mittelstädts mehrfach variierte These an, Heimat sei – bis heute – ein rückwärtsgewandtes Konzept. Die Nachvollziehbarkeit dieser These will sich während der Lektüre allerdings nicht so recht einstellen. Ein Schulbuch, einige bloß erwähnte, nicht näher vorgestellte Schülerarbeitshefte, drei Bildbände, eine ominöse „Deutsche Kultur-Geographie“, in die allesamt kursorische Blicke hineingeworfen werden, müssen als Kronzeugen für die „Bewahrung eines gesamtdeutschen Bewusstseins“ und obendrein für das „Wachhalten des [!] auf Gesamtdeutschland bezogenen Heimatbewusstseins“ herhalten. (mehr …)
